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Yu-Gi-Oh! The Last Asylum

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Turn 77 - Iron

Turn 77 – Iron

 

 

Anya kämpfte sich genervt durch die lange Reihe von Zuschauern in der ersten Reihe. Sie sah ihre Freunde bereits, wie sie gespannt auf sie warteten und peilte den leer gewordenen Platz neben Valerie an. Dabei ließ sie es sich nicht nehmen, auf ein paar Füße zu stampfen und jeden anzufahren, der sich darüber beschwerte.

 

Nachdem Anya endlich den leeren Platz erreicht hatte, ließ sie sich stöhnend fallen.

„Oh man, ihr werdet nie erraten, wer mir gerade im Gang begegnet ist …“

„Der Sensenmann?“, fragte Zanthe drei Plätze weiter schnippisch. „Hab gehört, du bist neuerdings ganz oben auf seiner 'Absolutely Dead'-Liste.“

Anya beugte sich wütend keifend vor: „Schnauze, Flohpelz!“

„Claire. Wir haben gesehen, wie sie und ihr unheimlicher Manager dir in den Gang gefolgt sind“, traf Matt eine Reihe weiter oben hinter Anya ins Schwarze.

„Denkst du, du kannst jemanden wie Othello mit der Aufgabe betrauen, eine unbesiegte Duellantin wie sie zu Fall zu bringen?“, fragte Valerie danach skeptisch.

Schnaubend ließ sich Anya wieder auf ihrem Platz zurückfallen. „Was soll ich sonst tun? Ich habe das verdammte Turnier schließlich -nicht- gewonnen.“

„Dir das Blondchen schnappen, in 'kompakte Form' bringen und in deine Hosentasche stopfen, wo sie schon mal ungeschützt vor deiner Nase rumsteht?“ Zanthe schnalzte mit der Zunge. „Nur so ein Gedanke.“

Logan neben ihm mischte sich brummig ein. „Wovon redet ihr da?“

„Anya will sie unbedingt besiegen und wäre vor Kurzem noch vor nichts zurückgeschreckt, um ihr ein 'Duell' zu stehlen“, log sein Sitznachbar ohne rot zu werden.

Und Logan verzog keine Miene. Auch dann nicht, als der Kopftuchträger noch grinsend eins drauf setzte: „Aber sie hat Schiss bekommen und wollte sogar im Finale aufgeben, wie du gesehen hast. Ist doch so, oder Anya?“

„Ich zeig dir gleich, vor wie wenig ich wirklich zurückschrecke!“

„Komm doch!“

Valerie sprach genervt ein Machtwort: „Hört auf!“

Und Matt fragte einfühlsam: „Ist es wirklich okay für dich, jetzt hier oben zu sitzen, statt in wenigen Augenblicken da unten zu stehen?“

„Yeah.“

 

Hier war sie wenigstens in Sicherheit vor dem alles einfrierendem Blick der Eiskönigin, dachte Anya dabei. Und es wäre gefährlich, selbst da draußen zu stehen, besonders wo diese Kuh doch genau wusste, worauf sie es abgesehen hatte. Weshalb sie auch nie damit rechnen wird, dass Othello, bewaffnet mit den Handschuhen des Sammlers, die eigentliche Gefahr darstellte.

 

„Wie lange noch bis es losgeht?“, fragte Anya ungehalten.

Logan brummte: „Halbe Stunde.“

„Verrätst du uns auch, was die wahre Duel Queen von ihrer selbsternannten Nachfolgerin wollte, hm?“ Zanthe spitzte neugierig die Lauscher.

Nicht vor Logan, mahnte sich Anya. Der musste nicht alles wissen. „Nichts, nur quatschen.“

„Eine Claire Rosenburg quatscht nicht. Böse Zungen behaupten, ihr Wortschatz befände sich im dreistelligen Bereich“, ließ ihr Freund das aber nicht durchgehen. „Also?“

Matt gluckste bitterböse. „Diese Zungen gehören nicht zufällig alle zu dir?“

„Nur ein paar. Nun sag schon, Anya!“

Valerie rollte nur mit den Augen. Und ihre Erzrivalin hätte es ihr zu gern gleich getan, aber das hätte bedeutet, genau dasselbe zu tun und das war absolut nicht drin! Also stöhnte sie und begann leise zu erzählen, wobei sie den Teil mit der Falle bewusst außen vor ließ. Denn Logan war schon skeptisch genug für ihren Geschmack …

 

~-~-~

 

Anders als in Ephemeria City, hatte der strömende Regen in Livington mit dem Ende des Finales nicht aufgehört. Nick saß in einer Bücherecke des Internet-Cafés 'tRUE iDEOLOGY' vor dem Bildschirm eines Rechners. Die Übertragung des Turniers hatte vorübergehend ausgesetzt.

„Oje“, seufzte die blonde Alexandra neben ihm nach einer Weile merkwürdigen Schweigens. „Jetzt ist die Sache erst richtig interessant geworden.“

„Nein, sie ist gerade um einiges leichter geworden“, lautete Nicks Kommentar dazu. „Othello ist ein weitaus fähigerer Duellant als Anya. Ich habe gesehen, wie sie sich von Matt die Handschuhe geholt hat. Kein Grund zur Sorge.“

„Der Junge ist sterbenskrank und muss sich mit einer Hüterin duellieren. Für mich wäre das ein Grund zur Sorge.“

„Es zählt nur das Ergebnis.“

Die Blonde im braunen Trenchcoat bedachte Nick eines mitleidigen Blickes. „Vor einem Ergebnis steht immer eine Gleichung. Und wenn die nicht passt, ist das Ergebnis falsch.“

Womit sie erstaunlicherweise Nicks Aufmerksamkeit gewann. Er lächelte sie an, aber nicht herablassend, sondern auf eine warme Art und Weise, wie Alexandra es nicht von ihm erwartet hätte. „Das kann ich wohl nicht abstreiten. Aber denkst du, Anya würde besser in die Gleichung passen?“

„Ich weiß nur, dass es auch unlösbare Gleichungen gibt. Und hoffe für dich, dass dies keine ist.“

„Wenn eine Gleichung unlösbar ist, muss sie umformuliert werden.“ Nicks Lächeln verschwand so schnell wie es gekommen war und mit ihm auch Alexandras Lust, das Gespräch fortzusetzen.

 

~-~-~

 

Eine halbe Stunde später war Anyas Freundeskreis immer noch in der heißen Debatte vertieft, wie Anya auf einem D-Wheel aussah, wie sie an so eines herankommen sollte oder, Zanthes Liebling, wie lange sie sich überhaupt unfallfrei auf einem halten können würde.

Natürlich war Anya selbst wenig angetan vom Gesprächsstoff ihrer Freunde und hielt sich daher, wie Logan, grimmig aus der Sache hinaus.

„Hab'n D-Wheel. Kann's dir gerne leihen“, brummte der von der einen Seite.

Von der anderen kam es ebenso mürrisch zurück: „Danke. Werd' vielleicht drauf zurückkommen, wenn ich Bock hab.“

„In wenigen Minuten beginnt das Abschlussduell“, erklang plötzlich eine Durchsage, „wir bitten Sie, sich jetzt zu Ihren Plätzen zu begeben.“

 

Unten auf dem Spielfeld hatte sich bereits das Produktionsteam breit gemacht. Gleich vier Kameramänner waren diesmal dabei. Anya konnte sich nicht erinnern, dass es bei ihrem Duell gegen Othello so viele gewesen waren.

„Was für'n Rummel um dieses Miststück gemacht wird.“

Anya sah herüber zum gläsernen Turm auf der anderen Seite, wo sich die VIP-Lounge und Mr. Cs Kommentatorenkabine befanden.

„Das 'Miststück' bringt eben Quoten“, erklärte ihr Zanthe schulterzuckend. „Sie ist halt irgendwie einzigartig.“

„Gab es eigentlich jemals Betrugsvorwürfe gegen sie?“, fragte Anya neugierig, jetzt wo sie darüber nachdachte, wie unwahrscheinlich es war, so lange unbesiegt durch die Profiszene zu marschieren.

Valerie nickte. „Ja, aber die haben sich immer als haltlos erwiesen. Einmal hat sie zum Beweis mit einem ihr bis dato völlig fremden, von Kritikern bereit gestellten Deck ein Turnier bestritten. Ich muss wohl nicht ausführen, wie das für ihre Gegner ausging.“

„Also ein echtes Wunderkind?“ Matt grübelte lautstark. „Hmm, vielleicht ist es ganz gut, wenn Othello sich mit ihr duelliert und nicht Anya.“

Was die natürlich sofort persönlich nahm. „Noch so'n Spruch und mit dir passiert dasselbe wie mit diesem Freak von heute Morgen, Summers!“

„Welchem Freak?“, fragte Logan nach.

„In Anyas Augen sind wir alle Freaks. Woher sollen wir wissen, wen sie meint?“ Zanthe warf seiner Freundin einen finsteren Blick zu, der ihr sagen sollte, diesen Lee nicht in Logans Anwesenheit zu erwähnen.

„Punkt für dich“, nickte Logan mit verschränkten Armen.

Und Anya konnte sich kaum noch auf ihrem Stuhl halten. Warum hackten immer alle auf ihr herum!?

 

„Meine Damen und Herren!“ Das Gezanke der Gruppe wurde jäh unterbrochen, als auf jedem der Bildschirme rund um die Zuschauertribünen Mr. Cs Konterfei erschien. Der bärtige Kommentator mit der Elvistolle strahlte über beide Backen. „Othello Nikoloudis hat den Kampf gegen Anya Bauer vielleicht gewonnen, doch die größte Herausforderung steht ihm noch bevor.“

 

Elektronische, basslastige Musik füllte das Stadion. Die Menschenmassen begannen lautstark auszuflippen. Von der einen Seite rollte Othello aus dem Gang zur Duellfläche. Er war blass, wirkte müde und Anya hoffte, dass es ihm nicht allzu schlecht ging. Zwar war es unwahrscheinlich, dass Claire sich vor einem Millionenpublikum an ihm vergriff, doch in diesem kränklichen Zustand bestand die Gefahr bei ihm, dass er Fehler beging. Und das durfte er gegen Rosenburg nicht!

Und dann, als die blonde Claire von der anderen Seite über den Metallboden schritt, explodierte die Halle. Schreie, Gekreische, Getröte, alles, was das Trommelfell zum Platzen brachte. Nach wie vor steckte die junge Frau in ihrem weiß-hellblauen Motorradanzug und schritt gelassen voran.

