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Every Little Thing

von  -Moonshine-

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Kapitel 12: Emotions

Still stand ich da und wagte es kaum, mich zu bewegen, während ich von einem großen, zotteligen Hund beschnuppert wurde. Er hatte milchschokoladenfarbenes Fell und wedelte unablässig mit dem Schwanz.
Gleich würde er zubeißen!
Sean hängte in der Zwischenzeit unsere Jacken auf und entledigte sich seiner Schuhe, warf mir dann einen vergnügten Blick zu, die ich zu einer Salzsäule erstarrt war.
"Du kannst dich ruhig bewegen, ich schätze mal, er weiß bereits, dass du keine Statue bist."
Sprach's und ergriff mein Handgelenk, um mich sachte mit sich in die Küche zu ziehen.
Den Hund, der treuherzig und gemächlich hinter uns hertrottete, beachtete er gar nicht.
Als dieser mein Knie mit seinem wedelndem Schwanz streifte und wieder um meine Beine herumschlich, zuckte ich erschrocken zusammen, und Sean, der gerade eine Flache Wasser aus dem Kühlschrank holte, blickte auf.
"Meinst du, es geht, oder soll ich ihn runter zu Abby bringen?", wollte er besorgt wissen.
Schnell schüttelte ich den Kopf. Wenn der Hund, das Riesentier, wegen mir von zu Hause verstoßen werden würde, würde er mich nur noch mehr hassen!
In meiner momentanen Lage konnte ich mir das echt nicht leisten.
"Geht schon", versicherte ich ihm nicht besonders überzeugt und warf dem Zottelmonster einen skeptischen Blick zu. "Was ist das für einer?" Ich konnte nicht so richtig eine Rasse ausmachen.
"Eine Promenademischung. Ich will gar nicht wissen, was da alles drinsteckt." Er lachte. "Bestimmt ist vom Pudel bis zum Schäferhund alles dabei", zwinkerte er mir zu, wandte sich wieder ab und holte ein Glas aus seinem Schrank. "Ich hab ihn aus dem Tierheim geholt", fügte er noch erklärend hinzu und goss das Mineralwasser aus der Flasche in das leere Glas.
Die Töle platzierte sich gemütlich vor meinen Füßen und legte ihren Kopf auf die riesigen Vorderpfoten, lugte mit großen, kastanienbraunen Augen zu mir auf.
Ich erwiderte den Blick einige Sekunden lang fasziniert und ging zaghaft in die Hocke. Das sah mir ja gar nicht ähnlich!
"Er beißt doch wirklich nicht, oder?", wollte ich vorsichtig von Sean wissen, ohne den Blick von Sam abzuwenden. Unverwandt starrte er mich an, als könnte er alles verstehen, was ich sagte.
"Keine Angst", beschien Sean mir lachend. "Er ist ein ganz Lieber."
Sam schien tatsächlich ganz ruhig zu sein und da ich mir ganz offensichtlich einen Mann mit ihm teilen musste, ganz zu schweigen von der Wohnung, sollte ich mich besser mit ihm anfreunden.
Der Hund fixierte mich noch immer stumm.
Vorsichtig streckte ich die Hand aus, um ihm kurz über den Kopf zu streicheln, immer darauf vorbereitet, im Notfall sofort aufzuspringen und zu flüchten.
Unter meiner Hand fühlte sich sein Kopf samtweich an. Sofort fing Sam an, mit dem Schwanz zu wedeln, der über den Boden hin und her wischte.
Sean lachte und ich warf ihm einen fragenden Blick zu. Was war so lustig?
"Er hat dich ja recht schnell ins Herz geschlossen", erklärte er mir. "Das wundert mich gar nicht."
Obwohl es unsinnig war, sich darüber zu freuen, in einem Hund einen neuen Freund gefunden zu haben, tat es ich es trotzdem. Wenn er mich mochte, würde er mich vielleicht nicht beißen...
