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Yu-Gi-Oh! The Last Asylum

von

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Turn 08 - Murphy's Law

Turn 08 – Murphy's Law

 

 

„Joan of Arc!?“, polterte Anya und fiel aus allen Wolken. Dann brummte sie grimmig: „Nie von gehört. Wer soll das sein?“

„Passt du denn nie in Geschichte auf?“, fragte Valerie mit klagendem Tonfall und ließ ihre Hand durch das seidige, endlos lange, schwarze Haar gleiten.

Nein, dachte Anya boshaft, das geht schließlich schlecht, wenn ich mir ausmale, wie ich dir dummen Pute den Hals umdrehe, dich dann die Toilette herunterspüle und anschließend aus der Kloake fische, nur um dich an den weißen Hai zu verfüttern.

Ihre tatsächliche Antwort fiel aber um einiges kürzer aus. „Nein.“

Abby räusperte sich besserwisserisch. „Joan of Arc, oder auch Jeanne D'Arc, ist eine-“

„Mir doch egal, komm zum Punkt, Redfield!“

 

Zusammen saßen die Drei und Nick unter der großen Eiche auf Abbys roter Wolldecke. Dass der Sommer allmählich zu Ende ging, schien in Livington noch nicht angekommen zu sein. Seit Tagen litt die kleine Vorstadt wieder unter sengender Hitze. Was besonders Anya ein gewaltiger Dorn im Auge war, trug ihre Erzfeindin nun bauchfreie Tops mit Ausschnitten, aus denen Mann, wenn Mann erst einmal hineinfiel, nie wieder herausfinden würde. Und Nick schien bereits seine Bergsteigerausrüstung im Gedanken zusammenzupacken, wenn man seinen geifernden Blicken folgte.

 

„Der Punkt ist, dass sie uns gerettet hat! Ich meine … wir haben es hier mit einer Gesandten von Gott zu tun! Ist das nicht total aufregend?“, fragte Valerie begeistert und faltete die Hände ineinander. Etwas geknickt fügte sie hinzu: „Schade, dass wir das für uns behalten müssen.“

Anya hingegen blieb wortkarg. „Nein, ist es nicht.“

„Es ist schon erstaunlich. Erst schließt Anya einen Pakt mit Levrier und nun steht Joan of Arc an Valeries Seite. Dazu tragen beide ein Mal, auch wenn sie ganz verschieden aussehen“, meinte Abby und durchsuchte nebenbei ihr Geschichtsbuch nach Bildern der heiligen Johanna.

„Mir doch egal, welche Dumpfralle euch gerettet hat!“, tönte Anya miesepetrig. „Ich für meinen Teil hätte diese Zombies auch ohne göttlichen Schnickschnack umgepustet!“

Valerie spitzte die Lippen abfällig. „Nachdem sie dich zuerst umgepustet haben?“

„Na und? Hat fast gar nicht weh getan! Außerdem geht’s mir wieder gut!“

Schwer seufzend, legte Abby ihr Buch beiseite. „Sollte es aber nicht. Die Prellungen an deiner Stirn waren am nächsten Morgen verschwunden, oder? Das ist höchst ungewöhnlich, normalerweise kann das Wochen dauern.“

„Ich bin eben gut“, brummte Anya und verschränkte die Arme hinter ihrem Kopf.

„Komisch ist nur, dass Joan sich seitdem nicht mehr bei mir gemeldet hat“, sprach Valerie mit unterschwelliger Besorgnis.

„Immerhin sind unsere Mitschüler jetzt wieder sie selbst und konnten Victim's Sanctuary verlassen.“ Abby blickte nachdenklich in den blauen Himmel. „Irgendwie hab ich mittlerweile richtig Angst vor schlechtem Wetter. Jedes Mal, wenn ein Gewitter über unsere Stadt zieht, passiert etwas Schreckliches. Ob das Omen sind?“

„Nein, Wolken! Mit viel Wasser drin!“, raunte Anya gallig und wandte sich an Valerie. „So, da wir jetzt wissen, was uns sowieso nie interessiert hat, könntest du jetzt endlich mit deinem Schickimickiarsch abheben und Leine ziehen?“

„Ich dachte, wir wären jetzt Freunde?“, empörte Valerie sich und sprang mit verschränkten Armen auf.

„Das ist dein Problem, Schneewittchen. Du denkst zu viel!“

„Lieber zu viel, als gar nicht, so wie du! Aber wenn du unbedingt darauf bestehst, werde ich jetzt gehen!“, erwiderte Valerie beleidigt und zog wie ein Sommergewitter von dannen. Sie hatte es satt, sich immer wieder Anyas Frechheiten ausgesetzt zu sehen.

Vorwurfsvoll sah Abby ihre Freundin daraufhin an. „War das jetzt wirklich nötig? Du solltest dankbar sein, dass sie und Joan uns gerettet haben! Stattdessen bist du noch ekliger zu ihr als sonst!“

Anya gab nur ein böswilliges Grunzen von sich.
 

