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Every Little Thing

von  -Moonshine-

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Kapitel 2: Blown Away

Nach 37 Stunden, von denen ich die ersten 29, aus Angst einzuschlafen, im Wachzustand verbracht habe, bis der Schlaf mich schließlich doch noch übermannt hat, blinzelte ich meine weiße Decke an. Da es hell im Zimmer war, musste es bereits Tag sein.
Es war einer von diesen Momenten, an denen man morgens aufwacht und nichts Schlimmes erwartet. Alles fühlt sich angenehm normal an, bis zwei, drei Sekunden später die Gewissheit wieder langsam und grausam in das Gedächtnis kriecht. Und das Gefühl, dass etwas ganz und gar nicht normal und in Ordnung ist.
Ich kniff die Augen zusammen, drehte mich ruckartig auf den Bauch und umklammerte mein Kissen, während ich mein Gesicht in dasselbe drückte. Am liebsten wäre ich sofort wieder eingeschlafen. Verschiedene Gedanken schwirrten mir alle gleichzeitig durch den Kopf: die Arbeit, meine verwüstete Wohnung, die ich bis jetzt noch nicht angerührt hatte, die Mitleidsbekundungen der Nachbarn.
Im Haus wohnten ein älteres Ehepaar, eine Familie mit zwei kleinen Kindern, die über den Einbruch fast noch betroffener schien als ich, ein alter Mann, den man kaum zu Gesicht bekam, weil er nie aus der Wohnung ging, ein junger Mann, den man kaum zu Gesicht bekam, weil er nie in die Wohnung ging, und drei junge Studenten in einer WG, die allerdings alle älter waren als ich.
Gestern hatte man mir sogar ein warmes Mittagessen vorbeigebracht, zubereitet von der netten alten Mrs Forster mit dem wohl griesgrämigsten Ehemann der Welt.
Das Schloss hatte ich bereits auswechseln lassen, das Chaos jedoch, vor allem in der Küche, war geblieben. Ich hatte lediglich die Scherben aufgekehrt, doch wie lange würde ich mich noch davor drücken können?
Mit einem Seufzer setzte ich mich auf und schaute auf die Uhr. Elf.
Wie viel ich wohl bis zum Mittagessen schaffen würde...?


Fast eine Woche war vergangen und ich hatte den Schweinestall in meiner Wohnung schließlich doch noch beseitigt und war ziemlich stolz auf das Funkeln und Glänzen der Fensterscheiben. Es hätte mich nicht gewundert, wenn plötzlich eine Taube dagegen geflogen wäre, so klar war jetzt das Glas, und auch der Rest der Wohnung sah besser als, als je zuvor.
Ziemlich zufrieden mit mir selbst saß ich an diesem späten Nachmittag auf meinem Bett und betrachtete stolz mein Werk, während nebenbei der Fernseher lief. Ich wartete auf meine Lieblingssendung, die in wenigen Minuten anfangen würde, als das Telefon klingelte.
Ich nahm ab und war zunächst etwas erschrocken, als sich die Polizei meldete, bis mir wieder einfiel, dass nicht ich diejenige war, die etwas verbrochen hatte.
Nach einigen Tagen der Furcht, meine Wohnung zu verlassen und sie dann genauso wiederzufinden wie an jenem Tag, aber auch, in der Wohnung zu bleiben und abgeknallt zu werden, falls der oder die Einbrecher doch noch den ein oder anderen Edelstahltopf vergessen hatten, habe ich es beeindruckend gut geschafft, das Ganze zu verdrängen. Das konnte so aber auch nicht weitergehen, denn ständig, wenn mich jemand ansprach, fuhr ich erschrocken zusammen und vermutete gleich einen tätlichen Angriff.
Das ging sogar so weit, dass man mich im Kindergarten kurzfristig in ein verlängertes Wochenende geschickt hatte, damit ich "mal so richtig ausspanne" und mich "erhole". So haben sie es jedenfalls formuliert. Ich allerdings vermute eher, dass sie mich für psychisch gestört hielten und mich aus dem Weg haben wollten, da ich ihnen und den Kindern bereits Angst machte. Aber was konnte ich denn dafür, wenn mir zurzeit alle Angst machten?