Versonnen streichelte ich weiter den weichen Kopf und wurde sogar so mutig, ihn an den Ohren zu kraulen, dass ich, ganz versunken in meine Gedanken, gar nicht bemerkte, wie der Hund langsam eindöste.
Plötzlich hockte Sean neben mir und schob meine gesunde Hand, die ich für die Streicheleinheiten benutzte, sachte beiseite.
"Das reicht für ihn", sagte er mit einem verschmitzten Lächeln. "Heb dir noch ein paar Zärtlichkeiten für jemanden auf, der sie zu schätzen weiß und dabei nicht sofort einschläft."
Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. War ich doch diejenige, die in letzter Zeit ständig einschlief!
Sean half mir hoch, ohne meine Hand loszulassen, und drückte mir anschließend das Wasserglas in die Hand, lächelte. "Hast du nicht vorhin gesagt, du hättest Durst?"
Tatsächlich, im Auto hatte ich irgendwas davon gemurmelt, vergessen zu haben, zu Hause zu trinken. Es war irgendwie seltsam gewesen, in meiner Wohnung zu sein. Nach dem anstrengenden Tag, der schon ewig zu dauernd schien, und vor allem der letzten Horrornacht, kam sie mir so fremd und bedrohlich vor, dass ich mich gar nicht lange dort hatte aufhalten wollen. Also habe ich das Allernötigste eingepackt. Zur Not hatte ich ja Sean’s Versprechen, mich bei Bedarf wieder hinzufahren.
Ich schenkte ihm ein dankbaren Lächeln, dass ich beim besten Willen nicht zurückhalten konnte. Verdammt, er war so aufmerksam! Wo gab’s denn so was?!
Überhaupt, ich könnte ihn die ganze Zeit lang nur anlächeln. Und angrinsen. Und umarmen und... aber das war wiederum was anderes! Selbstvergessen nippte in an meinem Wasser und grinste dabei in das Glas rein, bis mir bewusst wurde, dass Sean mich musterte. Sofort ging ich dazu über, mit vollkommen ernster Miene das Wasser zu trinken. Das Wasser zu trinken bedeutete auch, der möglicherweise aufkommenden Frage, was ich so lustig fände, für etwas länger auszuweichen.
Doch sie kam nicht. Stattdessen nickte er in Richtung meiner bandagierten Hand.
"Tut's eigentlich sehr weh?"
"Kaum", log ich und lächelte tapfer, obwohl es verdammt weh tat. Aber er sollte sich nicht sorgen.
"Ich hab Schmerzmittel, wenn’s zu schlimm wird", warnte er mich vor. "Du musst einfach nur Bescheid sagen. Tust du das?" Auffordernd blickte er mich an, also ich nickte, in Gedanken mit der Frage beschäftigt, wie ich mit diesen höllischen Schmerzen die Nacht überleben sollte.
Sean nickte ebenfalls und fügte hinzu: "Oder ich kümmer mich selbst darum." Er nahm meine verletzte Hand, führte sie an seine Lippen und hauchte in die verbundene Handinnenfläche einen sanften Kuss auf.
Mein Herz klopfte schneller, wie immer, wenn er etwas besonders Süßes machte oder sagte.
Überfordert von all den aufwallenden Gefühlen für ihn, schaute ich ihn sehnsüchtig an und schwieg, während es in meiner Brust still vor sich hinbollerte.
"Besser?", wollte er grienend wissen, ohne meine Hand loszulassen.
Ich zwang mich, mich zusammenzureißen und lächelte.
"Sehr viel besser", bestätigte ich ihm, das Herz voller Liebe. Er grinste triumphierend und bei seinem Anblick konnte auch ich mir ein kleines Lächeln nicht verkneifen.


Nach einem kurzen Essen, bestehend aus den Resten aus Sean's Kühlschrank, der wirklich eher leer als irgendetwas anderes war, saß ich auf seiner Couch im Wohnzimmer und schaute mir ein Quiz im Abendprogramm an. Da es mitten in der Woche war, lief nichts Interessantes im Fernsehen und irgendwie musste ich mir ja die Zeit totschlagen, während Sean arbeitete.