Denn seit Valerie göttliche Unterstützung an ihrer Seite hatte, war sie in Anyas Gunst noch tiefer gesunken. Was bisher als unmöglich galt. Nicht nur, dass sie seit den Erlebnissen in Victim's Sanctuary einen auf gläubig machte – Anya wusste schließlich nicht, dass Valerie seither Katholikin war – nein, sie fühlte sich nun auch noch unbesiegbar und war dadurch mehr als nur unerträglich! Sie war vernichtungswürdig, um es mit den Worten dieses Dämonjägers Alastair auszudrücken.

Das Ganze wurde auch nicht dadurch besser, dass alle Valeries Mal bewunderten, während keiner auch nur ein Wort über ihres verlor. Anya war frustriert, denn mit Jeanne D'Arc auf ihrer Seite, stand Valerie jetzt eine Stufe über ihr im Highschool-Kastensystem. Ein Zustand, den das Mädchen so nicht dulden wollte. Nicht etwa weil sie beliebt sein wollte, nein! Aber niemand stand über ihr, absolut niemand!

Außerdem sah die Sachlage so aus, dass Valerie eine Art Engel an ihrer Seite hatte. Und die letzte Person, die so etwas von sich behauptete, hatte sie umbringen wollen! Demnach waren Anya und Valerie sozusagen Feinde. Selbst das Schicksal wollte es so! Was insofern natürlich gar nicht so übel war, denn dann konnte Anya vor Gericht auf Notwehr plädieren, während die Gerichtsmediziner das einzig von Valerie übrig gebliebene Körperteil – ihre falschen Fingernägel – auf Anyas DNA-Spuren testeten.

Und dann war da natürlich noch Marc – ihr Marc! – der nur noch Augen für Valerie, oh Valerie hatte. Die konnte man mittlerweile nicht mehr von seinem Schatten unterscheiden, ergo nicht mehr von ihm wegdenken, wenn sie nicht gerade Anya und ihren Freunden mit ihrer Gerechtigkeitskacke auf den Keks ging. Alleine traf man Marc praktisch nicht mehr an. Das Dumme an der Sache war, dass Anya sie nicht einfach so aus dem Weg räumen konnte, denn der Verdacht würde sofort auf sie fallen. Demnach hatte sie ihren Plan, welcher einen Mixer und einen Backofen beinhaltete, leider aufgeben müssen.

Aber es gab immer noch die Möglichkeit mit der Notwehr durch Schicksalsergebenheit!

 

„Anya, wir müssen zum Unterricht. Die Pause ist vorbei“, meinte Abby und packte ihre Sachen in ihre Beuteltasche.

Die Blondine verzog finster das Gesicht. Irgendetwas musste ihr einfallen, um ihre Erzfeindin in Punkto Marc auszustechen. Abzustechen stand ja leider nicht zur Auswahl. Doch ihren Freunden konnte sie sich nicht anvertrauen. Da war guter, diskreter Rat wirklich teuer. Man sollte schließlich nicht denken, dass sie sich nicht selbst zu helfen wusste.

Doch Anya musste insgeheim verbittert zugeben, dass genau dies der Fall war.

 

~-~-~

 

Frustriert pfefferte Anya ihren Rucksack in die Ecke. Was waren schon 21 von 100 Punkten im Mathetest? Nick hatte ganze zwei Punkte erreicht und war somit als Einziger noch schlechter als sie. Immerhin war in dieser Hinsicht Verlass auf den Trottel.

Trotzdem, dachte sie und ließ sich dabei auf ihrer schwarze Ledercouch in der Ecke des Zimmers fallen. Um wen hatten sich mal wieder alle gedrängt, weil sie eine volle Punktzahl erreicht hatte? Valerie Redfield! Dabei hatte Abby dasselbe Ergebnis erreicht, aber für sie interessierte sich nur der pickelige Adam. Es war zum Haare raufen! Valeries, verstand sich.

„Warum bist du nicht irgendso'ne Supertussi, die vor ein paar hundert Jahren mal Hallus hatte?“, richtete Anya wütend ihre Worte an Levrier. Denn sie war sich sicher, dass Valerie Marc alles erzählt hatte, nur um vor ihm anzugeben.

 

Weil ich offensichtlich zu dieser Zeit nicht in Frankreich war.

 

„Hast du nicht auch irgendwelche tollen Tricks auf Lager? Irgendwas Cooles?“ Anya verschränkte die Arme und grübelte. „Und wenn du nur ihre Euter schrumpfen lässt!“

 

Selbst wenn ich das könnte, würde ich es nicht tun. Kräfte wie die meinen sind nicht dazu gedacht, andere Menschen zu terrorisieren. Und ich glaube, dieses Handwerk beherrscht du auch ohne meine Unterstützung bestens.

 

„Danke für das Lob“, brummte Anya beiläufig. Aber ihre Laune besserte das kein bisschen. Sie hatte überhaupt keine Ahnung, wie sie Marcs Aufmerksamkeit auf sich lenken konnte, ohne dass dabei Valeries Knochen zu Bruch gingen.

