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Yu-Gi-Oh! The Last Asylum

von

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The Last Asylum Movie "Second Coming" - Part I

Zur Info: Dieses Special spielt zwischen Folge 35 und 36.

 

Yu-Gi-Oh! The Last Asylum – The Movie Part I

 

 

Unter lautem Getöse machte der Zug Halt am Livingtoner Bahnhof. Als die Türen sich öffneten, sprang augenblicklich eine junge Frau aus dem Waggon und gluckste vergnügt. Die vielen Leute um sie herum störten die Blondine gar nicht. Zumindest nicht bis zu dem Augenblick, als ein anderer Fahrgast neben ihr aus dem Zug trat und sie dabei anrempelte.

„Hey, pass' doch auf und steh nicht im Weg 'rum!“, pflaumte der kahl rasierte Jugendliche sie an und zog mit Händen in den Taschen von dannen.

„Entschuldigung, war nicht mit Absicht!“, rief sie ihm aufrichtig schuldbewusst hinterher.

„Tara“, sagte da ein hoch gewachsener, schwarzhaariger Mann und packte sie sanft am Oberarm, „du stehst wirklich im Weg. Gehen wir ein Stück beiseite, ja?“

Nickend stimmte sie ihm zu und schritt mit ihm zu den Treppen, die hinab zu den Schließfächern, Fahrkartenautomaten und nicht zuletzt zum Ausgang führten.
 

Dabei gaben die zwei ein wirklich seltsames Paar ab.

Tara Hartwell, ihres Zeichens Tollpatsch Nummer 1, blond, blauäugig und naiv, mit ihrem schulterlangen Haar und dem schwarzweiß-linierten Kleid, stellte noch ein ganz normales Mädchen dar. Vielleicht war da noch etwas Babyspeck im Gesicht, aber die freundlichen Züge und das ewige Strahlen vermittelten den Eindruck eines aufgeschlossenen, lebensfrohen Menschen.

Wäre sie zudem die Sonne, hätte ihr Begleiter – der im Übrigen die wenig glanzvolle Aufgabe des Gepäckträgers innehatte – einen perfekten Mond abgegeben. Schwarz war sein kurzes, nach oben gegeeltes Haar, genau wie sein Mantel und das darunterliegende Hemd. Selbst seine Augen hielt er hinter einer dunklen Sonnenbrille verborgen. Und wo Tara lächelte, verzog dieser junge Mann keine Miene.

„Andrew“, begann das Mädchen zögerlich, während es sich an dem Geländer festhielt, welches die Treppe nach unten in zwei Hälften trennte, „meinst du, er ist wirklich noch hier? In dieser Stadt?“

„Das ist, was ich herausgefunden habe. Die Leute hier haben jemanden gesehen, der auf seine Beschreibung passt, erst vor ein paar Tagen.“

Da Andrew Shanks allerdings ein hoffnungsloser Realist war, konnte er nicht gegen die folgende Antwort ankämpfen: „Aber wenn er es wirklich ist, dann stehen die Chancen schlecht, dass wir ihn noch finden werden.“

„Warum?“

Tara blieb auf der letzten Stufe stehen und sah ihren Begleiter unsicher an.

Dieser erwiderte, an ihr vorbeiziehend: „Entweder weil er dann schon längst im Gefängnis sitzen wird. Oder, und das hoffe ich für ihn, weil er abgehauen ist, nachdem dieser Turm in sich zusammenbrach. In dem Chaos hat er sicher gute Chancen gehabt, unentdeckt zu bleiben.“

Zurück zum Bahnsteig sehend, konnte sich die Blondine einen betrübten Seufzer nicht verkneifen.

„Oh Matt, du hast dich doch nicht erwischen lassen, oder?“

„Das herauszufinden ist der Grund, warum wir hier sind“, sagte Andrew, der schon ein ganzes Stück weiter die Treppe herab gegangen war und hielt an, „wir sind hier, um meinen Freund aus Kindheitstagen … deinen Freund zu finden.“

Sich gut zuredend, dass sie Matt schon finden würde, eilte das Mädchen dem Schwarzhaarigen hinterher bis zum Ausgang des Bahnhofs.

 

Jahrelang hatte sie ihn nicht gesehen, weil er wegen Mordes gesucht wurde und untergetaucht war. Er, ihr Freund Matt Summers, hatte seinen eigenen Vater umgebracht.

Tara wusste, warum er das getan hatte. Mr. Summers war ein schrecklicher Mensch gewesen, der selbst vor Gewalt gegenüber seiner Familie nicht zurückgeschreckt war. Und selbst nach seinem Tod hatte er es noch geschafft, seinen Sohn zu entwurzeln. Wie sehr musste Matt gelitten haben in dieser Zeit?

Das schlechte Gewissen plagte Tara seither, denn sie hatte nie versucht, ihn ausfindig zu machen. Erst als Andrew nach sechs langen Jahren vor Kurzem wieder in seine alte Heimat zurückgekehrt war und erfuhr, was sich in der Zeit seiner Abwesenheit zugetragen hatte, sind aus Gedankenspielen Pläne für die Zukunft geworden. Ohne ihn würde sie jetzt wohl nicht hier stehen.

Ehe Tara sich versah, war sie zusammen mit Andrew, der Hinweise auf Matts Verbleib gesammelt hatte, nach Livington aufgebrochen. Dort, wo Matt zuletzt gesehen worden war.
 

„Ist er immer noch er? Nach all der Zeit?“, fragte Tara leise, als sie durch die offen stehende Flügeltür nach draußen traten. Das Abendrot stand bereits am Himmel.

„Wer weiß das schon. Er könnte jemand ganz anderes sein“, überlegte Andrew und ließ die beiden Koffer in seiner Hand nach unten sinken, sah sich kurz nach einem Taxi um. „Ein Mord verändert Menschen, Tara.“

 

~-~-~

 

Einige Stunden zuvor …

 

„Anya, hör auf damit! Er wird noch ersticken!“

Doch die Blondine mit dem Pferdeschwanz ließ sich auch auf Bitten ihrer besten Freundin Abigail Masters, kurz Abby, nicht davon abbringen, das vor ihr klaffende, etwa zweieinhalb Meter lange und einen Meter breite Loch im Boden zuzuschippen.

Der Garten der Familie Bauer hatte erst vor Kurzem durch einen Brand gelitten, der einen Teil der Rasenfläche versengt hatte. Anya nutzte diese Fläche in jenem Moment nun dafür, ihren anderen besten Freund, Nick Harper, zu verbuddeln. Was sie bereits so gut wie geschafft hatte.

„Ich wollte- buargh!“, begann der groß gewachsene, brünette Mann, der rücklings in dem fein säuberlich vorbereiteten Loch lag, bekam aber mitten im Satz eine Schippe voll Dreck ins Gesicht.

Während Nick prustete und spuckte, ereiferte sich Anya über alle Maße zornig: „Ja, was wolltest du? Mich umbringen!? Hättest du fast geschafft, du gehirnamputierter Höhlentroll!“

„Er hat dich nicht erkannt! Niemand hätte das!“, versuchte das brünette Hippiemädchen Abby zu schlichten und hüpfte dabei, unschlüssig was sie tun sollte, von einem Bein aufs andere.

„Und deswegen ist das Erste was er macht, nachdem der kack Turm explodiert ist, mit dir und einem Skalpell bewaffnet dahin zu rennen!?“

 

Die Geschichte dazu ist simpel wie kurz erzählt.

Es war gerade erst ein paar Tage her, dass Anya um ein Haar gestorben wäre. Gestorben deshalb, weil die übernatürliche Wesenheit Levrier etwa vor drei Monaten einen Pakt mit ihr geschlossen hatte, welcher besagte, dass sie beide am 11. November 20XX Eden werden sollten – was Anyas Tod bedeutet hätte.

Diesem Schicksal war sie aber kurz vor Zwölf doch noch entkommen. Zusammen mit denen, die ebenfalls für das Öffnen des Tores Eden geopfert werden sollten, denn wie sich herausstellte, wollte eine andere Wesenheit namens Another jenes Tor öffnen, um sein Volk zu retten. Und hätte dabei wohl fast eine Katastrophe herbei beschworen.

Nach dem Sieg über den Puppenspieler Another und dem Wächter Edens, Isfanel, waren sie alle aus dem Turm von Neo Babylon geflüchtet. Beinahe wäre ihnen dabei der Plan, den Turm in die Luft zu jagen, in der Hoffnung dadurch Anya zu retten, zum Verhängnis geworden. Was natürlich totaler Schwachsinn war, wie hätte sie das auch retten können? Eher das Gegenteil war der Fall gewesen. Denn im Endeffekt hatte Anya mit diesem Vorwand nur versucht, die anderen Opfer in den Turm zu locken, damit ihr der Limbus – eine qualvolle Existenz nach dem Tod – erspart blieb. Da war Eden zu werden dann doch die bessere Option, so dachte sie sich natürlich völlig frei jeglicher Schuldgefühle, die sie am Ende auch überhaupt nicht daran gehindert hatten, den Plan umzusetzen.

Wie auch immer, das war Schnee von gestern. Die Gruppe es letztlich noch geschafft zu entkommen, bevor der Turm in seine Einzelteile zusammen fiel. So weit, so gut.

 

Der Turm war also nicht mehr, die Sonne gerade aufgegangen, alle hatten sich in den Haaren wegen Anyas Taten, als Nick auftauchte, mit Abby im Schlepptau.

Er hatte vom Krankenhaus aus die Explosion gesehen und war sofort mit einer gerade erst durch eine Schussverletzung lahmgelegten, aber inzwischen verarzteten Abby zum Schauplatz des Geschehens geeilt. Scheinbar hatte Nick das Schlimmste befürchtet und von irgendwoher ein Skalpell stibitzt, mit dem er mögliche Feinde aus einer anderen Welt töten wollte – was für ein Spinner! Denn irgendwer hatte ihm wohl geflüstert, dass Eden ein Tor in eine andere Welt war.

 

Wie dem auch sei, als er schließlich an der Stelle angekommen war, wo einst die Livington High gestanden hatte, war niemand mehr zu sehen – zumindest behauptete er das.

Allerdings entsprach dies nicht der Wahrheit. Anya und die anderen hatten die beiden bemerkt, waren freudestrahlend auf sie zugegangen, als Nick … seine beste Freundin beinahe erstochen hätte, im Glauben, sie wäre ein unsichtbares Alien. Wie gesagt, Spinner.
 

