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Prelude of Shadows

Die Team Shadow Chroniken
von

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Ronya – Akt 2, Szene 4

7 Jahre vor Team Shadows Gründung

 

Ronya war vorbereitet. Max nicht.

Beim Klang der ihm bekannten Attacke schaute Max verwirrt auf, und wurde sofort von Sheinux umgerissen, das durch die Luft gesegelt kam. Die beiden kugelten als zankendes Fellknäuel durchs Gras. Ronya knirschte mit den Zähnen. Sie hatte sofort einen Fehler begangen! Da spürte sie Amys Händedruck.

„Ruhig bleiben, du musst es nicht besiegen, nur schwächen. Der Kampf ist nicht verloren!“

Ronya nickte entschlossen. „Max, befrei dich mit Rutenschlag!“

Sie konnte nur grob erkennen, was geschah, aber tatsächlich wurde Sheinux weggeschleudert und landete auf allen Vieren, knurrend und bereit zum Angriff. Sein Blick durchbohrte Max regelrecht, der zurückzuckte, sich dann jedoch zusammenriss und zu einem Tackle ansetzte.

Mit jeder Sekunde, die verstrich, jeder Attacke, die zwischen den beiden kleinen Pokémon ausgetauscht wurde, gewann Ronya an Ruhe und Selbstvertrauen. Sie erinnerte sich wieder an die Lektionen in ihren Büchern, daran wie wichtig ihre eigene Mentalität während eines Kampfes war. Ihr Pokémon musste sich auf ihre Befehle verlassen, und sie konnte nur eine gute Strategie entwickeln, wenn sie rational blieb und sich von der Aufregung nicht mitreißen ließ.

Sie atmete tief durch und widmete sich dem Kampfgeschehen. Es war wahrlich kein strategisches Meisterwerk; Max und Sheinux griffen sich solange mit ihren Tackles an, bis sie hechelnd und mit zitternden Beinen im Gras standen und sich angifteten.

Ronya warf den Pokéball und sah mit Herzrasen dabei zu, wie er auf Sheinux traf und das kleine Pokémon in einem Strahl roten Lichts einsaugte. Der Pokéball zuckte einige Male, dann blieb er still liegen. Sie sackte vor Erleichterung auf die Knie, während Amy einen Freudentanz um sie herum veranstaltete. „Du hast es geschafft! Und beim ersten Versuch, Wahnsinn! Wirklich großes Kino! Herzlichen Glückwunsch, Ronya.“

Max sah ziemlich mitgenommen aus, aber er begann sofort, den Pokéball mit seiner Stupsnase auf Ronya zuzurollen. Sie ging in die Hocke, und als er sie erreichte, nahm sie Max in den Arm und drückte ihn fest an sich.

„Toll durchgehalten“, flüsterte sie. „Ich verspreche dir, dass ich eine bessere Trainerin werde.“ Max grummelte wohlig und leckte ihr über die Wange.

„Jetzt ruf es schon“, quengelte Amy aufgeregt neben ihr.

Ronya setzte Max ab, der aufgeregt mit dem buschigen Hinterteil wackelte. Der neue Pokéball war warm unter ihren Fingern, wie etwas Lebendiges. Fühlten sich frisch benutzte Bälle immer so an oder versuchte Sheinux, sich zu befreien? Was, wenn es sie nicht mochte? Wenn alle ihre Bücher ihr im echten Leben nichts nutzten?

„Ronyaaaa“, drohte Amy.

„Okay, okay!“ Ronya betätigte den Knopf und herausgeschossen kam Sheinux. Es sah sich kurz desorientiert um, da wurde es schon von Max umgeworfen, der es freudig abschleckte. Sheinux blinzelte Ronya leidend an. „Runter von ihr“, befahl Ronya. Zu ihrer Erleichterung hörte Max sofort und ließ von seinem neuen Teammitglied ab. „Hallo, Sheinux“, begrüßte Ronya ihr Pokémon. Sie streckte ihm ihre Hand hin, damit es ihren Geruch aufnehmen konnte. Das war für Pokémon mit ausgeprägten Jagdinstinkt und Riechorganen essentiell.

Sheinux schnupperte an ihren Fingern. Sein elektrisch aufgeladenes Fell knisterte sanft über ihre Haut. Sofort musste Ronya an Fortgeschrittene Trainingsmethoden für Elektrotypen denken, eins der Bücher, das sie in den letzten Wochen verschlungen hatte. „Ich würde dich gerne Sybill taufen“, erklärte sie Sheinux. „Ist das in Ordnung für dich?“

Ihr neues Pokémon gab ein Grummeln von sich, das Ronya mit viel Fantasie als Zustimmung deutete. Erleichtert grinste sie Amy an, die ihr zwei Daumen hoch zeigte.

„War das dein erster Pokémonfang?“, fragte sie und hockte sich neben Ronya ins Gras.