„Hast du nicht 'ne Idee?“, sprach sie in einem Moment tiefster Verzweiflung und bereute es sofort. Eine Anya Bauer bat nicht um Hilfe, sie half dir nur – ins Grab! Aber der Schaden war schon angerichtet …

 

Besitzt du denn ein besonderes Talent?

 

„Eishockey, zocken, fernsehen, Leute verdreschen …“

Anya überlegte. Hatte sie etwas vergessen? Nein, eigentlich nicht.

 

Ich dachte da eher an etwas Brauchbares. Kannst du singen? Oder beherrscht du zumindest ein Instrument?

 

„So'n High Society-Bockmist hab ich nicht nötig!“
 

Verstehe. Hast du wenigstens eine schöne Handschrift?

 

Anya schnaufte. „Man kann es lesen.“
 

Sehr gut. Dann schreib deinem Geliebten doch einen Brief. Das ist etwas Persönliches und macht besonders in deinem Falle einen guten Eindruck. Der Autor offenbart durch das geschriebene Wort einen Teil seiner Seel-
 

„Ja, ja, ich hab's kapiert.“

Eigentlich war die Idee gar nicht so übel, sagte sich Anya. Auch wenn sie noch nie einen Brief geschrieben hatte – Erpresserbriefe mal außen vor gelassen. Bloß was sollte sie Marc schreiben? Wenn sie ihn beeindrucken wollte, musste es schon etwas Längeres sein.

Sie nickte. Ihr würde schon etwas einfallen.

 

Und so kramte sie aus ihrem Rucksack einen Schreibblock sowie ein paar Stifte und setzte sich an ihren Schreibtisch vor dem Fenster. Welcher schon Staub angesammelt hatte, weil er nie vollständig eingeräumt, geschweige denn häufig benutzt worden war.
 

Normalerweise nimmt man dafür richtiges Briefpapier.

 

„Na und? Ich nehme eben dieses! Wen interessiert schon, dass da am Rand ein paar Bildchen sind?“

Es würde schon keiner erkennen, dass das Valerie sein sollte, die gerade durch einen Fleischwolf gedreht wurde.
 

Wenn du meinst.

 

„Ja, tu ich!“

Also machte sich Anya an die Arbeit. Sie starrte auf ihr Blatt … und starrte … und wartete darauf, dass irgendwas geschah.
 

Du bist wirklich ahnungslos, oder? An deiner Stelle würde ich mit einer Anrede und anschließenden Einleitung beginnen. Der arme Kerl soll doch nicht ins kalte Wasser geschmissen werden.

 

„Halt die Klappe, ich kann das selbst!“

Das Privileg mit dem kalten Wasser galt wenn, dann nur Valerie.

Und so machte sich Anya über den Brief her und schrieb einfach alles auf, was ihr dabei einfiel.
 

Etwa sechs Stunden später, es war längst nach Mitternacht, hatte sie ihr Werk nach mehreren Korrekturen vollendet und hielt den Brief samt Eselsohr, Tintenflecken, hauseigenen Milben und kleinen Bildchen stolz in den Händen.

„Den parfümiere ich morgen früh mit Mums 'Oh de Tolett' noch ein bisschen ein und dann gebe ich ihn Marc“, sagte sie so gut gelaunt, wie schon lange nicht mehr.
 

An deiner Stelle würde ich ihn zumindest einmal laut vorlesen.

 

„Huh? Wozu soll das gut sein?“ Sie runzelte die Stirn. „Na ja, von mir aus …“

Also legte sie den Brief vorsichtig wieder auf den Schreibtisch und begann zu lesen.

 

Hey Alter,

 

ich muss dir sagen, dass ich dich voll in Ordnung finde. War schon immer so, besonders weil du verdammt genial aussiehst. Besonders nach dem Training, wenn du völlig verschwitzt bist. Dieser Moment ist echt das Beste am Eishockey. Na ja, außer wenn ich Valerie 'nen deftigen Hieb verpassen kann, aber das mache ich ja schon lange nicht mehr. Ich finde es nicht fair, dass ich mich nicht bei den Jungen umziehen darf, denn eigentlich bin ich das einzige Mädchen im Team, was uncool ist. Valerie zählt nicht. Dabei spiele ich besser als die meisten Jungen aus unserem Team, wobei du natürlich eine Ausnahme bist. Bloß so können wir uns leider nie unterhalten, weil du immer so schnell weg bist. Scheiße, ich verlange Gleichberechtigung!

Was ich sagen wollte ist, dass dein Tackle letzten Monat gegen diesen bekloppten Typen von den Queensport Champions echt rattenscharf war. Ich hätte ja mit dem Eishockey-Schläger nachgesetzt, aber leider habe ich damals zu dem Zeitpunkt mit Coach Bergmann diskutiert, weil ich Valerie versehentlich den Puck gegen den Helm gedonnert hatte. Ich schwöre dir, das war keine Absicht, aber sie stand halt im Weg! Wie soll ich auf diese Entfernung auch treffen können, wenn diese dumme Pute will, dass ich ihr einen Pass zuspiele?

