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In Nottingham

von  -Moonshine-

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Kapitel 3: Back in Hawton Crescent

Es war bereits später Sonntagnachmittag, als Kate, wieder zurück in Nottingham's kleiner Nebenstraße Hawton Crescent, den Schlüssel ins Schloss der Haustür steckte und ihn umdrehte. Das Wochenende mit ihrer Familie war lustig, aber dennoch sehr anstrengend gewesen. Alle Familienmitglieder auf einem Haufen ließen sich eben nicht so einfach ertragen wie jeder einzeln.
Dennoch war sie froh, dort gewesen zu sein und Zeit mit ihnen verbracht zu haben. Es erinnerte sie immer an früher, als noch alle zu Hause gewohnt haben und viel zu viel Unsinn angestellt und noch mehr Lärm gemacht haben. Es war nie still im Hause Winston gewesen.

Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt und draußen war es schon beinahe dunkel, doch auch, als Katie das Innere der Wohnung betrat, musste sie feststellen, dass hier drin nirgends Licht brannte. War Claire etwa ausgeflogen?
Kate pellte sich aus ihrer warmen Jacke und hängte diese, zusammen mit dem Schal, an den Kleiderhaken. Ihre Tasche hatte sie bereits auf dem Boden gepfeffert und ließ diese erst mal ohne Beachtung liegen, während sie sich langsam in das Wohnungsinnere stahl.
Vom Flur aus betrat sie die Küche, die ihrerseits ins Wohnzimmer führte. Die Tür war angelehnt und durch den Türspalt drangen leise Stimmen und flackerndes Licht zu ihr durch. Also war doch jemand zu Hause.
Erleichtert durchquerte Kate die Küche und stieß die Tür auf.

Der Anblick der sich ihr bot, war Folgender: Ihre beste Freundin und gleichzeitig WG-Genossin Claire Greene hatte es sich mit Popcorn auf dem Sofa gemütlich gemacht. Sie trug ein weites, grünes T-Shirt und eine alte, dunkelgraue Jogginghose. Ihre gewellten, blonden Haare hatte sie offengelassen, sodass sie ihr in unregelmäßigen Wellen über die Schultern fielen und sie fast wie einen Engel erscheinen ließen.
Kate wusste nur allzu gut, dass Claire zwar bei manchen diesen Eindruck erwecken konnte, jedoch alles andere war als das.
Mit einer Hand in der Popcornschüssel schaute diese erschrocken auf, als Kate eintrat, doch bei der Erkenntnis, es handelte sich nur um ihre Freundin und nicht um irgendeinen ungebetenen Gast, entspannte sie sich wieder und lächelte Kate zur Begrüßung an, die etwas näher trat und sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte.
"Was ist denn aus dem Lern-Wochenende geworden?", wollte sie neckend wissen und wandte ihren Blick dem Fernseher zu, in dem Bemühen, den Film, den sich Claire da anschaute, zu identifizieren. Erfolglos.
Claire stöhnte nur genervt und winkte mit der freien Hand ab.
"Ich habe gestern genug gepaukt und fühle mich, als wäre ich 3 Kilogramm intelligenter." Sie warf bei diesem Satz einen argwöhnischen Blick auf das Popcorn.
"Könnte auch an anderen Dingen liegen...", murmelte sie dann nachdenklich vor sich her, bevor sie sich wieder Kate zuwandte.
"Jedenfalls ist heute offiziell der freie Faultag!", verkündete sie dann fröhlich und klopfte einladend auf den leeren Platz neben sich auf der Couch.
Kate ließ sich nicht zweimal bitten und kam der Aufforderung ihrer Freundin sofort nach. Diese reichte ihr auch unmittelbar die Schüssel mit Popcorn und Kate lehnte sich entspannt zurück.
"Was gucken wir da?", fragte sie, ihren Blick wieder auf das Fernsehprogramm gerichtet.
Claire zuckte die Achseln. "Keine Ahnung. Der Film heißt angeblich 'Liebesdinge', aber worum es da geht, weiß ich nicht wirklich. Obwohl er schon seit einer Stunde läuft!"
Kate lachte. Eine von Claires wunderbaren Eigenschaften war es, sinnlose Dinge aufzuspüren, diese ihrem scharfsichtigen Auge vorzuführen und sie dann mit ihrer Kritik ins Stücke zu zerreißen, wie ein gefürchteter Literaturkritiker.
"Warum schaust du ihn dir dann an?", wollte das Mädchen belustigt wissen und nahm sich dankbar eine Portion Popcorn aus der Schüssel, die Claire ihr wieder hinhielt.
"Wenn du wüsstest, was ich heut schon alles im Fernsehen gesehen habe...", setzte sie bedeutungsvoll an und warf Kate einen kritischen Blick zu, "dann würdest du gar nicht mehr mit mir befreundet sein wollen! Den ganzen Mist hab ich schon durch... Reality-TV, Talkshows, drittklassige Comedy - obwohl die ja noch das kleinere Übel war", fügte sie der Fairness halber hinzu und seufzte über ihre eigenen Untaten. "Der Film ist das Beste, was seit Stunden kommt. Traurig!"
Sie wandte sich wieder ab und griff nun zum Couchtisch nach der Fernbedienung. Offensichtlich hatte sie genug von der Sinnlosigkeit der "Liebesdinge" und zappte in einem entschlossenen Versuch, dieses Mal etwas Akzeptables zu finden, um.