Man verstand Mr. C kaum bei dem, was er sagte. Der Jubel, die Anfeuerungsrufe, die begeisterten Schreie – dagegen wirkte die Aufregung, die während der vorherigen Duelle des Legacy Cups geherrscht hatte, wie ein Treffen tibetanischer Mönche. Dazu war das Stadion zum Brechen voll, was Anya zuvor gar nicht aufgefallen war. Diese hielt sich zeitweise die Ohren zu, denn immer wieder ertönten hinter ihr lästige Tröten.

„Verdammt, das nervt“, murrte sie, war sich aber nicht sicher, ob ihre Freunde sie überhaupt hörten.

Was zumindest Zanthe tat, doch seine Antwort war nur schwer vernehmlich unter all dem Lärm. „... immer so bei … Cla … osenburg … Duellen.“

„Was?“

Ehe der Werwolf überhaupt dazu kam, seine Antwort zu wiederholen, trötete es hinter ihnen und Anya sprang wutentbrannt auf. Sich umwirbelnd, fauchte sie den Übeltäter an: „Alter, leg das Ding weg, sonst leg ich dich weg!“

Der Typ, zwei Reihen über ihr, trötete breit grinsend in ihre Richtung. Ein Claire-Fan, wenn man bedachte, das sein T-Shirt ihr Abbild auf einem D-Wheel zeigte, er einen Schal mit Rosenburg-Aufschrift trug und nun laut ihren Namen schrie.

„Setz' dich hin“, forderte Valerie seufzend, „das bringt nichts.“

„Dem werd' ich die Fresse so blitzeblank polieren, dass sie glänzt!“

Ihre Sitznachbarin zuckte mit den Schultern. „Bitte, wenn du von den Ordnungswächtern abgeführt werden möchtest.“

Anya ließ sich neben ihr frustriert in ihren Sitz fallen. „Pah!“

„Komm schon, das willst du dir doch nicht entgehen lassen, oder?“, fragte Matt hinter ihr beschwichtigend. „Immerhin sitzen wir in der ersten Reihe. Ich bin wirklich gespannt, da ich schon lange keines ihrer Duelle mehr mitverfolgt habe.“

 

Inzwischen standen sich Claire und Othello auf der Plattform gegenüber. Melindas Antlitz wurde nun auf den Bildschirmen gezeigt, welche gerade ihre Rede beendete. „… also liefert den Leuten eine einzigartige Show! Und an euch Zuschauer hier und da draußen: Viel Spaß!“

Mr. Cs Abbild wechselte ihres ab.

„Ihr habt es gehört, Duellfans auf der ganzen Welt! Das letzte, das große, das spektakulärste Duell des Legacy Cups beginnt … jetzt!“, schrie der Kommentator in sein Mikrofon. Und die Halle explodierte, metaphorisch gesprochen. Anya hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Ohren zu, denn diesmal trötete nicht nur der Typ hinter ihr. Sie konnte nicht einmal hören, ob die beiden „Duell“ riefen oder nur Othello, da Claire sich vielleicht zu cool dafür hielt. Tch!

 

[Othello: 4000LP / Claire: 4000LP]

 

Da standen sie sich nun gegenüber, auf der einen Seite der Rollstuhlfahrer mit dem strohblonden, langen Haar und dann die blonde Duel Queen, wie Anya sie betitelte. Zugegeben, in ihrer jetzigen Aufmachung sah sie nicht so deplatziert aus wie damals auf der Einführungs-Veranstaltung. Die beiden grünen Strähnen standen geradezu symmetrisch von ihrem Gesicht ab, der Bob war kerzengerade geschnitten.

Aber eins störte Anya an ihrem Anblick. „Man, die steht so … teilnahmslos da.“

„Ja. Macht bei normalen Duellen nicht die beste Figur. Weniger leblos, sondern einfach unbekümmert.“

Anya sah Logan fragend an. „Wieso? Sie weiß doch gar nicht, wie gut der Knirps ist.“

„Sieh es dir einfach selbst an, dann verstehst du, warum die Leute sie lieben, obwohl sie keine gute Performerin ist“, meinte Valerie daraufhin.

 

„Du kannst beginnen“, gestand Othello derweil seiner Gegnerin zu und huste leise.

Diese nickte und zog fünf Karten von ihrem Deck. Eine von ihnen wählend, legte sie jene auf ihr D-Pad. „Ich setze ein Monster.“

Dazu schob sie gleich den ganzen Rest ihrer Karten in die Rückseite des Apparats. „Vier Karten verdeckt. End Phase.“

Zunächst materialisierte sich das Monster in Form eines horizontal liegenden, vergrößerten Kartenrückens vor ihr. Hinter ihm dann zischend die vier anderen Karten in vertikaler Lage.

 

Othello griff nach dem Deck auf seinem Spielplan und zog. „Draw! I-“

„Permanente Falle aktivieren“, schnitt ihm Claire gleich darauf das Wort ab, „[Cyber Summon Blaster].“

Die links außen liegende ihrer vier gesetzten Karten sprang auf. Hinter Claire öffnete sich eine Falltür, aus welcher, wie auf der Karte abgebildet, ein mannshohes Geschoss aus dem Erdboden fuhr, obgleich es mit seiner trichterförmigen Kanone auf den ersten Blick harmlos erschien.

Sofort jubelte ihr beinahe das gesamte Publikum zu.

„Das sieht böse für den Herausforderer aus“, gluckste Mr. C verschwörerisch.

Nachdem jener die sechste Karte seinem Blatt hinzufügte, merkte er erst, wie sehr seine Hände doch zitterten. Wie schnell sein Herz schlug. Er sah auf zu Claire, die sich keinen Millimeter rührte und ihn anstarrte. Doch kam es ihm so vor, als würde sie eher durch ihn hindurchschauen, als wirklich wahrzunehmen.

„Ich weiß, ich kann dich besiegen“, sagte er leise, „und dir einen spannenden Kampf bieten. Versprochen!“

„Hört ihr das!? Unser Othello will uns eine Show der Extraklasse bieten!“

Die Zuschauer überschlugen sich vor Zurufen für den jungen Mann förmlich, wobei der nur ein gequält lächelndes Gesicht verzog. De facto wusste er nicht einmal, ob er sein Versprechen einlösen können würde.

Trotzdem nahm er schließlich zwei Karten aus seinem Blatt und zeigte sie vor. „Ich aktiviere den gefährlichsten aller Drachen, [Odd-Eyes Pendulum Dragon] mit dem Pendelbereich 4 und die Magierin, die die Träume deutet: [Dreamgazer Magician], Pendelbereich 4! Pendulum Scale set!“

Zwei Lichtsäulen schossen links und rechts neben ihm aus dem Boden. In Ersterer befand sich sein Assmonster, der rote, mächtige Drache, an dessen silbernem Brustpanzer sich flügelartige Auswüchse befanden. Auf der anderen Seite hingegen stieg ein weiblicher Magier auf, gekleidet in einer himmelblauen Robe. Sie ließ eine Kristallkugel mit quer liegendem, symbolischem Auge darauf vor sich schweben.

 

<4> Othellos Pendelbereich <4>

 

Verwirrte Gesichter im Publikum, betont durch Getuschel und verwirrte Ausrufe.

Auch Anya verstand es nicht. Wie wollte er Pendelbeschwörungen durchführen, wenn seine beiden Monster denselben Wert besaßen!?

„Wird vielleicht interessanter als ich dachte“, murmelte Logan nachdenklich, sodass sie zu ihm herübersah.

„Hm?“

„Wart ab und sieh selbst“, erwiderte er, als er den neugierigen Blick bemerkte.

 

„[Dreamgazer Magicians] Pendelbereich ändert sich je nachdem, ob die Stufe ihres Partners größer oder kleiner als ihre eigene ist. Da 'Odd-Eyes' die Stufe 7 besitzt und damit über ihrer Stufe 4 liegt“, erklärte Othello angespannt, „wird [Dreamgazer Magicians] Pendelbereich zu 8!“

„Für einen Moment dachte ich schon, unserem Wunderkind wäre ein Fehler unterlaufen“, atmete Mr. C entsprechend auf.

Eine blaue Aura begann um die Magierin zu leuchten, als sich das Auge auf ihrer Kristallkugel schloss, dieselbe Farbe annahm und wieder öffnete.

 

<4> Othellos Pendelbereich <4 → 8>

 

„Und jetzt“, verkündete Othello und streckte den Arm in die Höhe, „schwinge bis in alle Ewigkeit, Pendulum! Aus meiner Hand beschwöre ich den Magier, der die Welt überwacht: [Dharma-Eye Magician]! Pendulum Summon!“

Ein gewaltiges Tor in eine andere Welt öffnete sich über Othello zwischen seinen beiden Monstern. Um das Pendelportal spannten sich aberdutzende, ovale Lichtringe, die ein Muster ergaben. Aus dem Loch schoss ein einzelner, roter Lichtstrahl, der vor dem Burschen im Rollstuhl einschlug.

Dieser nahm am Boden die Gestalt eines in dunkelblauer Kleidung steckenden Magiers an, der eine massive Goldkeule mit beiden Händen führte.

 

Dharma-Eye Magician [ATK/2000 DEF/2500 (7) PSC: <2/2>]

 

Die Leute applaudierten ihm, aber längst nicht so euphorisch wie während des Duells mit Anya.

Jene fasste sich an die Stirn, nachdem sie kurz über seinen Zug nachgedacht hatte. „Was macht der da!?“

Othello hätte genauso gut [Dharma-Eye Magician] in die Pendelzone platzieren können und dann [Odd-Eyes Pendulum Dragon] rufen können, ein wesentlich stärkeres Monster im direkten Vergleich.

Zanthe seufzte. „Ach Anya, du hast dich vorher gar nicht informiert, was? [Dharma-Eye Magician] schützt Magician-Pendelmonster im Zug seiner Beschwörung vor Zerstörungseffekten.“

Ihre Erzrivalin nickte. „Bei so vielen verdeckten Karten muss er sicherstellen, nicht in eine Falle zu tappen. Da die Pendelbeschwörung nur einmal pro Zug zur Verfügung steht, wäre er aufgeschmissen, wenn er seinen Odd-Eyes jetzt verliert.“

Schmollend verschränkte Anya die Arme. Was auch immer, solange er nur das verdammte Duell gewann!