Egal, Schnee von gestern. Was ich dich fragen wollte war, ob du nicht mal Lust hättest, etwas mit mir zu unternehmen? Ich würde ja Kino vorschlagen, aber das klingt so kitschig. Außerdem hasse ich Kino wie die Pest, denn dauernd muss man den Saal verlassen, weil irgendwelche Vollidioten nicht auf meine freundlichen Anmerkungen hin still sein wollen, da sie zu sehr damit beschäftigt sind, sich und ihre blondierte Assifreundin zu fotografieren. Und dann krieg' ich den Anschiss, weil ihre 400$ teuren Extentions überall im Saal verteilt liegen. Ich frag dich, ist das fair?

Deswegen wollte ich vorschlagen, dass wir einen cooleren Ort aufsuchen. Ich kenne da einen tollen Schrottplatz, gleich um die Ecke vom Einkaufszentrum. Da hole ich immer Sachen für Barbie. Das ist mein Baseballschläger, weißt du? Und Barbie mag es, wenn man ihr ein paar hübsche Nägel mitbringt, um sie neu einzukleiden.

Überleg' es dir einmal. Würde mich echt freuen.
 

Hau rein,

Anya“

 

„Na, wie findest du ihn?“, fragte Anya stolz.
 

… kreativ.

 

„Sag ich doch, ich kann das!“

Ungeschickt faltete Anya den Brief und stopfte ihn in ihren Rucksack. Wollen doch mal sehen, wer dann die Nase vorn haben würde, dachte sie schadenfroh.

 

~-~-~

 

Egal wie sehr sie das Papier auch drückte und quetschte, es fühlte sich einfach nicht wie Valerie Redfields Hals an.

Anyas Lippen waren so schmal, dass man meinen konnte, sie würden jeden Moment verschwinden. Mit hasserfüllten, kleinen Augen beobachtete sie Valerie, wie sie Marc heimlich einen kleinen Zettel reichte, während Mr. Gibson irgendetwas Belangloses schwafelte und dabei an der Tafel schrieb. Anya wusste nicht einmal, was für ein Kurs das überhaupt war.

Ihre Fingernägel krallten sich in ihr Pult, doch leider weigerte sich das Holz, ihrem Druck nachzugeben.

Diese dämliche Ziege war ihr wieder einmal zuvorgekommen! Und dieser Blick, den die beiden sich dabei zuwarfen! Die sahen doch eindeutig verliebt aus! Oh, sie würde Redfield-
 

Es klingelte.

„Denkt an eure Referate“, mahnte Mr. Gibson die Schülerschaft eindringlich.

Die Jungs und Mädchen erhoben sich daraufhin. Nur Anya blieb sitzen und stellte sich vor, was sie alles tun würde. Schade, dass es nur eine Valerie Redfield auf diesem Planeten gab, denn ihr Einfallsreichtum reichte aus, um einen ganzen Bundesstaat voller Valeries in eine unbewohnbare Ruine zu verwandeln. Mindestens!

Als Anya schließlich frustriert ihre Sachen eingepackt hatte, gluckste plötzlich jemand hinter ihr und hielt ihr die Augen zu. „Wer bin ich? Ein Tipp: ganz bestimmt nicht Nick!“

Anya riss an seinem Arm, schleuderte ihn über das Pult zu Boden und stampfte mit geschultertem Rucksack wortlos über ihn hinweg.

„Woher hast du das gewusst?“, röchelte er ihr hinterher.

Frustriert warf Anya das, was einmal ihr Brief gewesen war, in den Papierkorb und verließ das Klassenzimmer. Sie musste sich jetzt dringend an jemandem abreagieren.

 

Derweil erhob sich Nick und lief verwundert zu besagten Papierkorb. Er zog eine Bananenschale hervor, doch schüttelte den Kopf. „Neee, davon hab ich schon welche.“

Dann hielt er Anyas Brief in den Händen. „Hehe, wieder was für meine Sammlung!“

Was besagte Sammlung anging, besaß er schon Anyas Radiergummi, den sie in der Fünften weggeschmissen hatte, weil er nicht in Lily McDonalds Ohr gepasst hatte oder auch, sein persönliches Highlight, ein unangerührtes Sandwich von Anya. Jenes würde in so manchen Ländern schon als volljährig betrachtet werden.

Neugierig friemelte er den Brief auseinander und begann zu lesen, wobei er einige Passagen selektiv ausblendete. Und als er geendet hatte, strahlte er wie ein Honigkuchenpferd in der Zuckerfabrik.

 

~-~-~

 

„Bitte lass mich gehen, ich hab doch nur noch 23 Zähne!“, jammerte Ernie Winter, während Anya ihm am Kragen gepackt hielt und zuschlagen wollte.

„Ich hab dich über mich lästern hören! Du hast über mich gelästert, huh? Sag, dass du über mich gelästert hast!“

„Aber ich hab doch Anna gesagt und nicht Anya!“

Anya schnaufte und ließ das schmächtige Weichei los. Selbst das machte ihr keinen Spaß mehr! Wie sollte sie denn ihre Wut auslassen, wenn sämtliche 'Sportarten', die sie in den letzten 19 Jahren erfunden hatte, sie auf einmal nur noch langweilten?