Er hatte sich mit einer Entschuldigung an seinen Schreibtisch verzogen, um noch ein bisschen Papierkram zu erledigen, was mir auch überhaupt nichts ausmachte. Den hatte er, laut eigenen Angaben, mitgenommen, weil er etwas früher gegangen war. Das hatte mich etwas stutzig gemacht. Es konnte doch nicht sein, dass er kommen und gehen durfte, wie es ihm gerade passte?
Als ich nachfragte, bestätigte er meine Vermutungen, indem er erst ein wenig herumdruckste und mir schließlich doch noch eingestand, dass er sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen verdrückt hatte, natürlich mit Gregory als Mitwisser und -täter. Ich wollte gar nicht wissen, was er für eine Ausrede benutzt hatte und er band es mir auch nicht auf die Nase.
"Du hättest auch später kommen können", erklärte ich ihm mit schlechtem Gewissen, in dem Bewusstsein, dass er sich wieder mal nur wegen mir Ärger einhandelte, oder es beziehungsweise darauf anlegte. Aber er hatte abgewunken und meine Sorgen einfach so abgetan.
Trotzdem wurde ich den nagenden Gedanken nicht los, dass ich eine ziemliche Last war. Es ließ sich nichts anmerken und würde es natürlich niemals sagen, aber niemand konnte mir erzählen, dass es vollkommen an einem vorbeiging, plötzlich mit einer fremden Person zusammenzuwohnen! Wenn es auch nur für ein paar Tage war.
Wir hatten zwar nicht ausgemacht, wie lange das hier dauern sollte, aber ich wollte auf keinen Fall allzu lange bleiben. Ich konnte nur hoffen, dass der verrückte Irre, der mich so leidenschaftlich belagerte, es endlich aufgeben und sich ein anderes, weniger bedrohliches Hobby suchen würde.

Ich seufzte laut, so vertieft in meine Gedanken, dass ich Sean ganz vergessen hatte.
Prompt drehte sich dieser fragend zu mir um. "Die Hand?", wollte er sofort wissen.
Ich schüttelte hastig den Kopf und lächelte nervös. "Nein, nein, ich hab nur nachgedacht..."
Er nickte grüblerisch und sein Blick fiel auf Sam, der zu meinen Füßen lag und vor sich hindöste, wobei er seinen Kopf und eine Pfote auf meinem rechten Fuß platziert hatte. Dieser war jetzt wunderbar warm, wobei sich der linke im Vergleich eher eisgekühlt anfühlte.
Der Hund hatte zu meinem großen Erstaunen sogar Manieren. Er sprang nicht auf die Polstermöbel und hielt sich auch von den anderen Einrichtungsgegenständen fern. Nur beim Essen stand er schwanzwedelnd neben mir und hatte mich aus großen, sehnsüchtigen Augen angestarrt, dass ich wirklich Mitleid bekam und kurz davor war, mein Abendessen mit ihm zu teilen. Was nicht sonderlich appetitlich gewesen wäre...
Anscheinend wusste er, dass bei Sean nichts zu holen war, also konzentrierte er sich auf den Neuankömmling, nämlich mich. Und wenn er so weitermachte, hatte er bei mir ziemlich gute Chancen, irgendetwas zu ergattern... Mit dem Hundeblick erinnerte er mich an Ben, wenn er etwas wollte, und dass er ständig um mich herumscharwenzelte, genauso.
Im Laufe des Tages hatte ich mich sogar an die Anwesenheit des großen Mr. Zottel, wie ich ihn in Gedanken nannte, gewöhnt. Als er allerdings angefangen hatte, meine Hand abzuschlecken, als ich für einen kurzen Augenblick nicht aufgepasst hatte, war ich weniger davon begeistert gewesen. Aber dann sagte ich mir, dass es eben das ist, was Hunde manchmal machten. Trotz meines Mantras kam ich nicht umhin, mir einzugestehen, dass ich nicht so auf feuchte Hundeküsse stand...