„Du warst halb unsichtbar und verzerrt, ich schwöre es!“

„Ach ja!? Erzähl das deiner Großmutter, du überdimensionale Amöbe!“, fauchte Anya und gab eine weitere Schippe hinterher. „Jeder hat mich gesehen. Stimmt's Abby!?“

„Ja, naja, außer den anderen gab es ja nur mich und Nick, aber … aber vielleicht konnte ich euch sehen, weil ich eine Sirene bin? Meine Wahrnehmung ist anders als eure.“

„Von wegen! Raumverzerrungen am Arsch, dass ich nicht lache! Diesmal bist du zu weit gegangen, Harper! Friss Dreck-“

Abby trat hinter ihre Freundin und riss ihr unter dem Aufbringen all ihres Mutes die Schippe aus der Hand, ehe jene noch mehr Unheil damit stiften konnte. „Anya, das ist kein Spaß, sondern todernst! Irgendetwas ist dort passiert!“

„Hehe, ja! Schade, dass ich nicht unsichtbar war, sonst hätte ich gerne mal- wuargh, ptscht!“

Nicks anzügliche Bemerkung ging im Sand unter, den Anya mit einer geschickten Bewegung ihrer Fußspitze in seinen Mund katapultiert hatte. Dabei legte sie ihre Stirn kraus. „Tch! Da war gar nichts!“

„Doch!“, widersprach Abby aufgelöst. „Die ganzen Fahrzeuge der National Guards! Leer! Als wir angekommen sind, war außer euch kein Mensch zu sehen! Du glaubst doch wohl nicht im Ernst, dass die alle mitten in der Nacht auf einen Snack bei Wendy's ihren Posten verlassen haben und seitdem nicht wieder aufgetaucht sind!?“

Anya wirbelte schnaubend zu ihrer Freundin um. „Herr Gott, Masters, da war außer mir, Matt, Redfield, Marc, der Narbenfresse, dem Schnöselkind und dessen Schwester niemand, auch keine Fahrzeuge und Helikopter, nicht mal ein beschissenes Fahrrad, verdammt! Bis ihr halt dazu gestoßen seid!“

„Du sahst aus wie so ein glibbriger, kaum sichtbarer Geist, deswegen hab ich zugestoch- pfääh!“

Wieder ging Nicks verzweifelter Versuch der Verteidigung unter, als Anya mit dem Hacken mehr Sand in seine Richtung wirbelte. „Sei ruhig und stirb endlich!“

„... er hat dich doch gar nicht getroffen“, murrte Abby, die das alles ungerecht Nick gegenüber empfand, „du hast ihn doch aufs Kreuz gelegt.“

„Ja, das war ja auch mein gutes Recht! Außerdem, wie kann ich in einer anderen Dimension gewesen sein, wenn ich ihn gleichzeitig mit meinen Moves platt gemacht habe!? Nick hat das alles nur erfunden um mir Eins auszuwischen!“

 

Zu Anyas Unmut ließ Abby sich aber selbst dadurch nicht davon abhalten, weiter auf das Thema der verschwundenen National Guards herum zu reiten. „Anya, Nicks Fehltritt mit dem Messer mal außen vor gelassen, sind die verschwundenen Leute immer noch nicht wieder aufgetaucht! Seit fast einer Woche!“

Die Arme verschränkend, sah Anya ruckartig zur Seite. „Na und? Nicht mein Problem. Ich weiß nur, dass alles so war, wie es hätte sein sollen. Was Nick erzählt hat, von wegen Geister, ist Schwachsinn! Dass du uns gesehen hast, hat damit zu tun, dass dein Gehirn noch so funktioniert wie es soll, mehr nicht!“

„Denk doch mal nach“, versuchte das brünette Hippiemädchen es auf ruhigere Art und Weise, packte die Blondine sanft an den Schultern, „der Turm von Neo Babylon muss aus einer anderen Dimension stammen, da er ja nur alle 400 Jahre aufgetaucht ist. Wo war er die ganze Zeit über, hast du dich das jemals gefragt?

Anya kniff die Augen fest zusammen. „Nein, weil's mich nicht die Bohne interessiert.“

„Als er zerstört wurde, muss es im Raum-Zeitkontinuum einen Riss gegeben haben, in den wir alle hineingezogen worden sind. Daher wart ihr für Nick unsichtbar, für mich als Sirene aber nicht. Dementsprechend müssen die National Guards auch irgend-“

 

Aber Anya hatte sich längst losgerissen und stampfte unverrichteter Dinge über den grünen Teil des Rasens der Familie Bauer. „Man, da kriegt man ja Kopfschmerzen. Ich geh zocken.“

„W-warte doch, Anya, ich bin doch mit meiner Theorie noch gar nicht fertig!“, eilte Abby ihr hinterher.

Ohne sich umzudrehen, brummte ihre Freundin: „Wenn du so scharf drauf bist, herauszufinden was dort abgegangen ist, dann geh doch nachsehen.“

„Äh, also, nein, so war das nicht … ähähähä … wollen wir shoppen gehen?“, fragte sie plötzlich unverblümt. Natürlich keineswegs heiser oder ähnliches. „Ich wollte sowieso mal ein bisschen nach Klamotten schauen. Meine alten gefallen mir nicht mehr, haha …“

Anya spähte über die Schulter zu ihr herüber. „So wechselt man das Thema, huh, Masters? Naja, meinetwegen … aber nur, wenn du nicht wieder davon anfängst! … Schisserin!“

Sofort machte Abby einen Ruck und stand kerzengerade, mit Hand an der Schläfe. „Jawohl, Sir! Aber vorher müssen wir erst Nick ausgraben. Wir können ihn doch nicht da liegen lassen.“

Beide sahen herüber zu dem Loch, aus dem Nicks Arm ragte und ihnen einen Daumen zeigte.

„... fein“, stöhnte Anya schließlich resignierend.

 

Nachdem es neulich schon nicht geklappt hatte, ihm nachts die Haare anzuzünden, wäre es vielleicht das Beste, wenn sie ihren Rachefeldzug vorerst aufs Eis legte. Denn scheinbar hatte sie bei der Flucht aus dem Turm ihr Mojo verloren. Keine böse Tat wollte mehr gelingen, ihre sonst so kreativen Einfälle blieben aus und vor allem … sie hatte gar keine Lust, anderen Menschen wirklich zu schaden. Bestenfalls mal Anflüge, mehr nicht.

Was war mit ihr los!? Und da machte Abby sich Sorgen um Geister, National Guards und Raumverzerrungen, die es nicht gab!

 

~-~-~

 

„Oh man“, stöhnte wenig später die penetrante Stimme Anyas förmlich durch das Einkaufscenter von Livington, „kaum sind ein paar Tage vergangen und es geht mir endlich besser, da muss ich plötzlich Modeberaterin spielen. Wie ätzend!“

Missmutig schlurfte sie hinter Abby und Nick hinterher, die zügig und bereits mit den verschiedensten Einkaufstaschen beladen durch das gläserne Einkaufszentrum von Livington zogen.

Da Anya Bauer kein zuvorkommender Mensch war, war es die Aufgabe des hochgewachsenen Nick, welcher jetzt so aussah, als wäre er frisch aus dem Grabe entsprungen, den Großteil von Abbys Einkäufen zu tragen. Wobei man zugeben musste, dass Nicks zerzauster Look nicht wirklich neu war.

„Beklag' dich nicht, Anya“, maßregelte die sonst immer so sanfte, friedvolle Abby ihre Freundin streng und blieb vor einer kleinen Boutique stehen, die sich am rechten Rand des ovalen, riesigen Einkaufszentrums befand. Welches von den Bewohnern Livingtons allgemein auch als Glas-Kolosseum betitelt wurde, woran die Fassade aus Fenstern schuld war, aus dem die Außenschicht des Gebäudes bestand.
 

Fasziniert von den Angeboten des kleinen Ladens durch das Schaufenster starrend, hatte Abby keinen Blick mehr für ihre Freunde übrig.

„Die ist heute seltsam drauf“, gab Anya unzufrieden von sich. „Erst ihre dämlichen Theorien und nun ist sie auf dem besten Weg zur Shopping-Queen! Was hab ich bloß falsch mit ihr gemacht?“

Nick, an den die Worte gerichtet waren, erwiderte hinter seinem Berg von Einkaufstaschen: „Sie ist immer noch sauer, weil du deine Freunde opfern wolltest. Das, oder sie ist beleidigt, weil ich ihr noch keinen Antrag gemacht habe, hehe.“

Das dümmliche Gegluckse ihres Freundes ignorierend, schnaufte die blonde, einen Kopf kleinere Anya wütend. „Ach deswegen …“

 

Ja, deswegen, dachte sie dabei säuerlich.

Wer hätte denn auch ahnen können, dass diese blöde Kuh Valerie Redfield Abby alles gesteckt hatte, was in diesem verdammten Turm von Neo Babylon passiert war!? Knapp eine Woche war das jetzt her und schon wusste die halbe Nachbarschaft Bescheid, oder was!?

Ja, sie wollte die fünf Zeugen der Konzeption opfern, um zusammen mit dem Dämon Levrier Eden zu werden. Aber der hatte sie ja förmlich dazu gezwungen durch diesen seltendämlichen Pakt, den die beiden geschlossen hatten. Nicht ihre Schuld!

Ja, sie hat die anderen vielleicht ein wenig hinterhältig in den Turm gelockt. Aber am Ende waren die Bösen gestorben. Alles war wieder im Lot!

Und ja, sie hatte sich bis jetzt noch nicht bei den anderen dafür in aller Form entschuldigt. Denn das hatte sie bereits im Turm getan. Sie konnte doch nun wirklich nichts dafür, dass die alle so verdammt nachtragend waren und fast keiner von denen noch ein Wort mit ihr reden wollte – als ob sie das interessieren würde!

 

„Anya“, wirbelte Abby um, „hör auf so ein Gesicht zu machen. Nutze deine zweite Chance weise und entschuldige dich endlich bei Henry, Marc und Valerie. … und frag bei Gelegenheit nach, was sie von meiner Theorie wegen der Raumverzerrung halten!“

Wie üblich trug sie eines ihrer sogenannten Reissackkleider, ein Stirnband und dunkel getönte Brillen – ein waschechtes Hippiemädchen eben, mit entsprechenden Wurzeln. Beziehungsweise waren ihre Zieheltern Hippies. Scheinbar wollte Abby sich jedoch von diesem Image losreißen, daher der Einkaufsbummel … obwohl Anya eigentlich keinen Grund hatte, sich über ihre Freundin zu beklagen. Die Moralpredigten waren zwar nervig, aber sie war eine der wenigen, die überhaupt die Eierstöcke hatte, zu Anya zu halten. Abby musste sich gar nicht verändern!