Während Ernie eilig davon krabbelte und seine Hose einsammelte, verschränkte Anya die Arme und ging an den Schülern vorbei, die zugesehen hatten. Unnötig zu erwähnen, dass die einen nicht zu verachtenden Sicherheitsabstand hielten.

Anya sah sich auf dem Campusgelände um. Wo zur Hölle war Abby, wenn man sie mal brauchte? Ihr würde bestimmt etwas Kluges einfallen, wie Anya sich ihre Zeit vertreiben konnte. Oder, nein, ihre Ideen wären nur noch langweiliger. Aber wo war sie? Den ganzen Tag schon bekam man sich nicht zu Gesicht!
 

„Oh holde Maid~“

Anya überlegte. Ob Abby sich mal wieder in der Bibliothek verschanzt hatte? Aber nein! Abby und Schule schwänzen in einem Satz zu nennen war wie Valerie Redfield die Haare anzuzünden. Leider unmöglich. Was trieb das Mädel also?

„Im schönsten Sommerkleid~ äh Hose~“

Ob sie-

„Frisch aus der Dose~“

Jetzt reicht's!

 

Anya wirbelte um, damit sie diesem Schreihals eins auf die Zwölf geben konnte. Hinter ihr kniete Nick, mit Hand auf der Brust, die sinnlosesten Textzeilen trällernd.

„Was soll das denn!?“, herrschte sie ihn an und stellte verärgert fest, dass schon aus allen Richtungen neugierige Blicke auf ihnen lagen.

„Na ich werbe um dich~“

Anya kratzte sich an der Stirn, da ihre rhetorischen Fähigkeiten nicht ausgeprägt genug waren, um Nicks Worte in ihrer vollen Grausamkeit zu verinnerlichen. „Häh?“

„Weil ich dich liebe~“

Fassungslos starrte sie ihren -ehemaligen- Freund an. „Todessehnsucht, du!?“

„Und verehre~“

„Wie kommst du auf die grenzdebile Idee, mir so etwas zu sagen, du Holzkopf!? Alter, ehe ich mit dir gehe, zieh ich in'n Kloster und werd' 'ne beschissene Nonne!“

„Aber“, stammelte Nick nun getroffen und holte den Brief aus seiner Hosentasche. Mittlerweile hatte sich eine ganze Traube von Schülern um sie gebildet und zu Anyas Leidwesen waren auch Valerie und Marc darunter. „Aber hier steht, dass du mit mir zum Schrottplatz willst!“

Anya klappte die Kinnlade hinunter. Der Trottel hatte doch tatsächlich … ! „Gib diesen Brief her!“

„Da steht, dass du gerne mit mir in der Männerumkleide duschen würdest!“

„Der ist doch nicht für dich, du Blödian!“, fauchte Anya und schnappte nach dem Brief, doch da Nick über einen Kopf größer war als sie, bekam das Mädchen ihn nicht zu fassen, als er ihn hochhielt.

„Aber, aber … und dass du mich magst?“ Nick schien den Tränen der Enttäuschung nahe. Er wedelte mit dem Brief. „Das steht doch da!“

„Gib-her!“, brüllte sie, gab ihm einen saftigen Tritt gegen das Schienbein, gefolgt von einem Schlag in die Nieren und riss ihm den Brief in seinem schwachen Moment aus der Hand.

„Sag bloß, der ist … der ist für Marc?“, stammelte Nick unter höllischen Schmerzen frustriert.

 

Es war mucksmäuschenstill. Jeder der Anwesenden wusste, dass es gleich sehr laut werden würde. Das war wie bei einem Vulkan, der kurz davor stand auszubrechen. Aber statt Lava würde in diesem Falle Nicks Blut fließen.

Selbst dieser erkannte, dass er gerade sein eigenes Todesurteil unterschrieben hatte. Er rannte weg, Anya folgte ihm nicht. Sie ballte eine Faust. Dann nahm sie ihre Duel Disk aus dem Rucksack und schleuderte sie selbst auf große Distanz mit vollem Karacho zwischen Nicks Beine. Dieser stolperte und fiel, stand wieder auf und rannte um sein Leben, als Anya ihn wie von der Tarantel gestochen zu verfolgen begann. Unter den wüstesten Beschimpfungen, die die Livington High je erlebt hatte.
 

Die Jagd erstreckte sich über den Hof, das Gebäude der Unterstufe, dann das der Oberstufe, um den Sportplatz und die beiden Hallen herum zurück zum Campusgelände. Und würden dabei Sägeblätter um Anyas Körper kreisen, hätte sie unlängst eine blutige Schneise durch die ganze Schule gezogen. Aber auch so konnten sich genug Schüler, die nicht schnell genug ausgewichen waren, über ungewollten Zwangsurlaub aufgrund diverser Prellungen freuen.
 

„Komm … her … ich krieg' dich … ja doch!“, brüllte Anya und staunte, wie gut Nicks Beine doch funktionierten. Dahinter steckte vermutlich jahrelange Übung, was in direktem Kontakt mit Anya wohl unvermeidlich war.