 

Othello zog die Augenbrauen an. Er hatte keine Angst vor ihr, mahnte er sich. Sie war der letzte Stein, der ihm noch im Weg lag, um seinen Wunsch zu erfüllen.

„Angriff auf ihr verdecktes Monster, [Dharma-Eye Magician]! Burden Carrier!“

Von einem Augenblick zum anderen hatte sich der Magier direkt zur verdeckt liegenden Karte teleportiert, die daraufhin um die eigene Achse wirbelte. Ein riesiges Tankflugzeug mit aufgemaltem Hamstergesicht stieg daraus in die Höhe auf. Neben ihm entstanden unmittelbar zwei holographische, durchsichtige Versionen seiner selbst.

„Das ist [Mecha Phantom Beast Hamstrat]! Also eine typische Rosenburg-Eröffnung!“, johlte Mr. C unter dem Lärm des Publikums.

 

Mecha Phantom Beast Hamstrat [ATK/1100 DEF/1600 (3)]

 

Doch [Dharma-Eye Magician] ließ sich davon nicht irritieren, folgte dem Metallkoloss quer durch die Luft und schaffte es mit einem gezielten Hieb, den Goliath zum Explodieren zu bringen.

„[Mecha Phantom Beast Hamstrat] erschafft zwei Mecha Phantom Beast-Projektionen, wenn es aufgedeckt wird“, lautete Claires tonloser Kommentar dazu, als die letzten Trümmerteile ihres Tankers sich in Luft auflösten, anders als die beiden, bunten Hologrammen daneben, die dem Original 1:1 entsprachen.

 

Mecha Phantom Beast-Spielmarke x2 [ATK/0 DEF/0 (3)]

 

Eine Sekunde später stand [Dharma-Eye Magician] wieder vor Othello. Dessen Züge schienen ihm jedoch regelrecht entglitten zu sein, denn seine erschrockene Mimik sprach Bände. Plötzlich zischte es. In Claires Geschütz lud sich ein bläulicher Blitz auf, der aus der Kanone direkt auf den Jungen abgefeuert wurde.

„Argh!“, presste er unter den um ihn schlagenden Entladungen heraus.

 

[Othello: 4000LP → 3700LP / Claire: 4000LP]

 

„Wenn ein oder mehrere Maschinen-Typ-Monster spezialbeschworen werden, erhält der Gegner 300 Punkte Schaden.“ Claire verzog dabei keine Miene.

 

Anya verschränkte missmutig unter dem lautstarken Jubel hinter ihr die Arme. „Die redet, als ob sie selber eine Maschine wäre.“

„Wer weiß, vielleicht ist sie sogar eine“, gluckste Zanthe bitterböse. Er sah Anya neugierig an. „Wie kommt es eigentlich, dass eine Kartenverkäuferin Claire Rosenburg nicht kennt?“

Die Blonde zuckte mit den Schultern. „Hab mich nie wirklich mit der Pro-Liga und dem ganzen Scheiß auseinandergesetzt. Wenn ich in Zukunft was reißen will, muss ich das wohl ab jetzt?“

„Wow, deine Ignoranz wird nur noch von deiner mangelnden Intelligenz übertroffen.“

„Schnauze, Flohpelz!“, fauchte Anya mit der Faust wedelnd, doch der Werwolf kicherte nur vergnügt.

Ihre Sitznachbarin indes nickte. „Vieles hängt schon davon ab, wie du dich vorbereitest. Einige Duelle werden entschieden, noch bevor sie ausgetragen werden, Anya.“

Diese verzog ihre Augen zu Schlitzen und betrachtete dabei Claire. „Wirklich, huh?“

 

„Da ich noch keine Normalbeschwörung durchgeführt habe, setze ich ein Monster“, rief Othello entschlossen aus und legte die Karte auf seinen Spielplan, wodurch sie in vergrößerter Form in horizontaler Lage vor ihm erschien, „und dazu noch eine weitere Karte verdeckt!“

Hinter dem Monster materialisierte sich eine vertikal liegende Falle.

In dem Moment meldete sich seine Gegnerin zu Wort. „Permanente Falle aktivieren: [Aerial Recharge]. Einmal pro Zug erschafft sie ein Mecha Phantom Beast-Projektion.“

Die purpur umrandete Karte sprang auf. Aus ihr schoss ein drittes Hologramm des zerstörten Lufttankers, welcher auch auf der Falle abgebildet war, und stieg in die Luft zu den anderen beiden auf.

 

Mecha Phantom Beast-Spielmarke [ATK/0 DEF/0 (3)]

 

„Da die Projektion vom Typ Maschine ist, erleidest du 300 Punkte Schaden“, erklärte die Blonde tonlos. Gleichzeitig begann die Kanone hinter ihr damit, sich aufzuladen, um einen Blitzstrahl auf Othello zu schießen. Jener stöhnte bei dem Treffer erschrocken.

 

[Othello: 3700LP → 3400LP / Claire: 4000LP]
 

„Nicht schlecht! Ich gebe an dich ab, Claire.“ Der strohblonde Junge hustete, dann fügte er an: „In der End Phase aktiviert sich der Effekt von [Odd-Eyes Pendulum Dragon] in meiner Pendelzone!“

Der rote Drache in der Lichtsäule neben ihm begann laut aufzuheulen. Dann zersprang er in tausend Teile, was die Zuschauer verwirrt zurückließ.

„Pendulum Cry! Ich erhalte ein Pendelmonster von meinem Deck, dessen Angriffskraft maximal bei 1500 liegt!“

Aus der Säule stiegen die restlichen Partikel als roter Lichtstrahl auf, welcher vom sich öffnenden Pendelportal absorbiert wurde. Othello zeigte indes die gesuchte Karte vor. „Ich wähle [Wisdom-Eye Magician]. Damit wird der Pendelwert von [Dreamgazer Magician] wieder zu 4.“

Das blaue Auge auf deren Kristallkugel schloss sich, wurde rot und öffnete sich wieder.

 

<X> Othellos Pendelbereich <8 → 4>

 

„Während jeder End Phase muss ein Mecha Phantom Beast als Tribut angeboten werden, oder [Aerial Recharge] wird auf den Friedhof geschickt.“ Nach Claires Einwurf löste sich eines der drei Hologramme über ihr auf.

 

In der ersten Reihe beugte sich Zanthe grinsend nach vorne. „Nicht schlecht. Nächste Runde kann er sie nach Herzenslust ausspielen. [Wisdom-Eye Magician] kann sich in der Pendelzone zerstören, um einen beliebigen anderen Magier an seine Stelle zu setzen.“

Valerie verschränkte die Arme. „Wie die Magier, die während eines Angriffs Kartenaktivierungen unterbinden.“

„Und er hat dann auch Zugriff auf [Odd-Eyes Pendulum Dragon]“, stimmte Matt mit ein.

Nur Anya wusste nichts Konstruktives dazu zu sagen, sondern fragte stattdessen: „Wieso ist das so wichtig?“

„Wir wollen dir nur veranschaulichen, wieso -du- nicht da unten stehst“, stichelte Zanthe und traf damit mal wieder Anyas wunden Punkt, welche beleidigt schnaubte.

Am liebsten würde sie diesen vorlauten Pelzträger erwürgen, dachte Anya zerknirscht, wusste aber, dass sie sich auf das Duell konzentrieren sollte. Nur für den Fall …

 

„Draw“, rief Claire Rosenburg fast schon gelangweilt und zog mit einer entsprechend unspektakulären Bewegung eine Karte von ihrer grauen, halbmondförmigen Duel Disk, welche sonst Teil ihres D-Wheels war.

„Effekt von [Aerial Recharge]. Diese Falle beschwört eine Mecha Phantom Beast-Projektion.“

Womit wieder ein Hologramm aus der Falle austrat und in die Höhe aufstieg. Gleichzeitig reaktivierte sich das Geschütz hinter der jungen Frau und feuerte eine elektrische Ladung auf Othello ab. „Eine Maschine wurde spezialbeschworen, also fügt [Cyber Summon Blaster] 300 Punkte Schaden zu.“

Als der Rollstuhlfahrer getroffen wurde, keuchte er angespannt.

 

[Othello: 3400LP → 3100LP / Claire: 4000LP]

 

„So kennen und lieben wir sie, unsere Claire Rosenburg“, lobpreiste Mr. C die Weltmeisterin, „obwohl sie noch gar nicht richtig aktiv geworden ist, hat sie Othello bereits einen beachtlichen Teil seiner Lebenspunkte genommen!“

Was ihre Fanboys und -girls auf den Plan rief, die in immer kürzer werdenden Intervallen den Namen der Blonden kreischten.

Jene betätigte umgehend eine Taste an ihrer Duel Disk und ließ die dritte ihrer vier Backrow-Karten aufspringen. „Schnellzauber: [Scramble!! Scramble!!]. Wenn mein Gegner mehr Monster als ich kontrolliert, ausgenommen Spielmarken, opfert diese Karte sämtliche meiner Projektionen und ersetzt sie durch reale Mecha Phantom Beasts aus meinem Deck.“

Eine Alarmsirene erklang. Hintereinander lösten sich die drei Hologramme auf. Aus dem Nichts schossen aus der Glaskuppel des Stadions drei Flugzeuge. Das erste verfügte über zwei Rotoren, sein Cockpit besaß die Form eines stilistischen Pferdekopfs. In der Mitte hingegen befand sich ein goldener Düsenjet mit Löwenkopf-Cockpit, rechts außen dagegen eine taktischer Kampfjet, angelehnt an einen Velociraptor.

„[Mecha Phantom Beast Coltwing], [Mecha Phantom Beast Harrliard], [Mecha Phantom Beast Megaraptor]“, benannte Claire sie der Reihe nach und fügte gleich hinzu: „Monstereffekt: Wenn Coltwing spezialbeschworen wird, wenn ich ein weiteres Mecha Phantom Beast kontrolliere, erschafft er zwei Projektionen.“

Neben dem Wandelflugzeug tauchten zwei bunte, durchsichtige Hologramme auf, die ansonsten absolut identisch zum Original waren.

 

Mecha Phantom Beast Coltwing [ATK/1600 DEF/1500 (4 → 10)]

Mecha Phantom Beast Harrliard [ATK/1800 DEF/800 (4 → 10)]

Mecha Phantom Beast Megaraptor [ATK/1900 DEF/1000 (4 → 10)]

Mecha Phantom Beast-Spielmarke x2 [ATK/0 DEF/0 (3)]

 

„Uh, hat sie gerade mit nur einer Karte fünf Monster aufs Feld gebracht?“ Anya schaffte es nicht, ihren Mund danach wieder komplett zu schließen.