Ihre echten Eltern waren schon seit Langem tot und erst vor drei Monaten hatte jene entdeckt, dass ihre Mutter eine waschechte Sirene gewesen war. Und somit auch Abby selbst. Anya war selbst dabei gewesen, als ihre Freundin ihre Kräfte entdeckt hatte, die im Übrigen sehr beeindruckend waren. Deshalb war es mittlerweile auch nicht mehr klug, sich mit ihr anzulegen. Besonders wenn sie so besessen war wie jetzt.
 

Demonstrativ den Kopf zur Seite drehend, erwiderte Anya gallig: „Warum sollte ich? Die hätten an meiner Stelle genauso gehandelt! Außerdem leben wir alle noch, alles ist gut, bla bla bla! Wo ist das verdammte Problem!?“

„Das Problem“, erwiderte Abby eiskalt, „steht vor mir und ist uneinsichtig. Nick! Sag du was dazu!“

„Los, prügelt euch darum! Schlammcatchen“, gluckste dieser aber nur verträumt. „Ahhhhh … Schlammcatchen …“

Beide Mädchen seufzten ob der anzüglichen Gedanken ihres Freundes genervt.

„Ich hab kein Problem!“, erwiderte Anya trotzig und verschränkte die Arme voreinander.

Wäre da nicht das schwarze Totenkopfshirt, die gleichfarbige Lederjacke und die Tatsache, dass Anya Bauer Livingtons ganz eigene Terrormaschine war, hätte man sie in diesem Moment tatsächlich für ein beleidigtes Kleinkind halten können. Wobei sich in dem Fall Äußeres und Inneres nicht zwangsweise ausschließen musste.

Abby seufzte und versuchte es auf ihre sonst übliche, sanfte Tour. Auf die Freundin zugehend, nahm sie deren Hände und starrte sie durch die Brille mitfühlend an. „Ich weiß doch, dass du unglücklich bist, weil die anderen dich nach der Zerstörung des Turms fertig gemacht haben. Henry hat ein paar sehr böse Sachen gesagt, nachdem wir euch gefunden haben und ich bin mir sicher, er bereut es mittlerweile.“

„Hmpf!“

„Ach Anya! Valerie hat mir doch alles erzählt. Wie du dich umentschieden hast, lieber dich als sie zu opfern, es dann aber zu spät war und du trotz aller Umstände tapfer gegen Isfanel gekämpft hast, der euch umbringen wollte“, sagte sie beschwichtigend, „aber dein Verrat hat die anderen trotzdem gekränkt. Du kannst mir ja viel erzählen, aber innerlich wissen wir beide, dass du sie mittlerweile als Freunde betrachtest. Dich für andere zu opfern hättest du früher höchstens für uns gemacht.“

Sofort riss Anya sich von Abby los und wirbelte um. Dabei blickte sie regelrecht verächtlich über ihre Schulter und sprach leise: „Misch dich da nicht ein, Masters! Das geht dich gar nichts an!“

Mit diesen Worten rannte sie einfach in die entgegengesetzte Richtung davon.

 

„... sie ist ganz schön gekränkt, weil die anderen sie jetzt ablehnen“, sagte Nick hinter den Einkaufstüten ernst, nachdem das Mädchen außer Reichweite war.

Denn was Anya nicht wusste: Nick war nicht der Idiot, für den ihn seither jeder hielt. Tatsächlich war er hochintelligent und spielte die Rolle des Trottels nur, um Anya bei Laune zu halten. Um sie glücklich zu sehen, was ihm jedoch seither nie gelungen war. Abby wusste als eine der wenigen von dieser Scharade, aber auch erst seit etwa zwei Wochen.

„Ich will doch nur, dass sie sich bei ihnen entschuldigt“, meinte das Hippiemädchen resignierend, „und dass sie die Sache wegen dem Turm etwas ernster nimmt.“

„Sie hat Angst davor. Vor beidem, meine ich“, mutmaßte Nick und drehte sich zu seiner Begleiterin um, „dass die anderen sie trotzdem ablehnen werden. Und egal wie gleichgültig sie tut, die Sache mit dem Turm von Neo Babylon lässt sie gewiss nicht kalt. Was ich gesehen habe, das war gewiss keine Einbildung.“

Abby nickte knapp. „Vielleicht hast du recht. Für sie war der Horror gerade erst vorbei. Dass die Soldaten verschwunden sind, muss ihr fürchterliche Angst bereiten, weil es bedeuten könnte, dass die Sache noch nicht ausgestanden ist. Auch wenn Levrier nun fort ist.“

Nachdenklich erwiderte Nick: „Das ist noch so ein Punkt. Seit Levrier tot ist, ist sie besonders gereizt. Natürlich würde sie das niemals zugeben, aber sie muss ihn vermissen. Er war immerhin drei Monate lang immer bei ihr und hat sie beschützt. Das hat vorher nie jemand für sie getan, auch wenn er es sicherlich aus eigennützigen Gründen gemacht hat.“

„So betrachtet … bin ich eine schlechte Freundin.“ Abby drehte sich zu dem Schaufenster um und betrachtete betrübt ihr durchsichtiges Spiegelbild darin. „Ich wollte eigentlich mit euch hierher, um sie etwas aufzuheitern. Aber natürlich konnte ich mich mal wieder mit meinen Moralpredigten nicht beherrschen …“

„Sie wird sich schon wieder einkriegen“, gab sich Nick zuversichtlich, „was sie die letzten Monate erlebt hat, ist nur schwer zu verdauen und braucht seine Zeit.“

 

Abby lachte schwach auf. „Hoffentlich. Matt und Alastair wollen bald abreisen. Henry und Melinda übrigens auch … morgen schon, hat er gesagt.“

„Jeder hat sein eigenes Leben, um das er sich kümmern muss. Die beiden Geschwister sind nur wegen Anothers Komplott nach Livington gekommen.“ Er trat neben sie und lächelte sie aufmunternd an. „Auch wenn Henry abreist, ist er deswegen nicht aus der Welt. Es gibt Telefone, Internet. Und arm ist er auch nicht, wenn er dich wiedersehen will, dann wird er das.“

„D-danke“, stammelte Abby und errötete, „du hast recht. T-trotzdem fände ich es besser, wenn er noch etwas bleiben würde. U-und natürlich muss Anya sich auch persönlich bei ihm entschuldigen, das hat absoluten Vorrang!“

Den Kopf schüttelnd, stöhnte Nick vergnügt: „Manche Dinge ändern sich wohl nie.“

 

„Nick … kann ich dich um etwas bitten?“, begann Abby zögerlich.

Überrascht von ihrer verhaltenen Frage schaute Nick mit angezogenen Augenbrauen auf.

„Begleitest du mich -da- hin? Ich weiß, dass es eigentlich nicht nötig ist, aber ich würde mich wesentlich besser fühlen, wenn du dabei wärst.“

„Natürlich“, erwiderte er mit fester Entschlossenheit.

 

~-~-~

 

Kurze Zeit später hatten die beiden den Ort erreicht, der um ein Haar zu Anyas Grab geworden wäre – die Stelle, an der der Turm von Neo Babylon vor einiger Zeit erschienen war. Wenig hatte sich seitdem um sie herum verändert. Dort, wo einst die Livington High gestanden hatte, waren jetzt nur noch aufgewühlte Erde, Trümmer und Schutt zu sehen und das in einem kilometerweiten Radius.

Zur Sicherheit hatte man einen Zaun um das Gelände aufgestellt, an der Südseite gab es zudem ein Militärlager, das natürlich offiziell für Ausgrabungszwecke genutzt wurde. Aber es war offensichtlich, dass die Regierung verhindern wollte, dass noch weitere Leute einfach verschwanden. Und dass sie keine Ahnung hatten, was überhaupt vorgefallen war.

 

Als die beiden an den hohen Zaun heran traten, klammerte sich Abby mit den Fingern in ihm fest und lehnte ihren Kopf an.

„Ich bin mir nicht sicher, aber … es fühlt sich anders an, als noch vor ein paar Tagen. Du weißt ja, als Sirene nehme ich bestimmte Dinge anders wahr.“

„Als noch vor ein paar Tagen?“, hakte Nick nach und sah sie an. „Warst du öfter hier?“

„Jeden Tag. Nenn' mich Angsthase, aber dieses Thema lässt mich seither nicht los …“

Der hochgewachsene junge Mann richtete seinen Blick auf die Mitte des Trümmerfelds, dort wo der Turm erschienen war. „Dann haben wir uns wohl immer verpasst.“

„Du warst auch hier?“

„Ja. Es … für Anya existiert das alles nicht. Sie weiß, dass hier etwas nicht stimmt, aber da hört ihr Denkprozess auch auf.“ Plötzlich nahm er einen Schritt zurück und sah seine Hand an. „Ich weiß nicht mal mehr genau, was ich mir dabei gedacht hab, als ich das Skalpell genommen habe und mit dir hierher gekommen bin. Vielleicht war es ein Drang, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Und die Angst, das etwas den Turm verlassen könnte, was einst Anya war, nun aber eine allgemeine Bedrohung darstellte.“

Abby sah ihn von der Seite aus mitfühlend an. „Ich verstehe das. Wir beide haben das Warten nicht ausgehalten. Sich nutzlos, hilflos zu fühlen ist eines der schrecklichsten Dinge, die ein Mensch fühlen kann.“

„Es war mehr als das. Ich wusste nicht mehr, was ich überhaupt wollte. Wo mein Standpunkt war.“ Er machte eine kurze Pause. „Als ich dann das sah, diese … Wesen, die unsere Freunde waren. Ich dachte, es wäre alles schief gegangen. Und habe einfach gehandelt, wollte zustechen. Was Anya beinahe umgebracht hätte, wären ihre Reflexe nicht so gut.“

Seine Freundin, die den Blick über das zerstörte Land schweifen ließ, antwortete nachdenklich: „Das war nicht deine Schuld. Diese Verzerrung war die Ursache. Ich wette, jeder andere hätte dasselbe gesehen wie du und sich erschrocken.“