Erschöpft blieb das Mädchen vor der Traube Schaulustiger stehen, keuchte und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Nick fiel etwas weiter weg von ihr auf die Knie. „Oh man! Fangen spielen ist ganz schön anstrengend.“

„Ich … würde dich ja vernichten … aber … ich kann nicht mehr“, presste Anya hervor.

Neben ihr lag die Duel Disk, die sie nach Nick geworfen hatte. Sollte sie wirklich noch weiter hinter ihm her rennen? So ungern sie es auch zugab, war Nick aufgrund seiner langen Beine und seiner Erfahrung in Punkto Abhauen ihr gegenüber arg im Vorteil. Wenn das so weiterging, würde sie ihn nie zu fassen kriegen. Aber sie musste sich abreagieren, jetzt, sofort! Außerdem war dieser Idiot den Schweiß auf ihrer Stirn nicht wert! Ein weiterer, missmutiger Blick fiel auf die Duel Disk. Also blieb nur eines. „Wir … duellieren uns … und wenn du stirbst … ich meine verlierst … stirbst du.“

Nick sprang auf und strahlte. „Cool! Ich glaube, ich habe mich noch nie mit dir duelliert!“

Was vornehmlich daran lag, dass jeder, dem etwas an seiner Gesundheit lag, darauf verzichtete, sich mit Anya zu duellieren. Gewann sie, hatte man seinen Stolz verloren. Verlor sie aber, konnte man froh sein, wenn am Ende wenigstens noch der Stolz von einem übrig blieb. Anya hasste es zu verlieren.

„Könnt ihr euch nicht vertragen?“, mischte Valerie sich ein. „Er hat dich doch nicht absichtlich blamieren wollen.“

„Schnauze, Redfield!“ Denn grundsätzlich glaubte Anya nicht an Zufälle. Wenn jemand ihr ein Leid zufügte, dann ausschließlich mit Absicht!

 

Indes hatte Nick sich schon eine Duel Disk ausgeliehen und umgeschnallt. „Ich bin fertig!“

Anya las die ihre auf und schob ihr Deck in den dazugehörigen Schacht. „Du bist nicht nur fertig, du bist reif fürs Recycling, wenn ich dich auseinander gerupft habe!“

„Cool!“

Dann riefen beide: „Duell!“

 

[Anya: 4000LP / Nick: 4000LP]

 

„Ich fang' an“, verkündete Nick freudig und hatte Glück. Denn Anya war zu sehr damit beschäftigt, Marc anzustarren, der ihr einen undeutbaren Blick zuwarf, um zu widersprechen.

„Äh, wie macht man das? Ich rufe … ahja, genau, ich rufe jetzt erstmal meine Mum an und frag sie, was ich spielen soll!“

„Harper!“

„Hehe, nur'n Witz! Ich rufe [Wind-Up Soldier]!“

Ein kleiner, futuristischer Spielzeugsoldat erschien vor Nick. Aus seinem Rücken ragte ein großer Aufziehschlüssel.

 

Wind-Up Soldier [ATK/1800 DEF/1200 (4)]

 

„Dann setze ich noch eine Fallenkarte verdeckt!“, rief Nick gut gelaunt und legte sie auf die Monsterkartenzone der Duel Disk. Und während Marc ihn freundlich darauf hinwies, wie er es richtig zu machen hatten, stöhnte Anya laut auf. Wenn das so weiter ging, würde das selbst für ihren Geschmack zu leicht werden.
 

„Ich bin dran“, zischte sie im Anschluss böse und zückte ihre Lieblingskarte. „[Gem-Knight Fusion]! Aus [Gem-Knight Garnet] und [Gem-Knight Emerald] wird [Gem-Knight Citrine]!“

Vor ihr tauchte aus einem Wirbel aus Edelsteinen ein Ritter in einem blauen Umhang auf, welcher mit seinen rot glühenden Armen ein riesiges Breitschwert schulterte – einhändig.
 

Gem-Knight Citrine [ATK/2200 DEF/1950 (7)]

 

„Falle aktivieren“, rief Nick fröhlich. „[Fissure]!“

Vor ihm sprang eine Karte auf … mit grünem Rand.

„Du Volltrottel, das ist 'ne Zauberkarte!“, donnerte Anya, während Nicks Zauber wieder mit dem Kartenbild nach unten glitt. Lautes Gestöhne ging durch die Zuschauerschar.

Die Blondine schwang den Arm aus. „Citrine, mach Hackfleisch aus dieser Witzfigur von Monster!“

Mit nur einem Schwerthieb wurde Nicks Spielzeug in seine Einzelteile zerlegt.

 

[Anya: 4000LP / Nick: 4000LP → 3600LP]
 

„Ohhhhhh …“, jammerte Nick und trauerte seiner Karte nach.

