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Als ich dich traf

von

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Neue Heimat

Es war Frühling als meine Mutter meinen Vater verlassen hatte, um ein „aufregendes“ Leben zu führen. Die ersten Blumen kamen langsam zum Vorschein, gerade auf dem Land konnte man das sehr gut beobachten. Die Luft hier war einfach die beste, im Gegensatz zu den Abgasen in einer Stadt. Die Leute dort merkten nicht einmal selbst wie schlecht sie war. Mein Vater und ich, wir sind dagegen wohl eher einfache Menschen, wir brauchten nicht viel um glücklich zu sein. Im Gras zu liegen und dabei die Augen schließen, um sich von der Sonne wärmen zu lassen. Das war etwas das meine Mutter wohl nie verstehen würde. Gerade erst 16 und schon bekommt man die tolle Nachricht: Wir ziehen um! Und mit wir , meine ich nicht mich und meinen Vater! Meine Mutter, ich und ihr ‘Hecht‘ . Mein Vater war geknickt, seit er von Mum’s neuem Partner erfahren hatte. Er wollte nur das Beste für mich aber er sah nicht das, das Beste nur beim ihm und auf dem Land zu finden war. Meine Sachen wurden gepackt, wie viel Protest es meinerseits auch gab. Zugegeben, sehr viel Protest war es nun auch wieder nicht. Spät abends, als ich schon gar nicht mehr richtig nachdenken konnte weil ich, wie immer, zu früh aufgestanden war, um bei der anstehenden Arbeit auf dem Land zu helfen, wurde ich einfach mitgenommen. Mein Vater ließ das alles über sich ergehen. Er hatte keine Kraft mehr zu kämpfen – darum kam seinerseits kein Wiederwort, als es darum ging wo nun ihr gemeinsames Kind bleiben sollte. Ich war so still, das ich nicht mehr als ein Grummeln von mir gab. So sehr benommen war ich kein einziges Mal gewesen, das ich nicht einmal mehr im Stande dazu war meinem Vater Lebwohl zu sagen. Aber wozu? Wenn es nach mir gehen würde dann würde ich ihn so früh wie möglich wieder sehen.

Er war am wenigstens Schuld, aus meiner Sicht und hatte es daher nicht verdient allein gelassen zu werden. Aber Mum hatte sich, wie ein Klammeräffchen auf mich gestürzt, sie wusste wenn der Tag mich erledigt hatte, war ich abends so gut wie gar nicht zu einer eigenen Entscheidung fähig.

Also ließ ich mich deutlich langsam von ihr zu dem ganzen Stolz ihres Freundes führen. Das Auto schien vollkommen leer, was mich wunderte. Wenn Mum Umzog, dann war jedes bisschen Freiraum dass wir noch hatten nur dem zu verdanken, dass ich Tetris schon immer gern gespielt hatte. Der silberne Mercedes, der bereits vor unserem alten zu Hause stand, war nur für mich da, betonte meine Mutter immer wieder, als glaube sie mich damit beeindrucken zu können. Mich und mein auf Standby geschaltetes Gehirn. Nur weil ihr Freund Geld hatte, hieß das nicht dass er auch sonderlich intelligent war. Ich blickte zurück. Zurück auf mein altes Zuhause. All die Erinnerungen. Mein Vater, der es nicht mit ansehen konnte, wie meine Mutter alles an sich riss, was ihr noch von Bedeutung schien, schenkte mir kaum noch Beachtung. Als hätte er mich damit auch schon aufgegeben. Er hatte weder versucht mit Mum darüber zu reden noch mich umzustimmen. Wobei das so leicht für ihn gewesen wäre, wenn er es nur versucht hätte. Seit jener Zeit bekam er einen seltsam abwesenden Blick, der in seinen Gesichtszügen verborgen lag. Doch unseren Hund würde er sich nicht nehmen lassen.

