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Every Little Thing

von  -Moonshine-

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Kapitel 14: Breaking Through The Walls

Betrübt starrte ich aus dem Fenster in den Hinterhof hinaus. Direkt vor dem Haus wuchs ein großer Kirschbaum und draußen regnete es unaufhörlich, wie schon den ganzen Tag über.
Ich hatte mich mal wieder vor Sean ins Schlafzimmer geflüchtet. Er war viel früher von der Arbeit zurückgekommen, als ich erwartet hatte. Als ich nachgefragt hatte, erklärte er, dass er heute Nacht noch einmal raus musste, Streife fahren. Nur ein paar Stunden, aber anscheinend war das Gang und Gebe. Jedenfalls war es schwierig, ihm auf so engem Raum aus dem Weg zu gehen. Da er aber sowieso gerade seinen polizeilichen Papierkram erledigte, den sie ihm immer mitgaben, war es ein Leichtes gewesen, sich davonzustehlen. Zur Not konnte ich ja immer noch behaupten, dass ich ihn nicht stören wollte. Wollte ich ja auch nicht, nur eben aus anderen Gründen.
Mittlerweile hatte ich mich wieder ein wenig beruhigt, doch meine Ängste saßen noch immer tief drin und ließen mich nicht in Ruhe. Ich zermarterte mir rund um die Uhr das Hirn nach einer logischen Antwort, wog Dinge ab und versuchte, etwas rationaler an die Sache heranzugehen.
Im ersten Moment war ich geschockt gewesen, aber jetzt erschien mir einiges klarer.
Ja, ich hatte überreagiert, wenn auch nur in Gedanken. Ja, er war attraktiv und hinreißend, aber das bedeutete noch lange nicht, dass er ein unanständiger, ungehobelter Klotz ohne Moral war. Und ja! Ja, ja, ja, ich war ein elender Feigling, dass ich ihn nicht einfach darauf ansprechen konnte! Aber jedes Mal, jedes verdammte Mal, wenn ich glaubte, ich hätte genügend Mut gesammelt, um es zu tun, lächelte er mich so knieerweichend an und sagte irgendetwas Süßes, und mein Mut verpuffte, löste sich in Luft auf und alles, was ich wollte, war, in diesem süßen Gefühl von flauschig weichen, rosa Wolken zu versinken... Sean war wie eine Droge, ganz eindeutig.
Ich seufzte und lehnte die Stirn an die kühle Scheibe, doch auch diese vermochte es nicht, meinen Kopf abzukühlen, der mittlerweile schon heiß gelaufen war vom vielen Nachdenken. Klar, ich musste mit ihm reden... Reden. Wie sollte ich das bloß anstellen, ohne mich zum Trottel zu machen?
Ich konnte nur hoffen, dass er die Wahrheit sagte. Und dass die Wahrheit das war, was ich hören wollte...

Als hätte er meine Gedanken gelesen, klopfte es plötzlich von Außen an die Zimmertür, die ich nur angelehnt hatte, nicht geschlossen. Ich drehte mich nicht sofort um, aber als ich es tat, stand Sean bereits im Zimmer und blickte mich bekümmert an. Sofort bekam ich ein schlechtes Gewissen. Ich machte ihm Sorgen. Mal wieder! Dabei war es doch das, was ich um jeden Preis vermeiden wollte. Aber andererseits - er machte mir ja auch welche. Halbherzig versuchte ich, ein Lächeln auf meinem Gesicht zustande zu bringen, doch ich fürchtete, es wurde eher eine furcheinflößende Grimasse draus.
"Emily", begann er und trat näher. "Bilde ich mir das vielleicht nur ein oder... gehst du mir seit gestern aus dem Weg?" Seine Augen fixierten mich erbarmungslos und er musterte mich eindringlich.
Oh Gott... ich wusste ja, dass ich mit ihm früher oder später reden musste, aber doch nicht jetzt sofort! Ich war noch immer feige und bin in den letzten Minuten ganz sicherlich nicht um einen Deut mutiger geworden!