Am Telefon war eine freundliche Dame - gab es Sekretärinnen bei der Polizei? - die mir mitteilte, ich sollte doch am nächsten Tag - ein Dienstag übrigens - ins Revier kommen, wenn ich Zeit hätte. Es handelte sich um den Zwischenfall von vor einer Woche, erklärte sie und gab mir das Gefühl, beim Reden ständig zu lächeln.
Sofort war ich wieder nervös. Ich hatte weder vorher etwas mit der Polizei zu tun gehabt - und das ist ja bekannterweise nicht sonderlich reibungslos verlaufen mit Trockenpflaume und seinem Kollegen, der noch größeren Pflaume -, noch war ich jemals auf dem Revier gewesen. Was würde mich da erwarten?
Lauter Männer in Uniformen! Nun, das dürfte sich ja für Außenstehende ganz nett anhören, aber wenn man mittendrin war, hatte der Gedanke schon weitaus weniger Reiz. Man musste schließlich auch Mr Trockenpflaume und "so weiter" hinzuzählen.
Die Erinnerung an ihn und sein schalkhaftes Grinsen trieb mir wieder die Röte ins Gesicht und ich wünschte mir von Herzen, dass ich ihm nicht begegnen würde.
Aber dann sagte ich mir, dass er doch sicherlich einer von diesen "im-Polizeiwagen-Umherfahrer" war und keiner von den "Büro-Polizisten". Damit schaffte ich mir eine untrügliche Illusion, die mich ein bisschen beruhigte.
Mr. Unwiderstehlich würde sicherlich nicht noch mal in den Genuss meiner Unterwäsche kommen...


Ein bisschen eingeschüchtert ging ich auf den Haupteingang des städtischen Polizeireviers zu. Auf dem Parkplatz standen eine Menge Polizeiautos. Eins davon könnte vielleicht der Dienstwagen von Mr Perfect sein, was bedeuten würde, er wäre doch hier... aber schon wieder schweiften meine Gedanken zu ihm ab, verdammt noch mal! Ich schüttelte den Kopf, in der Hoffnung, ihn somit auch aus meinem Kopf verbannen zu können.
Das Gebäude war groß. Er konnte überall sein und außerdem, wer sagte denn, dass er anwesend war? Das Risiko war also minimal.
Neuen Mut gefasst trat ich vor die Tür, die sich sogleich automatisch öffnete.
Die Eingangshalle war groß, rechts führt ein Gang zu den öffentlichen Toiletten, im linken Gang befand sich eine Informationsstelle, wo ich mich wahrscheinlich ankündigen sollte.
Die Dame in Polizeikleidung hinter dem Glas saß an ihrem Schreibtisch und ordnete irgendwelche Unterlagen, ohne mich zu bemerken.
Etwas unschlüssig stand ich hibbelig vor dem Fenster, doch als sie noch immer keine Notiz von mir nahm, klopfte ich zweimal leicht an das Glas, woraufhin sie sofort aufblickte und sich zu mir hin beeilte.
Sonderlich freundlich war sie nicht, als sie mich nach meinem Namen und dem Grund meines Erscheinens fragte. Meinen Ausweis konfiszierte sie auch, gab ihn mir aber wieder, nachdem sie irgendwelche Daten in ihren Computer eingegeben hatte.
"Büro 2.07", sagte sie noch zu mir, tödlich gelangweilt. "Das ist im zweiten Stock."
Was sie nicht sagte. Wo ihre Zelle doch mit der 0.11 versehen war.
Ich bedankte mich trotzdem artig und suchte die Treppe, die mich nach oben führen sollte. An der Wand hingen kleine bedruckte Hinweisschilder, die in die Richtung wiesen, wo man jeweils hinwollte. Ich befand mich auf dem Weg zur "Einbruchssicherung".
Es war sehr still im Gebäude und ich traute mich kaum, irgendein Geräusch zu machen, geschweige denn zu atmen.

