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In Nottingham

von  -Moonshine-

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Kapitel 2: Dyke's End

Katie bog gerade nach Dyke's End ein, als der Bus seinen Weg durch die High Street der kleinen Ortschaft North Collingham fortsetzte.
North Collingham war die Kleinstadt, in der Katie aufgewachsen war und 18 Jahre ihres Lebens verbracht hat. Sie lag etwa 40 Kilometer nordöstlich von Nottingham und die Busverbindungen waren dementsprechend schlecht. Das war einer der Gründe, weshalb viele Jugendliche, wenn sie mit der Schule fertig waren, nicht bei ihren Eltern wohnen blieben, sobald sie anfingen, zu studieren. Wie auch viele ihrer Freunde hatte es Katie an die Universität Nottingham verschlagen, nur einige besonders schlaue Exemplare hatten Oxford oder Cambridge bevorzugt. Katie jedoch wollte nie allzu weit von Collingham wegziehen.
Die nächste Schule, die Kate, zusammen mit ihren Geschwistern, besucht hatte, lag zehn Kilometer weiter, in Newark.

Dyke's End war eine wohlhabenderen Gegenden Collinghams. Die breite, kaum befahrene Straße wurde links und recht von Bäumen gesäumt und war besonders im Herbst sehr hübsch anzusehen. Die Häuser in Dyke's End waren meist große, alte Villen im viktorianischen Stil.
Das Gras in den Vorgärten war immer ordentlich gestutzt und die Blumenbeete erblühten im Sommer in ihrer ganzen Pracht.
Momentan aber sahen die Bäume, die die Straße säumten und diejenigen, die in den Vorgärten standen, kahl und grau aus, doch Katie wusste, dass, wenn erst einmal alles schneebedeckt war, die Straße aussah, wie auf einer winterlichen Postkarte.
Das Haus ihrer Eltern war dasjenige mit der Hausnummer Neun. Schon während Kate sich näherte, konnte sie das Auto ihrer ältesten Schwester Judy in der Auffahrt stehen sehen.
Das Gebäude mit der Nummer Neun war eine typisch viktorianische Villa mit weiß-gelblicher Täfelung. Einen hübschen Kontrast dazu stellte das Dach dar, das von dunkelgrauen Schiefertafeln bedeckt wurde. Die Fensterrahmen und das Geländer der überdachten Veranda waren in reinem Weiß gehalten. Ihre Eltern ließen es jedes Frühjahr neu streichen, damit es nicht vergilbte.
Charakteristisch und ein besonderer Blickfang war das kleine Türmchen, das kaum höher reichte als der Schornstein. Es gehörte damals zu Judy's Zimmer, jedoch als diese ausgezogen war, hatte sich Lizzie das Zimmer unter den Nagel gerissen, denn es war heiß begehrt.
Katie kam erst in den Genuss, als auch Lizzie das elterliche Nest verlassen hatte und da war sie bereits 16 Jahre alt, was bedeutete, sie hatte nur zwei Jahre das schönste Zimmer des Hauses besessen, viel kürzer, als die beiden anderen Mädchen.

Katie zog sich den Schal fester um den Hals, als sie die kleine Treppe zur Veranda hochschritt. Die Verandaschaukel wippte langsam im Wind und knarrte dabei, wie man es von einer alten Schaukel auch nicht anders erwarten würde.
Noch bevor Katie die Klingel betätigen konnte, flog die Tür schon auf und ihre überglückliche Mutter stürmte ihr entgegen, warf sich ihr in die Arme und drückte ihre jüngste Tochter fest an sich.
"Mum..." Kate, überrascht von dem plötzlichen Angriff, drückte ihre Mutter mit sanfter Gewalt von sich weg, um erst einmal Luft schnappen zu können.
Die 48jährige ließ es bereitwillig geschehen, fasste Kate aber bei den Schultern und hielt sie eine Armeslänge von sich weg.
"Lass dich ansehen, Kind", sagte sie aufgeregt, als hätte sie Katie seit Jahren nicht mehr gesehen, dabei waren erst drei Wochen vergangen, seitdem Kate das letzte Mal am Wochenende zu Hause gewesen war.
Aus dem Inneren des Hauses drangen laute Fernsehgeräusche zu ihnen heraus und Kate's Mutter nahm sie am Ärmel und führte sie ins Haus hinein.
"Ein kalter Dezember dieses Jahr", stellte sie fest und rieb ihre Hände aneinander, während sie Katie, die sich ihrer Jacke und Schuhen entledigte, nicht aus den Augen ließ.
Dann folgte das Mädchen ihrer Mutter in die geräumige Küche, wo Judy bereits auf die beiden wartete.
"Hallo Kate", begrüßte sie ihre jüngste Schwester und lächelte sie warmherzig an.
Judy war sechs Jahre älter als Kate und hatte die dicken, braunen Haare ihrer Mutter geerbt. Mit 25 war sie bereits verheiratet und hatte einen dreijährigen Sohn namens Michael, gerufen Micky.
Judy hatte ein dreijähriges Studium zur Rechtspflegerin hinter sich und traf bei ihrem Praktikum auch ihren jetzigen Ehemann Alan.
Es dauerte nicht lange und die beiden zogen zusammen. Kurze Zeit später verlobten sie sich und heirateten.