Nick trat wieder neben sie, hob die Hand um gegen den Zaun zu hämmern, ließ es dann aber sein und schwieg einen Augenblick. „... aber dafür hasst sie mich jetzt. Weil sie sich verraten vorkommt.“

„Nick“, sagte Abby nun im strengen Tonfall, „jetzt interpretierst du wirklich zu viel in Anya hinein. Sie glaubt dir das schon, aber du kennst sie doch. Nachtragend bis zum Ende der Welt. Jetzt, wo ihr Leben nicht mehr in unmittelbarer Gefahr ist, muss sie irgendwie wieder ihren Tag füllen. Die kriegt sich schon wieder ein.“

Was ihm ein Schmunzeln abrang, wo er vorhin doch noch dasselbe zu Abby gesagt hatte. „Vielleicht hast du recht.“
 

„Aber sie macht sich offensichtlich viel weniger Sorgen um die Sache als wir, das stimmt schon“, murmelte Abby, „andererseits ist das wohl ihr typischer Verdrängungsmechanismus.“

„Kann man es ihr verdenken?“

Das brünette Hippiemädchen schüttelte den Kopf. „Nein. Vielleicht ist es auch nur ein Gefühl und diese Verzerrung, die verschwundenen Soldaten … das alles sind nur Nachwirkungen, weil der Turm zerstört wurde.“

„Aber du hast gehört, was Anya erzählt hat. Isfanel sagte, der Turm darf nicht vernichtet werden und wenn selbst Another darauf Rücksicht genommen hat, muss es einen guten Grund gegeben haben“, gab Nick zu bedenken und sah mit Abby zusammen ein besonders weit hervor ragendes, schwarzes Stück des Turms an. „Hoffen wir mal, dass es ein gutes Zeichen ist, dass du weniger spürst als noch vor ein paar Tagen.“

„Ja. Hoffen wir's.“

 

~-~-~

 

Als Andrew und Tara aus dem Taxi stiegen, das sie zu ihrem zehnstöckigen Hotel im Herzen Livingtons gebracht hatte, war bereits die Dunkelheit über die Stadt hereingebrochen. Der kalte Novemberabend ließ Tara frösteln, als sie durch eine Drehtür ins Innere des Hotels gingen. Die Rezeption war zwar nicht gerade das, was man anhand des rustikalen, halbkreisartigen Holzbaus modern nennen würde, aber sehr gemütlich, was nicht zuletzt den vielen Blumenvasen um sie herum zu verdanken war.
 

Nachdem Andrew die Zimmerschlüssel abgeholt hatte, begaben sie sich per Aufzug nach oben zu ihrem Zimmer. Während sie nebeneinander standen, mit jeweils einem Koffer in den Händen, schwiegen sie. Dass Tara dabei nervös hin und her wippte, fiel Andrew durchaus auf. Er wusste, dass sie etwas auf dem Herzen hatte, aber wie er die blonde, junge Frau kannte, würde sie es vermutlich nur runter reden. Demnach hatte es erstmal keinen Zweck nachzufragen.

 

Mit einem Dong erreichten sie den fünften Stock, nahmen ein paar Schritte den Gang herab und öffneten die Tür zu Zimmer Nummer 5-09 mit einer Keycard.

Es war klein, bot gerade einmal zwei Betten, einen Tisch, zwei Stühle, zwei Schränke und ein Badezimmer. Dafür gab es an der Stirnseite ein großes Fenster, aus dem man einen guten Blick auf das Stadtzentrum hatte.

 

Sofort ließ Tara ihren Koffer fallen – direkt auf Andrews Fuß, wie dieser stöhnend bemerkbar machte – und rannte zu dem Fenster.

„Wow, die Stadt sieht bei Nacht echt cool aus!“, staunte sie und tippte mit dem Finger gegen das Glas. „Da ist das Einkaufscenter! Ich habe gehört, sie nennen es Kolosseum, weil es aussieht wie eins! Es sieht echt toll aus, so wie es beleuchtet ist.“

Andrew, der seufzend ihren Koffer auflas und neben das für sie angedachte Bett stellte, legte das eigene Gepäck auf das andere Bett ab und trat neben sie.

„Du hast recht, es ist ein schöner Anblick. Zumindest die Innenstadt, die Randgebiete sind eher verschlafen, genau wie bei uns.“

„Werden wir …“ Taras Stimmung hatte sich schlagartig zu einer trüben gewandelt. „Werden wir ihn finden? Ich habe ihn schon so lange nicht mehr gesehen. Und es macht mir … Angst daran zu denken, wenn wir es nicht schaffen. Die Enttäuschung …“

Sie sah mit feuchten Augen auf zu ihrem Begleiter, der die Sonnenbrille abnahm und sie durch seine braunen Augen zögerlich ansah. „Ich weiß nicht. Das ist die einzige Spur, die wir haben. Aber sie ist alt, so hat man mir gesagt. Mach dir lieber nicht zu viele Hoffnungen …“
 

Die Blondine drehte sich wieder dem Fenster zu und ließ den Blick vom Kolosseum nach rechts wandern, über die Einkaufsstraße und einige Wohnblöcke hinweg zu einer Stelle, die ihr ein flaues Gefühl im Magen bescherte.

„Da“, meinte sie und zeigte auf den gut ausgeleuchteten, kraterartigen Bereich mitten in der Stadt, „da soll die Livington High mal gestanden haben. Da, wo man Matt gesehen haben soll, als dieser merkwürdige Turm aus der Erde aufgetaucht ist.“

„Ich frage mich, was er da zu suchen hatte. Ob es die Neugier war, die ihn dorthin getrieben hat?“

„Vielleicht … war er es, der den Turm gesprengt hat“, mutmaßte Tara mit Unwohlsein, „du, Andrew. Ich will dahin.“

Überrascht von der Idee, sah er sie fragend an. „Das geht nicht, das ganze Gebiet ist abgesperrt. Da kommen wir nicht rein.“

„Aber ich muss wissen, was Matt dort wollte. Dort sind Menschen verschwunden, dutzende. Du weißt, sie haben im Fernsehen darüber berichtet.“ Tara sah ihren Freund mit großen Augen flehentlich an. „Ich habe auf der Zugfahrt hierher einen Zeitungsartikel von so einer Nina Placatelli gelesen, in der sie schreibt, dass die Ruine aus einer anderen Welt stammen soll. Was sollte ausgerechnet unser Matt da wollen?“

„Hör nicht auf den Quatsch“, mahnte Andrew sie, überlegte aber im selben Zuge: „Matt muss länger in der Stadt geblieben sein. Zweimal hat man jemanden gesehen, auf den seine Beschreibung passt. Das erste Mal, etwa eine Woche vor diesem Vorfall, hat man ihn zusammen mit einem Mädchen beim Bahnhof beobachtet. Es soll wohl gebrannt haben, aber als die Feuerwehr anrückte, waren die beiden schon verschwunden. Und dann nochmal, kurz nachdem der Turm erschienen ist. Einer der Schaulustigen hat beschrieben, wie er von ihm verscheucht wurde.“

Er spann seine Gedanken fort. „Zwischen Auftauchen des Turms und seiner Zerstörung liegen ungefähr sechs Stunden. Die National Guards sind erst eingetroffen, als der Turm schon in Schutt und Asche lag und da war Matt schon weg. Ist schwer zu sagen, ob er-“

Andrew weitete seinen Blick, als er Taras aufgeblasene Wangen bemerkte. „W-was ist?“

„Welches Mädchen?“, verlangte sie zu wissen. Leicht panisch schob sie hinterher: „Er hat doch keine neue Freundin, oder? Oh Gott, vielleicht hat er mich längst vergessen! Meinst du, er-“

„Wir gehen uns die Ruinen ansehen, okay?“, schnitt Andrew ihr stöhnend das Wort ab.

Mit der Befürchtung, die nächsten Stunden damit verbringen zu dürfen, Taras Paranoia aus der Welt zu schaffen. Was alles andere als angenehm war.

 

~-~-~

 

Als die beiden wenig später nebeneinander her schritten, unter dem Licht der Laternen am Bürgersteig, fühlte Tara sich seltsam unwohl. Was nicht an der schwülen Luft und dem gelegentlichen Rumpeln über ihnen herrührte, welche ein Gewitter ankündigten.

Zwar wusste sie selbst nicht genau, was sie sich vom Besuch des zerstörten Schulgeländes erhoffte, aber sie wollte es mit eigenen Augen sehen. Vielleicht kam ihr dann eine Idee, was Matt dort gesucht haben könnte. Vielleicht war er ja nur zufällig dort und wollte sicher stellen, dass niemand verletzt wurde, indem er das ungesicherte Gelände betrat.

Es musste so sein! Das war genau das, was -ihr- Matt tun würde, so war er einfach!

 

Der Vollmond, halb verborgen hinter Gewitterwolken, schien auf die beiden herab, als sie sich langsam der Straßensperre nährten, hinter der kurz darauf die ersten Ausläufe der Zerstörung zu sehen waren. Bäume waren umgeknickt, Trümmer ragten aus dem erdigen Boden. Kurz nach der Sperre war ein Zaun errichtet worden. Vor ihm gab es ein kleines Lager, bestehend aus mehreren Zelten und umringt von wuchtigen Lastwagen. Schwer bewaffnete Männer bewegten sich in jener Gegend unter dem Licht der aufgestellten Scheinwerfer. Der Zaun selbst war meterhoch und mit Stacheldraht gesichert. Da kam so schnell niemand rein, musste sie sich eingestehen.

 

Vor der Straßensperre blieben die beiden stehen.