Ich würde Tory vermissen. Unser Hofhund war einfach der Beste – vielleicht etwas gefräßig – aber der beste, faulste Hund den man sich wünschen konnte! Als Kind war ich ungestüm und hatte so manchen Unfug im Kopf. Tory hat das alles mit mir durchgestanden. Also sollte er besser auf meinen Vater aufpassen. So oft es geht wollte ich die Beiden besuchen kommen. Ein letztes Seufzen überkam mich, bevor ich in sein Pseudo - Superauto stieg. Mit einem lauten Knall ließ ich die Autotür zufallen. So viel zu meinem Protest. „Vorsicht“ sagte Mr. Obermacker. „Gerade erst gekauft, wir wollen doch nicht das was passiert, oder?“ sagte er gekünstelt freundlich. „Natürlich nicht“ ahmte ich seinen Tonfall nach und rollte dabei übertrieben mit den Augen. Natürlich so, dass er das auch ja bemerkte. Allerdings ignorierte er mich gekonnt und fuhr den Wagen langsam vom Platz. Ich schnallte mich an und schaute deprimiert dabei zu, wie sein Wagen Entfernung zwischen mich und meine alten Erinnerungen, mein Zuhause brachte. Das Haus, das ich zurück ließ, war groß und weiß mit einem roten Dach, zwar sehr typisch aber dennoch charmant. Erst als ich nur noch einen kleinen Punkt als unser Haus wahrnehmen konnte lehnte ich meinen Kopfs ans Fenster und schloss meine Augen. Ich war der Meinung, dass mich nichts Besseres erwarten würde. Also wollte ich mich wenigstens etwas Ruhe gönnen, bevor wir in dieser komischen ‚schicki-micki‘-Bude eintrafen, von der Mum ebenfalls so geschwärmt hatte. Meine rotes Haare hatten sich im Gurt leicht verfangen. Kein Wunder, nach der Arbeit auf dem Land sah ich oft so aus als hätte ich den Kamm nur guten Tag gesagt, um ihn anschließend zu ignorieren. Vorsichtig zog ich sie wieder heraus. Meine Mutter schaute noch einmal lächelnd zu mir. „Es wird dir dort schon gefallen“- es klang fast so als wollte sie mich beschwören. Ich seufzte wieder. Dieser Spruch war doch so ziemlich von jedem Elternteil zuhören sobald man umziehen musste. Doch ich wollte nicht weiter darüber nachdenken müssen und ihr keine Sorgen bereiten. Was ich brauchte war einfach nur Schlaf.

Den ganzen Tag hatte ich mich um die Rinder und Pferde gekümmert. Paps hatte mir schweigend geholfen. Jeden Tag hatte ich das seit meinem 6.Lebensjahr getan. Damals hatte ich natürlich noch nicht dieselbe Verantwortung wie heute. Aber manchmal hatte die Routine etwas Beruhigendes. Ich gab den Tieren ihr Futter und konnte in Ruhe meinen eigenen Gedanken nachhängen, solange bis es Frühstück gab und ich dann zur Schule musste. Jetzt konnte ich mir Dad‘s Verhalten natürlich erahnen. Er hatte wohl mit Mum über meinen Umzug geredet. ‚Das Kind hat es bei der Mutter besser‘ und solche Sachen. Natürlich. Erwachsene wissen scheinbar immer alles besser. Aber bei aller Anstrengung, das ist und bleibt ein heikles Thema, so sehr ich auch wollte meine Augen schlossen sich langsam und die Farben schienen sich vor meinen Augen zu vermischen. Letzt endlich gab ich meinem Verlangen nach Schlaf nach und nickte ein.
 

Erst am nächsten Morgen erwachte ich in meinem Bett. Es war etwa 4 Uhr morgens und ich schaute wie gewohnt auf meinen Wecker. Ich hatte so was wie eine innere Uhr, die mir stets sagte wann es so weit war sich um die Tiere zu kümmern. Schnell sprang ich aus dem Bett, zog mich um und machte mich soweit fertig um mit Mum und Dad zu frühstücken. „Moooorgen...“ rief ich fast übermütig, rannte die Treppen hinunter und riss schwungvoll die Haustür auf. Normalerweise war ich stets die Erste die bei den Tieren war, um sie zu versorgen. Aber was ich dort sah war reiner Horror. Kein Stall, Keine Tiere. Überall Autos, riesige Wolkenkratzer, Fastfood- Restaurants und weitere Einkaufsläden.