Kate grinste, amüsiert über ihre beste Freundin. Anscheinend war sie heute viel zu gut drauf, um die Unmöglichkeiten im Fernsehen noch weiter auszuführen, denn normalerweise war das ein endloses Thema. Doch es nervte Kate nicht, ganz im Gegenteil - Claire hatte die einzigartige Gabe, die Dinge ironisch-lächerlich darzustellen und mit ihr zusammen zu sein bedeutete nie Langeweile oder Trübsal.
Die beiden Mädchen kannten sich schon seit der Grundschule. Obwohl sie sich anfangs gar nicht leiden konnten - Kate hielt Claire für zu laut und unfreundlich - hat sich im Laufe der Zeit ein starkes Band der Freundschaft zwischen ihnen entwickelt.
Doch nicht nur das - jeder von ihnen schätze die Gesellschaft des jeweils anderen. Claire, vom Gemüt her aufbrausend und direkt, schaffte es immer wieder, Kate mit ihrer Begeisterung anzustecken, von Unerfreulichem abzulenken oder sie zum Lachen zu bringen. Kate hingegen, eher ruhig und ausgeglichen, war gut darin, Claire von ihren Höhenflügen wieder auf den Boden der Realität zurückzubringen und sie ein bisschen mit ihrer Gelassenheit anzustecken.

Während Claire halbherzig umschaltete, richtete sie das Wort wieder an ihre Freundin.
"Und, wie war's zu Hause?", hakte sie nach und zögerte mit dem Zappen bei einer Nachrichtensendung. Nach kurzem Abwägen entschied sie sich, dass es das Beste war, was sie im TV finden konnte und legte die Fernbedienung beiseite.
Kate wartete, bis sie das Popcorn, das sie noch im Mund hatte, zu ende gekaut und runtergeschluckt hatte.
"Wie immer", antwortete sie. "Laut, fröhlich und anstrengend. Liz hat auch dort übernachtet, also kannst du es dir ja denken."
Claire lachte leise. Sie und Liz ähnelten sich sehr und Lizzie war auch diejenige von Kate's Geschwistern, die Claire immer am meisten bewundert hatte.
"Ja, allerdings", stimmte sie zu und nickte erinnerungsselig bei dem Gedanken an Kate's ältere Schwester. "Liz ist echt cool."
"Ja und... Dad und Alan waren geschäftlich in London, wovon Dan nicht allzu sehr begeistert war", plapperte Katie weiter und versuchte sich zu erinnern, ob noch irgendetwas Aufregendes oder Erzählenswertes passiert war, während sie in North Collingham war.

Ob sie Claire von Gabe's Rückkehr erzählen sollte? Und dass sie sich mit ihm unterhalten hatte?
Sie war sich der Reaktion ihrer Freundin nicht sicher. Würde es ihr etwas ausmachen oder war sie mittlerweile mit Gabe im Reinen? Sie hatte damals nicht sehr viel darüber geredet. Sturköpfig, wie sie war, hat sie es mit sich ausgemacht und Katie hat sie seitdem nie wieder seinen Namen aussprechen oder über ihn reden hören. Kate selbst hatte anfangs versucht, mit Claire über Gabe zu reden, doch sie blockte stets ab, sagte, es ginge ihr gut und wechselte schnell das Thema. Irgendwann hatte auch Kate aufgegeben, ihrer Freundin auf die Nerven zu gehen, doch das Gefühl, Gabe wäre ein Tabuthema, war immer haften geblieben, obwohl es nun schon drei Jahre her war, seit Gabriel weggeflogen war.
Und nun war er wieder zurück.
Letztendlich entschloss sie sich, dass sie es Claire nicht vorenthalten durfte. Wenn sie es ihr nicht sagte, würde Jake sich verplappern - und bei seinem Einfühlungsvermögen würde er das ganz sicher tun, das konnte Kate fast schon garantieren - und dann würde sie gegebenenfalls als die Böse dastehen, weil sie Claire nicht rechtzeitig gewarnt hatte. Gabe hatte ja angekündigt, Kontakt mit Jake aufzunehmen, immerhin waren sie früher beste Freunde gewesen.