„Wenn du wüsstest“, prophezeite der Kopftuchträger neben Logan düster.

Mit Mühe wandte sich Anya kurz vom Duellgeschehen ab. „Wieso sind die Stufen dieser Dinger gestiegen?“

„Jedes Mecha Phantom Beast erhöht seine Stufe um die Gesamtstufe der sich derzeit im Spiel befindlichen Projektionen. Also in diesem Fall um 6“, erklärte Valerie ihr, „nicht, dass Claire jemals meines Wissens nach davon Gebrauch gemacht hat …“

Ihre Freundin richtete den Blick wieder auf das Spielfeld. „'kay …?“

 

Dort begann Claires Kanone sich wieder aufzuladen. „Ich habe zweimal hintereinander Maschinen-Typ-Monster spezialbeschworen, also fügt [Cyber Summon Blaster] dir 600 Punkte Schaden zu.“

„Ich weiß.“ Othello schloss die Augen, als das Geschütz hintereinander zwei Energieladungen abfeuerte, die links und rechts neben ihm einschlugen.

 

[Othello: 3100LP → 2800LP → 2500LP / Claire: 4000LP]

 

„Monstereffekt von Coltwing. Ich deaktiviere zwei Projektionen und konzentriere Energie in die Zerstörung einer Karte. [Dharma-Eye Magician]“, sprach Claire, ohne sich auch nur einen Millimeter dabei zu bewegen.

Das Wandelflugzeug über ihr fuhr unterhalb des Cockpits ein Maschinengewehr aus. Seine beiden holografischen Abbilder lösten sich auf, im Anschluss folgte rapides Sperrfeuer, das den dunkelblauen Magier zerfetzte. Und die Blonde fügte an: „Die Karte wird verbannt.“

Entsetzte Ausrufe erklangen, als sich die Überreste von Othellos Monster auflösten, aber kein Pendelportal erschien, um sie zu absorbieren. Doch der konzentrierte Ausdruck des jungen Mannes vermittelte, dass ihn das nicht unvorbereitet getroffen hatte.

„Monstereffekt: Wenn ein Monster durch einen Karteneffekt geopfert wird, erschafft [Mecha Phantom Beast Harrliard] pro Zug eine Projektion. Monstereffekt: Wenn eine Projektion aktiviert wird, erschafft [Mecha Phantom Beast Megaraptor] pro Zug eine weitere.“

Erst gewann die bunte, durchsichtige Gestalt des Löwen-Kampfjets an Form, gleich im Anschluss die des Raptorenjägers.

 

Mecha Phantom Beast-Spielmarke x2 [ATK/0 DEF/0 (3)]

 

„Zweimal hintereinander wurden Maschinen-Typ-Monster spezialbeschworen. [Cyber Summon Blast] fügt also 600 Punkte Schaden zu“, setzte Claire ihre Effektkette mechanisch fort.

Das Geschütz hinter ihr feuerte nacheinander zwei Energiestrahlen ab, die wieder links und rechts um Othello einschlugen, welcher keuchend das Haupt senkte.

 

[Othello: 2500LP → 2200LP → 1900LP / Claire: 4000LP]

 

„Irre, wie sie ihn systematisch fertig macht, ohne bisher auch nur einmal angegriffen zu haben“, staunte Matt hinter Anya.

Die knurrte etwas Unverständliches vor sich hin. Über die Hälfte der Lebenspunkte ihres neuen Freundes waren schon weg, verdammt! Diese dämliche Rosenburg durfte nicht gewinnen!

 

Erstaunlicherweise streckte die blonde Duellantin im weiß-hellblauen Motorradanzug den Arm aus und befahl: „Battle Phase: Megaraptor greift das verdeckte Monster an.“

Unterhalb des dunklen Jets befanden sich zwei Klauen, dort wo sich sonst das Fahrwerk befand. In ihnen tauchten aus dem Nichts zwei Raketen auf, die einfach losgelassen wurden und im Fall starteten.

Anya biss sich auf die Unterlippe. Wenn sein Monster zu schwach war, würde Claire-

„Falle! [Waboku]! Sie beschützt meine Monster und meine Lebenspunkte für den Rest des Zuges!“

Energisch drehte der junge Mann die Karte auf dem Spielplan vor ihm um. Drei Priesterinnen in blauen Roben tauchten um ihn herum auf und bildeten durch ein gemeinsames Gebet ein kuppelförmiges Kraftfeld. Gleichzeitig wirbelte die verdeckte Monsterkarte herum, aus der eine typische, verschleierte Wahrsagerin in rot-schwarzer Robe stieg. Die beiden Raketen prallten vor ihr an dem Kraftfeld ab.

 

Crystal Seer [ATK/100 DEF/100 (1)]

 

„Er hat den Angriff abgewehrt und gleichzeitig sein Überleben für diesen Zug gesichert“, rief Mr. C unter dem Applaus der Leute aus, „oder?“

Anya atmete erleichtert auf.

„Der Flippeffekt von [Crystal Seer] wird jetzt ausgelöst!“ Othello nahm die obersten beiden Karten von seinem Deck und zeigte sie vor. „Eine der beiden darf ich mir aussuchen und behalten, die andere wird unter mein Deck gelegt.“

In vergrößerter Form erschienen über ihm die Monsterkarte [Odd-Eyes Dragon] und der Zauber [Gift Of The Martyr]. Der junge Mann im Rollstuhl entschied sich zum Erstaunen vieler für Letztere, fügte sie seiner Hand hinzu und legte dann sein altes Assmonster unter sein Deck.

„Warum nicht dein Odd-Eyes?“, wunderte Anya sich leise.

„Die Zauberkarte wird ihm viel mehr nutzen“, erwiderte Logan daraufhin.

Gleichzeitig verkündete Claire: „Wechsel in Main Phase 2. Monstereffekt: Megaraptor deaktiviert eine Projektion, dafür wird ein Mecha Phantom Beast von meinem Deck meiner Hand hinzugefügt. [Mecha Phantom Beast Harrliard].“

Automatisch wurde eine zweite Kopie jener Karte aus ihrem Deck geschoben, kurz nachdem das Hologramm des Raptorjets sich auflöste. Aber die Blonde war noch nicht fertig. „Monstereffekt: Einmal pro Zug deaktiviert Harrliard eine Projektion, um ein Mecha Phantom Beast von meiner Hand spezialzubeschwören. [Mecha Phantom Beast Harrliard].“

Auch das bunte Ebenbild des Löwenjets verschwand. Stattdessen erschien an derselben Stelle das Original, wodurch die beiden Harrliards nebeneinander flogen.

 

Mecha Phantom Beast Harrliard [ATK/1800 DEF/800 (4)

 

Abermals begann das Geschütz hinter Claire zu rütteln. Dieses Mal sparte die sich die Erklärung gleich und sah ausdruckslos mit an, wie Othello unmittelbar von einem weiteren Energiestoß getroffen wurde.

 

[Othello: 1900LP → 1600LP / Claire: 4000LP]

 

„Verdeckte Schnellzauberkarte aktivieren“, rief Claire plötzlich aus und ließ die flache Hand über die letzte ihrer vier eingangs gesetzten Karten fahren, „[Vertical Landing]. Damit kann ich beliebig viele Wind-Monster als Tribut anbieten, um eine identische Zahl an Mecha Phantom Beast-Projektionen zu erschaffen.“

Der Löwenjet, den sie zuerst gerufen hatte, löste sich auf und an seiner Statt begann sein buntes Hologramm zu leuchten.

 

Mecha Phantom Beast-Spielmarke [ATK/0 DEF/0 (3)]

 

Und [Cyber Summon Blaster] bombardierte Othello erneut, welcher dieses Mal einen nervösen Laut ausstieß. Denn er wusste, dass er nur noch wenige dieser Treffer wegstecken konnte.

 

[Othello: 1600LP → 1300LP / Claire: 4000LP]

 

„Monstereffekt: Ein Monster wurde als Tribut für einen Karteneffekt angeboten, also erschafft das neue [Mecha Phantom Beast Harrliard] eine Projektion.“

Eine zweite Kopie des Kampfjets gesellte sich zur ersten, wodurch Claires Monsterzonen wieder allesamt mit Coltwing, Megaraptor, Harrliard und den zwei Spielmarken besetzt waren. Unnötig zu erwähnen, dass Othello gleich noch eine Energieladung abbekam.

 

[Othello: 1300LP → 1000LP / Claire: 4000LP]

 

Indes krallte sich Anya in die Plastiklehnen ihres Sitzplatzes und beugte sich vor. Fassungslos nuschelte sie: „Die nimmt ihn völlig auseinander! Er hat ihren Angriff abgewehrt, aber sie dezimiert seine Lebenspunkte trotzdem!“

„Verstehst du jetzt, warum ich lieber an deiner Stelle gegen sie gekämpft hätte?“, wurde das Mädchen von Valerie mitleidig gefragt.

Klamm nickte Anya.

 

„Ich setze eine Karte“, sprach Claire nach wie vor ohne jegliche emotionale Regung und ließ zwischen ihren beiden dauerhaften Fallen eine verdeckte Karte erscheinen. „End Phase. Damit werden jetzt die negativen Effekte von [Scramble!! Scramble!!] sowie [Aerial Recharge] ausgelöst. Erstere schickt sämtliche Monster zurück ins Deck, die durch sie gerufen wurden.“

Sowohl Megaraptor, als auch Coltwing machten aus dem Stand einen Rückwärtslooping und verschwanden ins Nichts.

„Und sollte ich kein Mecha Phantom Beast als Tribut anbieten, muss ich [Aerial Recharge] auf den Friedhof legen. Ich entscheide mich dafür, die Falle zu behalten.“

Sofort löste sich eines der bunten Hologramme auf, wodurch sie plötzlich nur noch den zweiten Harrliard sowie sein verbliebenes Ebenbild kontrollierte.

„Was für ein Zug von unserer Weltmeisterin! Die Luft wird dünn für unseren Herausforderer und das nach bereits wenigen Zügen!“, fasste Mr. C die Situation unnötigerweise noch einmal zusammen.