Mit offenem Mund betrachtete ich die Straße und schien bei diesem Anblick wie erstarrt. Erst langsam schien mein Verstand zu realisieren was gestern Abend tatsächlich passiert war. Eine Mischung aus Wut und einem unangenehmen Überraschungsgefühl breitete sich in mir aus. Ich war noch nicht fähig zu reagieren, doch das Gefühl hielt stand. Erst als der erste kalte Windhauch in mein Gesicht pustete und auch nicht vor meinen Ärmeln halt machte, brachte ich es fertig die Tür zu schließen. Gänsehaut überzog meine Arme. Mein Kopf schüttelte sich ungläubig. Die letzte Nacht lag wie ein Schleier vor meinen Augen. Ich hatte wohl vor Schreck die Luft angehalten, denn als meine Mutter meinen Arm streifte, bemerkte ich dass ich Sauerstoff als ganz normaler Mensch eben doch benötigte. Sie machte Floskeln mich zu umarmen, ließ es aber aus Sicherheitsgründen bleiben. Sie war sich über die Nacht und Nebelaktion im Klaren gewesen und sie wusste, dass ich ihr DAS nicht so schnell verzeihen würde. Zumal es in diesem Haus allein von der Inneneinrichtung genauso aussah, wie bei meinem Vater Daheim. Ich schätzte dass sie mich hier an das Leben rasch gewöhnen wollte, aber all die Erinnerungen an zu Hause würden mir nur noch mehr vor Augen geführt werden.

Unwillkürlich hatte ich mir in meinen Gedanken ausgemalt sie wären wieder zusammen gekommen. Sie hätten sich nie gestritten und auseinandergelebt. Und wir wären noch ‚Wir‘ . Was für ein Irrtum. „Wir dachten wir könnten es dir damit erleichtern hier zu bleiben“ erzählte sie mir mit sanfter Stimme, das was ich auch schon wusste.

Ich biss mir auf die Lippe und versuchte mich zusammen zu reißen, um nicht in Tränen aus zu brechen. Für mich war das immer noch eine offene Wunde, auch wenn es nur unabsichtlich war, streute sie schonungslos ihr Salz hinein. Meine Mutter konnte mich nicht weinen sehen, aber sie hatte nie ernsthafte Gespräche mit mir geführt also hatte sie keine Ahnung, womit sie mich aufheitern konnte. Darum erzählte sie mir davon was für einen tollen, herzensgütigen und witzigen Mann sie jetzt an ihrer Seite hatte. Sie redete und redete, als würde ihr Leben davon abhängen, wenn sie mir keinen detaillierten Informationsfluss gab, der sich im Übrigen nicht nur auf ihren tollen, einzigartigen Mann bezog.

Ich starrte sie an als würde ich ihr zuhören, aber ihre Worte prallten an mir ab. Gedanklich hing ich noch Daheim und mein Verstand versuchte mir klar zu machen was passiert war. Ich sollte es akzeptieren, versuchte ich mir ein zu reden. „Das ist alles nur ein schlechter Scherz, oder? Ich wache auf und ich sehe DAS HIER ?! Du bist selbstsüchtig geworden. Ich will dir nicht wehtun, aber scheinbar siehst du nicht was du anrichtest. Wenn du das Beste für mich wolltest, hättest du mich einfach dort lassen sollen“ erwiderte ich verbissen. Was sollte ich dazu schon anderes sagen, anschreien würde ich sie niemals. Sie ist meine Mutter, aber dennoch wollte ich sie nicht einfach machen lassen, ohne einen Kommentar meinerseits dazu abzugeben. Wie konnte sie ihr eigenes Glück über meines stellen und für mich entscheiden, was das Beste wäre?