Im zweiten Stock angekommen suchte ich nach der Raumnummer sieben, stand jedoch noch einen geschlagenen Moment davor, nicht wissend, ob ich reingeholt werde oder doch lieber klopfen sollte. Hatte die Empfangstussi mich angekündigt? Würde ich in irgendeine Vernehmung reinplatzen?
Ich beschloss, einfach mal an der Tür zu lauschen und näherte mich ihr mit meinem Ohr. Von Innen drang kein einziger Laut nach außen.
Ich seufzte und beschloss, ins kalte Wasser zu springen und zu klopfen.
Ich wusste zwar nicht, was ich erwartet hatte, aber das leise "Herein", das hinter der verschlossenen Tür zu mir hervordrang, erschreckte mich.
Zögerlich drückte ich die Klinke herunter und trat ein.
Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, das Erste, was ich sah, war Mr. Dickinson alias "die Trockenpflaume" - und ich wünschte, es wäre tatsächlich so gewesen. Aber nein, wer mir zuerst ins Auge fiel, war natürlich der Polizist, von dem ich mir geschworen hatte, ihn nie wiederzusehen.
Augenblicklich lief ich tiefrot an, bis zu den Zehenspitzen, und blieb wie angewurzelt stehen, während ich ihn anstarrte. Er sah immer noch sehr gut aus, noch besser, als ich ihn in Erinnerung hatte, und er saß an seinem Schreibtisch, gebeugt über irgendwelche Papiere.
Als ich die Tür öffnete, blickte er nach einer kurzen Verzögerung auf und auf seinem Gesicht erschien der Ausdruck des Erkennens. Mist, er wusste also noch, wer ich war!
Er lächelte, während ich noch immer panisch seinen Blick erwiderte und wie ein begossener Pudel in der Tür herumstand.
"Ah, Miss Jones", begrüßte er mich und mir fiel plötzlich ein, dass ich seinen Namen ja gar nicht wusste. "Mein Kollege ist sofort für Sie da, setzen Sie sich doch", bot er an und deutete auf einen Stuhl unweit seines Schreibtisches.
So etwas konnte ja auch nur mir passieren. Ich schaute mich um, doch Mr Dickinson, meine einzige Rettung momentan, war nirgends zu sehen.
Er bemerkte, dass ich nach ihm suchte und fügte beruhigend hinzu: "Er wird gleich wiederkommen."
Mit einem staubtrockenen Mund, der anscheinend gerade einen Ausflug in die Sahara ohne mich unternommen hatte, nickte ich, schloss behutsam die Tür hinter mir und bewegte mich steif auf meinen Sitzplatz zu.
Ich setzte mich vorsichtig auf die Stuhlkante, jederzeit bereit, im Notfall zu fliehen, und betrachtete nervös meine Schuhspitzen, ohne aufzusehen.
Doch auch Mr Godlike schwieg und schien mich gar nicht zu beachten. Stattdessen wandte er sich wieder seiner Arbeit zu und füllte irgendwelche Formulare aus, eins nach dem anderen.
Als er kurz aufblickte und dabei peinlicherweise bemerkte, dass ich ihn heimlich beobachtete, lächelte er mir gequält zu.
"Papierkram", erklärte er und legte seinen Kugelschreiber beiseite, verschränkte die Finger ineinander, ließ die Hände auf dem "Papierkram" ruhen und betrachtete mich mit einem interessierten Lächeln.
Mein Gesicht und meine Ohren glühten auf und ich sah mich gezwungen, meinen Blick abzuwenden.
"Ach so", murmelte ich, nicht gerade geistreich, und warf einen hilflosen Blick zur Tür, die zu meiner großen Überraschung just in diesem Augenblick tatsächlich aufging.
Erleichtert atmete ich auf, als Mr Dickinson hereintrat, mit demselben gelangweilten, emotionslosen Ausdruck im Gesicht, wie ich ihn immer noch in Erinnerung hatte. Dieser Mann war meine Rettung und ich wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen, was jedoch etwas seltsam gewesen wäre. Also begnügte ich mich damit, ihm dankbare Blicke zuzuwerfen und Mr Irresistible so gut es ging zu ignorieren. Soweit ich das verstanden hatte, war sowieso Mr Dickinson für mich zuständig.