 

„Noch habe ich nicht verloren!“ Entschlossen sah Othello auf sein Deck herab. Er wusste, dass Claire ihm keinen weiteren Zug mehr gestatten würde, also musste dieser die Entscheidung bringen. Aber er wusste, was zu tun war. So nahm er seine letzte Karte auf. „Draw!“

Sie zu den anderen dreien steckend, nahm er gleich im Anschluss eine andere aus seinem Blatt und zeigte sie vor. „Ich aktiviere den Magier, der das Wissen bewahrt: [Wisdom-Eye Magician] mit dem Pendelbereich 5! Pendulum Scale set!“

In der von [Odd-Eyes Pendulum Dragon] leer zurückgelassenen Lichtsäule neben Othello erschien ein Hexer, ganz in Schwarz gekleidet, welcher eine Laterne an einem Stab hängend mit sich führte, und stieg in die Höhe auf.

 

<5> Othellos Pendelbereich <4>

 

„Sowohl [Wisdom-Eye Magician], als auch [Dreamgazer Magician] sind auf Stufe 4, weshalb der Effekt Letzterer nicht greifen kann. Aber“, murmelte Othello leise, „dank seines Effekts kann ich ihn zerstören und einen anderen Pendelmagier an seine Stelle setzen.“

Der in Schwarz gekleidete Magier zersprang in tausend Teile. Othello nahm sein Deck in die Hand und suchte sich die Karte raus, von der er sich am meisten versprach. Denn wenn seine Offensive gelingen sollte, gab es wenige Optionen.

„Ich aktiviere den Magier, der die Zeit versteht: [Timegazer Magician] mit dem Pendelbereich 8! Pendulum Scale set!“

Neben ihm in der Lichtsäule tauchte ein anderer, schwarzer Magier auf, an dessen Arm sich eine goldene Klinge, ähnlich einem Zahnradkranz, die sich beinahe einmal im Kreis um ihn schloss. Langsam schwebte der Hexer nach oben, wo seine Wahrsager-Kollegin auf der anderen Seite wartete. Auf ihrer Kristallkugel leuchtete das Auge grün auf.

 

<8> Othellos Pendelbereich <4 → 1>

 

„Da [Timegazer Magicians] Stufe kleiner als Dreamgazers ist, wird ihr Pendelbereich zu 1.“

Unmittelbar nach dieser Erklärung reckte der Rollstuhlfahrer mit dem strohblonden, schulterlangen Haar die Hand in die Höhe. „Und jetzt schwinge bis in alle Ewigkeit, Pendulum!“

Über ihm öffnete sich das bunte Tor in eine andere Dimension, umgeben von vielen, vielen blauen Lichtellipsen.

„Aus meinem Extradeck! [Odd-Eyes Pendulum Dragon]! [Wisdom-Eye Magician]! Pendulum Summon!“

Zwei rote Lichtstrahlen schossen aus dem Pendelportal und schlugen vor ihm ein. Zunächst erhob sich der rote, flügellose Drache zu voller Größe und schrie stolz. Neben ihm bezog der Magier mit dem Laternenstab neben der Wahrsagerin [Crystal Seer] Stellung.

 

Odd-Eyes Pendulum Dragon [ATK/2500 DEF/2000 (7) PSC: <4/4>]

Wisdom-Eye Magician [ATK/1500 DEF/1500 (4) PSC: <5/5>]

 

Mr. C flötete: „Da ist es endlich, Othellos Assmonster! Ob es wohl eine unverhoffte Wendung mit sich bringen wird?“

Dessen Besitzer verzog konzentriert das Gesicht und legte eine Zauberkarte auf den Spielplan vor sich. „Ich aktiviere jetzt [Gift Of The Martyr]!“

Unerwartet streckte sein Laternenmagier beide Arme weit von sich und stieß einen energischen Schrei aus, ehe er sich in weiße Lichtpartikel auflöste. Dazu erklärte sein Besitzer: „[Gift Of The Martyr] ist eine Zauberkarte, die mich ein Monster opfern lässt, um seine Angriffskraft auf ein anderes bis zum Ende des Zuges zu übertragen. Sie ist wie gemacht für Pendelmonster, insbesondere Odd-Eyes!“

Die Wolke teilte sich in zwei. Während Odd-Eyes eine davon über sein Maul einsog, stieg die andere in die Höhe auf und wurde vom sich über Othello öffnenden Pendelportal absorbiert.

 

Odd-Eyes Pendulum Dragon [ATK/2500 → 4000 DEF/2000 (7) PSC: <4/4>]

 

„Wow“, staunte Anya, „das ist irgendwie genial! Der blöde Drache richtet doppelten Kampfschaden an. Das heißt, wenn das jetzt durchgeht …“

„… hat er Claire mit einem Angriff besiegt“, schloss Valerie den Satz für ihre Freundin ab. „Dazu kommt, dass sein [Timegazer Magician] während des Angriffs verhindert, dass sie Fallenkarten aktiviert.“

Logan seinerseits gab nur ein leises „Hmpf.“ von sich. Mit verschränkten Armen beobachtete er das Schauspiel dort unten.

 

Othello streckte den Arm aus. „Und jetzt greife ich dein [Mecha Phantom Beast Harrliard] mit meinem Odd-Eyes an! Bring' mir den Sieg!“

Sein flügelloser Drache öffnete sein Maul und sammelte darin rote und schwarze Partikel.

Mr. C keuchte: „Ohne lange zu fackeln will unser Othello zum Finalschlag ausholen! Aber kann das gegen die stärkste Duellantin auf diesem Planeten wirklich funktionieren!“

„Spiral Strike Burst!“, donnerte der kränkliche Junge in diesem Moment und übertönte den Kommentator damit, begann dann aber zu husten.

Sein Drache stieß einen roten Lichtstrahl aus, um den schwarze Energie schlug. Quer nach oben schoss er auf den Löwen-Kampfjet zu, welcher regungslos in der Luft verharrte.

„Verdeckte Karte aktivieren“, sprach Claire ungerührt.

„Effekt von [Timegazer Magician]! Er verhindert, dass du während des Angriffs eines Pendelmonsters Fallenkarten aktivierst! Inverse Gears!“

Doch zu Othellos Schreck geschah gar nichts, denn als die Karte seiner blonden Gegnerin aufklappte, musste er feststellen, dass es sich um einen Schnellzauber handelte. Einen, den er in diesem Duell schon einmal gesehen hatte.

„[Scramble!! Scramble!!]“, nannte Claire seinen Namen. „Wenn mein Gegner mehr reale Monster kontrolliert als ich, werden sämtliche Projektionen mit Mecha Phantom Beasts aus meinem Deck ausgetauscht.“

Erschrocken betrachtete Othello das Feld. Sie kontrollierte Harrliard und ein Hologramm von ihm, wohingegen er Odd-Eyes besaß … und [Crystal Seer] im Verteidigungsmodus! Mist!

Sogleich löste sich die Spielmarke auf Claires Seite in Luft auf. Und an genau der Stelle schoss aus dem Nichts ein Kampfjet hervor, den Othello ebenfalls bereits kannte. „[Mecha Phantom Beast Megaraptor]. Da ein Monster geopfert wurde, erschafft [Mecha Phantom Beast Harrliard] eine Projektion. Wenn eine Projektion erschaffen wird, aktiviert [Mecha Phantom Beast Megaraptor] eine weitere. “

Zwischen dem Jet mit dem Velociraptorkopf-Cockpit und seinem Kameraden tauchten zwei bunte Abbilder der beiden auf. Alle vier wichen [Odd-Eyes Pendulum Dragons] Angriff aus, da die Replay-Regel einsetzte.

 

Mecha Phantom Beast Megaraptor [ATK/1900 DEF/1000 (4 → 10)]

Mecha Phantom Beast-Spielmarke x2 [ATK/0 DEF/0 (3)]

 

„Da ich drei Mal hintereinander Maschinen-Typ-Monster spezialbeschworen habe, fügt [Cyber Summon Blaster] dir entsprechenden Schaden zu.“

Die Kanone hinter Claire rüttelte wie verrückt, ehe sie hintereinander gleich drei Energiestrahlen auf den Jugendlichen im Rollstuhl abfeuerte. Der weitete die Augen und wurde zielgenau getroffen, verschwand in einer dunklen Rauchwolke.

 

[Othello: 1000LP → 700LP → 400LP → 100LP / Claire: 4000LP]

 

„Oh! Oh! Oh! Das sieht gar nicht gut aus!“, jaulte Mr. C. „Nochmal verkraftet Othello so einen Treffer nicht.“

„Effekt von [Aerial Recharge]. Sie erschafft eine Projektion.“ Auf Claires Geheiß materialisierte sich ein drittes, buntes Hologramm, in Form eines riesigen Lufttankers mit aufgemaltem Hamstergesicht auf dem Cockpit.

 

Mecha Phantom Beast-Spielmarke [ATK/0 DEF/0 (3)]

 

Das Publikum hielt den Atem an, als Claire tonlos erklärte: „Ein Maschinen-Typ-Monster wurde spezialbeschworen. Du erleidest durch [Cyber Summon Blaster] 300 Punkte Schaden.“

Daraufhin brachen nicht wenige Leute in wilden Jubel aus. Das Geschütz der Weltmeisterin warf sich erneut an und lud Energie auf.

Othello senkte den Kopf. Und richtete ihn gleich darauf wieder mit engstirnigem Blick auf. „Nein! Soweit kommt es nicht! Effekt von [Dreamgazer Magician] in meiner Pendelzone!“

Die Wahrsagerin in hellblauer Robe teleportierte sich aus der Lichtsäule direkt vor Othello und streckte die Hände aus. Ihre Kristallkugel schwebte ein Stück nach vorne.

„Nur einmal kann ich eine Kartenart benennen und wenn die oberste Karte meines Decks dazugehört, wird der nächste Schaden, den ich erleide, nichtig gemacht!“ Entschlossen griff der Junge mit dem schulterlangen Haar nach seinem Deck. „Defy Vision!“

Er schloss die Augen, das Publikum wurde still. Nur das Geräusch von Claires Kanone war noch zu vernehmen, die in den letzten Zügen des Aufladungsprozesses steckte.

„Ich sage Zauberkarte, denn jedes Pendelmonster ist auch ein Zauber“, verkündete Othello konzentriert, riss die Augen auf und zog die oberste Karte von seinem Deck.

In dem Moment feuerte der [Cyber Summon Blaster] seinen Strahl ab. [Dreamgazer Magician] ließ ihre Kristallkugel wachsen und wachsen, sodass sie Othello komplett verdeckte. Der drehte die Karte in seiner Hand um. „[Echo Oscillation] …?“

Der Lichtblitz traf auf die Kristallkugel, zerschmetterte sie, sodass ihre Bruchstücke dem Jungen um die Ohren flogen. Dem Jungen, der eine Fallenkarte gezogen hatte und dann von der Ladung erbarmungslos getroffen wurde. Ein lauter Knall und eine Rauchwolke waren das Resultat.