Auch, wenn Katie Bedenken über die Richtigkeit dieser Entscheidung hatte, da Judy noch viel zu jung zum Heiraten war - für ihren Geschmack - schien ihre Schwester vollkommen zufrieden und ausgeglichen, fühlte sich sichtlich wohl in ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter.
Seitdem Micky in den Kindergarten besuchte, war es ihr auch wieder möglich, ins Berufsleben einzusteigen.
"Hey, Jude. Wo ist Alan?", fragte Katie, nachdem sie einen flüchtigen Blick ins Wohnzimmer geworfen hatte, aber nur Micky vorfand, der zwei Meter vom Fernsehgerät entfernt saß und gebannt auf den Flimmerkasten starrte, ohne zu bemerken, was um ihn herum geschah.
"Muss heute arbeiten. Dad auch", antwortete Judy, wurde jedoch von dem Geräusch quietschender Reifen unterbrochen, das aus ihrer unmittelbaren Nähe zu kommen schien.
Judy, Kate und ihre Mutter, Bethany Winston, hatten gleichzeitig dieselbe Idee und drängelten sich zu Dritt an das Küchenfenster überhalb der Spüle und warfen einen Blick hinaus, nur um das festzustellen, was sie schon alle geahnt hatten.
"Liz ist da", stellte Judy vergnügt fest und winkte ihrer Schwester zu, nachdem diese den Wagen zum Stehen gebracht hatte, energisch aus dem Inneren sprang und gutgelaunt zu ihnen rübergrinste.
Elizabeth - Liz oder Lizzie - war die zweitälteste Tochter der Winstons und zwei Jahre jünger als Judy, momentan also 23.
Sie war schon immer die Verrückteste und Lauteste der Familie gewesen und hatte ihren Lebensstil auch nach ihrem Auszug zu Hause beibehalten.
Ihre Mutter sah das natürlich gar nicht gern und vor allem weigerte sie sich stets, Lizzie's Freunde - meist irgendwelche zwielichtigen Gestalten ohne Manieren udn Anstand - zu akzeptieren.
Was Lizzie's Äußere anging, so war sie, Katie's Meinung nach, die Hübscheste der drei Mädchen.
Ihre honigblonden, lange Haaren wellten sich und ihre Augen schienen immer angriffslustig zu funkeln, als würde sie ständig irgendeinen Unfug aushecken.
Liz war die pure Lebensfreude und aus irgendeinem Grund, den Katie nicht nachvollziehen konnte, waren sie und die verantwortungsbewusste Judy schon immer ein Herz und eine Seele gewesen. Allerdings könnte das auch an dem kleinen Altersunterschied von nur zwei Jahren liegen, der zwischen Liz und Judy lag.
Während sie die Verandatreppe hinaufgeeilt kam und ihre Mutter zur Tür lief, um ihre Tochter gebührend in Empfang zu nehmen, betrachteten Kate die neue Haarfarbe ihrer Schwester.
Liz hatte schon immer ein Faible dafür gehabt, ihr Äußeres zu verändern und in ihrer rebellischen Phase war sie oft mit ausgefallenen Haarfarben nach Hause gekommen - sehr zum Leidwesen ihrer Mutter, die jedes Mal einen Aufstand machte, als stände sie kurz vor einem Herzinfarkt.
So schlimm war es diesmal nicht, denn Lizzie hatte sich nur auf eine Mischung zwischen roten und blonden Strähnchen eingelassen, was, das musste der Neid ihr lassen, ihr wunderbar stand.
Zumindest besser als das Blauschwarz, das sie sich mit 16 hat machen lassen. Zu ihrem eigenen Glück war es nur eine Tönung gewesen, doch diese Tatsache hat ihre Mutter auch nicht davon abgehalten, nach dem ersten Schock einen starken Scotch herunterzukippen.
Bei dem Gedanken daran musste Kate schmunzeln, doch sie hatte keine Zeit mehr, weiter in Erinnerungen zu schwelgen, denn Liz kam in die Küche gestürmt und beanspruchte sämtliche Aufmerksamkeit, wie auch früher schon, für sich allein.
Sie fiel Kate und Judy gleichzeitig um den Hals und strahlte. Lizzie war den ganzen Weg aus London nach North Collingham gefahren, nur, um zu diesem Mittagessen zu kommen und höchstwahrscheinlich würde sie, genauso wie Kate auch, über Nacht bleiben, denn der Weg zurück war viel zu lang und bei Kate fuhren keine Busse mehr.

Judy hingegen wohnte mit Alan und Micky in Lincoln, das weiter östlich lag und mit dem Auto nur wenige Minuten entfernt war.
Bethany kam mit einem seligen Grinsen hinter Liz hergestapft, als die Mädchen gerade voneinander ließen.
"Wo ist Daddy?", wollte die neu Hinzugekommene wissen, als sie sich in der Küche umsah und diesen nicht entdecken konnte.
"Auf einer Konferenz in London", antwortete Judy, während sie sich wieder daran machte, die bereits fertig gekochten Kartoffeln zu zerstampfen und mit ein wenig Butter und Salz zu verfeinern.
Liz seufzte entnervt.
"Da komm ich schon extra aus London her und er hat nichts Besseres zu tun, als eben dorthin zu entschwinden", beschwerte sie sich, doch ihr Missmut hielt nicht lange an - eine typische Eigenschaft von ihr: Liz konnte ihre Launen öfter wechseln, als andere Leute ihre Unterwäsche.