Anya indes nahm eine Karte von ihrem Blatt und setzte sie verdeckt. Sie erschien vor ihren Füßen, während das Mädchen sprach: „Dein letztes Stündlein hat geschlagen, Harper! Mach deinen letzten Zug!“
 

Der junge Mann schien sich der Gefahr, in der er schwebte, gar nicht bewusst zu sein. Er zog und drückte dann einen Knopf an seiner Duel Disk. „Aber jetzt! [Fissure]! Damit zerstöre-“

„Gar nichts zerstörst du! Konterfalle! [Paradox Fusion]! Indem ich ein Fusionsmonster, wie Citrine eines ist, für zwei Runden aus dem Spiel verbanne, kann ich die Aktivierung einer Karte annullieren! So bringe ich Citrine vor deiner Karte in Sicherheit!“

Ihr Ritter löste sich in Luft auf, während Nicks Zauberkarte in tausend Stücke zersprang. „Ohh! Dann spiele ich jetzt [Wind-Up Magician] verdeckt!“

Vor Nick tauchte ein Aufziehmagier auf, welcher mit seinen Zangenhänden einen Zauberstab hielt. Lautes Gemurmel erklang um die beiden Duellanten herum und ein paar mutige Seelen wagten es sogar zu lachen.

 

Wind-Up Magician [ATK/600 DEF/1800 (4)]

 

„Zug beendet!“
 

Anya ballte eine Faust. Es war wohl nicht genug, dass dieser Idiot sie vor allen gedemütigt hatte. Nein, das hätte sie ihm noch verzeihen können, nachdem sie seine Haut abgezogen und als Bettvorleger benutzt hätte. Aber dass er sich nicht die geringste Mühe gab, sein kümmerliches Leben zu retten, machte sie rasend.

„Wie kannst du es wagen …“, murmelte sie vor sich hin. Die Wut in ihr war so groß, dass sie sie förmlich greifen konnte. Wie ein Licht erschien sie ihr und alles, was sie zu tun hatte, war zuzupacken. Und wenn man es hielt, fühlte man die Kraft in sich pulsieren. Ein großartiges Gefühl.

 

„Draw!“, schrie sie laut. „Von meinem Friedhof: [Gem-Knight Fusion], für die ich Emerald verbanne, damit ich sie auf die Hand bekomme! Und ich aktiviere sie, um [Gem-Knight Sapphire] und [Gem-Knight Iolite] von meiner Hand zu verschmelzen und dadurch [Gem-Knight Amethyst] zu beschwören!“

Aus dem funkelnden Edelsteinwirbel tauchte ein blauer Ritter auf, aus dessen Handrücken eine riesige Lanze aus Eis wuchs. Zu seinem Schutz trug er in der anderen Hand einen großen Rundschild.

 

Gem-Knight Amethyst [ATK/1950 DEF/2450 (7)]

 

„Als Normalbeschwörung rufe ich jetzt [Gem-Knight Alexandrite]! Aber er wird nicht lange bleiben, denn ich biete ihn durch seinen eigenen Effekt als Opfer an und rufe so [Gem-Knight Crystal] von meinem Deck!“

Der Ritter in weißer Rüstung, welcher vor Anya erschien, verschwand kurz darauf wieder und hinterließ einen stolzen Krieger in Weiß, welcher seine Hände in die Hüften stemmte.

 

Gem-Knight Crystal [ATK/2450 DEF/1950 (7)]

 

„Oh oh“, nuschelte Nick ängstlich. „Verliere ich jetzt?“

„Verdammte Scheiße, ja!“, fauchte Anya ihn in ihrer Rage an. „Du hast alles versaut, alles! Jetzt denkt auch der Letzte, dass ich nicht mehr alle Tassen im Schrank habe! Wegen dir habe ich jede Chance … jede … Chance, ihn …“

Die Wut pulsierte so sehr in Anya, dass sie kaum mehr Luft bekam. „Los, Amethyst, vernichte dieses Drecksvieh von Magier!“

Ihr Ritter holte mit seiner Lanze zum Schlag aus und spießte die kleine Kreatur vor Nick gnadenlos auf. Heftiger Wind fegte über das Gelände und ließ Anyas Pferdeschwanz wild durch die Luft tänzeln.

 

[Anya: 4000LP / Nick: 3600LP → 2250LP]

 

„Ich werde dir nie verzeihen, was du heute getan hast“, sprach sie hasserfüllt. „Nie, hörst du!?“

„Aber-!“

Sie hielt es nicht mehr aus. Das, was in ihr steckte, musste einfach hinaus! „Los Crystal, beende diesen Scheiß! Clear Punishment!“

Ihr stolzer Ritter schlug mit seiner Faust auf den Boden und ließ die Erde erzittern. Überall brach sie donnernd auseinander, sodass einige Schüler umkippten. Auf Nick zischte unter lautem Getöse in ungeahntem Tempo ein Riss im Boden zu, aus dem kurz darauf endlos viele Kristalldornen schossen und ihn an Armen und Beinen trafen.

 

[Anya: 4000LP / Nick: 2250LP → 0LP]

 

Keuchend atmete Anya und hielt sich ihr Mal, welches auf einmal fürchterlich brannte. Die Hologramme verschwanden … doch der Schaden nicht! Überall war die Erde aufgerissen, der Rasen glich einem Schlachtfeld.