Sean grinste mich an. "Wenn ich euch zwei so sehe, werde ich ja fast eifersüchtig auf den Guten."
Ich lächelte schüchtern, weil seine Worte sehr schmeichelhaft waren, und er stand auf, schob den Stuhl unter den Tisch und schlenderte zu uns herüber, setzte sich allerdings nicht, sondern warf einen flüchtigen Blick auf die Uhr.
"Es ist schon spät... Wenn du müde bist, zeige ich dir, wo du schlafen kannst." Fragend blickte er mich an und ich nickte zögernd. Die Schlafensfrage hatte ich bis dato bewusst verdängt und auch Sean hatte sie nicht angesprochen.

Langsam stand ich auf und versuchte, Sam nicht aufzuwecken, was mir auch ziemlich gut gelangt. Ich entzog ihm sachte meinen Fuß und folgte Sean schweigend durch das Wohnzimmer hindurch zurück zum Hausflur. Dort öffnete er eine Tür, die voraussichtlich zum Schlafzimmer führte, und ließ mich zuerst eintreten, folgte mir dann auf dem Fuße hinein.
Während ich wie angewurzelt stehen blieb, schlüpfte er an mir vorbei und stellte meine notdürftig gepackte Tasche von Zuhause, die er glücklicherweise gleich aus dem Wohnzimmer mitgenommen hatte, auf dem Boden ab.
Der Raum war nicht groß, aber sehr gemütlich. Er wirkte nicht überfüllt mit Krimskrams, aber auch nicht so leer, und war in warmen, hellen Erdtönen gehalten. Es hingen auch hier gerahmte Bilder an den Wänden, allerdings waren es nur zwei. Auf einem erkannte ich den Eiffelturm, der von einem geöffneten, alten Gittertor aus fotografiert wurde. Ein hübsches Motiv.
Irgendwo in meinem Hinterstübchen registrierte ich, dass es hier weder Fotos von seinem besten Freund, noch von seiner Nichte gab. Überhaupt war dieser Raum vollkommen frei von jeglichen privaten Fotografien.
Der Schrank auf der anderen Seite des Raumes war aus hübschem, braunem Holz und ziemlich groß. Zumindest nahm er fast eine ganze Wand für sich alleine ein. Links und rechts davon standen zwei schmale Bücherregale aus demselben Holz.
Dann fiel mein Blick auf den Teppich.
Er war beige und er sah so weich und flauschig aus!
"Wow!", entfuhr es mir entzückt und ich starrte fasziniert auf den Boden, trat dann einen Schritt vor und versank prompt mit beiden Füßen darin. "Darauf kann man ja fast schlafen!"
Sean nickte. "Und nicht nur das", fügte er frech grinsend hinzu und hob süffisant die Augenbrauen.
Das durfte doch nicht wahr sein! Fielen ihm diese anzüglichen Bemerkungen eigentlich immer spontan ein oder hatte er einfach so viele davon im Repertoire, für jede sich bietende Gelegenheit?
Ich konnte das jedenfalls nicht länger ignorieren und da Sean eigentlich ganz harmlos war - zumindest würde er sicherlich nichts tun, was nicht auch in meinem Sinne wäre - warf ich meine Bedenken einfach über Bord. Wenigstens für dieses eine Mal. Ich fühlte mich gerade unheimlich kühn! Außerdem wollte ich auch wirklich wissen, was er mir damit sagen wollte. Mit wie vielen Frauen hatte er auf diesem Teppich schon "nicht nur geschlafen"?
"Ach ja?", hakte ich so unbeeindruckt wie möglich nach und warf ihm einen argwöhnischen Blick zu. "Schon mal ausprobiert?"
Im nächsten Moment fiel meine kühle, sehr kurzfristige Fassade auch schon wieder von mir ab. Was redete ich denn da? Was, wenn er "ja" sagte?