"Ich weiß nicht...", murmelte ich und rang mir ein dünnes, unsicheres Lächeln ab. Ich konnte ihn nicht anlügen. Das hätte er mir auf der Stelle angesehen.
Er runzelte die Stirn und zog die Augenbrauen zusammen. Verstand nicht.
"Was ist denn passiert?", wollte er dann wissen. "Hab ich... etwas Falsches gesagt oder... möchtest du nach Hause?" Für einen ganz kurzen Augenblick sah er ein wenig verloren und ratlos aus und der kleine Junge auf dem Foto, von dem Abby erzählt hatte, kam wieder durch.
Schnell schüttelte ich den Kopf. Wenn er so war, konnte ich ihm einfach nicht böse sein. "Nein, es ist nur... also..." Ich schluckte und starrte den Boden an. Man, dieser tolle Teppich faszinierte mich noch immer!
"Ja?", half er nach.
"Ja, nun... gestern hat Mrs. Delaney mich zum Tee eingeladen und da hat sie... na ja... Sachen erzählt." Ich wagte es noch immer nicht, ihn anzusehen.
Sean schwieg und trat dann näher zu mir heran. "Setz dich, Emily."
Das war eine klare Aufforderung, auch, wenn er sich bemühte, es nicht allzu gebieterisch zu sagen.
Still kam ich seiner Bitte nach und setzte mich im Schneidersitz auf das Bett, meine Schlafhälfte. Er ließ sich auf der Bettkante nieder und sah mich dann ernst an. Zu ernst, für meinen Geschmack.
"Erzähl weiter", bat er dann, ohne auch nur den Anflug eines Lächelns. "Was für Sachen?"
Jetzt musste ich das auch noch laut aussprechen... das konnte ich nicht. Ich konnte nie und nimmer so offen zugeben, dass ich so schrecklich verunsichert und so eifersüchtig war...
"Ach... nichts Besonderes eigentlich...", winkte ich ziemlich unüberzeugend ab. "Es ist nur so, dass... ich bin mir nicht ganz sicher..."
"Weswegen?", griff er meine Zweifel sofort auf und suchte aufmerksam meinen Blick. Als ich nicht antwortete und ihn auch nicht anschaute, schüttelte er langsam den Kopf. "Komm schon, Emily. Rede mit mir... Ich kann schließlich keine Gedanken lesen, also musst du mir schon sagen, was dich bedrückt."
Ich musste zugeben, da hatte er Recht... Trotzdem war das nicht so einfach...
"Ich werde auch nicht lachen, falls es das ist, wovor du dich fürchtest", witzelte er und warf mir ein beruhigendes Lächeln zu, das mich leider noch viel mehr aus der Ruhe brachte, als ich ohnehin schon war.
Ich räusperte mich einmal, um Zeit zu gewinnen. Besser, ich brachte das hier schnell hinter mich.
"Ich werde nur nicht so recht schlau aus dir", sprudelte es aus mir heraus. "Manchmal. Okay... eigentlich ganz oft. Die meiste Zeit über..." Oh je, ich redete mich wieder in Schwierigkeiten hinein. Das tat ich oft, wenn ich nervös war. Verunsichert knetete ich meine Hände in meinem Schoß.
"Warum?", fragte er ganz ruhig.
"Na ja, du bist..." Ich hielt inne und entschied, dass es jetzt sowieso egal war. "Ich meine, ich weiß nicht, was... was das ist zwischen uns." Das Blut schoss mir in den Kopf. Herrgott, wieso musste ich nur so peinlich sein?! "Ich meine... du bist immer so nett und lieb und einfach toll und..." Okay, reiß dich zusammen und schalt 'nen Gang zurück. Das hier sollte keine Liebeserklärung werden, schon vergessen?! "Und ich... weiß es trotzdem nicht, also, ich bin mir nicht sicher, weil... du nichts sagst...deswegen", schloss ich ziemlich lahm und leise und bereitete mich auf die sprichwörtliche Guillotine vor, warf ihm einen zaghaften Blick zu, um zu sehen, wie sehr aufgebracht er war.