„Meinst du, er hat sich verändert?“, fragte Tara plötzlich bedrückt und sah auf ihre weißen Pumps herab. „Es ist jetzt schon so lange her, dass er untergetaucht ist.“

„Sicherlich wird ihn das verändert haben. Du musst es auch so sehen: er ist jetzt erwachsen geworden“, antwortete der Sonnenbrillenträger und verschränkte die Arme, „genau wie wir. Aber ich glaube nicht, dass er ein gänzlich anderer Mensch geworden ist, wenn es dich tröstet.“

„Du sagst immer deine Meinung“, schmunzelte Tara und mummelte sich tiefer in ihre weiße Jeansjacke ein, da sie fröstelte, „das hat er immer sehr an dir gemocht.“

Andrew lachte leise auf. „Den Eindruck hatte ich nie.“

„Gerade weil ihr solche Dickköpfe seid, seid ihr so gute Freunde. Als du vor sechs Jahren weggezogen bist, hat ihn das schon sehr mitgenommen.“ Das Mädchen sah hinauf in den wolkenverhangenen Nachthimmel und betrachtete die wenigen Sterne, die nicht vom nahenden Gewitter verschlungen worden waren. „Er hat sich verlassen gefühlt.“

Ihr Begleiter tat es ihr gleich und sah nach oben. „Vielleicht, wenn ich nicht fortgegangen wäre, hätte ich alles verhindern können. Ich wusste um die Situation mit seinem Vater … aber ich habe nichts unternommen.“

„Mr. Summers war sehr einflussreich. Ich hätte auch nicht den Mut dafür gehabt.“

„Ich habe weggesehen, Tara. Du brauchst keine Entschuldigungen dafür zu suchen. Es ist kein Wunder, dass Matts Vater irgendwann seine gerechte Strafe bekommen hat“, sagte Andrew tonlos. „Und ich will ehrlich sein: jemand, der seine Familie so schlecht behandelt, hat es auch nicht anders verdient. Mir tut es nur leid, was Matt und Sophie seither deswegen durchmachen müssen …“

Das Mädchen verstummte und ließ den Kopf hängen. Der Gedanke an Matts Schwester behagte ihr gar nicht.

„Ich hab einfach nur Angst, dass er am Ende wirklich zu dem geworden ist, was er alle Welt glauben machen will“, schluchzte Tara plötzlich bitter. „Wo er doch nicht einmal weiß, dass-!“

Ein kalter Windhauch zog durch die Straße.
 

Vermisst du ihn so sehr? Diesen Matt Summers?

 

Das Mädchen schreckte auf. „Was?“

Diese seltsame, androgyne Stimme … hatte sie sich die gerade eingebildet?

„Er wird es früher oder später erfahren, was Sophie angeht“, überlegte Andrew derweil. „Das ist schließlich auch ein Grund, warum wir ihn suchen.“

 

Er ist noch in der Stadt. Ich spüre seine Anwesenheit.

 

Ängstlich wich Tara von der Absperrung zurück und sah sich panisch um.

„Was ist los?“, fragte ihr Begleiter, dem nun aufgefallen war, dass sie sich seltsam verhielt.

„Da ist diese … diese Stimme. Hörst du die auch?“

„Wovon redest du? Ist alles in Ordnung mit dir?“
 

Andrew Shanks kann mich nicht hören. Ich spreche nur zu dir, Tara Hartwell.

 

„Was bist du!?“, wollte das Mädchen aufgeschreckt wissen, drehte sich mehrmals um die eigene Achse.

Andrew packte sie alarmiert am Arm. „Vielleicht sollten wir von hier verschwinden.“

 

Mein Name lautet Urila. Ich kann dich gerne zu ihm hinführen, wenn du es möchtest.
 

„Urila …? Woher kennst du Matt?“

Andrew riss nun regelrecht an dem Mädchen, denn das blöde Gefühl in seiner Magengegend war Warnung genug. „Hör nicht hin, ignorier' es! Wir müssen verschwinden!“

Jedoch schüttelte Tara den Kopf. „Diese Stimme, sie kennt Matt!“

 

Sagen wir, er und ich sind uns kürzlich begegnet. Nur zu gerne würde ich ihn wiedersehen. Wollen wir nicht zusammen zu ihm gehen?
 

„Kannst du … kannst du ihn wirklich für mich finden?“

„Tara, nein!“

Das Mädchen sah Andrew geradezu manisch an. „A-aber warum!?“

Jener packte sie fester an den Schultern, als er eigentlich beabsichtigt hatte. „Das ist etwas Böses, Tara! Du musst dich dem verschließen!“

„Woher willst du das wissen!?“, widersprach sie und richtete das Wort an die unbekannte Präsenz. „Antworte mir, kannst du Matt für mich ausfindig machen!?“

 

Natürlich. Schwarzes Haar, viel Humor … und eine unverkennbare Aura. Wenn wir zusammenarbeiten, wäre alles für uns beide möglich. Was sagst du?

 

„Das wäre zu schön um wahr zu sein …“, murmelte das Mädchen und ließ den Kopf hängen.

 

Oh ja. Aber Tara Hartwell, du bist die Einzige, die es möglich machen kann. Dein offenes Herz, dein guter Wille … sie haben gerade das Tor für unseren Pakt geöffnet.

 

„Huh? AH!“

Es durchschoss das Mädchen wie ein Blitz, der Andrew zeitgleich zurückschrecken ließ. Nur den Bruchteil einer Sekunde war sie da, eine eisige Kälte in ihrem Inneren. Dann kippte Tara vorne über und stützte sich mit den Händen keuchend ab.

 

Andrew, der kaum wusste was vor sich ging, bückte sich zu Tara herab. „Was um Himmels Willen ist los!? Was will die Stimme von dir, ist sie noch da!?“

„Es … es geht schon. Sie ist weg.“

Das Mädchen ließ sich von ihm aufhelfen. Vorsichtig nahm es zum Erstaunen ihres Freundes einen Schritt nach vorne und knickte um, fiel der Länge nach hin.

„Tara!“, rief er und bückte sich sofort wieder nach ihr.

„Ich muss mich erst daran gewöhnen“, nuschelte diese frustriert und erhob sich wieder, diesmal nicht mehr ganz so wackelig. Von oben herab sah sie Andrew an. „Und nenn' mich nicht wie dieses dumme Kind. Mein Name ist Urila!“

 

Sofort schreckte der junge Mann auf, wich von Tara zurück. Und bemerkte erst jetzt, dass die Straßenabsperrung, der dahinter liegende Zaun sowie das Trümmerfeld und die umliegenden Gebäude alle verzerrt wirkten. Als wäre er in einem Kaleidoskop gefangen, spiegelten sich manche Stellen, andere hingegen waren wie bei einem zerbrochenen Spiegel auseinander gerissen.

Nur Tara war davon nicht betroffen.
 

„Das kann nicht sein …“, murmelte er fassungslos, als er sich umsah.

„Nachwirkungen, weil der Turm aus dem Geflecht gerissen wurde. Aber mir soll das egal sein, das hört sowieso bald auf“, raunte Tara und begann sich wackelig von Andrew zu entfernen.

„Warte!“, rief er ihr mit ausgestreckter Hand hinterher.

„Worauf?“

„Was bist du? Was hast du mit ihr gemacht?“

Die Blondine blieb stehen, ohne aber den jungen Mann anzusehen. „Ich leihe mir nur ihren Körper für eine Weile aus. Du hast doch nichts dagegen, oder? Ach, was frage ich überhaupt …“

Denn Andrew seinerseits hatte sehr wohl etwas dagegen. „Lass sie frei!“

Nun drehte Urila sich wieder um und grinste tückisch. „Und was, wenn nicht? Weißt du überhaupt, mit wem du es hier zu tun hast?“

„Eine Immaterielle, wenn ich raten müsste!“

Die Antwort überraschte Urila offenbar, denn das Grinsen wich aus ihrem Gesicht. „Sieh an …“

„So etwas habe ich mir schon fast gedacht. Keine Ahnung warum, vielleicht wegen diesem Typen“, erwiderte Andrew, „irgendwie … hatte ich es im Gefühl. Als ob ich wüsste, dass so etwas passieren würde. Vielleicht bin ich deshalb so ruhig, tz. Wie auch immer, lass sie gehen. Sofort!“

Die 'neue Tara' aber streckte sich nur unbekümmert und gähnte. „Bedaure, da musst du erst 'nen Antrag stellen. Und wir haben schon geschlossen. … hach, du hast ja keine Ahnung, wie gut das tut. Ich glaube, ich werde mir'n Tenniskurs suchen, wenn ich hier fertig bin. Um diesen wunderbaren Gliedmaßen zu huldigen, du verstehst?“

„Lass diese Scherze! Ich weiß nicht, was du vorhast, aber such dir jemand anderen dafür!“

„Hör auf dich so anzustellen“, beklagte Urila sich empört und streckte sich noch ein wenig, „gerade habe ich nach aberhunderten von Jahren endlich wieder einen Körper, da jammerst du rum und willst diese unerträgliche Tara Hartwell wiedersehen.“

Andrew konnte es nicht fassen. Dieses Wesen, was immer es auch war, schien sich gar nicht für das zu interessieren, was er sagte. Andererseits war das wohl von einer Dämonin zu erwarten. Oder was auch immer sie war. Nebenbei, wieso war er sich absolut sicher, dass es eine Sie war?
 

„Sag mal“, begann jene langsam und reckte ein letztes Mal den Kopf nach links und rechts, ehe sie sich auf den jungen Mann zu fixieren begann, „was war das eigentlich mit deinem Freund, Matt Summers? Ausgerechnet ihr beide kennt den? Wenn das keine Ironie des Schicksals ist.“

„Was willst du von ihm!?“

„Naja“, begann sie ungeschönt, „ich hatte da vor ein paar Jahrhunderten mal diesen Plan, der ein Tor zwischen dieser Welt und dem Nexus, dem Korridor zwischen den Welten öffnen sollte – um es salopp zu sagen. Leider wurde ich deswegen unfairerweise verbannt. Ich bin Rapunzel 2.0, wenn man so will.“

„Du riskierst eine ganz schön kesse Lippe für eine Ex-Gefangene“, kommentierte Andrew dies sauer, „keine Angst, man könnte dich wieder einsperren?“

„Ich forsche ein bisschen in ihren Gedanken, um auf den neuesten Stand zu kommen. Die heutigen Sprechweisen der Jugend sind sehr unterhaltsam. Und hah! Worin will man mich jetzt noch einsperren? Und wer? Sorry Kiddo, ich bin jetzt sozusagen in einer gesetzesfreien Zone.“ Mit einem Kopfnicken verwies sie in Richtung der Trümmer hinter ihr. „Nur das Tor, das meinen schönen Plan bewerkstelligen sollte, ist jetzt leider futsch. Es war in dem Turm, der hier explodiert ist und mein Gefängnis dargestellt hat. Muss mir also eine Alternative suchen, wie ich zum Nexus gelange. Vorschläge? Immerhin hast du ja offenbar Ahnung, wenn du mich als Immaterielle erkennst?“

„Sorry, nichts dergleichen“, antwortete ihr der Sonnenbrillenträger locker.