Mit einer Mischung aus Anerkennung und Schulbewusstsein grinste er mich an. "Ehrlich gesagt, nein."
Puh. Das war irgendwie beruhigend. Noch einmal würde ich mein "Glück" allerdings nicht herausfordern. Bei diesem Thema saß er sowieso am längeren Hebel, denn in seiner Gegenwart war ich irgendwie linkisch und gehemmt und absolut nicht in der Lage, mich wie ein rationaler, erwachsener Mensch zu verhalten. Eine Schande!
"Ich hab auch noch nie drauf geschlafen", fügte er hinzu und lächelte mild, ließ die unausgesprochene Thematik glücklicherweise unter den Tisch fallen. "Aber ich würde es dir auch nicht empfehlen, wenn du es darauf anlegst - das Bett ist doch sicherlich viel bequemer, meinst du nicht?"
Ich nahm besagtes in Augenschein. Es war ein Doppelbett aus Holz mit braunem Gestell und einer Rückenlehne, über der ein Regalbrett hing. Darauf befanden sich ein paar Bücher, eine leere Vase und ein paar CDs. Die Bettwäsche war in passenden Farben gehalten und hatte braun-weiß-beige, dicke Querstreifen. Sie sah sehr modern aus.
Links und rechts davon standen dazu passende Beistelltische, auf einem davon stand eine kleine Lampe, daneben lag ein Buch und ein Funkwecker.
Ich mochte mein Bett mit dem alten Metallgestell in schwarz und den Schnörkeleien und Verzierungen trotzdem lieber. Es war so... nostalgisch und wirkte so alt. Ich fand es toll!
Aber ich fragte mich, warum Sean ein Doppelbett hatte? Hatte er soviel Damenbesuch, dass er das nötig hatte? Die Frage ließ mich nicht los, aber ich traute mich auch nicht, ihn darauf anzusprechen. Eigentlich ging mich das auch gar nichts an...
"Tja, also...", begann er zögerlich. "Wäre es dir lieber, wenn ich auf der Couch schlafe?"
"Was?", fragte ich irritiert, weil mir im ersten Moment nicht klar wurde, worüber er sprach. Doch dann fiel der Groschen. "Oh!"
Erwartungsvoll sah er mich an.
"Oh... nein, ich meine... Ich kann auch auf der Couch schlafen, wenn du willst. Ich will dir ja nicht das Bett wegnehmen...", plapperte ich eilig. War er nur höflich oder wollte er nicht mit mir in einem Bett schlafen? Oder wollte er, wusste aber nicht, ob ich es wollte? Wollte ich?
Was wären die Konsequenzen? Ich war noch nicht bereit für jedwede Konsequenzen! Wenn ich mit dem "Ja" zum Bett gleichzeitig auch etwas anderes bejahte, dann...
Plötzlich bekam ich ein wenig Angst und wurde nervös. Bis jetzt hatte es nie zur Debatte gestanden, mit ihm zu schlafen, nicht, das ich es mir nicht schon mal vorgestellt hätte, aber... es schien so weit entfernt. Alles nur Fantasie! Aber nun wurde es ernst und obwohl ich oft daran dachte - na gut, eigentlich ständig - bekam ich Panik. Immerhin war mein letzter Freund acht Monate her und – oh Gott! – er hatte mich betrogen! Dabei fiel mir ein, dass wir noch gar nicht darüber gesprochen hatten – über uns, oder eben nicht uns... aber ich traute mich nicht zu fragen, wollte nicht kindisch erscheinen, wollte auch gegebenenfalls die schreckliche Wahrheit gar nicht wissen. Es konnte doch nicht sein, dass sich so ein attraktiver Mann mit so jemanden wie mir zufrieden gab. Ich meine, NUR mit mir. Mit dem netten Mädchen von nebenan, das Angst vor Spinnen und Hunden hat, in jede sich bietende Pfütze tritt und eigentlich überhaupt nichts besonderes ist...