Doch Sean schien eher verwirrt als aufgebracht. Irritiert blinzelte er mich an und runzelte dann die Stirn, als könnte er mir nicht ganz folgen. "Im normalen Sprachgebrauch nennt man das, glaube ich, eine 'Beziehung'", erwiderte er langsam, seine Mundwinkel zuckten vorwitzig und mein Herz schlug Kapriolen.
Auch, wenn ich mich zwang, meine Hoffnungen nicht direkt in die Höhe schießen zu lassen, klang ich über alle Maßen aufgeregt, als ich fragte: "Eine Richtige?!"
Er schmunzelte. "Was gibt es denn sonst noch?"
"Es gibt... verschiedenen Arten von Beziehungen", wich ich ihm ein wenig aus, weil ich das Kind nicht beim Namen nennen wollte.
Sean reagierte eher verständnislos, als wüsste er nicht, wovon ich redete. "Zum Beispiel?"
Ich druckste ein wenig herum. "Na ja, offene Beziehungen zum Beispiel... und so weiter..."
Über alle Maßen verblüfft starrte er mich an und zu meinem großen Erstaunen brach er anschließend in schallendes Gelächter aus. "Du denkst, ich würde andere Frauen treffen? Denkst du das tatsächlich?"
Klasse, jetzt lachte er mich auch noch aus. Aber ich war viel zu erleichtert, als dass ich mich deswegen in irgendeiner Art gekränkt fühlte. Trotzdem war mir das ein wenig peinlich. Jetzt hieß es, Schadensbegrenzung zu betreiben.
"Ich weiß nicht... Sie wären bestimmt nicht abgeneigt...", warf ich schüchtern ein, als wäre das auch nur ansatzweise ein gültiges Argument.
Sean schüttelte energisch den Kopf. "Aber ich! Ich wäre abgeneigt", erklärte er mir ziemlich eindringlich und sah mich ernst an. Gefesselt von seinem Blick und den grünen Augen nickte ich automatisch und besann mich wieder eines Besseren. Warum war ich hier eigentlich die Doofe, die sich Sorgen machte, dass er noch anderweitig beschäftigt war?
"Dasselbe könnte du doch auch von mir annehmen", ging ich trotzig in die Defensive. Warum war er sich meiner denn bitteschön so sicher?
"Dass du dich mit anderen triffst?", hakte er noch einmal belustigt nach.
"Ja."
Er grinste, seine grünen Augen funkelten vergnügt. "Auf keinen Fall."
"Warum denn nicht?", wollte ich leicht schnippisch wissen. Dachte er etwa, ich könnte keinen haben? Ich wusste, das war unsinnig, aber war ich hier tatsächlich der einzige Idiot? Ich wollte nicht der einzige Volltrottel sein, der in Selbstzweifeln verging und Angst hatte, ihn zu verlieren!
Er lächelte leise. "Weil du viel zu ehrlich bist und das schlechte Gewissen würde man dir an der Nasenspitze ansehen." Er tippte zärtlich mit dem Zeigefinger auf eben jene und legte den Kopf schief, um mich mit seinem allwissenden Grinsen anzusehen. Mir wurde ganz warm ums Herz, wenn er mich so anschaute, und ich fühlte, wie meine Wangen sich ebenfalls erwärmten.
Er hatte ja Recht. Ich könnte ihn niemals anlügen.
"Und dir?", wollte ich leise wissen.
Sean schmunzelte. "Mir würdest du das nicht ansehen. Aber du hast mein Wort."