Andrew bekam immer mehr ein ungutes Gefühl. Was, wenn man bedachte, mit wem er es hier offenbar zu tun hatte, auch als verdammt beschissenes Gefühl beschrieben werden könnte. Wenn sie so etwas wie ein Dämon war, der eingesperrt werden musste, dann bedeutete die neue Freiheit nur eins. Chaos!

Er musste Matt warnen!
 

„Schade. Aber mal gewinnt man, mal verliert man“, sagte die besessene Tara weiter in ihren flotten Tonfall, „ich nehme es meinen Befreiern, zu denen dein kleiner Freund übrigens gehört, auch gar nicht -so- übel, dass das Tor dafür mit den Bach hinunter ging. Hab sie gespürt, weißt du? Als sie im Turm waren. Isfanel hat sie so~ eindringlich warnen wollen, mich durch die Zerstörung nicht freizulassen, aber keiner hat ihn verstanden. Dumme Sache.“

Vorsichtig nahm Andrew einen Schritt zurück. Vielleicht konnte er weglaufen, immerhin war er sportlich sehr aktiv und Tara ein geborener Tollpatsch. Bloß war das vor ihm nicht mehr Tara.

„Na ja, genug der Geschichtsstunde“, schloss Urila diese und klatschte nachdenklich beide Hände zusammen, „die wichtigere Frage ist jetzt erstmal, was ich mit dir mache. Dann kann ich mich um die beiden Dämonenjäger kümmern, die mich rausgelassen haben und offenbar etwas besitzen, das mich brennend interessiert.“

„W-was soll das alles!?“ Andrew verstand nicht, warum diese Urila scheinbar so scharf auf Matt zu sein schien. „Matt wird jemandem wie dir sicher keine Hilfe sein.“

Was hatte der Dummkopf bloß angestellt!?

„Ach, sie haben sich im Turm die ganze Zeit unterhalten und dabei ein paar interessante Sachen fallen gelassen. Wusstest du, dass es euer geliebter Matt Summers war, der überhaupt erst die Idee mit dem Sprengen des Turms hatte? Ich glaub, ich schicke ihm eine Grußkarte … der ganz besonderen Art, hihi.“

Andrews Augen weiteten sich. „Also hab ich mich gerade eben nicht verhört …“

„Oh ja.“ Urila hob den Zeigefinger belehrend. „Er und seine Freundin, die Ex-Gründerin Anya Bauer, sind die Hauptschuldigen. Ihr werde ich demnach Blumen schicken, glaub ich. Weil ich wetten könnte, dass sie das Grünzeug wie die Pest hasst. Ich mag sie ansonsten nämlich nicht, weißt du?“
 

Derweil konnte Andrew nicht fassen, was er da alles vernahm.

Eine Dämonin, die in diesem Turm eingesperrt und nun nach tausenden von Jahren wieder frei war? Matt, der scheinbar der Schuldige an dieser Sache war und tatsächlich die Laufbahn eines Dämonenjägers ergriffen hatte?

Das war verrückt, einfach nur verrückt!

Wenn er nicht seit Kurzem genau um Matts geheime Karriere wüsste, würde er glauben, dass Tara ihn nur verscheißern wollte.

Aber es hieß auch, dass Matt vielleicht noch in der Stadt war! Wenn ja, musste er ihn finden und warnen! Vielleicht konnte sein Freund Tara helfen?

 

Schnurstracks wirbelte Andrew um und begann den ewigen Monolog dieser Urila zu ignorieren. Er begann zu rennen, doch kaum hatte er ein paar Schritte getan, prallte er mit dem Kopf gegen eine unsichtbare Mauer und wurde zurückgeworfen, landete auf dem Rücken.

„Na na na“, rügte Urila ihn vergnügt, „nicht böse sein, aber wegrennen lassen kann ich dich leider nicht mehr. Wobei, was würdest du schon tun können?“

Unerwartet schnippte sie mit dem Finger. „Ah, das ist mal was … Urila, du bist ein Genie! Okay, hab's mir anders überlegt, du kannst gehen.“

Andrew, der sich auf den Bauch rollte und zurück auf die Füße torkelte, kam nicht einmal rein auditiv bei Urilas Gesinnungswechsel an, da zeigte die schon auf das D-Pad an seinem Arm.

„Aber eine Bedingung habe ich, wenn ich dich laufen lassen soll. Weißt du, ich brauche etwas Erfahrung mit dem da. Wenn du gewinnst, kannst du gehen und meinetwegen machen was du willst. Gewinnst du aber nicht, naja, dann gibt es dich nicht mehr. Mir ist es schnuppe.“

Irritiert hob Andrew den Arm im Aufstehen und sah auf das D-Pad. „Was …?“

„Ja!“, bestand Urila darauf. „Die Erinnerungen deiner Freundin sind eine Sache, aber ich muss das selbst lernen. Ich mein, ihr Kids von heute fahrt doch total darauf ab. Was da oben im Turm abgegangen ist war zu spannend, um es an mir vorbeigehen zu lassen. Könnte für mich also noch nützlich werden das zu lernen, hm?“

 

Der Schwarzhaarige mit der Sonnenbrille richtete seinen Blick auf das wartende Mädchen im schwarz-weiß gestreiften Kleid und der weißen Jeansjacke, welches von außen her so unscheinbar und niedlich anmutete. Warum wollte dieser Dämon sich duellieren!?

Aber wenn er sie richtig verstand, war das eine Drohung. Verlor er, würde sie ihn töten. Was sie wohl auch tun würde, wenn er das Duell verweigerte.

Wie wollte sie das anstellen? Welche Kräfte besaß sie noch?

Einerseits überlegte Andrew, Tara einfach bewusstlos zu schlagen. Bloß hielten ihn davon zwei Dinge ab. Die Skrupel gegenüber seiner Sandkastenfreundin und die Tatsache, dass Urila keinen Hinweis darauf gab, dass sie bluffte. Wenn sie so gefährlich war, dass man sie einsperren musste, dann sollte er kein Risiko eingehen. Diese Barriere war ein eindeutiges Warnsignal.

 

„Was habe ich für eine andere Wahl?“, fragte er zornig und spuckte auf den Boden. „Gut, machen wir dieses Duell.“

„Oh prima!“ Das Mädchen sprang vor Freunde glatt in die Luft. „Die ersten zwei Menschen, die mir nach über tausend Jahren Turmzelle begegnen und beide sind kooperativ! Ihr seid die Besten!“

Kooperativ war das falsche Wort, dachte sich ihr Gegenüber dabei ärgerlich. Dieses Wesen war wie ein Parasit, der jetzt an Tara hing!

Urila schnippte mit dem Finger, als fiele ihr etwas ein. „Ach ja, du kannst gerne die Sicherheitsmechaniken ausstellen, wenn du möchtest. Ich mag es, wenn die Angriffe etwas weh tun und je früher die Schmerzen kommen, desto schneller gewöhne ich mich dran.“

Woher wusste sie, dass er die Sicherheitseinstellungen der D-Pads umgehen konnte, fragte Andrew sich geschockt? Und was hatte dieser Satz mit den Schmerzen zu bedeuten?
 

Dass Andrew sein D-Pads und Duel Disks manipulieren konnte lag daran, dass sein Vater bei der Polizei arbeitete und er dementsprechend, wenn auch nur heimlich, an die Codes herankam, um die Sicherungsmechanismen auszustellen. Vielleicht ahnte Tara also etwas, das Urila aufgegriffen hatte?

Hoffentlich wusste sie nichts von seinem anderen Geheimnis. Aber das war völlig unmöglich! Er hatte ihr nichts von der Begegnung erzählt!

 

Das Mädchen legte derweil ihr Deck in ihr pinkes D-Pad und sah in drängelnder Manier auf. „Nun schlaf nicht ein, ich hab heute Nacht noch eine Menge zu tun!“

Andrew tat es ihr gleich und ließ sein eigenes ausfahren. In verkrampfter Manier stand er seiner Gegnerin auf einige Meter Entfernung vor dem nächtlichen, abstrakt verzerrten Trümmerhaufen der Livington High gegenüber. „Also schön. Duell!“

„Duell!“

 

[Andrew: 4000LP / Tara: 4000LP]

 

„Da mein Gefäß eine Lady ist, fängt sie an, verstanden? Draw!“

Schon hatte Urila entgegen seinem Willen das Ruder an sich gerissen und legte von ihren sechs Karten die erste auf das D-Pad.

„Ich glaube, die spielt sie sehr gerne. Erscheine, [Madolche Magileine]!“

Kaum hatte sie den Namen ausgerufen, da tauchte eine kleine, junge Hexe mit einer riesigen Gabel in der Hand vor ihr auf. Ganz in violett gekleidet, nahm diese ihren großen Spitzhut vom Kopf und zog aus ihm eine Karte heraus. Markant war aber, dass sie bei all dem in der Luft schwebte, oder besser gesagt, das puzzleartige, schwarze Gebäckstück, auf dem sie stand.

 

Madolche Magileine [ATK/1400 DEF/1200 (4)]

 

„Wenn dieses fesche Ding beschworen wird, erhalte ich eine andere Süßigkeit vom Deck“, erklärte Urila hibbelig, „das ist so aufregend, ihr habt so viele Wörter im Sprachschatz, die ich noch gar nicht kenne.“

Andrew runzelte nur argwöhnisch die Stirn dabei.

Schließlich zeigte Urila die Monsterkarte [Madolche Puddingcess] vor, die sie in ihr Blatt dank Magileines Effekt aufnahm.

„Uh … die muss man setzen“, murmelte sie dabei zu sich selbst und schob drei Fallen in die dazugehörigen Slots des pinken D-Pads. Schon materialisierten sich die Karten vor ihren Füßen.

Die besessene Tara schloss damit: „Und da ich noch nicht angreifen kann, soll ich wohl meinen Zug beenden, richtig? Also, du bist dran.“

 

Als Andrew still seine neue Karte zog, ließ er seine Gegnerin nicht aus den Augen.

Einerseits schien diese Urila voller Entdeckungsdrang zu sein, musste diese Welt ihr doch neu und unverbraucht vorkommen. Dennoch war sie gefährlich. Er wusste zwar nicht, wieso sie für den Versuch, ein Tor zu diesem Nexus zu öffnen, verbannt wurde, aber es musste seine Gründe haben.