"Hast du gehört?", drang Sean's Stimme an mein Ohr.
"Was?" Erschrocken starrte ich ihn an.
Er runzelte die Stirn. "Ich sagte, dass du mir mein Bett überhaupt nicht wegnimmst und die Couch ist viel zu unbequem für dich."
"Ach was...", erwiderte ich fahrig, seine Worte flogen ins rechte Ohr rein und zum linken wieder raus. Ich war noch immer ganz beschäftigt mit meinem Gefühlsdilemma. Was wollte ich eigentlich? Ich wusste es selbst nicht!
"Worüber denkst du eigentlich so angestrengt nach?"
Iiiieks! Erwischt. Auf frischer Tat ertappt wurde ich sofort rot bis zu den Haarspitzen und mied tunlichst seinen Blick.
"Über gar nichts", nuschelte ich beschämt. Keine zehn Pferde würden mich dazu bewegen, ihm die Wahrheit zu sagen!
"Okay", sagte er entschieden, nachdem er mich eingehend gemustert hatte. "Ich schlaf auf der Couch."
Toll, Emily, gut gemacht. Du hast ihn um seinen Schlafplatz gebracht! Und dabei war ER es, der morgen früh zur Abriet musste und nicht ich!
"Nein! Ich schlafe auf der Couch!"
Sean seufzte müde und warf mir einen langen, geduldigen Blick zu.
"Emily... müssen wir das wirklich machen?"
"Was?", fragte ich verängstigt, weil er sich plötzlich so ernst und genervt anhörte.
"Na, dieses... Spielchen spielen", erwiderte er erschöpft. "Sagen wir einfach, wir schlafen beide im Bett - groß genug ist es ja - und ich verspreche, dich nicht anzufassen."
Mein Kopf leuchtete auf wie ein Leuchtturm bei Nacht. Entsetzt starrte ich ihn an.
Er lächelte sachte. "Dein panischer Gesichtsausdruck war ziemlich deutlich", erklärte er ruhig.
Oh je. Mir stand aber auch alles auf die Stirn geschrieben!
Das war alles ziemlich peinlich und ich schlug beschämt die Augen nieder, fixierte den flauschigen Teppich. Sehr faszinierender Anblick!
Sean ging in einen leichten, freundlichen Plauderton über, wahrscheinlich, um mich wieder ein wenig zu entspannen.
"Ich muss morgen leider etwas länger auf der Arbeit bleiben", erzählte er. "Deshalb werd ich gleich ins Bett gehen. Du kannst natürlich noch fernsehen oder etwas lesen, was immer du willst."
"Nein", qieckste ich, noch immer rot. "Ich bin auch müde..."
Das war ich wirklich. Die letzte Nacht war nicht besonders lang gewesen. Auch für ihn nicht.
"Das glaub ich", seufzte er. "Hoffentlich wirst du ein bisschen ruhiger schlafen können."
Bekümmert sah er mich an.
Die ganze Nacht in seiner Nähe! Ich würde vor lauter Aufregung kein Auge zutun können!
"Ja...", sagte ich zögernd. "Hoffentlich..."
"Zumindest kann hier nichts passieren. Wir haben ja Sam, der aufpasst, und Abby kann manchmal auch ganz schön furchteinflößend werden, wenn sie den Gehstock schwingt."
Er lachte und zwinkerte mir schelmisch zu. "Und zur Not bin ich ja noch da."
Das war für mich doch sowieso die Hauptsache. Ich nickte beruhigt.
"Na siehst du, kein Grund zur Sorge." Lächelnd zerwuschelte er meine Haare und verließ das Schlafzimmer.
Betroffen sah ich ihm hinterher. Hieß etwa, dass er mich nicht anfassen würde, auch, dass er mich GAR NICHT mehr anfassen würde? Nicht mal ein kleines Kuss? Eine kleine Umarmung? Jemandem die Haare verwuscheln war nicht unbedingt... eine sehr intime Geste. Das selbe hatte ich doch eben noch bei seinem Hund gemacht...
Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch sah ich mich nach meiner Tasche um, die Sean hier reingetragen hatte. Er hatte sie an das Fußende des Bettes gestellt.
Ich kniete mich davor hin und durchsuchte sie nach meinem Schlafanzug, den ich leider nicht finden konnte. Ich konnte mich aber auch nicht daran erinnern, ihn eingepackt zu haben... Zahnbürste, Unterwäsche, ein paar Klamotten... aber kein Schlafanzug!
Argh! Das konnte doch nicht wahr sein?! Was sollte ich jetzt machen? Wie konnte mir so ein Fehler unterlaufen? Wieso denn immer mir?!

Ein wenig verwirrt betrat ich die Küche.
"Sean?"
Er hatte sich bereits umgezogen und füllte gerade Sam's Napf auf. Herrgott! Er schlief in einer dunkelgrauen Jogginghose und mit nacktem Oberkörper! Gleich würde ich anfangen, zu hyperventielieren oder gleich in Ohnmacht fallen!
Er drehte sich zu mir um und blickte mich fragend an, doch mein Kopf war wie leergefegt, seitdem ich ihn so erblickt hatte. Hätte nie gedacht, dass nackte Männerhaut mich jemals so fesseln könnte, aber man wurde ja immer wieder eines Besseren belehrt!
Reiß dich ja zusammen, Emily! Was wollte ich doch gleich sagen...? Ach ja! Der vergessene Schlafanzug!
"Äh..." Ich wusste nicht, wie ich anfangen sollte, war außerdem noch irritiert von dem göttlichen Anblick seiner eindrucksvollen, schönen Muskeln, die sich da abzeichneten auf der leicht gebräunten Haut - KONZENTRATION!! -, und stotterte ein wenig herum. "Ich habe, äh... kannst du mich... noch mal nach Hause fahren?"
Das war so unverschämt von mir, was ich da verlangte! Aber ich konnte doch nicht in Unterwäsche schlafen!
Sean runzelte überrascht die Stirn. "Hast du etwas Wichtiges vergessen?", schloss er messerscharf.
Ich nickte. "Meinen Schlafanzug", gab ich peinlich berührt zu. Eben noch diese Unterhaltung und nun das... Mir blieb aber auch gar nichts erspart...
"Das ist alles?", wollte er fast schon vergnügt wissen. "Nimm dir einfach etwas von mir. Im Schrank hängen eine Menge Sachen."
Prüfend blickte ich ihn an. Meinte er das tatsächlich ernst?
"Irgendetwas?", hakte ich ungläubig nach.
"Irgendetwas", bestätigte er leichthin. "Allerdings würde ich an deiner Stelle keinen Anzug nehmen. Ich glaub, die sind etwas unbequem." Er grinste.
Verwirrt lächelte ich und drehte mich um, um wieder ins Schlafzimmer zurückzukehren. Ich durfte also Sean's Sachen anziehen! Irgendwas! So stellte ich mit den Himmel vor!
Doch dann stand ich wieder unschlüssig vor dem Kleiderschrank und bekam Skrupel. Sollte ich da wirklich reingucken? War es nicht unhöflich, in fremden Kleiderschränken zu wühlen? Da drin war alles bestimmt frisch gewaschen... ich wollte nichts schmutzig machen...
Ein wenig hilflos schaute ich mich im Zimmer um - zu Sean wollte ich nicht noch einmal rennen -, und mein Blick fiel auf einen Stuhl, der an der Wand stand. Über der Stuhllehne hing ein bereits getragenes Hemd. Ich glaubte, es war das von gestern.
Vorsichtig näherte ich mich und nahm behutsam das Hemd in die Hände. Eine Weile lang betrachtete ich es und konnte nicht umhin, meine Nase in den Stoff zu pressen und den wunderbaren Duft einzuatmen. Ich kam mir zwar vor, wie ein Perverser, der an Sachen schnüffelte, aber konnte auch nicht anders! Das hier war höhere Macht... Magnetismus! Zwang!