Eine kurze Stille legte sich zwischen uns und ich merkte, dass ich ihm glaubte. Alles glaubte. Dass ich dumm gewesen war und überreagiert habe. Dass meine Fantasie mir einen Streich gespielt hatte. Und wenn schon... jetzt war ich viel klüger. Jetzt hatte ich Gewissheit. Mochten da noch so viele andere Frauen gewesen sein, jetzt war ich da, und ich hatte sein Wort. Seine Reaktion hatte mir nur noch mehr verdeutlicht, dass ich absolut falsch gelegen hatte.
"Ich wusste es", plauderte er leichthin und lachte leise. "Als ich gesagt habe, wir könnten ja so tun, als wärst du meine Freundin, hätte dein enttäuschter Gesichtsausdruck mir eigentlich alles sagen müssen... Aber ich hätte nicht gedacht, dass du das tatsächlich so ernst nimmst.“
Ich hörte gar nicht richtig hin, sondern konnte meine Augen nicht von ihm wenden, während sich in meinem Inneren ganz leise, ganz langsam ein Sturm zusammenbraute. Ich rückte näher an ihn heran, streckte meine Hände nach ihm aus und hockte nun plötzlich auf den Knien neben ihm. Ganz behutsam, um nichts falsch zu machen, nichts zu überstürzen, legte ich meine Hände auf seine Brust. Meine Gefühlen drohten mich von Innen zwar zu überrollen, aber von Außen schien ich ganz gelassen.
Ganz vorsichtig legte ich meine Lippen auf seine und küsste ihn. Zuerst sehr zurückhaltend, ganz sachte, und er drängte nicht, dann immer inniger. Ich schlang meine Arme um seinen Nacken und drückte mich an ihn, langsam sprudelten all die angestauten Emotionen über und erst jetzt bemerkte ich, dass dieses Gespräch eine befreiende Wirkung auf mich gehabt hatte. Jetzt konnte ich ihn küssen, ohne Angst haben zu müssen. Ihn berühren, ohne Zweifel zu haben. Jetzt konnte ich...
Ich dachte den Gedanken nicht zuende, denn er ließ mich los und blickte mich vergnügt an. Ich lächelte verlegen. Es war einfach über mich gekommen und ich hatte nichts dagegen tun können.
Sean grinste, er sah ziemlich zufrieden aus. "Wow", sagte er anerkennend und hob süffisant die Augenbrauen. "Das war interessant."
Noch bevor ich etwas darauf erwidern oder rot werden konnte, beugte er sich wieder vor, umschlang mich und küsste mich. Nicht ganz so stürmisch wie ich eben, aber nicht weniger schön.


Erschöpft und atemlos lagen wir im Bett. Die Erinnerung daran, wie wir noch vor wenigen Minuten wie frisch verknallte, hungrige Teenager wild rumgeknutscht hatten, trieb mir wieder das Blut ins Gesicht, aber ich versuchte, nicht daran zu denken. Nicht, an eine Wiederholung zu denken...
Sean legte den Arm um mich und ich den Kopf in die kleine Kuhle zwischen seiner Brust und seiner Schulter. Er war so warm und duftete so gut...
"Also, jetzt bin ich aber neugierig", gluckte er belustigt. Es war das erste, was er seit unserer Knutscherei wieder sagte. "Was für Sachen hat Abby dir denn erzählt, dass du so eine Angst bekommen hast?"
Ich machte mich ganz klein. Irgendwie war das Ganze im Nachhinein ja schon beschämend...
"Nur über deine... Freundinnen... und so...", stammelte ich und schloss die Augen.
"Und so?", hakte er gelassen nach. Das schien ihn gar nicht aufzuregen, was ich als gutes Zeichen wertete.
"Na, du weißt schon...", wich ich aus und kuschelte mich mit der Wange noch tiefer in seinen Pullover, seufzte träge auf.
"Nein. Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst", neckte er mich schmunzelnd. Dieser Bastard! Das machte er mit Absicht! Er wollte, dass ich es laut aussprach. Und er wusste genau, dass ich das nicht wollte!
"Deine Frauengeschichten. Viele Frauengeschichten." Mein Tonfall hörte sich schärfer an, als ich eigentlich beabsichtigt hatte. Ich wollte jetzt nicht darüber reden. Nicht darüber nachdenken. Ich war immer noch eifersüchtig!