 

[Othello: 100LP → 0LP / Claire: 4000LP]

 

„U-unglaublich!“, stammelte Mr. C. „Unsere Claire hat gewonnen, ohne einmal Schaden zu nehmen, ohne überhaupt einmal erfolgreich angegriffen zu haben! Das ist unsere Weltmeisterin, die stärkste Duellantin auf diesem Planeten!“

 

Und der Jubel brach aus. So ohrenbetäubend, dass Anya sich die Hände auf die Ohren pressen musste. Auch die Tröten waren zurück.

„Shit“, murmelte sie.

Der Rauch um Othello verzog sich unten auf dem Feld, die Hologramme lösten sich auf. Er saß in seinem Rollstuhl leicht vorgebeugt, als wäre er gebrochen, stellte das Mädchen fest. Sein Traum war damit geplatzt … genau wie ihrer. Und mehr noch, er hatte es nicht geschafft, Claire deren Hüterkarte abzunehmen. Verdammt!

 

Jene schritt mit ausdrucksloser Miene auf den Jungen im Rollstuhl zu und reichte ihm der Form halber die Hand. Zwar nahm und schüttelte Othello sie, ohne dabei jedoch aufzusehen. Anschließend drehte er stumm ab und rollte zum Ausgang.
 

Schlagartig sprang Anya von ihrem Platz auf und zwängte sich an ihren Freunden, dann anderen Besuchern vorbei. Sie musste zum Ausgang bei den Treppen, von dem man in den Gang zum Duellfeld gelangte und mit dem Knirps reden, ihm irgendetwas sagen. Shit!

 

~-~-~

 

„Wie schade“, kommentierte Alexandra Othellos Niederlage bedauernd. Stuhl neben Stuhl, hatte sie ihren Kopf an Nicks Schulter angelehnt und verfolgte mit, wie er den Livestream beendete und sich dran machte, den PC herunterzufahren.

Nick sagte nichts, aber sein verkniffener Gesichtsausdruck sprach Bände.

„Ich kann mir denken, was du jetzt vorhast“, sagte sie leise und hob ihren Kopf an, „du willst dich persönlich mit ihr anlegen.“

Aus dem Augenwinkel warf er ihr wieder diesen Blick zu. Eiskalt und abgebrüht, stolz und selbstbewusst, aber auf merkwürdige Art auch verletzlich. Wie ein angeschossenes Tier. Eine Form der Verzweiflung, die niemand je sehen sollte. Aber auch wenn seine Worte voller Lügen waren, seine Augen waren es nicht.

Alexandra seufzte und legte ihre Hand auf die seine. Mit einem traurigen Lächeln auf den Lippen bat sie: „Tu's nicht. Wir sind uns gerade erst näher gekommen. Ich habe keine Lust auf eine Beerdigung.“

„Ich schaffe das schon“, wies Nick ihre Bedenken jedoch sofort zurück und riss die Hand unter ihrer weg. Er stand auf. „Ich habe Xiphos besiegt, da sollte eine Claire Rosenburg kein Problem sein.“

„Du überschätzt dich“, mahnte Alexandra ihn, amüsiert und doch insgeheim erschrocken von so viel Selbstbewusstsein, „du hast diesen Dämon besiegt? Weißt du, Nick, manche Dämonen lassen ihre Opfer gerne in dem Glauben, sie hätten die Oberhand.“

„Ich weiß, dass er mich für irgendetwas benutzen will. Aber wenn ich dadurch Anya retten kann, lasse ich mich bereitwillig von ihm benutzen“, erwiderte er auf sie herab sehend. „Denn du hast Recht, manchmal sind es die vermeintlichen Opfer, die nachher die Fäden ziehen.“

Alexandra schenkte ihm ein falsches Lächeln. Wie konnte ein Genie wie er gleichzeitig so dumm sein?

 

Voller Tatendrang schob sich Nick zwischen ihr und dem Bücherregal vorbei, schritt Richtung Ausgang. Die blonde Frau erhob sich und zog hinterher.

„Sprich wenigstens vorher mit ihr“, riet sie ihm. „Sag ihr, was du vor hast.“

„Sie würde sich nur Sorgen machen“, kam die erwartete, abweisende Antwort.

„Oh, das hoffe ich“, gluckste Alexandra belustigt, „dann wäre wenigstens eine Person in deinem Umfeld normal.“

Indes zog Nick an der Kasse vorbei zur gläsernen Ausgangstür. Draußen regnete es immer noch in Strömen. Mit der Klinke unter den Fingern drehte er sich zu Alexandra um, die ihn daraufhin freundlich anlächelte. Er zögerte. Er wollte etwas sagen, das ihm widerstrebte. Dann drehte er sich wieder weg. „Einverstanden. Ich rede mit ihr. Aber ich werde ihr nur sagen, dass ich mich um die Sache kümmern werde. Dieses ganze Turnier war reine Zeitverschwendung.“

„Objektiv betrachtet ja“, erwiderte seine Partnerin, „aber trotzdem hast du sie nicht davon abgehalten teilzunehmen.“

„Es war ihr Traum. Aber Träume … sind bedeutungslos.“ Sprachs und schritt alleine heraus in den strömenden Regen.

Alexandra sah ihm nachdenklich hinterher, wie er sich die Kapuze seiner Jacke überzog und mit Händen in den Hosentaschen eiligen Schrittes die Straße überquerte. Sie würde ihm nicht folgen. Er war ein interessanter Mann. Aber sie würde ihm nicht folgen …

 

~-~-~

 

„Hey“, rief Anya dem Rollstuhlfahrer im Gang hinterher, als sie ihn endlich erreicht hatte.

Anders als vorhin war er dieses Mal nicht in Begleitung seiner Mutter. Und er hielt auch nicht an, obwohl er das laute Organ des Mädchens vernommen haben musste.

Die legte daraufhin grummelnd einen Zahn zu und holte den Jungen griechischer Wurzeln letztlich ein. „Nimm's nicht so schwer, 'kay? Du hast dein Bestes gegeben.“

Othello reagierte gar nicht. Zähneknirschend sprang Anya ihm daraufhin vor den Rollstuhl, sodass er notgedrungen anhalten musste.

„Reiß dich zusammen!“, fuhr sie ihren neugewonnenen Freund an. „Sie hätte gewonnen, egal was du versucht hättest! Also steh' drüber!“

Völlig sicher war Anya sich mit der Aussage zwar nicht, aber ihr Bauchgefühl betrog sie in solchen Angelegenheiten selten. Das Miststück hatte von Anfang an viel zu viele Optionen gehabt.

Der strohblonde Junge sah schließlich zu ihr auf. „Das ist es ja gerade. Ich hatte von Anfang an keine Chance.“

Anya konnte diese bittere Erkenntnis zu gut nachvollziehen. So weit gekommen zu sein, nur um am Ende vor einer undurchdringlichen Eisenmauer zu stehen.

„Hier“, sprach Othello und streifte die fingerlosen, weißen Handschuhe von den Händen, „die haben mir leider kein Glück gebracht. Aber trotzdem danke.“

Wortlos nahm Anya sie entgegen und betrachtete sie, schloss sie dann aber mit kämpferischem Gesichtsausdruck in ihrer Faust ein. „Sie hat mich herausgefordert. Also Claire meine ich. Übermorgen früh. Und ich werde sie besiegen, für dich!“

„Viel Glück“, wünschte Othello und senkte das Haupt.

Er wollte weiter, doch Anya versperrte ihm beharrlich den Weg. „Ich meine es ernst! Dieses Miststück bekommt eine heftige Abreibung dafür, dich so fertig gemacht zu haben. Und wenn ich erst Duel Queen bin, kannst du mich solange herausfordern, bis du mich besiegt hast. Deal?“

Obwohl er scheinbar dagegen ankämpfte, musste Othello auflachen. Schwach schmunzelnd blickte er zu Anya auf. „Du spinnst. Außerdem habe ich dich schon besiegt.“

„Die alte Anya vielleicht. Nicht die Duel Queen-Anya.“

„Dann wünsche ich dir viel Erfolg. Ehrlich. Oh, bevor ich es vergesse, wir reisen bereits morgen ab. Also sollten wir Telefonnummern austauschen, damit wir den Kontakt halten können.“

Die Blonde nickte. „Yeah. Warte, hast du was zum Schreiben?“

 

Oh, dass ich noch miterlebe, wie ein Junge um deine Telefonnummer bittet. Der arme Tropf hat keine Ahnung, worauf er sich da einlässt.

 

Anya knirschte nur zornig mit den Zähnen, während Othello in seiner Hosentasche nach irgendetwas Beschreibbaren suchte. Für den blöden Kommentar würde sie sich an Levrier rächen, eines Tages!

Schade, dass ihr Plan, Othello in den Ring zu schicken letztlich nicht aufgegangen war. Andererseits, der Grundgedanke war gar nicht so übel, schoss es dem Mädchen durch den Kopf. Man müsste nur …

 

~-~-~

 

„… er wohnt irgendwo in Oregon, den genauen Ort hab ich vergessen“, erzählte Anya ihren Freunden etwa anderthalb Stunden später vom Rest des Gespräches mit Othello.

„Oh mein Gott, sie interessiert sich wirklich für jemanden anderen als sich selbst“, staunte Zanthe neben ihr übertrieben, wie sie zu dritt den immer ein wenig dunkel anmutenden Flur zu ihrem Hotelzimmer entlang schritten.

Matt zu Anyas Rechten grinste. „Ist doch gut.“

„Ich find's bedenklich, weil es den Glauben vieler Amerikaner an Außerirdische, die Menschen entführen und austauschen, nur festigen wird.“
 

Verärgert biss Anya die Zähne zusammen. Immer sagten ihr alle, sie solle etwas mehr auf andere zugehen und sich gut mit ihnen stellen. Jetzt versucht sie es -einmal- und das ist auch wieder nicht recht! Bah!

Vor der Zimmertür angelangt, zog sie mit mehr Schwung als nötig ihre ID-Karte durch den kleinen Apparat direkt daneben. Das rote Licht daran wechselte auf Grün, die Tür ließ sich öffnen.