Würde sie es wieder versuchen, jetzt wo sie wieder frei war? Aber wie? Dieser Turm und das Tor, von dem sie gesprochen hatte, waren zerstört. Allerdings hatte sie bereits etwas ins Auge gefasst, was ausgerechnet mit Matt zu tun haben musste. Bloß was!?

Er musste unbedingt vor ihr zu Matt gelangen! Allein wegen der Warnung von diesem Mann!

 

„Main Phase 1“, kündigte er tonlos an, „indem ich ein hochstufiges Licht-Monster abwerfe, kann ich [Lightray Grepher] als Spezialbeschwörung aufs Feld rufen. Also erscheine.“

So geschah es, dass vor ihm ein muskulöser, schwarzhaariger Schwertkämpfer in blau-weißer, ärmelloser Montur erschien. Gleichzeitig schob Andrew den Stufe 7-[Lightray Diabolos] in den Friedhofsschlitz seiner Duel Disk.

 

Lightray Grepher [ATK/1700 DEF/1600 (4)]
 

„Ein weiterer Effekt Grephers ist es, dass ich noch ein Licht-Monster abwerfen kann, um ein ebensolches von meinem Deck zu verbannen“, führte Andrew seinen Zug fort und entledigte sich zuerst seines [Lightray Gardnas], ehe er [Lightray Gearfried] in seine Hosentasche schob.

Urila beobachtete das alles mit einer ungeheuren Neugier, auch wenn Andrew sich sicher war, dass sie seinen Duellstil dank Taras Erinnerungen kennen musste.

„Wenn [Lightray Gardna] auf meinem Friedhof liegt“, sprach Andrew weiter und holte das Monster sowie den eben erst abgelegten [Lightray Diabolos] hervor, „kann ich ihn und ein anderes Licht-Monster von meinem Friedhof verbannen.“

So landeten beide ebenfalls in seiner Hosentasche.

„Und nun, da ich genau drei verbannte Licht-Monster besitze“, fasste Andrew seine Absichten zusammen und zückte zwei weitere Monster von seiner Hand, „kann ich sowohl [Lightray Sorcerer], als auch [Lightray Madoor] von meiner Hand als Spezialbeschwörung rufen.“

Unter zwei aus dem Boden empor schießenden Energiesäulen tauchten zuerst ein in weiß-blauer Robe gekleideter Hexenmeister, der eine Lichtkugel zwischen seinen Händen bündelte und dann ein weiterer, maskierter Hexer auf, welcher über seinem hellblauen Hemd einen weißen Mantel trug und eine Eismauer befehligte.

 

Lightray Sorcerer [ATK/2300 DEF/2000 (6)]

Lightray Madoor [ATK/1200 DEF/3000 (6)]
 

„Da wenig Bedarf besteht, auf Sorcerers Angriff zu verzichten, nur um Magileine zu bannen, wird das im Kampf geregelt!“, schloss Andrew schließlich und zeigte auf die Hexe. „Ich ziehe nämlich den Kampfschaden vor. Also, Angriff mit Lightray Grenade!“

Wie aus der Pistole schoss der Hexenmeister seine Lichtkugel auf Urilas [Madolche Magileine] ab, deren Besitzerin aber prompt den Arm ausschwang. „Dann muss ich wohl das tun, so wie sie es immer tut: Falle aktivieren! [Madolche Waltz]! Kämpft die Süßigkeit, gibt’s 300 Kariespunkte für dich, hihi.“

„Hör auf Tara zu imitieren!“, verlange Andrew verärgert.

Magileine kam gar nicht erst dazu, den angedeuteten Walzer anzuschlagen, da wurde sie schon getroffen und flog im hohen Bogen kreischend davon. Urila schob daraufhin die Karte ihres Monsters in ihr Deck zurück, denn: „Wie du wissen müsstest, werden Madolches nicht auf den Friedhof, sondern ins Deck gelegt, wenn sie zerstört werden.“

Ihr D-Pad schloss den Prozess mit einem Mischdurchlauf ab. Gleichzeitig spürte Andrew ein leichtes Ziehen in der linken Schulter, welche er überrascht packte.

 

[Andrew: 4000LP → 3700LP / Tara: 4000LP → 3100LP]

 

„Ein großen Vorteil wirst du daraus nicht ziehen können, denn meine Monster werden dich jetzt direkt angreifen!“, bellte er erzürnt. „[Lightray Grepher], benutze Lightray Blow! Madoor, greife mit Lightray Wall an! Los!“

Sofort stürmte sein Krieger auf das blonde Mädchen zu, begleitet von einer Welle aus weiß-blauem Eis, das der Hexer ihm hinterher schickte. Erst glitt die Klinge diagonal durch den Körper Taras, anschließend sprang Grepher aus dem Weg, damit der Eiswall über sie hernieder brechen konnte.

„Hmpf“, schnaubte Andrew dabei.

 

[Andrew: 3700LP / Tara: 3100LP → 200LP]

 

Völlig ungerührt stand sie da, denn es würde ihm niemals in den Sinn kommen, wegen ihr die Sicherheitsvorkehrungen seines D-Pads zu deaktivieren. Aber noch etwas beunruhigte ihn.

Das war viel zu leicht. Tara war weiß Gott keine schlechte Duellantin, wenn manchmal auch etwas schusselig. Wenn diese Urila auf Taras Erinnerungen zurückgreifen konnte, musste sie wissen, wie man ihr Deck zu spielen hat. Demnach plante sie etwas.

„Meine letzte Karte setze ich verdeckt“, sprach Andrew und schob die Falle in seine Duel Disk, „Zug beendet.“

 

Die Lippen schürzend, legte Urila den Kopf in den Nacken und murmelte: „Ich sitze in der Patsche, oder? Mein erstes Duell und ich bin schon sowas von am Verlieren! Hach …“

„Du bist einfach ein paar Jahrhunderte zu alt für so etwas“, kommentierte Andrew das abfällig.

„Och bitte, man ist so alt wie man sich fühlt? Oder in diesem Fall bin ich so alt wie mein Gefäß.“ Damit klatschte sie in die Hände. „Genug Smalltalk, mein Zug! Draw!“

Schwungvoll zog die Blondine ihre nächste Karte und lächelte verzückt bei ihrem Anblick. Was sie anschließend dazu brachte, eine ihrer Fallen zu aktivieren. „Zeit für ein wenig gute Stimmung, meinst du nicht? [Madolchepalooza]! Chaka chaka, baby!“

Andrew runzelte die Stirn ob der peinlichen Tanzbewegungen, die Urila machte. „Ich kenne den Effekt.“

Obwohl er sich wünschte, dem wäre nicht so. Denn er bedeutete Ärger.

„Hmm, wenn du meinst“, gab sich Urila enttäuscht, hörte mit ihren 'Moves' auf und blähte die Wangen auf, „dann eben kurz und schmerzlos. Ich rufe [Madolche Puddingcess], ihren Prinzen, [Madolche Potpourrince] und den Hofritter [Madolche Chouxvalier] von meiner Hand als Spezialbeschwörung!“

Hand in Hand auf einem großen Karamellpuzzlestück tanzend, tauchten eine kleine, blonde Prinzessin mit Kirsche im Haar und ein etwas größerer Prinz auf. Beide in cremefarbige Kleidung gehüllt, zog die Prinzessin nach der Tanzeinlage ihren Rockzipfel hoch und verbeugte sich, wohingegen der Prinz, um den massenhaft Pralinen, Schokoladenstücken, Kekse und andere Leckereien schwebten, sich verneigte. Etwas weiter abseits tauchte, ebenfalls auf einem Puzzlestück, ein kleiner Krieger in schwarzem Gewand auf einem weißen Pferd auf, wobei er als Waffe ein Zuckerstangenschwert schwang.

 

Madolche Puddingcess [ATK/1000 → 1800 DEF/1000 (5)]

Madolche Potpourrince [ATK/1500 DEF/1000 (5)]

Madolche Chouxvalier [ATK/1700 DEF/1300 (4)]

 

Stimmt, ging es Andrew beim Anblick der Puddingcess durch den Kopf. Da seine Gegnerin keine Monster auf ihrem Friedhof liegen hatte – denn das war die Ausgangsstrategie dieses Decks – erhöhte dies Puddingcess' Stärke.

„Weißt du, das Lustige an der ganzen Sache ist ja, dass meine Süßigkeiten dank unseres Märchenprinzen direkt angreifen können. Hab ich das nicht gut gemacht?“, fragte Urila aufrichtig nach Lob lechzend.

Unter einem stolzen Ausruf zog ihr Prinz das Schwert aus der Schneide an seinem Waffenrock und schwang es im langen Bogen aus. Daraus entstand eine leuchtende Welle, die seine Mitstreiter erfasste und beigefarbener Aura aufglühen ließ.

„Das wird ja immer besser“, kommentierte Andrew das Ganze angespannt. „Dafür werden solange die Effekte deiner Monster annulliert.“

„Unwichtige Details …“, winkte seine Gegnerin läppisch ab.

Andrew stand der Schweiß auf der Stirn. Und er erinnerte sich noch gut an [Madolche Potpourrince], denn sobald Tara ihn ausspielte, war sie kaum noch zu stoppen.

„Du siehst gar nicht glücklich aus“, grinste Urila verspielt, „hast du Angst? Musst du nicht, ich bin nicht böse. Klar, mein Plan wird ein paar Opfer fordern, aber er ist nur gut gemeint, ehrlich!“

„Ich habe keine Ahnung, wovon du redest.“

Sein Gegenüber zuckte mit den Schultern. „Anscheinend hast du nicht den geringsten Schimmer, was dieser Matt Summers neuerdings so treibt.“

„Wenn man deinen Worten trauen kann, ist er ein Dämonenjäger.“

„Er hat das getötet, was ihr am ehesten als Bruder für mich bezeichnen würdet“, sagte Urila und kniff die Augen fest zusammen, ihre Heiterkeit verflog von einem Augenblick zum anderen, „deswegen wird er mir jetzt helfen, seinen letzten Worten einen Sinn zu verschaffen. Idealerweise ist er auch genau der Richtige für den Job. Aber mehr musst du nicht wissen.“

Damit streckte sie geradezu in majestätischer Manier die Hand aus und zeigte direkt an Andrews drei Monstern vorbei auf den jungen Mann. „Ich hoffe du magst Süßes! Zuerst ist Chouxvalier dran! Direkter Angriff auf seine Lebenspunkte!“

Andrew schüttelte den Kopf, als der gut betuchte Ritter auf seinem Plüschross angaloppiert kam, dabei wild mit der Zuckerstange fuchtelnd. „Ein Krieger sollte mit seinen Fähigkeiten schon überzeugen. Soll er sich im Spiegel ansehen und aus seinen Fehlern lernen! Ich aktiviere [Radiant Mirror Force], da du drei Monster kontrollierst!“

Urila gab einen überraschten Laut von sich, als sich um Andrews Monster eine spiegelnde Mauer zog, an der die Kanne abprallte und zurück auf ihren Besitzer geflogen kam.