Mit den Fingern des Armes, den er um mich geschlungen hatte, streichelte er behutsam meinen Oberarm, fuhr rauf und runter. Es kitzelte ein wenig, aber vielmehr als das war es wirklich schön.
"Ich bin 25 und kein Mönch", erklärte er mit sanfter Stimme, leise. "Und so viele waren es gar nicht. Abby neigt zum Übertreiben..."
"Mhhm", machte ich nichtssagend.
Er sah sich anscheinend dadurch gezwungen, sich zu rechtfertigen. "Zu meiner Verteidigung: ich hatte auch schon echte Beziehungen. Langanhaltende Beziehungen. So ist es ja nicht."
Jetzt sah ich doch auf und blinzelte die träge Müdigkeit weg, die mich immer in seinen Armen beschlich. "Was ist passiert?", flüsterte ich ehrfürchtig, nicht sicher, ob ich das wirklich hören wollte.
Er zuckte mit den Schultern und fuhr fort, meinen Arm mit seinen Fingern zu liebkosen. "Gar nichts. Die Richtige war nicht dabei, das ist alles." So einfach war das.
"Hast du das erst... hinterher erkannt?", hakte ich nach.
Er blieb für wenige Sekunden still, überlegte und schüttelte anschließend den Kopf. "Nein... eigentlich habe ich das ziemlich schnell gemerkt. Schon am Anfang."
Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Was meinte er denn damit?
"Warum bist du denn dann mit ihnen zusammengeblieben?", fragte ich, ganz schön verstört. Aus Spaß an der Freude? Um sie zu quälen? Vielleicht waren sie ja wirklich in ihn verliebt gewesen und er hatte sie nur hingehalten!
Er grinste verschmitzt und drückte mich kurz an sich. "Na, ich musste doch schon mal üben, um die Richtige beeindrucken zu können, sollte sie mir über den Weg laufen."
Was wieder neue Fragen aufwarf... ich wusste, dass er eigentlich nur scherzte und das wahrscheinlich nicht der wahre Grund war. Niemand ging in eine Beziehung mit dem Ziel, zu "üben". Aber was sollte diese Anspielung... wollte er damit etwa sagen, dass ich...?
Ich ließ meinen Kopf wieder auf seine Brust sinken, schwieg, versuchte, die Verwirrung zu lichten. Es freute mich, dass er so ehrlich zu mir war, obwohl er nur so ungern über sich selbst sprach, aber gleichzeitig warf er immer wieder neue Rätsel in den Raum. Ich entschloss mich, mich nicht länger damit aufzuhalten und er ließ mir auch gar keine Zeit, denn schon stellte er die Frage, der ich lieber für die nächsten 60 Jahre nur allzu gern aus dem Weg gegangen wäre:
"Was ist mir dir? Erzähl mir von Tom."
Dass er sich überhaupt noch an den Namen erinnern konnte... soweit ich wusste, hatte ich ihn nur einmal erwähnt, wenn auch eher gezwungenermaßen, gegen über Mr. Dickinson.
"Oh nein", stöhnte ich auf und bewegte langsam den Kopf hin und her, um ihm meinen Unwillen zu zeigen.
"Das ist nur fair", forderte er lächelnd. "Außerdem interessiert es mich, warum du im Büro behauptet hast, du wärst es ihm nicht wert, dich zu verfolgen."
Ich schwieg. Wunder Punkt!
"Komm schon, Emily, Liebes." Er drückte seine Lippen an meine Haare. "Was hat er getan?"
Angesichts seiner Sanftheit bekam ich einen Kloß im Hals, den ich versuchte, wegzuschlucken. Ich sollte lieber den Mund aufmachen und reden, denn noch ein liebes Wort von Sean und ich würde sicherlich nicht mehr an mich halten können...
Ich seufzte ergeben. Er hatte gewonnen.