Ich war erst 16. Hormone hin oder her, wenn es um so einen wichtigen Punkt wie die eigene Wohnung, das eigene Zuhause ging, dann hatte man das selbst zu bestimmen. Zuhause war dort wo das Herz war. Und mein Herz war ganz sicher nicht hier, in einer Kopie meines eigentlichen Heims. „Es ist noch früh, du musst erst um 8 Uhr zur Schule… Ich hab dich probehalber dort angemeldet, wenn alles gut läuft nehmen sie dich schon nächstes Halbjahr. Streng dich ja gut an, in Ordnung?!“ sagte sie ausweichend mit einer – wie gewohnt – weichen Stimme und einem flüchtigen Lächeln auf den Lippen. Sie hasste es scheinbar, wenn ich in diesem Ton mit ihr redete. Kein Wunder, es klang als hätten wir für einen Moment die Rollen getauscht. „Mir wäre es lieber wenn ich da überhaupt nicht hin müsste“ antwortete ich meinem Alter entsprechend. Damit konnte sie besser umgehen. Ich wusste auch nicht wieso ich das tat, gute Argumentationen lagen mir, aber ab und zu wollte ich einen Grund finden um mit jemanden zu streiten und wissentlich im Unrecht sein. Nichts stärkte so sehr wie ein guter Streit. Im ersten Moment fühlte man sich mies, aber später wusste man, diese Streitigkeiten festigten nur den Kontakt. Doch diesmal war es etwas anderes. Dieser Streit war kein Spaß. Ich wollte zurück und zwar möglichst schnell. Aber mit 16 konnte man das nicht einfach bestimmen, vor allem wenn mein Vater mich einfach so weg gab. Ohne ein Wort. Genau genommen wie mein Mutter. Wie ein Besitz, das man nach Belieben weiter reichen konnte. Sie quälte sich mich so zu sehen, aber sie würde mich nicht zu ihm lassen. Es ging hier nicht wirklich um mich, sondern ihren ewigen Dickkopf, das zu nehmen, was ihr, ihrer Meinung nach zustand. Ich war nicht ihre Prinzessin, ich war mehr ihr Vogel. Es war schön zu wissen dass ich da war, wenn sie mich mal brauchte, sie fütterte und kleidete mich aber ich war nicht notwendig in ihrem Leben. Ihre Entscheidungen waren irrational.

Als hätte sie die Midlifecrisis oder so einen Schwachsinn. „Es wird schon nicht so schlimm sein. Du warst Notentechnisch nie unter 2 – an Mathe hapert es manchmal noch, aber… du packst das schon“ strich sie mir beruhigend über mein Haar und versuchte mich einzulullen. Da war es wieder. Sie ging mit mir um, wie mit ihrem Besitz. Zugegeben kostbarer Besitz, aber dennoch nichts anderes. Das mit den Noten konnte sie nur von meinem Vater oder von meinem Nachhilfelehrer haben. Denn Mum hatte wirklich wichtigeres zu tun, wie zum Beispiel einen neuen Reisebericht zu verfassen. Als Journalistin hat man eben viel zu tun. Wie ich leider 16 Jahre lang feststellen musste. Doch mit dieser winzigen Geste hatte sie mich als Kind schon immer schnell beruhigt. Ich liebte es wenn sie mir die Haare flechtete. Die wenige Zeit, die sie mit mir verbracht hatte, wollte sie immer etwas mit mir unternehmen. „Wir Mädels müssen doch gut aussehen“ hörte ich immer noch ihren Satz im Ohr. Damals wie heute.