"Alan wird auch nicht kommen", informierte Kate ihre Schwester und setzte sich an den Tisch. Noch bevor Lizzie darauf etwas erwidern konnte, erschien, wie aus dem Nichts, eine fünfte Person im Türrahmen: ein schwarzhaariger Junge von 16 Jahren, der einen gebeutelten Eindruck machte.
"Sagt, dass das nicht wahr ist..", stöhnte er und verzog unglücklich das Gesicht.
Ohne auf sein offensichtliches Unglück zu achten, wirbelte Lizzie überrascht herum und Katie hob ebenfalls den Kopf, um ihren Bruder Daniel in Augenschein zu nehmen.
Danny war das - unfreiwillige - Nesthäkchen der Familie, 16 Jahre alt und kam ganz nach seinem Großvater.
Während Judy die braunen Haare ihrer Mutter geerbt hatte und Liz die blonden Haare und braunen Augen ihres Vaters, sah Danny mit seinen schwarzen Haaren und seinen grünen, intelligenten Augen ganz anders aus, als der Rest der Familie.
Er war äußerst schlaksig und groß, größer jedenfalls als die vier Frauen, unter denen er als einziger männlicher Nachkomme nicht wenig zu leiden und zu erdulden hatte.
"Danny!“, rief Liz begeistert aus, doch anstatt ihn ebenfalls zu umarmen, fuhr sie ihm stürmisch durch die Haare und hinterließ dort eine wild-verstrubbelte Verwüstung.
Daniel verzog gequält das Gesicht, ließ die Tortur aber über sich ergehen. Er wusste: ein falsches Wort und seine drei Schwestern würden ihn noch mehr quälen, als sie es ohnehin schon taten.
"Doch, es ist wahr", antwortete ihre Mutter, die nun abwesend im Kühlschrank nach etwas kramte, auf seine eher rhetorisch gemeinte Frage und Lizzie strahlte ihn wieder voller Begeisterung an, was für ihn nichts Gutes verheißen konnte.
Dan schlich wie ein geprügelter Hund durch die Küche und ließ sich neben Katie nieder, die ihm bereitwillig Platz machte.
Kate verstand sich mit Danny am besten, was vorwiegend daran lag, dass sie ihn in seiner Kindheit nicht als ihr Lieblingsopfer auserkoren hatte und ihm ihren Schrank zur Verfügung stellte, wenn Jude und Liz ihn mit Mädchenkleidern durch's ganze Haus jagten oder, in späteren Jahren, ihr Make-up an ihm testen wollten.
Unnötig zu sagen, dass diese, oft auch sehr einfallsreichen, Ideen meist von Lizzie kamen.
Katie war schon immer eher der ruhige, zurückhaltende Typ gewesen, der niemandem etwas zuleide tun konnte, deshalb hatte sie immer etwas gegen die Einfälle ihrer Schwestern und Mitleid mit ihrem Bruder gehabt.
Meist verkroch sie sich in ihre Bücher - sie konnte den ganzen Tag nichts anderes tun, als zu lesen und mit ihrer Liebe zu Büchern stellte sich auch irgendwann der Wunsch ein, Literatur zu studieren. Ein Studienfach, das zu ihr passte wie die Faust auf's Auge und niemanden wunderte.
"Daniel ist heute der einzige Mann im Haus", plapperte Mrs. Winston vergnügt vor sich her und bedachte ihren Sprössling mit einem liebevollen Blick voller mütterlichem Stolz. "Mal abgesehen von Micky, natürlich."
"Mann...", sinnierte Liz und musterte ihren Bruder kritisch mit einem Anflug von einem frechen Grinsen, natürlich in der Hoffnung, ihn wieder aus der Fassung zu bringen.
Doch Daniel war lernfähig. Mittlerweile hatte er gelernt, mit Lizzie's Attacken umzugehen. Das Beste, was er tun konnte, war sie zu ignorieren. Das klappte zwar nicht immer - Liz war hartnäckig - aber es ersparte ihm eine Menge Ärger.
Mit all den Schwestern, die ihn triezten, war er zu einem geduldigen Mann herangewachsen. Es überraschte Kate immer wieder, wie aus dem panischen Jungen, der sich in ihrem Kleiderschrank verkroch, dieser selbstsichere, Ruhe ausstrahlende junge Mann geworden war.
Katie warf ihrem Bruder ein entschuldigendes Lächeln zu, während dieser seelenruhig an seinem Glas nippte, Lizzie's Bemerkung völlig links liegen lassend.

Judy gesellte sich nun zu ihrer Mutter und schnitt die Tomaten für den Salat.
Ein paar Sonnenstrahlen drangen durch das Fenster hinein und machten den ganzen Raum noch viel freundlicher. Für einen kurzen Moment schwiegen alle Anwesenden und hingen ihren eigenen Gedanken nach, während aus dem Wohnzimmer noch immer die Geräusche von einem Zeichentrickfilm hereindrangen, in dem anscheinend sehr viele Trickfiguren sehr oft quietschten, kreischten und anderen Lärm veranstalteten.
Liz lehnte mit verschränkten Armen am Kühlschrank und schien mit ihren Gedanken ganz woanders zu sein - es war einer der seltenen Augenblicke, in denen sie ausnahmsweise den Mund hielt und nicht sprach und es hatte den Effekt, dass auch alle anderen sich beruhigten und für eine Weile still waren. Lizzie's Lärm steckte an, genauso wie ihre Ruhe.
Mrs. Winston war die Erste, die die Stille wieder durchbrach.