Dieser starrte mich einen Moment lang ausdruckslos an. Anscheinend erkannte er mich nicht wieder.
"Miss Jones", kam ihm sein Kollege zur Hilfe, der wieder nach seinem Kugelschreiber gegriffen hatte und zur mir herübernickte.
"Ah, natürlich!" Zu meinem Erstaunen deutete sich auf Dickinson's Gesicht so etwas wie ein freundlicher Ausdruck an und er nickte mir entschuldigend zu. "Kommen Sie nur..." Er zeigte auf den anderen Stuhl, der gegenüber seinem eigenen Schreibtisch, weiter hinten im Raum, stand, und wartete, bis ich mich erhoben hatte. Dann geleitete er mich geduldig die paar Schritte weiter, setzte sich jedoch nicht an den Tisch mir gegenüber, sondern blieb einfach neben mir stehen, wobei er mir die Sicht auf den, dessen Namen ich nicht kannte, versperrte. Zum Glück.
Mr Dickinson kratzte sich ratlos am Kopf und seufzte. "In der letzten Woche", verkündete er, "sind in der Gegend, in der Sie auch wohnen, etliche Einbrüche gemeldet worden. Es ist also anzunehmen, dass Sie nur ein zufälliges Opfer einer sehr dreisten Bande geworden sind. Die Einbrecher warten nicht einmal, bis die Dunkelheit hereinbricht." Er schüttelte fassungslos den Kopf und ich schaute ihn ängstlich, mit großen Augen an. "Es ist bis jetzt niemand ernsthaft zu Schaden gekommen, aber wir haben mittlerweile so viele Beweise, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis wir auf ihre Fährte kommen. Trotzdem... Sie müssen uns Ihre Aussage noch einmal schriftlich selbst niederschreiben..." Er klang erschöpft. "Es tut mir leid, dass wir Sie wegen so einer Formsache belästigen müssen, aber Vorschrift ist nun mal Vorschrift."
Ganz offensichtlich fand er diese Vorschrift mehr als nur unnötig, aber ich atmete erleichtert auf. Hatte ich doch schon befürchtet, dass es irgendetwas Ernstes war, weshalb ich hierher beordert wurde.
"Das macht überhaupt nichts", versicherte ich Mr Dickinson erfreut, für den ich immer mehr Sympathie empfand, aus welchen Gründen auch immer. Vielleicht, weil er, mal abgesehen davon, dass er mich eben aus dieser äußerst unangenehmen Stille gerettet hatte, mir immer menschlicher erschien.
Er nickte. "Es dauert auch nicht lange", murmelte er, während er zum Aktenschrank herüberging, eine Schublade öffnete und ein bisschen darin herumkramte. Ich wagte einen kurzen, unauffälligen Seitenblick zu seinem jungen Kollegen, dessen Anwesenheit mir die ganze Zeit über grausam bewusst war, als säße sie mir geradezu im Nacken. Schließlich zog Dickinson ein Formular heraus, das er mir anschließend vorlegte.
"Füllen Sie das einfach aus", erklärte er mir und legte einen Kugelschreiber neben das Formular. "Dann sind Sie auch schon entlassen."
Ich nickte, griff nach dem Stift und las mir trotzdem noch die Anweisungen durch, die besagten, meine Aussage möglichst detailgetreu und knapp zu halten. Ausschmückungen waren nicht erlaubt.
Während ich überlegte, entschuldiget sich Mr Dickinson für einen kurzen Moment, als es an der Tür klopfte. Er versprach, in Kürze wieder zu kommen.
Und wieder war ich allein im Raum mit dem unverschämt gutaussehenden Kerl, versuchte aber so gut es ging, seine Anwesenheit nicht zu beachten und mich meinem Geschreibsel zuzuwenden, was jetzt vielleicht viel einfacher klingt, als es in Wirklichkeit war.
Da nun auch schon ein paar Tage Gras über die Sache gewachsen war, war ich nicht mehr ganz so durch den Wind wie am besagten Abend und konnte mich viel besser auf das konzentrieren, was wirklich geschehen war.