"Es war nichts", log ich, nur um im nächsten Atemzug das Gegenteil zu beweisen. "Er hat mich betrogen, ich hab sie erwischt und das ist das Ende der Geschichte."
Sean sagte gar nichts. Ich wartete gespannt auf einen Kommentar.
"Das war eine interessante Geschichte", begann er langsam. "Und vollkommen frei von persönlichen Gefühlen." Dann lächelte er. "Und was ist zwischen den Zeilen passiert?"
Ich presste die Zähne aufeinander. "Zwischen den Zeilen... hat er ganz selbstgerecht getan, als wär das sein gutes Recht gewesen, als... als wäre ich..." Ich hielt inne und schwieg, aber Sean verstand.
"Schuld?", fragte er ruhig.
Ich nickte. Und noch mehr als das...
Wieder wurde es still zwischen uns, aber es wahr keine unangenehme Stille. Ganz im Gegenteil, irgendwie tröstend.
"Jetzt versteh ich auch, warum du so vorsichtig bist", stellte er fest. Er klang jetzt wieder ganz ernst und nüchtern, wie vorhin bei dem klärenden Gespräch. "Aber Emily, du musst mir schon vertrauen. Und mit mir reden."
Mir fiel wieder seine Bemerkung ein, dass er nicht Gedanken lesen könnte. Und das konnte ich ja auch nicht. Vorsichtig nickte ich. Ich wusste nicht, ob ich wirklich bei jedem kleinsten Anfall, denn ich hatte, zu ihm rennen konnte. Würde. Aber er hatte Recht. Ich musste ihm schon glauben. Einfach glauben, dass er keine schlechten Absichten hatte. Er war ja kein schlechter Kerl, ganz im Gegenteil, er hatte schon oft genug bewiesen, dass er ein toller Kerl war. Ein absolut toller, hinreißender, heißer... hoppla!
"Musst du nicht bald los?", murmelte ich in seinen Pulli hinein, um mich abzulenken, weil mir ganz warm wurde. Draußen war es schon dunkel und es regnete noch immer.
"Noch nicht." Seine Stimme klang genauso träge und schläfrig wie meine. "Lass uns noch ein bisschen hier liegen bleiben, bevor ich in die Kälte da draußen muss..."
Dagegen hatte ich nichts einzuwenden.


Sean war zu spät dran. Ich wusste es doch, dass er es verschlafen würde. Nicht, dass er geschlafen hatte, aber es war einfach zu gemütlich und wahrscheinlich war er nur zu faul gewesen, um aufzustehen, bis ich ihn endlich aus dem Bett geschmissen hatte, nach einem eher ernüchternden Blick auf die Uhr.
Während er sich für die Arbeit fertig machte, schlich ich mich ins Bad und zog schon mal mein Ersatz-Nachthemd an. Hemd im wahrsten Sinne des Wortes!
Ich wollte mich jetzt nur noch weiter ins Bett kuscheln und vielleicht ein Buch lesen. Der Abend mit Sean war so schön gewesen, dass ich heute gar nichts mehr groß anfangen wollte. Kein lauter Fernseher, keine anderen Gerüche als der von Sean's Shampoo auf seinem Kissen, keine ablenkenden Gedanken als der an ihn.
Geistesabwesend schlenderte ich zurück ins Schlafzimmer und wollte eben wieder ins Bett schlüpfen und die Beine über die Bettkante schwingen, als Sean ohne zu Klopfen ins Zimmer trat. Ich erschrak ein wenig und fühlte wieder mein Blut brodeln, hatte er mich doch eben in eine sehr freizügigen Position erwischt!
Gerade wollte ich nach der Bettdecke greifen und sie über meine nackten Beine ziehen, als er auch schon neben mir auf der Bettkante saß, mit dem Oberkörper zu mir gedreht, und sich mit der rechten Hand auf meiner anderen Seite abstützte.
Er lächelte verschmitzt.