„Ich muss mich jetzt abreagieren“, schnaubte das Mädchen beim Eintreten, „und ich weiß auch schon ganz genau an wem!“

Denn da wartete noch immer jemand im Badezimmer auf sein Verhör! Und das würde die ganze Nacht in Anspruch nehmen, so viel stand schon mal fest!

 

Während Anya mit grimmiger Vorfreude ohne Umweg zum Bad zu ihrer Rechten stampfte, bemerkte Zanthe, dass auf der kleinen Kommode direkt neben der Tür ein quadratischer Notizzettel lag, den er beim Verlassen des Zimmers vor ein paar Stunden noch nicht gesehen hatte.

„Hm?“ Er nahm ihn an sich.

Seine Freundin riss ihres Zeichens die Badezimmertür auf, nur um ein langes Gesicht zu ziehen. Lees Fesseln lagen zwar noch in der Badewanne, aber von dem länglichen Vokuhila-Träger selbst fehlte jede Spur.

„Scheiße!“, entfuhr es ihr.

Zögerlich trat sie näher an die Badewanne und betrachtete besonders den Knebel interessiert, ein umfunktioniertes Stück Unterwäsche von ihr. Es war … durchgebissen …

„Leute“, schnellte sie kurzerhand aus dem Bad, „unsere Geisel ist weg.“

„Was!?“, fiel Matt aus allen Wolken.

„Schade“, zuckte Zanthe dagegen unbedarft mit den Schultern. „Naja, während Matt dir die Schuld dafür gibt, geh ich mal schnell an die Rezeption. Da wurde ein Päckchen abgegeben.“

 

Anya stand der Mund offen aufgrund der Tatsache, dass ihr Freund so gelassen blieb und einfach das Zimmer verließ.

„U-uh. Wie ist der bloß entkommen?“

Matt zuckte mit den Schultern. „Vielleicht hast du die Fesseln nicht fest genug gezogen?“

„Ach, also hörst du auch noch auf den Flohpelz!?“, brauste Anya sofort auf. „Ich war gründlich, verdammt! Außerdem wäre das garantiert nicht passiert, wenn ich mein -übliches Equipment- gehabt hätte!“

Der unmissverständlich abweisende Gesichtsausdruck Matts sprach Bände darüber, dass er ihr weder glaubte, noch wissen wollte, wie Anyas -übliches Equipment- überhaupt aussah.

Nachdenklich schritt er durch das Zimmer. „Hm. Er muss entkommen sein bevor der Zimmerservice die Nachricht hinterlassen hat. Ansonsten wären wir schon längst von Polizisten in Empfang genommen worden.“

„Was für eine Nervensäge“, brummte Anya und schnaubte. „Und nun?“

Matt drehte sich vor dem Panoramafenster zu ihr um. „Ich kann ihn verfolgen wenn du willst.“

Die Blonde machte ein überraschtes Gesicht, als sie zu ihrem Bett watete und sich sinken ließ.

„Nennen wir es einfach Revanche. Durch ihn bin ich in ziemliche Schwierigkeiten mit Mrs. Carrington geraten“, erzählte Matt, „und gleich als wir diesen Spinner im Bad eingesperrt haben, habe ich ihn heimlich mit einem Zauber markiert. Nur für den Fall.“

„Cool“, gluckste Anya. Verschränkte dann aber die Arme. „Bloß was haben wir davon, den wieder zurückzuholen?“

„Nichts. Er ist ein Idiot.“

„Hm. Aber vielleicht weiß er was über die Hüter.“

„Wohl kaum. Wenn Mrs. Carrington nichts wusste, dann der erst recht nicht. Und Kooperation ist nicht gerade seine Stärke, wie du selber gemerkt hast.“ Matt seufzte. „Außerdem wird’s schwer, ihn hier langfristig unbemerkt festzuhalten.“

Seine Freundin verzog das Gesicht. „Und das fällt dir jetzt ein, wo wir ihn schon einmal eingesperrt haben?“

„Vielleicht trügt mich mein Erinnerungsvermögen, aber ich war derjenige von uns Dreien, der sich dagegen ausgesprochen hat.“ Matt kniff die Augen zusammen. „Aber die beiden rachsüchtigen Furien aka meine Zimmergenossen haben gar nicht zugehört.“

„Weiß nicht wovon du redest“, zuckte Anya mit den Schultern und sprang von ihrem Bett auf.

 

„Was auch immer“, nuschelte sie und reckte dabei den Kopf hin und her, „Summers, als ich von Othello die Handschuhe zurückbekommen habe, ist mir noch ein anderer Gedanke gekommen, wie ich mein Problem lösen könnte.“

Überrascht sah der schwarzhaarige Dämonenjäger sie an, wie sie auf ihn zu schlenderte. „Mit Claire?“

Wie selbstverständlich kam es zurück. „Überhaupt. Mit dem Sammler. Es gibt doch bestimmt noch mehr Dämonen seines Kalibers, oder?“

Einen Moment schwieg Matt und musste sich dem bohrenden Blick seines Gegenüber aussetzen, welcher zunehmend ungeduldiger auf eine Antwort wartete. Als Anya es nicht mehr aushielt, fragte sie genervt: „Und, ja oder nein?“

„Es gibt mit ihm fünf Wesen vergleichbarer Kräfte“, erklärte er schließlich, „aber ich-“

„Welche sind das?“

Resignierend zuckte Matt mit den Schultern. Schön, wie sie ihn immer so offen und höflich ausreden ließ. „Den Collector-Dämon, oder kurz Sammler, kennst du ja. Dazu kommt Gardenia, die Gelehrte oder auch die Weiße Hexe genannt, eine, nun ja, uralte Hexe eben. Dann wäre da noch Athena, die Botschafterin, aber die hat man seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Viele vermuten, dass sie tot ist.“

Es war erstaunlich, wie interessiert Anya ihm zuhörte, ging es Matt dabei durch den Kopf. „Und die übrigen zwei?“

„Anderslord oder auch Outsider Seraphix und ein Dämon, dessen Namen man nicht laut aussprechen darf, da er dich sonst für den Rest deines Lebens beobachten kann, so heißt es.“

Verständig nickte sein Gegenüber und kratzte sich am Hinterkopf. „Und, uh, könnte einer von denen den Sammler einstampfen?“

„Denkst du etwa daran, eines dieser Wesen um Hilfe zu bitten!?“

„Warum nicht?“, nickte Anya.

„Bist du verrückt!?“ Matt packte sie unerwartet an den Schultern, wodurch Anya erschrocken zurückwich. „Wer sagt, dass sie dir helfen werden? Und woher sollen wir wissen, ob es außer dem Sammler überhaupt jemanden gibt, der dein gestohlenes Leben wiederherstellen kann? Du kannst ihn nicht töten, ohne damit dein eigenes Leben in Gefahr zu bringen!“

Anya schob mit grimmigem Gesichtsausdruck erst seine eine Hand, dann die andere mit ihrem Arm von den Schultern. „War doch nur ein Gedanke!“

„Den Sammler anzugreifen sollte unsere allerletzte Option sein. Schon so einige Dämonenjäger und Dämonen haben versucht, ihn umzubringen, ohne Erfolg. Und die sind besser als wir!“

Schmollend wandte sich die Blonde von ihm ab. „Deswegen habe ich auch nach den großen Geschossen gefragt. Geez!“

„Das würde nur nach hinten losgehen“, prophezeite ihr Matt, als sie wegging.

 

Im selben Augenblick flog die Tür auf und ein grinsender Zanthe schneite herein. „Anya, der Weihnachtsmann ist da!“

„Huh?“

„Und Matt hat Recht, das ist eine unglaublich dämliche Idee von dir. Wie immer.“

In den Händen hielt der Kopftuchträger ein kleines Päckchen, das ihm, als Anya ihn erreichte, schnurstracks entrissen wurde.

„Für mich?“, fragte sie und betrachtete es neugierig.

„Steht doch drauf, du hohle Nuss. Natürlich ist es für dich, oder heißt Matt neuerdings auch Anya?“

Etwas Verächtliches vor sich hin zischend, drehte sich Anya von ihm weg und schritt eilig zum kleinen Tisch. Der Werwolf folgte ihr dabei. „Mach's auf, ich will wissen, was da drin ist!“

Nicht weniger neugierig war auch die Empfängerin selbst, die das Päckchen ablegte und erst noch einmal genau ansah. Der Absender war … Mr. Palmer, ihr Chef!

„W-wieso schickt der mir ein Paket?“, staunte Anya.

„Die wichtigere Frage: Wieso schaust du nicht endlich nach was drin ist?“ Auf Zanthes permanentes Drängeln hin gesellte sich auch Matt interessiert dazu.

 

Etwas unbeholfen kämpfte Anya damit, es überhaupt aufzubekommen. Aber letztlich landeten in ihrer Hand drei Dinge. Ein noch völlig ungeöffnetes Structure Deck und zwei Zettel. Und Anya staunte Bauklötze, als sie den Namen des Decks las: 'The Dormant Gem-Knights'.

Und darüber war ein Covermonster abgebildet, dass sie gar nicht kannte. Eine weibliche Ritterin, in blassgoldener Rüstung steckend, die ein einfaches Schwert mit sich führte. Doch ihr Brustpanzer und ihr Helm, sie bestanden fast vollständig aus Brillanten.

„Oh! Das fällt mir ein! Verdammt, dass hatte ich wegen dem ganzen Stress völlig vergessen“, schoss es aus Zanthe heraus, welcher sofort Kehrt machte und zu seinem Bett rannte.

Anya, völlig im Bann der Verpackung gefangen, legte die beiden Notizzettel beiseite, die sich Matt an ihrer Stelle nahm.

„Der eine ist von deinem Chef. Ich les' mal vor“, sagte er und begann laut vorzulesen.

 

Hallo Anya,

 

ich hätte nie gedacht das zu sagen, aber ich bin stolz auf dich. Du hast es weit gebracht. Und du trägst das T-Shirt, wie ich es angeordnet hatte. Die Leute rennen mir seitdem praktisch die Bude ein. Danke!