"Das Essen ist fertig!" Sie klatschte in die Hände und drehte sich gutgelaunt zu ihren Kindern um. "Geht schon mal ins Wohnzimmer, Judy hat bereits den Tisch gedeckt. Ich hole noch das Hühnchen aus dem Backofen. Oh und - nehmt den Salat und das Püree schon mit."
Im Reden dirigierte sie ihre Kinder in altgewohnter Manier aus dem Raum in Richtung Esszimmer und widmete sich sogleich den im Backofen schmorenden Hühnchen.

Das Essen verlief wie immer: Die Mädchen wurden über ihre Freunde und deren Familienangehörige ausgefragt und mussten artig Auskunft erteilen. Daniel war von dieser Pflicht befreit, da er noch zu Hause wohnte und seine Mutter über alles - na gut, über vieles - im Bilde war.
"Wie geht es Jake?", wollte Bethany wissen, sich an Katie wendend, nachdem sie von Liz alle nötigen Informationen über deren alte Schulfreundin Anna eingeholt hatte.
Das Thema bezüglich Lizzie's Freund umschiffte Mrs. Winston immer sehr gekonnt, immer noch in der Hoffnung, er würde schon bald von einem anderen abgelöst werden.
Katie spießte sich ein Stück Tomate auf die Gabel und blickte ihre Mutter zweifelnd an.
"Gut", antwortete sie knapp. "Und Claire auch", fügte sie dann vielsagend hinzu, um ihrer Mutter zu verstehen zu geben, dass es auch noch Claire gab, die von zu Hause weggezogen war und es auch wert war, nach ihrer Befindlichkeit zu fragen. Jake war nicht der Einzige auf dieser Welt!
Sie konnte einfach nicht verstehen, warum ihre Mutter sich immer viel mehr um Jake sorgte als um ihre beste Freundin.
Mrs. Winston winkte lächelnd ab, beschäftigt mit ihrem Hühnchen.
"Ach, um Claire mach ich mir keine Sorgen. Sie war schon immer hart im Nehmen. Jake dagegen..." Sie ließ den Satz in der Luft hängen, doch auch so wussten alle am Tisch, was sie damit sagen wollte.
Jake war ein Tagträumer, ein kleiner Trottel und man kam nicht an ihm vorbei, ohne sich nicht mindestens einmal zu fragen, wie dieser weltfremde Typ es schaffte, in dieser Welt so lange zu überleben.
Trotzdem war Katie das Interesse ihrer Mutter an Jake nicht recht. Sie war nicht nach Hause gekommen, um auch hier ständig an ihn erinnert zu werden. Langsam ging seine Allgegenwärtigkeit ihr auf die Nerven.
"Jake packt das schon", erklärte sie, abweisender, als sie eigentlich beabsichtigt hatte und bekam gerade noch mit, wie Liz, die natürlich über alles im Bilde war - es war unmöglich, etwas vor ihr zu verheimlichen - eine Augenbraue hob und Katie ein anzügliches Grinsen zuwarf, woraufhin diese schnell den Kopf senkte.
Irritiert schaute Danny von einer Schwester zur anderen, doch Katie schien sehr interessiert in ihrem Kartoffelpüree und blickte nicht auf, Liz dagegen lief wieder zur ihrer Höchstform auf und war dazu übergegangen, die Familie mit den allseits beliebten Anekdoten aus ihrem Zeitungsverlag zu unterhalten.
"Übrigens", unterbrach Mrs. Winston Lizzie's Ausführungen über den dümmsten Trottel im Verlag, als Katie nichtsahnend an ihrem Glas Wasser nippte.
"Der Junge von den O'Leary's ist wieder zurück. Ihr wart doch früher so gut befreundet, nicht wahr?"
Kate verschluckte sich an ihrem Getränk und musste erst mal heftig husten - Daniel klopfte ihr behutsam auf den Rücken, während ihre Mutter den Salat auf ihrem Teller genauer inspizierte.
Kate schnappte nach Luft. "Gabe?", wollte sie ungläubig wissen, obwohl nur von einem Gabriel O'Leary die Sprache sein konnte. Die einzigen O'Learys, die sie kannte, wohnten in ihrer Straße und hatten nur zwei Kinder: Gabriel und seine jüngere Schwester Alysson.
"Ja, genau, Gabriel. So ein lieber Junge. Ich habe ihn vorgestern auf der Straße getroffen. Fast hätte ich ihn nicht erkannt, aber er hat ganz freundlich gegrüßt und da ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen...", plapperte Bethany im ruhigen Plauderton daher - es schien, als bräuchte sie nicht einmal Luft zu holen, um alle diese Informationen an ihre Kinder weiterzugeben.
Doch Kate hörte ihr gar nicht mehr zu. Geistesabwesend starrte sie auf einen unsichtbaren Punkt irgendwo in der Tischmitte, während ihr ihre eigenen Gedanken zu Gabe durch den Kopf gingen.
Gabe war mit ihr zur Schule gegangen. Sie kannte ihn schon ewig und sie waren gute Freunde gewesen. Jake, Gabe, Claire und sie waren unzertrennlich gewesen, bis Gabe's Onkel diesen einlud, ihn in Australien besuchen zu kommen. Und zwar für längere Zeit.
Ohne zu Zögern hatte Gabe zugesagt, doch während Jake und sie - Kate - sich für ihn freuten, war Claire ganz und gar nicht begeistert. Sie war zu dem damaligen Zeitpunkt mit Gabe zusammen gewesen.