„Geh noch etwas schlafen schließlich willst du doch nicht müde sein an deinem ersten Schultag“ sagte sie lächelnd und drängte mich sanft, doch bestimmend in Richtung Zimmer. „Ich kann nicht, um diese Uhrzeit hab ich immer dabei geholfen die Tiere zu füttern“ murmelte ich, das war besser als sie für diesen Fehler (Ich untertreibe es absichtlich) an zu fauchen. Für einen kurzen Moment wich das Lächeln aus ihrem Gesicht und sie musterte mich besorgt mit ihren grün-grauen Augen. Ich wollte sie nicht verstimmen deshalb. Sie dachte nur selten nach, was für andere gut war, sie sah ihren eignen Vorteil. Ich konnte es ihr kaum verdenken sich selbst glücklich zu machen, oder? Was wäre ich dann für eine Tochter. Aber bitte, warum musste sie mich da hinein ziehen? Ich schüttelte irritiert den Kopf. Doch meine Mutter hatte sich bereits umgedreht um zurück ins Bett zu gehen. Benommen folgte ich ihr und kehrte auch in mein vermeintliches Zimmer zurück.

Die Tür verschloss ich wieder, doch schlafen konnte ich nicht mehr, egal wie sehr ich es versuchte. Ich fühlte mich schuldig. Doch Entschuldigungen lagen mir so gar nicht. Selbst wenn ich wusste dass ich die Schuldige war, traf ich nie die richtigen Worte. Erst stotterte ich und dann, wenn man Glück hatte, sah man mir meine Schuldgefühle an. Ein einfaches ‚Entschuldigung‘ hörte sich aus meinem Mund so falsch an, das ich über die Jahre Strategien entwickelte um mich auf meine etwas eigene Weise bei jemandem entschuldigen zu können. Warum das so war, musste ich wohl kaum erklären. Dad allein auf dem Hof? Wie wollte er das die gesamte Zeit über schaffen?
 

Meine Entschuldigungen fingen jedenfalls in etwa mit Geschenk-Gutscheinen an und endete mit persönlichen Wünschen, wie: einen Monat lang die Küche zu putzen oder für jemanden die Hausaufgaben zu machen.

Nochmals ließ ich meinen Blick durchs Zimmer wandern. Sie hatten wirklich alles so gestaltet wie ich es Zuhause zuletzt vorgefunden hatte. Das schöne rötliche Holz, auf dem wir gingen, die beigefarbenen Teppiche. Dieselben Bilder von Landschaften wie Afrika, Indien oder den Bergen. Sogar die Bücherregale und der Fernseher standen im Wohnzimmer genau an dem Fleck, an dem er in Heim gestanden hatte. ‚Mein anderes Zuhause‘… fühlt sich komisch an das zu denken. Als ich die Treppe zum Bad hinauf ging bemerkte ich, dass sich auch dort nichts verändert hatte.
 

Ein Bad! Das wäre vielleicht das richtige, sicherlich würde es mich entspannen. Ich drehte den Wasserhahn auf und beobachtete wie das Wasser heraus sickerte. Die Wanne und alles hier war jedoch neu und glänzte im Schein des künstlichen Lichts. Die Sonne würde wohl auch nicht mehr lange auf sich warten lassen. Ich schämte mich, wenn ich daran denken musste wie meine Mutter für Geld und falsches Gehabe etwas übrig hatte. Hatte sie ihn sich schon einmal angesehen??! Der Mann war nichts für die Ewigkeit – ob ich das für sie entscheiden durfte? Klar, schließlich musste ich ihre Anhängsel ja auch ertragen. Aber meine Mutter würde an dieser Stelle wohl sagen, dass mich das nichts anginge. War ja ihr Liebesleben und ich war alt genug das zu verkraften. Aber irgendwie war ich in dieser Entscheidung doch betroffen. Vor allem da ich jetzt H I E R war. Natürlich hätte es mich beschäftigt, selbst wenn ich bei meinem Vater geblieben wäre. Aber wenn ich ehrlich bin, Mum war schon lange nur auf der Ersatzbank in meinem Leben. Die tragende Rolle spielte mein Vater. Weswegen mich sein Schweigen, gerade jetzt etwas schockiert zurück ließ. Ich wollte nichts Schlechtes über meine Mutter denken, vielleicht liebte sie den Kerl ja wirklich. Aber wie viel Geld musste er dafür aufbringen, damit Mum so etwas Unüberlegtes tun konnte? Ich kniete vor der Wanne und stützte Hände und Kopf auf dessen Rand ab. Das warme Wasser machte die Luft im Bad ganz feucht und wirkte tatsächliche die Beruhigung auf mich aus, die ich mir erhofft hatte.
 