Nach ein paar wenigen Sätzen - die aus Uhrzeit, Ort, dem Zustand der Wohnung und dem gestohlenen Gut bestanden - legte ich den Stift beiseite und blickte mich ratlos um.
Was sollte ich jetzt tun? Wie lange musste ich in dieser Hölle verweilen und auf Mr Dickinson warten, allein mit dem Typ, der mich aus irgendeinem mir vollkommen unerklärlichen Grund so nervös machte?
"Äh..." Ich warf ihm einen schüchternen Blick zu und ärgerte mich über meine piepsige Stimme. "Ich bin soweit..."
Er schaute augenblicklich auf, als ich das Wort an ihn richtete.
"Fertig?" Er schenkte mir sein reizvolles Lächeln und nahm das Papier entgegen, dass ich ihm hinstreckte. Nachdem er es kurz überflogen hatte, erhob er sich und ich tat es ihm gleich.
Ich konnte kaum erwarten, hier raus zu kommen.
"Kann ich jetzt gehen?", fragte ich hoffnungsvoll und fühlte mich wie ein Schüler, der in das Büro des Direktors gerufen wurde, klopfte mir dann den imaginären Staub von meiner Hose und strich mir nervös eine Strähne hinter das Ohr, nur, um irgendetwas zu tun und diesem unverschämt gutaussehenden jungen Mann nicht ansehen zu müssen.
Er hingegen musterte mich immer noch neugierig.
"Wollen Sie mit mir ausgehen?", fragte er dann unvermittelt und ich blickte geschockt auf.
Ausgehen?
Für einen Augenblick hatte es mir doch tatsächlich die Sprache verschlagen und ich fürchte, ich starrte ihn mit offenem Mund entgeistert an.
"Warum?", platzte es dann schließlich aus mir heraus, was zweifellos nicht die beste Frage war, die ich ihm in diesem Augenblick hätte stellen können, aber ich war einfach viel zu perplex, als dass mir etwas anderes eingefallen wäre.
Er? Ausgehen? Mit mir? So etwas passierte mir normalerweise nur in meinen Träumen - in meinen wildesten Träumen, um genauer zu sein.
Er sah wohl auch ein, dass es eine seltendämliche Frage war, denn plötzlich verlegen kratze er sich am Hinterkopf und grinste ein bisschen peinlich berührt.
"Na ja, ich... Sie sind attraktiv und..." Er brach ratlos ab und mir schoss bei seiner Aussage das Blut ins Gesicht.
Ich und attraktiv? Normalerweise hätte ich das für einen dummen Scherz gehalten, aber er schien es tatsächlich ernst zu meinen. Und dann lächelte er mich wieder so entwaffnend an und ich schmolz fast dahin.
"Oh, äh, na gut, okay...", stammelte ich, nicht gerade geistesgegenwärtig, immer noch ein bisschen verblüfft von seiner Direktheit.
Er ließ erleichtert die angespannten Schultern sinken. "Perfekt. Ziehen Sie sich warm an", warnte er noch.
Jetzt war ich doch etwas misstrauisch. Sollte das eine Drohung sein à la "Zieh dich warm an, Freundchen"?
"Wozu?", hakte ich nach. Vielleicht war die ganze Sache doch keine so gute Idee... Wer weiß, was er mit mir vor hatte!
Aber das gottgleiche Exemplar von Mann grinste nur munter. "Wir gehen Schlittschuh laufen", verkündete er und mir fiel fast die Kinnlade herunter.
"Sie wollen mich wohl umbringen!", jaulte ich aufgeregt. Wirklich, eine Halle voller Eis, Menschen und spitzen Schlittschuhhacken, das war nun wirklich nichts für mich. Und jeder, der mich kannte, wusste das auch. Ich war nicht nur eine Gefahr für mich selbst, sondern darüber hinaus noch gefährlich für alle, die sich in meiner unmittelbaren Nähe befanden. Ach was, unmittelbare Nähe... am besten sollte man zu mir 500 Meter Sicherheitsabstand halten – und zwar in jeder Lebenslage.
Ich würde liebend gern auch Sicherheitsabstand zu mir selbst halten, aber man konnte ja leider nicht aus seiner Haut.