Katie konnte sich noch an den schwierigen Prozess erinnern, den Claire und Gabe durchlaufen mussten, um endlich zueinander zu finden, denn Claire war extrem stur und Gabe überaus beliebt gewesen.
Kein Wunder, dass Claire seitdem nicht gut auf ihn zu sprechen war. Soweit Kate wusste, war sie damals das erste Mal so richtig verliebt gewesen und wurde mittendrin wieder verlassen.
Aus verletztem Stolz und noch mehr verletzter Gefühle hatte Claire sich geweigert, auf seine vielen Mails zu antworten und irgendwann hatte auch Gabe aufgegeben, es noch weiter zu versuchen.
Mit Jake und Katie allerdings war er in Kontakt geblieben. Anfangs erreichten seine Nachrichten die beiden noch regelmäßig, doch schon nach kurzer Zeit wurden sie immer seltener.
Doch das lag nicht nur an Gabriel allein, denn auch Kate war beschäftigt gewesen mit dem Auszug und dem Studium. Gabriel's letzte Nachricht hatte sie schon vor mehreren Wochen bekommen und zu ihrer Schande musste sie gestehen, sie hatte noch nicht darauf geantwortet.
Die Mails glichen immer mehr ungeschicktem Smalltalk, denn seine Abwesenheit belastete die einst so gute Freundschaft, deshalb ließ Kate sich auch Zeit - doch auch Gabe schrieb immer erst nach Wochen zurück. Sie hatten nichts, worüber sie sich austauschen konnten, außer über Triviales, trauten sich beide nicht, irgendetwas Persönliches zu schreiben, aus Angst darüber, dass der jeweils andere es vollkommen desinteressiert auffasst, mittlerweile andere Interessen hat.
Bei dem Gedanken an ihre Inkompetenz wurde sie fast ein bisschen rot und schämte sich für ihr Versäumnis.
"Ich habe ihm erzählt, dass du heute vorbeikommst und er hat versprochen, dass er vorbeischaut", sagte ihre Mutter zuversichtlich in ihre Gedanken hinein und Katie hatte nun mit zwiespältigen Gefühlen zu kämpfen: das schlechte Gewissen quälte sie nun noch mehr, aber die Vorfreude, Gabe endlich wieder zu sehen - nach drei Jahren! - war ebenfalls überwältigend!
Ob er wohl noch genauso aussah wie damals? Unmöglich. Immerhin ein bisschen musste er sich verändert haben! Damals waren sie alle 16 gewesen, also MUSSTE er sich verändert haben.
Kate beschloss, das Wiedertreffen mit Gabe einfach auf sich zukommen zu lassen. Sie würde sich bei ihm entschuldigen und einfach schauen, wie es weiterlief. Wieso hatte er sie nur nicht vorgewarnt, dass er wieder zurückkommt?!
Bethany bemerkte, wie still ihre Tochter war, obwohl sie gerade das Wort an sich gerichtet hatte.
"Das ist doch in Ordnung?", hakte sie besorgt nach und holte Katie wieder aus ihrer Starre.
Abwehrend schüttelte diese den Kopf und lächelte.
"Natürlich! Ich freue mich auf Gabe", versicherte sie ihrer Mutter und machte sich daran, den mickrigen Rest ihres Püree aufzuessen.

Nach dem Essen spülten Beth und Judy das Geschirr ab, Lizzie führte ein sehr lautes, entzürntes Telefonat mit ihrem Freund in London, während Daniel sich zu Micky ins Wohnzimmer verzogen hatte und ihn dort ärgerte, indem er ständig die Sender wechselte.
Katie hatte sich dezent zurückgezogen und sich aus dem Haus gewagt. Ein paar Minuten lang hatte sie sich in die Verandaschaukel gesetzt, doch es wurde ihr schnell zu kalt und sie stand auf, musste sich wieder bewegen.
Als sie durch den Vorgarten zur Straße schlenderte, entdeckte sie auf der anderen Straßenseite eine Person, die direkt auf sie zukam, winkte und sie breit angrinste.
Gabe!
Mit geweiteten Augen betrachtete sie den Vermissten.
Er war um einige Zentimeter gewachsen, doch sein Haar war noch dunkelbraun, wellig und verwuschelt, wie immer. Und er trug dieses kecke Grinsen im Gesicht, das er sich ganz offensichtlich über die Jahre hinweg nicht abgewöhnt hatte.
"Katie!", begrüßte er sie, hielt sie eine Armeslänge von sich entfernt und musterte sie neugierig, bevor er sie fest in die Arme schloss und an sich drückte.
Kate, ein bisschen überrascht von der stürmischen Begrüßung, erwiderte die Umarmung.
"Gabe...", murmelte sie verwirrt. "Warum hast du mir nichts gesagt?"
Der Junge lachte - keine Spur davon, dass er in irgendeiner Art und Weise gekränkt sein könnte.
"Überraschung!", rief er dann aus und zwinkerte Katie schelmisch zu, was sie zu einem Lächeln veranlasste.
"Gelungene Überraschung." Anerkennend nickte Katie mit dem Kopf und betrachtete Gabriel nun ebenfalls genauer. Sie schätzte, er war sogar noch größer als Jake und er hatte einen gebräunten Teint, was wirklich ausgesprochen gut mit seinen braunen Haaren und Augen harmonierte.