 

Im Übrigen wurde ich von Mr. Benjamin Ford höchstpersönlich darüber informiert, dass du dein Deck kurz vor dem Legacy Cup verloren hast. Ich kann mir schwer vorstellen, wie schmerzlich dieser Verlust für dich ist. In Absprache mit ihm schicke ich dir daher dieses Deck, welches eigentlich erst in zwei Wochen offiziell auf den Markt gebracht wird. Aber du weißt ja, manche Läden brechen hin und wieder die Regeln und verkaufen verfrüht Ware. ;-)

 

Lass nie den Kopf hängen! Ganz Livington steht hinter dir. Oder beinahe ganz Livington. ;-)

 

Liebe Grüße
 

Nico Palmer

 

Indes hatte Zanthe in seinem Koffer gefunden, wonach er gesucht hatte und war an Anyas Seite zurückgeeilt. „Hier, das wollte ich dir schon die ganze Zeit zeigen. Aber das hat sich dann wohl erübrigt.“

Er hielt ihr einen Prospekt vor die Nase, auf dem neben dem bald erscheinenden, neuen Duel Monsters-Set auch das Structure Deck in Anyas Händen abgebildet war, mit dem Zusatz 'Coming Soon'. Anya sah nur kurz wortlos hin, betrachtete stattdessen die ungeöffnete Verpackung in ihrer Hand und umklammerte sie fester.

„Hm“, machte Matt und schnappte sich die Überreste des Pakets, „der Poststempel ist schon ein paar Tage alt. Das Deck sollte wohl spätestens zum Finale eintreffen. Schade, damit hättest du Othello sicher überraschen können.“

„Alles in Ordnung?“, fragte Zanthe das Mädchen, das sich zwischen den beiden jungen Männern befand.

„Yeah.“

Unzufrieden mit ihrer abwesenden Antwort richtete sich der Werwolf an Matt. „Was steht auf dem zweiten Zettel?“

„Ist eine Rechnung. Oh, das Datum ist falsch.“ Matt nickte. „Verstehe, für den Fall, dass irgendjemand Anya des Betrugs anschuldigen will. Damit könnte man nachweisen, dass das Deck erst später hätte versendet werden sollen und aus Versehen … Anya?“

Jene murmelte in dem Moment: „Das Schnöselkind und Mr. Palmer, sie …“

„Sag einfach danke, wenn du sie das nächste Mal siehst“, schlug Zanthe ihr aufmunternd vor.

Anya nickte fest. „Werd' ich. Und verdammt, was genau ist da jetzt drin!?“

 

Was dann folgte war ein Mädchen, das sich wie ein Aasgeier auf die Verpackung stürzte und die Karten wild über den Tisch verteilte. Während Matt zur Toilette entschwand, ließ Zanthe sich auf einen der drei Stühle nieder und betrachtete Anya vergnügt, wie sie die Karten vor sich verteilte.

„Moment mal! D-das kann doch nicht wahr sein!“

Direkt vor ihr lagen ausgebreitet Ausführungen von [Kuriboss], [Gem-Knight Turquoise], dem Zauber [Gem-Knight Power Bracelet] sowie den Fusionsmonstern [Gem-Knight Seraphinite] und … [Gem-Knight Master Diamond]! Alles Karten, die sie vom Jinn erhalten hatte, ergo -einzigartige- Karten! Die jetzt ganz offensichtlich nicht mehr so einzigartig waren!

„Dieser verdammte-!“, schnaubte Anya. „Das hat er doch mit Absicht gemacht! Wenn ich den erwische, reiß ich ihm das Rückgrat raus und stecke es verkehrt herum in sein verdammtes Maul! Argh!“

Zanthe kicherte nur amüsiert, wie sie die Karten hochrot zusammenpackte und auf einen Stapel legte, wo bereits die anderen Karten lagen, die Anya schon besaß.
 

Wie ich sehe hat es meine Karte nicht in das Deck geschafft. Ich fühle mich einen Hauch beleidigt.

 

„Deine blöde Karte braucht eh kein Mensch! Aber er hat sich an meinem Deck vergangen, es entweiht! Es wird nie wieder dasselbe sein! Jeder kann es jetzt so spielen wie ich!“

Bissig erwiderte Zanthe: „Also du hast Pearl regelmäßig gebraucht.“

„Schnauze, Flohpelz!“

„Sei doch froh. Jetzt wird dich nie wieder jemand danach fragen, was das für Karten sind.“

„Hat auch so keiner gemacht!“

Mit der Zunge schnalzend und den Augen rollend, erwiderte ihr Freund: „Statt sich zu freuen … Das sind doch mindestens zehn neue Karten, die du dafür in dein Deck einbauen kannst. Nein, Quatsch, noch mehr sogar!“

Anya legte ihre Hand ans Kinn. „Tch, was auch immer, den knöpf' ich mir beim nächsten Mal vor! Aber bei so vielen Karten muss ich wohl mein Deck völlig neu bauen, schätz' ich.“

„Wenn du willst, kannst du es danach an mir testen“, schlug Zanthe vor, „es wäre ziemlich dämlich, ein ungetestetes Deck gegen Claire Rosenburg einzusetzen.“

„Uh-huh.“

„Warte! Mir fällt da gerade noch etwas ein!“

 

Zanthe sprang vom Tisch auf und eilte wieder zu seinem Bett in der Mitte des Raums, welches sich direkt neben der Zimmertür befand. Den sich darauf befindenden, offenen Koffer kurz durchwühlend, kam er mit einer Karte in der Hand zurück.

„Hier“, reichte er sie Anya, „dann kannst du die gleich mit einbeziehen. Ich brauche sie nicht.“

Irritiert nahm die Blonde sie entgegen. „D-danke?“

„Oh, du kennst das Wort tatsächlich. Das muss ich mir rot im Kalender eintragen“, grinste der junge Mann mit dem zum Pferdeschwanz gebundenen, vom Kopftuch bedeckten Haar und setzte sich wieder. Im Hintergrund drang aus dem Bad der Klang der Spülung.

„Hmpf. Wieso gibst du mir die überhaupt?“

„Habe sie neulich aus einem Booster gezogen. Weißt du“, sagte er und seine Gesichtszüge wurden ernst, „sieh' es als Entschuldigung an.“

Anya blinzelte verdutzt. „Wofür?“

„Oft kann ich der Versuchung nicht widerstehen, dir fiese Kommentare reinzudrücken.“ Zanthe sah betrübt auf die vor Anya ausgebreiteten Karten. „Obwohl ich das gerade heute eigentlich lassen sollte, nachdem dein Traum-“

„Schon okay“, schnitt Anya ihm da plötzlich das Wort ab.

Ihr Freund blickte überrascht auf. „Was?“

Bewusst zur Seite, aus dem Fenster blickend, erwiderte sie: „Irgendwer muss mir die Fehler aufzeigen, die ich als zukünftige Duel Queen nicht mehr begehen darf. Und da du dich ungefragt dafür bereit erklärt hast, nun, dann mach halt. Kann dich sowieso nicht von abhalten. Hmpf.“

Woraufhin Zanthe regelrecht strahlte: „Ich wusste, du würdest es verstehen.“
 

Ich glaube, das hättest du nicht sagen dürfen. Jetzt wirst du den Stempel 'hohle Nuss' nie wieder los.

 

„Hrgh!“ Levrier hatte Recht! Elender Flohpelz, der wollte nur ein Freiticket für seine blöden Kommentare!

In dem Moment kam Matt aus dem Bad. „Ich habe dich schreien hören und irgendwas mit Rückgrat. Will ich mehr wissen?“

„Nein, möchtest du nicht“, beantwortete Zanthe die Frage für Anya grinsend. „Nur ihre üblichen Zwangsneurosen, mehr nicht.“

„Schnauze! Hey Summers, du stehst gerade gut. Hol' mir mal den Koffer!“

„Welchen? Den etwa?“ Er zeigte auf den gläsernen auf der kleinen Kommode, wo die Notiz vom Hotelpersonal gelegen hatte und in dem Anyas Preiskarte eingebettet war. Die Blonde nickte.

Als Matt sich ebenfalls an den Tisch gesetzt und Anya das gute Stück vor der Nase liegen hatte, schnaubte sie. „Dann kann der Deckbau ja beginnen.“

„Moment, du willst die doch nicht-?“

Aber Zanthes Einspruch wurde von einer ernsten Anya abgewiesen. „Wenn ich das Ding rumstehen lasse, besteht nur die Gefahr, dass Kali es sich unter ihre gierigen Krallen reißt. Also komme ich ihr zuvor und packe es in mein Deck, welches ich -nie wieder- unbeaufsichtigt liegen lassen werde!“

„Und der Pokal?“, fragte Matt.

„Hab mich längst damit abgefunden, den zu verlieren. Und mal ehrlich, der ist aus Silber. Wer will 'nen beschissenen Silberpokal im Zimmer stehen haben, der einen ständig daran erinnert, dass man für Gold nicht gut genug war?“

Zanthe seufzte. „Was für eine naive Ansichtsweise.“

„Typisch Anya eben“, pflichtete Matt ihm bei.

„Schnauze!“, wiederholte die sich und schlug dann die Faust in die flache Hand. „Helft mir lieber dabei, das Deck der zukünftigen Duel Queen zu bauen! Und zwar pronto!“

 

Du lässt dir tatsächlich helfen? Ich bin geschockt. Und ein kleines bisschen stolz.

 

Nicht nur er, dachte das Mädchen dabei glücklich. Mit den neuen Karten von Mr. Palmer, ihrem Trostpreis und vielleicht auch ein bisschen der vom Flohpelz würde sie endlich die nächste Stufe erreichen. Und dann war Claire Rosenburg fällig, aber sowas von!

 

 

Turn 78 – Encircled

Anya nutzt den Tag vor dem Duell mit Claire dafür, sich die Grundlagen von Riding Duels anzueignen. Natürlich mit niemand anderem als Logan. Auch ihre Freunde nutzen die Zeit, um sich ihren Problemen zu stellen. Und plötzlich ist es soweit: Die aufstrebende versus die amtierende Duel Queen …



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Kommentare zu diesem Kapitel (1)

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Von:  fubukiuchiha
2017-11-12T15:36:13+00:00 12.11.2017 16:36
Hey
Super Kapitel, armer Othello er hatte keine Chance gegen Claire, er tut mir echt leid. Jetzt hat Anya aber eine Vorahnung was die Weltmeisterin für ein Deck besitzt. Ich bin echt neugierig, was das für Karten sind, die Anya als Preis und von Zanthe bekommen hat.
Man merkt dass Anya und Nick verwandt sind, die wollen beide mit dem Kopf durch die Wand, hoffentlich geht das gut.
Anya in einem Riding-Duell... kann Anya überhaupt Auf einem D-Runner fahren? Die Dinger haben ja zum Glück Autopilot.
Bin echt auf dieses Duell gespannt, hoffentlich gibt es keinen Unfall.
Lg fubukiuchiha


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