"Da wäre noch eine Sache..." Katie zögerte und warf ihrer Freundin einen vorsichtigen Blick zu. Diese spürte auch sogleich die Anspannung und die Ernsthaftigkeit des Themas, richtete sich automatisch auf und sah Katie nun mit ihrem aufmerksamen Blick an.
"Ja?"
"Tja, also, ich hab... Gabe getroffen", gab Katie kleinlaut zu. Obwohl nichts Schlimmes an der Tatsache war, Gabe zu treffen, kam es ihr wie Hochverrat an ihrer Freundin vor, obwohl sie nicht genau wusste, wieso es so war.
Immerhin hatte sie mit der ganzen Sache nichts zu tun und sie war früher auch sehr gut mit ihm befreundet gewesen. Außerdem hatte sie auch nicht vor, zum "feindlichen Lager“ überzulaufen, falls Claire das befürchtete.
Die Überraschung war Claire auf jeden Fall anzusehen - damit hatte sie nun überhaupt nicht gerechnet, doch dann versteinerte sich ihr Gesicht wieder - wie immer, wenn das Thema "Gabe" aufkam und betont gleichgültig, aber unter extremer Anstrengung, zwang sie sich, die Schultern zu zucken und dabei so desinteressiert wie möglich zu gucken.

"Tatsächlich." Es war keine Frage, sondern eine Feststellung und Kate verstand den Wink sofort: Das Thema musste fallen gelassen werden. Doch so einfach würde Claire dieses Mal nicht davonkommen, denn die Gefahr, dass sie Gabe irgendwo begegnete - Kate konnte es schon lebhaft vor ihrem geistigen Auge sehen, dass Jacob den Ahnungslosen in seiner ganzen unbegrenzten Naivität zu ihnen anschleppte, um die Freunde über seine Rückkehr mit ihnen zu teilen - war nun bedrückend real und konnte nicht mehr heruntergespielt werden. Es musste etwas geschehen!

"Claire", drängte Katie und bedachte ihre Freundin mit einem durchdringenden Blick, die diesem auszuweichen versuchte, indem sie sich äußerte konzentriert der Mattscheibe zugewandt hatte. "Was passiert nun?"
"Was soll denn passieren?", knurrte diese durch zusammengebissene Zähne. Sie war sichtlich verärgert, doch Kate wusste, dass Claire's Missmut nicht ihr galt - aber sie wusste auch, dass er schlimmstenfalls an ihr ausgelassen wurde.
Sie überlegte kurz und wählte ihre Worte mit Bedacht.
"Es kann durchaus passieren, dass wir... ihm über den Weg laufen... Er möchte wieder Kontakt zu uns herstellen, hat er gesagt", gab sie wahrheitsgemäß Gabe's Worte wieder und gleichzeitig tat ihr ehemaliger Freund ihr ein bisschen leid, da er nicht einmal annähernd das ganze Ausmaß des Schlamassels, das ihn unausweichlich erwartete, erahnen konnte.
Sollte es ihm tatsächlich gelingen, Claire in irgendeiner Art und Weise in seine Nähe zu bringen, würde es ihm sicherlich nicht sonderlich gut ergehen.

Zu Katie's Erleichterung schien diese Tatsache Claire nicht besonders aufzuregen. Vielmehr kühlte sich die kurzzeitig aufkeimende Wut wieder ab und ein gleichmütiger, gut eintrainierter Ausdruck legte sich auf ihr Gesicht.
"Er kann doch auch ruhig den Kontakt wieder aufnehmen", sagte sie gefasst. Katie machte den Mund auf, doch klappte diesen vor Erstaunen wieder zu. Es war auch nicht nötig, zu protestieren, denn Claire drehte sich nun zu ihrer Freundin um. Ihre Miene war ernst und ließ erkennen, dass sie keinerlei Widerworte dulden würde. "Zu euch."
Das Thema war erledigt und Katie kannte ihre Freundin viel zu gut, um jetzt noch zu widersprechen.


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