Seine Augen funkelten angriffslustig, was Katie sehr an Claire und Lizzie erinnerte.
"Sollen wir...?" Er deutete vage auf den Weg vor ihnen, der zum Wald führte.
Kate nickte. "Gerne."

Langsam schlenderten sie die Straße entlang und Gabe erzählte ihr, wie sein Aufenthalt in Australien verlaufen war.
"Nach dem Schulabschluss wollte ich noch nicht zurück, aber ich wollte auch kein Studium anfangen." Er lachte. "Ich bin zu faul für so was", fügte er dann heiter hinzu. Katie grinste schief.
"Und eine Ausbildung kam auch nicht infrage, ich wollte ja bald wieder nach Hause. Also hab ich ein bisschen auf einer Farm gearbeitet, die einem Bekannten meines Onkel gehört."
Das Mädchen nickte, um zu zeigen, dass sie leicht folgen konnte.
"Und was hast du jetzt vor?", wollte sie wissen. Sie war neugierig auf Gabe's weitere Pläne. Soweit sie wusste, hatte er außerordentlich gute Noten auf dem Zeugnis gehabt.
"Jetzt ist erst einmal Bewerbungen schreiben und auf Antworten warten angesagt."
"Und als was möchtest du dich bewerben?"
Gabe grinste plötzlich ertappt, fast peinlich berührt und Katie fragte sich, was so schlimm sein konnte, dass es ihm so unangenehm war.
"Was würdest du zu einer Ausbildung bei der Polizei sagen?", fragte er verlegen und kratzte sich unsicher am Hinterkopf, warf ihr einen fragenden Blick zu.
Kate starrte ihn eine Sekunde lang fassungslos an, bis sie ihre Sprache wiedergefunden hatte.
"Gabe!", rief sie begeistert aus. "Das ist wunderbar! Hoffentlich klappt das!"
Er lächelte erleichtert. "Das hoffe ich auch."
Für einen Moment kehrte Stille zwischen sie ein. Katie versuchte, sich Gabe als Polizist vorzustellen. Es war der perfekte Beruf für ihn. Der charismatische, gerechtigkeitsliebende Gabe machte sich hervorragend in einer Polizeiuniform!
Dann räusperte er sich.
"Du, Kate, sag mal..." Er klang zurückhaltend und unsicher, Katie blickte ihn fragend an.
Gabriel schien mit sich zu ringen, ob er die nächsten Worte aussprechen sollte oder nicht, entschied sich schließlich dafür.
"Ist Claire... ist sie sehr wütend auf mich?" Er schaute sie besorgt an und Katie fuhr urplötzlich der Gedanke durch den Kopf, dass ihm doch noch etwas an ihrer besten Freundin lag.
"Ähm..." Sie überlegte. Was sollte sie ihm sagen? Claire vermied es tunlichst, über Gabe zu sprechen. Das Thema wurde schon gar nicht mehr angeschnitten.
"Ich glaube, ja", sagte sie schließlich kleinlaut. Nein zu sagen wäre eine glatte Lüge gewesen, aber es war unnötig, zu erwähnen, dass Claire Gabe oder auch nur den Gedanken an ihn ganz aus ihrem Leben gestrichen hatte.
"Oh je." Gabriel lächelte gequält und Katie nickte. "Denkst du, es wird sehr schwierig sein, sie davon zu überzeugen, wieder mit mir zu sprechen?" Er versuchte, einen scherzhaften Tonfall einzuschlagen, doch Kate konnte die Sorge in seiner Stimme sehr gut heraushören.
Trotzdem musste sie grinsen. Als ob Gabe nichts selbst wusste, wie schwierig Claire sein konnte!
"Du kennst doch Claire!", antwortete sie und stieß ihm leicht den Ellbogen in die Seite, ihn anlächelnd.
Ein Ausdruck der Erkenntnis trat in sein Gesicht und nun musste auch Gabriel grinsen. Ein unglückliches, ergebenes Grinsen.
"Du hast recht", bestätigte er, mit seinem Schicksal hadernd.
Eine starke Windböe erfasste die beiden und trieb ihnen die ersten Schneeflocken ins Gesicht.
"Es schneit ja!", stellte Katie begeistert fest und hielt die Hände in die Höhe, die Handflächen nach oben gestreckt, um etwas von den Flocken aufzufangen.
Gabe, die Hände in die Jackentaschen vergraben, stand seelenruhig neben ihr und beobachtete Katie lächelnd, doch seine Gedanken schienen weit weg zu sein.
Dann änderte er abrupt das Thema.
"Wie lebt es sich so in Nottingham?", fragte er betont lässig.
Katie drehte sich zu ihm um und beide schlugen den Weg zurück ein, denn sie waren mittlerweile bereits am Waldrand angekommen. Dyke's End war eine Sackgasse und die Straße führte nicht mehr weiter.
"Sehr gut", antwortete sie. Ihre Laune hatte sich extrem gebessert, seit sie Gabe getroffen hatte. Es tat gut, von Freunden umgeben zu sein, die einen von den eigenen Problemen ablenkten.
"Das ist schön", seufzte Gabriel. "Meinst du, es würde zu viele Umstände machen, wenn ich euch mal besuchen käme?" Als Gabe Kate's kritischen Gesichtsausdruck sah, berichtigte er sich schnell wieder. "Dich und Jake, meine ich. Ich hab ja die nächsten paar Monate nicht viel zu tun..."