„Und mein erster Kampf“, fügte Ronya hinzu. Ihr war ihr Schnitzer immer noch peinlich. „Hat man gemerkt, oder?“

„Klar, aber das ist normal.“ Amys Gesichtsausdruck verdüsterte sich. „Ich kann mich an meinen ersten Kampf nicht mal mehr erinnern.“

Nicht erinnern? Stirnrunzelnd nahm Ronya ihre neue Freundin in Augenschein, aber sie glaubte nicht, dass sie sich im Alter verschätzt hatte. Wie konnte sie so ein Ereignis mit dreizehn Jahren schon vergessen haben? Ronya war davon überzeugt, dass sich ihr Kampf gegen Sheinux für immer in ihr Gedächtnis brennen würde.

Bevor Ronya die Worte finden konnte, um nachzuhaken, verschwand Amys finstere Miene. Sie stand auf. „Na komm, lass uns an den See und mit unseren Pokémon spielen!“

„Meinst du?“ Ronya sah sehnsüchtig zum See. „Sollten wir nicht trainieren, wo wir schon hier sind?“

„Dafür ist später noch genug Gelegenheit, aber bei so schönem Wetter muss man einfach ans Wasser.“ Bevor sie protestieren konnte, schnappte Amy sich schon ihren Arm und zog sie mit.

 

 

Die Sonne ging gerade unter, als ihre Idylle schlagartig unterbrochen wurde.

„So, so, die junge Dame vergnügt sich also am See, während ihre Mutter krank vor Sorge die ganze Stadt durchforstet.“

Amy und Ronya schreckten aus ihrem Nickerchen auf und stießen sich dabei heftig die Köpfe. Ronya stöhnte auf und blinzelte gegen die schrägstehende Sonne, um auszumachen, wer sie angesprochen hatte, doch Amy stand bereits.

„Es tut mir so leid, Mama!“, rief sie und warf sich der Frau aus der Pokémonschule in die Arme. „Ich hatte hier mit diesem Mädchen trainiert, aber dann müssen wir eingeschlafen sein. Habe ich etwa die Unterrichtsstunde verpasst?“

Frau Heartoline strich ihrer Tochter nachdenklich über das Haar, während Ronya völlig benommen das Schauspiel betrachtete.

„I-ist sie das?“, fragte eine zweite Stimme. Erst jetzt bemerkte Ronya den jungen Polizisten, der direkt hinter Amys Mutter stand und sich nervös den Kopf kratzte. Er war hochgewachsen und schlaksig, mit kurzem dunklen Haar, besaß aber die eingezogenen Schultern von jemandem, der gerade von einer herrischen Frau zum Schneckmag gemacht worden war. Sein Blick huschte von Amy zu Ronya und blieb einige Sekunden an ihr kleben, bevor er schuldbewusst wegsah. Ronya hatte sich inzwischen an solche Blicke gewöhnt. Die wenigsten Leute hatten je eine junge Frau mit kahlgeschorenem Kopf gesehen, deswegen starrten sie automatisch, bis sie sich dabei ertappten. Einmal war sie von einer alten Frau mit Beileidsbekundungen zu ihrer Krankheit überhäuft worden, bis Ronya ihr genervt klar gemacht hatte, dass es sich lediglich um eine alternative Frisur handelte.

„Ja, Lukas, das ist meine vermisste Tochter“, erklärte Frau Heartoline dem Polizisten, den sie wie selbstverständlich mit Vornamen ansprach. „Glücklicherweise hatte mein Sohn mit seiner Vermutung Recht, wo sie sein könnte. Jetzt komm, Amy, euer Privatunterricht fängt gleich an und bis zum Hotel ist es weit. Wir müssen wohl ein Taxi nehmen …“

Ohne Ronya eines weiteren Blickes zu würdigen, zog sie Amy mit sich, die Ronya über die Schulter entschuldigend die Zunge rausstreckte. Ronya starrte den beiden hinterher, genau wie der Polizist, der erleichtert ausatmete, kaum dass die Heartolines hinter einer Weggabelung verschwunden waren.

„Uff“, sagte er und wischte sich Schweiß von der Stirn. „Diese Frau möchte ich nicht zur Feindin haben.“

Ronya nickte abwesend. Sie musste immer noch an Amys plötzlichen Verhaltensumschwung denken, und daran, wie falsch sie das Mädchen deshalb zuerst eingeschätzt hatte. Und sie dachte an all die Momente, wenn Amy traurig wirkte, und dann sofort wieder lächelte und das Thema wechselte, so als wäre nichts gewesen.

Wie eine Maske, hinter der sie sich jederzeit verstecken konnte.