Wie schnell das Wasser bei einem echten Wasserfall wohl fließen würde? Natürlich wäre dessen Kraft tausend Mal größer. So etwas musste ich auf jeden Fall einmal sehen. Das kommt auf die Liste, die ich getan haben muss bevor ich sterbe. Mein größter Wunsch bisher? Viel Reisen. Ich will so viel wie möglich von dieser Welt sehen. Das würde mich glücklich machen. Zugegeben auf meine Wut konnte ich mich um diese Tageszeit nicht mehr so richtig konzentrieren. Ein Bad war da jetzt vielleicht das Richtige. Danach konnte ich immer noch entscheiden…
 

Ich streifte meine Kleidung von meinem Körper und schmiss diese achtlos auf den Boden, als die Wanne schließlich gefüllt war, tunkte ich die Zehenspitze vorsichtig hinein, um das Wasser zu testen. Ich brauchte eine Weile bis ich mich an die Temperatur gewöhnen konnte. Doch um zu etwas anderem zu kommen: Ich glaube dass alle Menschen geboren wurden um etwas zu erfüllen, was es ist und ob es sich erfüllt hat, entscheiden wir letzten Endes kurz vor unserem Tod.

Je länger ich mich im Wasser aufhielt, desto mehr nahm meine Haut die Farbe eines Krebses an. Ich gab etwas Jasmin- Bade-Öl, das auf den breiteren Rand an der Badewanne stand, in das Wasser und wäre beinahe eingenickt. Als ich merkte das die Luft mir nicht mehr lange gut tun würde entschloss ich mich kurzer Hand mich ab zu trocknen, wieder an zu ziehen und das Wasser ab saugen zu lassen. Kaum hatte ich meine Haare getrocknet schaute ich in den Spiegel. Meine Sommersprossen waren wieder da! Wie ich sie liebte. Sie waren so klein und sahen furchtbar süß aus. Ich achtete noch nie sonderlich auf Modelmaße, aber meine Sommersprossen vergötterte ich. Ab und an kam es aber doch vor, dass Vergleiche zu Pipilangstrumpf gemacht wurden. Als ich jünger war, wurde ich deshalb oft aufgezogen, aber meist nannte man mich Hexe. Irgendwann war es dann ein Spitzname, dennoch geriet es bald in Vergessenheit und ‚Hexe‘ oder ‚Pippi‘ wurde Kosenamen, die meine Freunde gern benutzten. Und wenn ich so darüber nachdachte. Auch ihr Verlust würde mir ganz sicher nicht leicht fallen. Ich habe keine Probleme damit mich auf neue Menschen ein zu lassen, aber habe ich erst Mal meinen Freundeskreis, bedeutet es nicht das ich alle Kontakte abbreche nur weil ich jetzt anderswo lebe. Wozu gibt es schließlich Internet und Telefon?
 

Etwas benommen ging ich später zurück in mein Zimmer, nach dem ich schon so holprig in den Morgen gestartet war. Heute war wohl nicht mein Glückstag, darum würde ich heute auch nur vier verschiedene Farben tragen, nicht wie sonst sechs oder sieben. Sieben war meine Glückszahl. Ich wurde ja auch am 7. Februar geboren. Also nur natürlich, das das meine Zahl war.
 

In meinem Zimmer wartete mein kuschliges Bett auf mich und dennoch konnte ich nicht einschlafen, auch als ich mich nochmals hineingelegt hatte. Ich war nicht einverstanden mit diesem Umzug dennoch musste ich an diese fremde Schule, irgendwie fragte ich mich schon, ob man mich akzeptieren würde. Mein ganzes Leben lang besuchte ich die Schule im Dörfchen und jetzt befand ich mich in einer wildfremden Stadt. Von der ich absolut keine Ahnung hatte.