Kate lächelte ihn aufmunternd an. "Na klar, gar kein Problem. Ich kann dir ja auch eine Sightseeingtour meiner Vorlesungen anbieten", scherzte sie, woraufhin Gabe sofort das Gesicht verzog.
"Ich lehne dankend ab", sagte er lachend. "Gibt’s dich denn nur im Doppelpack mit Vorlesungen?"
"Nein, natürlich nicht. Vielleicht..." Kate überlegte. "Vielleicht könntest du dich bei Jake im Wohnheim einnisten? Ich meine..." Sie hielt inne und kaute auf ihrer Unterlippe.
Bei ihr und Claire konnte er nicht bleiben, er konnte sie dort nicht einmal besuchen! Doch Gabe schien zu ahnend, was sie sagen wollte.
"Ja, das ist eine gute Idee. Das machen wir so." Er klopfte ihr brüderlich auf die Schulter und umarmte sie noch einmal, bevor er sie wieder zu ihrer Familie entließ.
"Es gibt Kuchen. Möchtest du nicht mit reinkommen?", bot Katie an, doch Gabriel lehnte höflich ab.
"Dasselbe bei mir. Meine Mum wird fuchsteufelswild, wenn ich ihr Gebäck nicht haufenweise in mich reinschauffel."
Katie lachte und verabschiedete sich gutgelaunt von ihm. Das Bild der vier Freunde aus der Schule rückte wieder in greifbare Nähe.

Kate hatte sich gerade ihren Pyjama übergestreift und die Vorhänge ihres alten Zimmers zugezogen, in dem sie diese Nacht verbringen würde, als es leise klopfte und die Tür vorsichtig aufging. Wie üblich ließ das altbekannte Knarren, das sie schon aus ihrer Kindheit kannte, nicht auf sich warten.
Lizzie, ebenfalls bereits im Schlafanzug, bestehend aus einem Spaghettiträger-Top und einer kurzen Shorts, und Judy, noch voll bekleidet, betraten den Raum, der nur durch das spärliche Licht einer veralteten Leselampe auf dem Schreibtisch erleuchtet wurde.
Liz grinste der überraschten Katie schelmisch zu, während sie sich im Schneidersitz auf den Boden vor Kate's Bett niederließ. Judy nahm ganz sittsam auf dem Bett platz.
"Ganz wie in alten Zeiten", lächelte die Älteste der drei erinnerungsselig, als Kate sich ebenfalls auf's Bett hockte.
Das stimmte. Früher, als noch alle drei zu Hause gewohnt hatten, haben sich die drei Mädchen in einem ihrer Zimmer versammelt und Kriegsrat gehalten. Ob Liebeskummer, schlechte Noten, Ärger mit den Eltern oder einfach nur Schlaflosigkeit - es gab immer eine Entschuldigung oder einen guten Grund, sich die Nächte um die Ohren zu schlagen, in einer Decke gehüllt auf dem Boden zu hocken, sich flüsternd Geschichten zu erzählen und danach einzuschlafen - alle quer auf dem Bett oder die unbequeme Variante im Sessel.
"Stimmt." Liz zog ihre Knie an und schlang ihre Arme um ihre Beine herum, um es sich behaglicher zu machen. Eine kurze Schweigepause trat zwischen die drei ein.
"Wir hatten eine sehr glückliche Kindheit." Judy war die Erste, die das Schweigen brach. Sie sprach leise und es klang fast wehmütig. Kate sah sich in ihrem Jugendzimmer um. Dieselben Bilder hingen noch an den Wänden, an ihrer Pinnwand waren noch immer verschiedene Notizen angebracht, auf denen Universitätsadressen, Telefonnummern und sogar noch Notizzettel mit den Hausaufgaben aus ihren letzten Schultagen hingen.
Auf dem Schreibtisch stand ein gerahmtes Foto von Claire, Jake, Gabe und ihr selbst in der achten Klasse - schon Jahre her! Alles in diesem Raum war so... vorzeitlich! Es war fast so, als wäre das ein anderes Leben gewesen, eine andere Welt, in die sie nicht mehr zurückkonnte. Als wäre der Raum dreihundert Jahre alt und sie nur Besucherin in einem Museum. Und obwohl ihre Kindheit ihr erschien, als wäre es schon Jahre her, erinnerte sie sich an vieles noch so genau, als wäre es erst gestern gewesen.
Erst gestern hatte die sechzehnjährige Liz ihren ersten Freund - Jason - mit nach Hause gebracht und ihre Mutter dazu veranlasst, einen doppelten Scotch hinunterzustürzen.
Jason war nicht nur fünf Jahre älter als Liz - nein! Er hatte zu allem Überfluss einen Ohrring am linken Ohr und ein Tattoo, das ihm vom Nacken die Wirbelsäule herunterlief. Seine Klamotten waren die eines Bikers - schwarze, enge Lederhosen und die dazu passende Jacke, darunter nur ein Muskelshirt und eine nicht unerheblich dicke Kette - ein Anblick, der sogar Judy's Kinnlade zum Herunterklappen gebracht hatte.
George Winston, der Vater der drei Mädchen, hat die darauffolgenden paar Tage kein Wort mehr mit Liz gewechselt.