„Damit werden alle deine Monster zerstört!“

„Keine Lust! Konterfalle!“, rief Urila und ließ damit die letzte ihrer gesetzten Karten aufspringen, „[Madolche Tea Break]! Habe ich keine Monster im Friedhof, negiert sie deine Karte und gibt sie auf die Hand zurück! Außerdem kann sie eine deiner Karten zerstören, wenn [Madolche Puddingcess] auf dem Feld ist!“

Andrew keuchte erschrocken, als der Ritter seine ungewöhnliche Waffe hoch in die Luft warf, dann auffing und direkt in die Richtung des [Lightray Sorcerers] schleuderte. Die Spiegelmauer brach beim Treffer in sich zusammen, die Zuckerstange bahnte sich ihren Weg durch des Hexers Brust, welcher explodierte und fand schließlich in Andrew ihr Ziel. Dieser hielt beide Arme über Kreuz und stöhnte auf, als er erwischt wurde.

„Ah, vergiss nicht [Madolche Waltz], weswegen du nochmal 300 Kariespunkte bekommst, ahahaha!“

Blitze schlugen um den jungen Mann, dem schwindelig wurde. Tapfer hielt er sich auf den Beinen.

 

[Andrew: 3700LP → 2000LP → 1700LP / Tara: 200LP]
 

Andrew biss die Zähne zusammen und schrie nicht, wenn er auch befürchtete, dass diese Schmerzen nicht etwa durch fehlende Sicherheitseinstellungen, sondern durch Urilas dämonische Kräfte verursacht wurden.

Zitterig bückte er sich nach seiner [Radiant Mirror Force]-Karte, die nebenbei aus dem D-Pad geflogen kam und welche er wieder seinem ansonsten nicht existierendem Blatt hinzufügte.

„Aber das ist doch erst der Anfang, nicht gleich schlapp machen! Da du ja sonst so hartnäckig bist, wird sich die Prinzessin höchstpersönlich darum kümmern müssen! Also los!“, befahl Urila ihrer [Madolche Puddingcess] mit ausgestrecktem Arm. „Keine Sorge, ihre Effekte werden ja negiert, wenn sie unter des Prinzen Einfluss direkt angreift.“

 

Madolche Puddingcess [ATK/1800 → 1000 DEF/1000 (5)]

 

Diese klatschte nur zweimal in die Hände, da versank Andrew einfach in einer Puddingpfütze, die sich unter ihm aufgetan hatte. Dem fiel es zunehmend schwerer, nicht zu schreien. Denn der Pudding besaß Temperaturen jenseits von Gut und Böse. Nebenbei schlugen wieder Blitze um ihn, ausgelöst von [Madolche Waltz].

 

[Andrew: 1700LP → 700LP → 400LP / Tara: 200LP]

 

„Und jetzt die Krönung. Die Schlagsahne sozusagen“, kicherte Urila neckisch.

Seine einzelne Karte fest in den Händen haltend, wischte sich Andrew den Schweiß von der Stirn und schluckte. Es sah nicht gut für ihn aus.

„Oh, das ging aber schnell. Normalerweise spielst du doch besser als das“, machte sich Urila über ihn lustig.

„Wie sagtest du? Mal gewinnt man, mal verliert man.“

Das brachte sie zum Lachen. „Oh ja, dumme Sache, was? Aber ich mache es kurz und schmerzlos. War schön dich kennengelernt zu haben, ich werde dich bestimmt die nächsten Jahrhunderte nicht vergessen.“

Ihr Gegenüber runzelte die Stirn. „Zu viel der Ehre.“

„[Madolche Potpourrince]“, rief Urila laut aus und streckte den erhobenen Zeigefinger in die Höhe, „direkter Angriff auf seine Lebenspunkte!“

Mit einem Schwenk seiner Hand ließ der Prinz die Ansammlung erlesenster Süßigkeiten, die um ihn schwirrten, wie einen Bienenschwarm auf den immer noch in der Puddingpfütze feststeckenden Andrew niedersausen. Dieser schnaubte und schloss die Augen.

Es folgte eine Schar kleiner Explosionen, deren geringer Umfang durch ihre Zahl wieder wett gemacht wurde. Andrews ganzes Feld ging in einem regelrechten Bombenhagel von Pralinen, Keksen und Dergleichen unter.

 

[Andrew: 400LP / Tara: 200LP]

 

Als sich der damit einhergehende Rauch verzog, lag Andrew der Länge nach auf dem Boden. Und vor ihm kniete ein Monster. Pechschwarzes, zottig-langes Haar, war er ganz in weiß gekleidet und hielt einen Schild schützend aufgestellt, von dem ein hellblaues Kraftfeld ausging.

 

Lightray Gardna [ATK/100 DEF/2600 (4)]

 

„Du lebst also noch? Beeindruckend …“, murmelte Urila verstimmt.

Sich mühsam vom Boden abdrückend, erklärte Andrew: „[Lightray Gardna] kann nicht gesetzt werden, weswegen er trotz seiner hohen Verteidigung eher nutzlos ist, wenn man ihn auf der Hand hat. Allerdings kann er nur einmal während des Duells aus der Verbannungszone zurückkehren, sofern ich direkt angegriffen werde.“

„Ich erinnere mich. Beziehungsweise tut sie es.“

„Da der Angriff anschließend beendet wird, kassiere ich keinen Schaden, auch nicht durch [Madolche Waltz].“ Andrew lachte. „So einfach kriegst du mich nicht klein.“

Noch eine Chance, dachte er nebenbei. Er hatte noch eine Chance. Ein Angriff würde reichen, doch dafür musste er etwas mit ausreichend Angriffspunkten ziehen.

„Hmm, das ist gar nicht gut. Solltest du nächste Runde angreifen, wird der Schaden, den du als Resultat durch [Madolche Waltz] erhältst nicht für ein Draw ausreichen“, taktierte Urila und verzog schmollend den Mund, „dann bin ich die Dumme. Aber ich fürchte, du musst dann wohl auf die harte Tour lernen, dass ich, was meine Ziele angeht, nicht weniger ehrgeizig bin als mein Bruder. Auch wenn es ihn sicherlich nicht glücklich machen würde, wüsste er, was ich vorhabe. Hach, ich vermisse den alten Bastard …“
 

Andrew seinerseits gingen ihre melancholischen Anflüge und ihre Art so zu tun, als hätte er irgendeine Ahnung, wer oder was sie war, langsam aber sicher auf die Nerven. Wenn er nur wüsste, wie er Tara retten konnte! Der Einzige, der ihm dabei vielleicht helfen konnte, war Matt … er musste ihn finden, bloß dafür war es wichtig, sich diesen Dämon erstmal vom Hals zu schaffen.

Bloß wie? Als ob sie ihr Versprechen halten würde, ihn bei einem Sieg gehen zu lassen!

 

Mit dem Finger schnippend, schien es, als hätte Urila bezüglich ihrer weiteren Vorgehensweise eine Entscheidung getroffen.

So sagte sie, als sie den rechten Arm in die Höhe streckte: „Okay, mit der Battle Phase hier wird das nichts mehr. Also sieh her, wie ich in der Main Phase 2 das Overlay Network errichte!“

„Overlay Network!?“, wiederholte Andrew erschrocken und sah zu, wie sich der schwarze Galaxienwirbel weit über Tara auftat.

„Aus meiner Stufe 5-Puddingcess und meinem Stufe 5-Potpourrince wird ein Monster vom Rang 5!“

Der Schwarzhaarige, der schwankend auf die Beine gekommen war, schwang widersprechend den Arm aus. „Unmöglich, Tara besitzt gar kein-!“

Er stoppte aber, als er etwas erblickte, was ihm vorher nicht aufgefallen war. Unter dem Ärmel ihrer weißen Jeansjacke, an dem Arm, den sie in die Höhe hielt, leuchtete ein silbernes Mal. Urila, die Andrews Blick amüsiert verfolgte, ließ ihn sinken und zog den Ärmel hervor, nur um ein sternförmiges, aus sechsmal zwei Dreiecken bestehendes Symbol zu präsentieren.

„Was ist das?“, fragte ihr Gegenüber irritiert.

„Das Spiegelbild des Paktes zwischen mir und Tara Hartwell. Es ist der Beweis, dass sie solange mir gehört, bis ich mein Ziel erreicht habe. Allerdings gibt es da noch die physische Version.“

Was für Verwirrung sorgte, denn Andrew wiederholte: „Physische Version?“

Mit dem Blick gen Himmel gerichtet, zeigte Urila wie ein Kind, das sich meldete, auf das Overlay Network.

 

Als Andrew erblickte, was aus diesem geflogen kam, fiel seine Kinnlade herab. Zeitgleich donnerte es über Livington, sodass der nachfolgende Schrei nur schwer zu vernehmen war.

 

 

[Part I – Ende]



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Kommentare zu diesem Kapitel (1)

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Von:  fubukiuchiha
2017-06-12T14:55:40+00:00 12.06.2017 16:55
Hi
Coole Idee, mit der Zwischenszene. Matt hat ne Freundin? Du musstest meinem Anya-Matt Pairing unbedingt einen Riegel vorschieben oder? XD
Die Probleme reißen einfach nicht ab, bin mal gespannt was da noch kommt. Ich finde diese Urila irgendwie voll lustig, wen sie wohl mit Bruder gemeint hat Isfanel oder Another?
Sie wird ja nicht ohne Grund versiegelt worden sein.
Freue mich schon drauf wie es weiter geht, vor allem mit Tara und Andrew.
Lg fubukiuchiha
Antwort von:  -Aska-
14.06.2017 08:31
Hi,
vielen Dank! Ach wer braucht schon Pairings? Selbst die Originale sind bisher immer gut damit ausgekommen. ;-)
Urila ist auch ein Scherzkeks. Endlich mal eine weibliche Antagonistin.

LG,
-Aska-


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