Außerdem ging mir mein Vater nicht aus dem Kopf. Er musste nun das Doppelte an Arbeit erledigen. Sein Rücken war auch nicht mehr der beste. Ich wünschte ich könnte zurück zu ihm. Mit diesen Gedanken quälte ich mich beinahe 4 Stunden lang bis der Wecker endlich klingelte. Ich hasste das Geräusch, es klang wie in einem Krankenhaus. Krankenhäuser bereiteten mir Gänsehaut. Meine beste Freundin war darin verstorben. Ironie des Schicksals in einem Dorf, in dem kaum etwas los war von einem Auto überfahren zu werden.

Auch das Gefühl des Wartens ist das grausamste, was ein Mensch mitmachen muss. Du weißt nicht ob es besser oder schlimmer wird und du kannst nichts tun. Ich war nicht direkt dabei aber ich stelle mir immer wieder vor, wie ihre letzten Sekunden wohl ausgesehen haben. Darum stand ich immer vor dem Klingeln des Weckers auf. Schreckliches Ding. Gleich darauf entfachte ich eine Kerze. Denn sie strahlen nicht nur Licht, sondern auch Wärme aus. Man fühlt sich gleich etwas wohler, wenn eine Kerze brennt. Etwas das elektronisches Licht nie getan hat, soweit ich mich erinnern kann. Mit dieser spaziere ich hinunter. Meine Mutter steht schon in der Küche und scheint uns Frühstück vorzubereiten. Ich setze mich schweigend an den Tisch und sehe ihr zu. Sie musste wirklich ein schlechtes Gewissen haben, denn sonst stand sie nie extra so früh auf um mir etwas zu Essen zu machen. Anfangs hatte mein Vater das übernommen und irgendwann hatte ich es auch allein hingekriegt. Im Raum waren überall Jasmin – Duftkerzen verteilt. Unser Lieblingsduft! In dieser Sache waren wir uns dann doch mal ähnlich. Auch im Bad hatte ich schließlich einige Jasmin- Shampoos gefunden. Ich rieb mir derweil den Schlaf aus den Augen, erst dann realisierte ich, das hier für drei gedeckt war. „Ich hab keinen Hunger“ hörte ich mich sprechen. Ich war zwar müde, aber wach genug um zu wissen, dass ich neben diesem Mann nicht sitzen wollte. „Hey… Er gehört ab jetzt dazu bitte versuch das zu verstehen. Ich möchte nicht ohne euch beide leben, also versucht euch zu vertragen, ja?“ sagte sie und ich wollte sie auch wirklich verstehen, aber verstand sie auch mich? Ich wollte nicht mit einem Mann, den ich in meinem Leben noch nie gesehen hatte zusammen wohnen müssen. Zu wissen das dieser Mann eine Ehe zerbrochen hatte und das Kind von seinen Eltern getrennt zu haben und einen dann unverschämt ins Gesicht sagen zu können, das mein Leben jetzt sowieso einen besseren Verlauf nehmen wird, war mir zu wider. „Kein Bedarf, ich versuche dich immer zu verstehen aber versuch du zu verstehen, dass dieser Mann in DEIN Leben gehört, weil DU es so wolltest, deshalb muss ich es dir aber nicht gleich tun“ sagte ich. So schön der Tisch mit seinen verschiedensten Arten von Obst und wie verlockend auch mein Lieblingsmüsli nach mir rief, ich hielt stand. Ich stellte die Kerze auf meinem Platz ab und ohne all dies weiter zu beachten ging ich zur Tür und nahm meine Jacke vom Haken ab, zog sie mir über und nahm alles mit was ich sonst noch brauchte um zur Schule zu gehen. „Warte du weißt doch gar nicht wo du hin musst!“. „Und wenn schon…ich habe einen Mund zum Reden“ erklärte ich stur und schloss die Tür hinter mir mit einem lauten Knall.



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