Natürlich erst, nachdem er auf drei verschiedene Arten versucht hatte, ihr den Kerl wieder auszureden: mach dem Versuch eines ordentlichen Gespräch mit Liz, das natürlich gescheitert war, hatte er seine Stimme erhoben und ihr mit Arrest und anderem gedroht. Zuletzt hatte er Judy vorgeschickt, damit diese ihrer Schwester ins Gewissen redete, was natürlich auch nicht gerade von Erfolg gekrönt gewesen war..
Sei stiller Protest war seine letzte Hoffnung auf Besserung und darauf, dass seine Tochter wieder zur Vernunft kam. Er gab es schon bald auf, denn Lizzie machte sich nichts draus - sie redete selbst so viel, dass sie einen schweigenden Mann, der sowieso nur abends daheim war, leicht kompensieren konnte.
Mit Jason hatte es nicht lange gehalten, genauer gesagt nur zwei Wochen, denn Lizzie fand schnell Zerstreuung und ihr wurde der Typ einfach zu langweilig.
Zu langweilig! Ihre Schwester war einfach unverbesserlich.
"Das hatten wir", pflichtete Kate Judy bei, wobei sie bei dieser speziellen Erinnerung ein leises Kichern unterdrücken musste.
Niemand merkte ihr ihre Heiterkeit an, denn Judy redete schon weiter.
"Ich hoffe, meine Kinder werden auch so glücklich sein", murmelte sie, mit ihrem verklärten Blick wohl ebenso in der Vergangenheit hängend, wie Kate.
Diese hätte wohl auch nichts bemerkt, hätte Liz nicht, scharfsinnig wie sie war, Judy einen fragenden Blick zugeworfen. "Kinder? Mehrzahl?"
Judy lächelte, fast schon entschuldigend, und nickte unmerklich.
Katie's Augen weiteten sich und sie blickte ihre älteste Schwester ungläubig an. Mit einem kurzen Seitenblick zu Liz versicherte sie sich, dass diese genauso überrascht von der Neuigkeit war, wie sie selbst.
"Wie lange schon?", japste Kate und ein Gefühl der Aufregung überkam sie. Judy würde ein Kind bekommen! Micky würde ein Geschwisterchen bekommen! Und sie und Liz waren die ersten, die davon erfuhren! Abgesehen von Alan vielleicht.
"Zweiter Monat", antwortete Judy, offensichtlich erleichtert und erfreut über die begeisterten Reaktionen ihrer beiden Schwestern.
"Ich hoffe, es wird ein Mädchen", stellte Lizzie sachlich klar und behielt somit ihren Standpunkt aus der Zeit von Judy's Schwangerschaft mit Micky. "Wir müssen die Winston-Weiber-Tradition doch fortführen!"
Judy und Kate lachten.
"Hoffentlich wird sie nicht wie Liz", kicherte Katie verhalten. "Sonst werden wohl auch für dich ein paar Flaschen Scotch aus Mum's Geheimbestand angebracht sein.“
Eben Genannte warf ihr einen bösen Blick zu, ging jedoch nicht weiter auf Katie's Neckerei ein.
"Sie sollte etwas von uns allen haben", entschied sie kurzerhand. "Judy's Warmherzigkeit, Kate's Intelligenz und meine-"
"Lieber nichts von dir", unterbrach Kate ihre redselige Schwester. "Sonst wird sie wirklich allzu verkorkst."
"Was soll das denn heißen?", wollte Liz aufgebracht wissen und warf Katie einen empörten Blick zu.
In diesem Haus gab ein eine Vielzahl von Beziehungen zwischen den Bewohnern und das hier war eine davon: Liz und Kate. Während Judy und Liz beste Freundinnen waren und Kate und Daniel Verschworene, neckten sich Lizzie und Kate andauernd, doch stritten sie nie ernsthaft.
Ein Gespräch zwischen den beiden verlief nicht ohne die ständigen Sticheleien, doch nie waren sie sich wirklich böse. Vielmehr galt hier das alte Sprichwort "was sich neckt, das liebt sich".
"Hey, hey", beschwichtigte Judy die Streithähne lachend und hielt abwehrend beide Hände in die Höhe. "Wir wissen noch nicht einmal, ob es überhaupt ein Mädchen wird."
Blitzschnell schnellte Liz's Kopf in ihre Richtung und sie fixierte die Älteste mit einem hypnotisierenden Blick.
"Das werde ich ihm dann aber übel nehmen!", drohte sie grimmig, als könnte sie dadurch das Schicksal in irgendeiner Art verändern.
"Hör auf, das ungeborene Kind einzuschüchtern", spottete Kate, wurde aber auch sogleich von einem ihrer Kopfkissen ins Gesicht getroffen.
"Heeey!", schrie sie anklagend, schnappte sich das Kissen, das nun zu ihren Fußen lag und konnte dadurch einen weiteren Angriff Lizzie's abwehren.
Ausgelassen stellten sie das Zimmer auf den Kopf, während Judy, auf dem Bett relativ sicher vor den Angriffen, vergnügt lachend das Szenario betrachtete.
Sie hörten auch erst auf, sich mit den Kissen zu bewerfen, nachdem ein mürrischer, schlaftrunkener Dan mit verwuscheltem Haar und halboffenen Augen seinen Kopf zur Tür hereinsteckte und missmutig etwas Unverständliches, aber ganz offensichtlich nicht Freundliches, murmelte. Doch er trollte sich wieder, nachdem Lizzie ihm mit voller Wucht eines der Kissen gegen den Kopf schleuderte und die drei Mädchen in unbeschwertes Gelächter ausbrachen.


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