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Kommentare zu diesem Kapitel (2)

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Von:  Lady_Ocean
2022-06-12T05:30:27+00:00 12.06.2022 07:30
Das war mal ein cooler erster Pokémonkampf. :D Weil man bei beiden - Trainerin wie Pokémon - so deutlich rausfühlt, dass sie das zum ersten Mal machen. Und es hat auch schön gezeigt, wie unsicher Ronya sich mit dem Umsetzen ihres Wissens in die Praxis fühlt. Als sie so gezögert hat, Sheinux rauszulassen, war es dasselbe. Amy war ihr da in beiden Situationen eine große Hilfe. Sie gibt ihr den nötigen Schubs in die richtige Richtung. Ich muss zugeben, ich war auch ein wenig aufgeregt, wie Sheinux erste Reaktion als Trainerpokémon wohl aussehen mag. Im Grunde konnte man schon davon ausgehen, dass es Ronya als Trainerin wohl akzeptieren würde. Schließlich hatte es sich auf Anhieb mit einem Pokéball fangen lassen. Aber so ganz freiwillig war das ja nicht. Murphy beispielsweise hatte sich damals auch sehr schwer damit getan, nun einem Trainer gehorchen zu müssen. Und das Damhirplex, das Louis gefangen hatte, ebenso. Da war ich dann doch erleichtert, dass Sheinux ihre neue Situation verhalten-positiv beurteilt hat. Und sie ist ein viel ruhigerer Typ als der quirlige Max. XD

Amys Verhalten macht in Gegenwart ihrer Mutter 'ne richtige 180°-Drehung. Wahrscheinlich hat sie es längst aufgegeben, ihre wahren Gefühle zu zeigen und darum zu bitten, so sein zu können, wie sie es gern möchte. Ihr erster Pokémonkampf und der Erhalt ihres ersten Pokémon liegen bestimmt auch schon viele Jahre zurück. Aktuell macht Amy auf mich auch nicht den Eindruck, als hätte sie Spaß am Trainieren und würde es als Trainerin irgendwann mal weit bringen. Sie nutzt das Wissen, das sie hat, aber sonderliches Interesse am Kämpfen hat sie nicht. Ihrer Mutter hingegen liegt sehr viel daran, dass Amy ihre Trainerausbildung ernst nimmt. Sonst wäre sie bei Amys Ausrede nicht verstummt. Dass Amy mit Ronya trainiert hat, hat sie offenbar etwas milde gestimmt. Es ist voll schade, dass dieser Zwang durch die Mutter Amy im Endeffekt das leidig macht, wofür sie sich im Grunde eigentlich interessiert hätte. Dass sie später doch den Weg zum Pokémontraining zurückgefunden hat, ist wirklich erstaunlich. Was für Pokémon sie wohl bisher so hat? Ich bin gespannt, wann wir es herausfinden werden.
Von:  Kerstin-san
2022-06-11T15:25:00+00:00 11.06.2022 17:25
Hallo,
 
ich fand es sehr realistisch, dass Max erst mal gar nicht checkt, was Sache ist, weil er gar nicht auf einen Kampf eingestellt war, aber mir hat gefallen, dass Ronya sich davon nicht groß aus der Ruhe hat bringen lassen, sondern ihr Ding durchgezogen und nun im Endeffekt ein neues Teammitglied ihr eigen nennen kann. Bei ihrem Gedankengang, dass es ja keine taktische Meisterleistung war, sondern beide einfach nur stur eine Attacke einsetzen, musste ich lachen. So sahen in Pokémon Blau, Blattgrün etc. ja auch immer meine Kämpfe gegen den Rivalen aus, wenn beide Pokémon gerade mal auf Level 5 waren. Da gabs halt nicht viele Möglichkeiten xD Auf welchem Level ist Max denn in etwa?
 
Oh Gott, Max ist so herzig! Erst rollt er denn Ball zu Ronya und dann ist er so begeistert von Sheinux, dass er es in seinem Enthusiasmus einfach umwirft, während Sheinux das ganze mehr oder weniger einfach über sich ergehen lässt. Ich hatte dabei ganz tolles Kopfkino^^
 
Mir gefällt, wie du Ronyas angelesenes Wissen immer so einfließen lässt. Zum Beispiel die Sache mit ihrem Geruch, den Sheinux aufnimmt. Das sind immer so tolle Details.
 
Ich war ähnlich verdutzt wie Ronya, als Amy ihren ersten Kampf erwähnt hat. Man sollte doch meinen, dass das ein super einprägsames Erlebnis ist. Bin jetzt schon neugierig, was die Hintergründe dazu sind. Verrückte Idee, aber vielleicht will Amy ja gar keine Pokémontrainerin sein und wird von ihrer Mutter eher in die Richtung gedrängt (so stark, dass sie mittlerweile die Lust daran verloren hat)? Das würde erklären, warum sie die Trainerschule sauen lässt und auch lieber am See spielen will, als gemeinsam mit Ronya zu trainieren (oder haben sie das später noch gemacht?). Interesse an Pokémon hat sie ja offensichtlich schon, aber vielleicht will sie momentan einfach keine Pro-Trainerin werden?
 
Ob Amy Ronya wohl an Thea erinnert? Diese Verwandlung in ihrem Auftreten, das sie wie auf Knopfdruck beherrscht oder diese Maske, wie Ronya es nennt, erinnert mich jedenfalls an Thea. Natürlich nur mit dem Unterschied, dass Amy nach Freiheit strebt, während Thea sich an Ronya klammern wollte. Aber vom Grundprinzip her, finde ich das beides sehr ähnlich. Ich bin echt super neugierig, was bisher so in Amys Leben passiert ist.
 
Liebe Grüße
Kerstin


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