Mit den Fingerspitzen der linken Hand strich er sachte über meine Oberschenkel und schaute mich so intensiv mit seinen grünen Augen an, dass ich gar nicht mehr wegsehen konnte.
Gefangen durch seine Berührungen saß ich still und bewegungslos im Bett und registrierte nur noch die brennenden Stellen, an denen er eben noch mit den Fingern entlanggefahren war. Meine Kehle war innerhalb weniger Sekunden wie ausgetrocknet. Ich schluckte mühsam.
Ohne den Blickkontakt abzubrechen, rutschte er näher und strich mir nun mit dem Daumen über die Wange, bevor er dieselbe Hand in meinen Nacken wandern ließ, meinen Hinterkopf umfasste und meinen Kopf leicht nach vorne drückte, wo unsere Lippen plötzlich kollidierten und ein Feuerwerk an sämtlichen Nervenenden meines Körpers entfachten.
Huch, mir war unendlich heiß...
Seine Zunge liebkoste meine Lippen und arbeitete sich langsam vor, sein Griff in meinem Nacken wurde fester und ich umklammerte unwillkürlich das Bettlaken unter meinen Händen.
Mein Puls hatte schon längst alle Grenzen des Gesunden überschritten und nicht mal vier Tassen des allerschwärzesten Kaffees hätten das jetzt noch überbieten können.
Er löste sich von mir und ich ließ nur widerwillig von ihm ab. Seine Lippen fuhren an der Seite meines Halses entlang und ich ließ ihn gewähren, kaum in der Lage, mich zu rühren.
"Atmen", raunte er mir aus weiter Ferne zu, während er meinen Hals und meine Schulter mit federleichten Küssen bedeckte, doch ich konnte überhaupt nicht mehr klar denken und das Worte "atmen" machte plötzlich gar keinen Sinn mehr.
Er drückte mich sanft in die Kissen zurück und lehnte sich über mich, sah mich mit seinem glühenden, leicht amüsierten Blick an. Mein Atem ging nur noch stoßweise und die Hitze war mir wortwörtlich zu Kopf gestiegen.
Er hob die Hand und strich mit eine Strähne aus dem Gesicht. Ohne den Blick von mir abzuwenden, umfuhr er mit den Fingern die Konturen der beiden Erhebungen unter meinem - seinem - Hemd und ich sah mich dazu gezwungen, die Augen zu schließen und auf meine Unterlippe zu beißen.
Er beugte den Kopf weiter runter und küsste meine Brüste durch den dünnen Stoff hindurch, doch sofort ließ er davon ab, als ein leichtes Zittern durch meinen Körper ging.
Mit seinem Mund fuhr er wieder langsam meinen Hals nach oben entlang und landete dort, wo er angefangen hatte. Automatisch legte ich ihm meine Hände auf die Brust. Nicht, um ihn wegzuschieben, sondern vielmehr, um mich an ihm festzuhalten, doch er nahm sie in die seinen, platzierte sie links und rechts über meinem Kopf und verschränkte unsere Finger ineinander, drückte meine Hände in das Kissen hinein.
Und dann küsste er mich. Lange und ausdauernd und so leidenschaftlich, wie ich vorher noch nie geküsst worden war.
Viel zu schnell und viel zu abrupt hörte er auf und ich war noch ganz benommen und überwältigt, als er einen Blick auf seine Armbanduhr warf und ganz sachlich sagte: "Jetzt muss ich aber los, bin spät dran."
Er stand auf und fischte sich seinen Pulli, der über einem Stuhl hing.
Meine Sinne waren noch immer nicht ganz beisammen, als ich mich aufsetzte und ihn verständnislos anstarrte.
Er grinste mir frech zu und zwinkerte. "Bis später."
Mit diesen Worten verschwand dieser unglaublich hinreißende Dreckskerl aus der Tür und ich ließ mich vollkommen frustriert in die Kissen zurückfallen.
Oh ja. Er wusste wirklich, was er tat, daran hegte ich gar keinen Zweifel.


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