Ohne großartig zu überlegen, schlüpfte ich in das weiße Hemd und drehte mich zum Spiegel um, der an der Außenseite einer der Schranktüren angebracht war.
Es war mir natürlich viel zu groß und viel zu weit, aber es bedeckte alles, was meiner Meinung nach bedeckt werden musste. Na gut, es war nicht ganz so lang, wie ein Nonnengewand, aber ich hatte auch nicht vor, mich allzu lange Zeit so vor Sean zu präsentieren. Gleich würde ich ins Bett schlüpfen und das war’s!
Ich knöpfte das Hemd langsam zu und ließ den oberen Knopf offen.

Es klopfte und Sean trat herein. Abrupt blieb er in der Tür stehen und betrachtete mich schweigend, mit einem amüsierten Gesichtsausdruck, von oben bis unten. Unter seinem Blick errötete ich ein wenig und lächelte verlegen. Soviel zu "nicht präsentieren".
"Warum..." Er unterbrach sich selbst. "Du hättest doch auch etwas Sauberes nehmen können. Im Kleiderschrank hängen viele frische Sachen."
Als ob das hier schmutzig wäre!
"Aber... das riecht so gut", murmelte ich leise, wieder errötend. Die allgegenwärtige Anwesenheit Sean's verwirrte und verunsicherte mich noch mehr, als wenn ich ihn nur ab und zu sah. Ich dachte zwar, das ließe sich nicht mehr steigern, aber nun wurde ich doch eines Besseren belehrt.
Ich wusste auch nicht, was das war – dass ich ständig nur dummes Zeug quasselte und meinen Mund nicht halten konnte, vor allem bei so peinlichen Sachen!
Sean trat schweigend an mich heran und berührte mit seinen Fingern den Hemdkragen. Er nahm ihn zwischen Daumen und Zeigefinger und fuhr ganz langsam daran entlang, bis seine Hand in meinem Nacken ankam.
Seinen anderen Arm legte er mir sanft um die Taille und zog mich dicht an sich, sodass ich die Wärme seiner Haut durch den dünnen Stoff spüren konnte, seine Hand in meinem Nacken fuhr mir sinnlich in die Haare, als er mich wundervoll sanft küsste.
Als mir die Knie weich wurden, hielt er mich unerschütterlich fest und vergrub sein Gesicht in meinem Haar, seine Wange an meiner Schläfe.
"Du durftest auch sehr gut, Emily", flüsterte er heiser und jagte mir damit einen angenehmen Schauer über den Rücken. Das tat so gut, dass es schon beinahe weh tat! Ich wusste gar nicht mehr, wie mir geschah. So verloren - so verliebt - hatte ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. Total verloren in ihn. Irgendwie versunken in den tiefsten Tiefen des Ozeans. Mein Herz war plötzlich doppelt so groß, mit all den Gefühlen angefüllt, die ich schon so lange nicht mehr empfunden hatte, und auch mit solchen, die ich noch gar nicht kannte.
Ich schlang meine Arme um seinen Oberkörper und hielt ihn fest umklammert.
Nach einer Weile – viel zu schnell –, löste er sich langsam von mir und schenkte mir sein warmes, wundervolles Lächeln. "Wollen wir?" Er deutete auf das Bett.
Ich nickte. Vor Sean hatte ich nichts zu befürchten. Ich war mir sicher, er würde sein Versprechen halten.
Schnell schlüpfte ich unter die Bettdecke und er löschte noch das Licht, lag dann auch schon neben mir. Blind blinzelte ich in die Dunkelheit hinein. Meine Augen musste sich erst noch daran gewöhnen.
"Gute Nacht", sagte er mir einem Lächeln in der Stimme und suchte unter der Bettdecke nach meiner Hand, drückte sie.
"Gute Nacht", seufzte ich.
Das war zu schön, um wahr zu sein.


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