Der Gute schien mich jedenfalls nicht besonders ernst zu nehmen, denn er belächelte meine erschrockene Reaktion nur.
"Keine Angst, ich passe schon auf Sie auf", versicherte er mir großspurig und ich stellte mir insgeheim die Frage: Und wer passt auf Sie auf?
"Ich hole Sie am Freitag um 20 Uhr ab", unterbrach er meine Gedanken ziemlich bestimmt. Ich merkte sofort: das war ganz sicherlich keine Frage.
Die Selbstverständlichkeit und Arroganz, mit der er davon ausging, dass ich nur darauf warten würde, von ihm abgeholt zu werden und sonst nichts Weiteres zu tun hatte, ließ meine Alarmglocken schrillen und ich verschränkte unbewusst die Arme vor der Brust und warf ihm einen widerwilligen, bockigen Blick zu - ein Relikt, das aus der Pubertät stammte und irgendwie nicht mehr abzugewöhnen war.
"Und was ist, wenn ich da schon etwas vor habe?", wollte ich trotzig wissen und versuchte, ihn so kalt wie möglich anzuschauen – etwas, was mir noch nie wirklich gelungen war. Mit meinem "eisigen Blick" ließ sich nicht einmal einem schreckhaften Kaninchen Angst einjagen, geschweige denn einem erwachsenen Mann, der anscheinend ganz genau wusste, was er wollte.
Besagter lächelte nachsichtig. "Haben Sie denn?"
Ich errötete und ließ die Arme resigniert sinken. "Nein", nuschelte ich ertappt, nicht gerade schlagfertig. Meine Unfähigkeit zu lügen hatte mir mal wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht.
"So ein Glück", sagte der Mann ohne Namen und für einen kurzen Moment dachte ich, er freut sich, dass ich nichts vorhabe, doch dann sprach er schon weiter: "Sonst hätten Sie das ja absagen müssen."
Er grinste frech und selbstsicher, als ich ihm einen empörten Blick zuwarf und mit mir kämpfte, ob ich ihn denn nun über alle Maßen arrogant und unmöglich, oder aber über alle Maßen - und zwar so, dass es schon gar nicht mehr gut für mich sein konnte -, hinreißend finden sollte, aber irgendwie hatte ich schon so ein untrügliches Gefühl, dass ich mich bereits längst entschieden hatte, denn warum sonst klopfte mein Herz in diesem Moment viel schneller, als mir lieb war?
Noch während ich besorgt zu fassen versuchte, was in aller Welt bloß mit mir los war, wurde die Tür wieder geöffnet und Dickinson trat ein.
Plötzlich war ich sehr verlegen und hatte es überaus eilig, hier rauszukommen.
"Ähh, ich geh dann mal!", stieß ich hervor, ergriff hastig Dickinson’s Hand, um sie schnellstmöglich zu schütteln und rauschte an dem alternden Mann vorbei, der etwas perplex von mir zu seinem Kollegen schaute, der mit dem von mir fertig ausgefülltem Formular in der Luft wedelte, um ihm zu bedeuten, dass er sich darum gekümmert hatte.
"Na dann, auf Wiedersehen, Miss Jones!", rief Mr Dickinson mir noch hinterher und zu allem Überfluss fügte der Mann, mit dem ich ganz offensichtlich ein Date hatte - das musste ich aber erst noch verdauen - hinzu: "Bis Freitag dann."
"Äh, ja, auf Wiedersehen", ächzte ich, vollkommen überlastet, stieß die Tür, durch die ich ins Büro gelangt war, auf und hörte gerade noch, wie Mr Dickinson seinen unglaublich attraktiven Kollegen - Mist, ich wusste noch immer nicht, wie er hieß! - fragte: "Na, Sean. Ich dachte, du hättest den Frauen vorerst abgeschworen?"
Was folgte, war das angenehme, leise Lachen des Mannes, der ganz anscheinend Sean hieß, doch seine Antwort bekam ich leider nicht mehr mit, da die Tür hinter mir ins Schloss fiel, und alles, was ich jetzt noch hörte, war die Stille eines bereits bekannten Polizeirevierflures. Und das ungewollt laut schlagende Herz in meiner Brust.


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