Und Nick? Er sank auf die Knie, gezeichnet von etlichen Schnittverletzungen. Irritiert und zugleich auch vorwurfsvoll sah er Anya an, ehe er den Kopf hängen ließ und sich wimmernd die blutenden Stellen hielt.

Anya wandte sich gleichgültig von ihm ab und schritt davon. Jeder, dem sie zu nahe kam, ging ihr mit Angstschreien fluchtartig aus dem Weg. Sie realisierte es gar nicht, das Chaos um sie herum, fasste keinen klaren Gedanken. Zu groß noch war der Zorn, der in ihr pulsierte und weiter herumwüten wollte.
 

Sie achtete kaum auf den Weg und fand sich irgendwann in einem der Gänge des großen Schulgebäudes wieder. Hier war sie zumindest allein mit sich selbst.

Erschöpft lehnte sie sich gegen die Wand neben den Spinden und hielt sich ihren Arm. Er brannte nicht mehr. Erst jetzt realisierte sie, was tatsächlich geschehen war. Sie hatte … den halben Schulhof zertrümmert!

„Genial!“, entfleuchte es ihr ehrfürchtig.

Wie hatte sie das angestellt? Doch nicht etwa wegen diesem Ding? Sie betrachtete das schwarze Kreuz mit dem Dornenring neugierig. War das etwa auch in dem Pakt mit Levrier inbegriffen? Wenn ja, bereute sie nun keine Sekunde mehr, ihn abgeschlossen zu haben. Damit konnte sie-
 

„Anya?“

Das Mädchen schaute auf und erschrak. „Marc!?“

Vorsichtig näherte er sich ihr. Wie immer sah er so verdammt gut aus in seiner Sportjacke, mit diesen wunderschönen Augen und seinem Kinnbart. Anya spürte, wie es nun eindeutig ihr Herz war, das pulsierte.

„Was ist da gerade passiert?“, fragte er etwas unsicher und deutete auf den Ausgang, welcher zum Sportplatz führte. „Nick braucht einen Krankenwagen.“

„Ich habe … keine Ahnung“, log sie. „Muss wohl … an den Rohren gelegen haben. Unten … in der Erde … und so.“

„Ah“, gab er einsichtig von sich. „Das also war es.“ Er lachte zögerlich. „Stimmt, eigentlich ist das logisch. Hologramme können keinen realen Schaden anrichten, nicht wahr?“

„N-nein.“

Warum fühlte sie sich auf einmal so schwach? Plötzlich fiel ihr nicht ein einziger Spruch oder auch nur eine coole Beleidigung ein, die sie in das Gespräch mit einfließen lassen konnte!

 

Marcs Gesicht nahm plötzlich betrübte Züge an. Er atmete tief durch und sagte dann: „Hör mal, ich … also es geht um diesen Brief.“

Anya erstarrte. Selbst Denken fiel ihr plötzlich unendlich schwer – dabei wollte sie es dieses eine Mal sogar! Jetzt durfte sie sich keinen Fehler erlauben!

Sichtlich schien ihr Gegenüber mit sich zu ringen, ehe er schließlich ihren Blick mied. „Es ist sehr lieb von dir, dass du mir das geschrieben hast. Ich hab ihn gelesen, nachdem du gegangen bist.“

„O-oh! Nein, nein, nein, ich-!“

Marc lachte, doch es klang künstlich. „Er war sehr … interessant. Und ich weiß die Mühe zu schätzen, die du dir damit gemacht hast. Aber …“

Aber? Aber! Abers waren nie gut!

Er seufzte. „Es ist nicht so, dass ich dich nicht mag. Du bist anders, als die anderen Mädchen an dieser Schule. Jemanden wie dich trifft man sonst nirgendwo und irgendwie bist du auf deine Weise beeindruckend.“

Strike!

„Aber-“

Shit!

„Nun, ich würde gerne hinter deine Fassade blicken. Bloß bin ich mir nicht sicher, ob ich dahinter überhaupt etwas finden werde. Ob da überhaupt eine Fassade ist. Denn wenn dem nicht so wäre, also …“

Anya verstand kein Wort. Fassade? Wovon redete Marc da überhaupt?
 

Der schwarzhaarige Footballspieler fasste sich. „Ich denke, wir sollten unsere Beziehung so lassen, wie sie ist. Das wäre wohl das Beste für uns alle. Dass du Valerie nicht magst, kann ich irgendwo nachvollziehen. Doch lass sie in Zukunft bitte in Ruhe, denn sie ist ein aufrichtiger, wundervoller Mensch und hat es nicht verdient, so behandelt zu werden.“

„'kay“, murmelte Anya tonlos und ballte hinter ihrem Rücken eine Faust.

„Ich denke, das war alles, was ich dir sagen wollte“, meinte Marc. Er wollte Anya eine Hand auf die Schulter legen, doch sie wich zurück. „Tut mir leid. Hier, dein Brief. Ich … gehe dann besser.“

„Tu das …“, antwortete Anya tonlos und nahm das zerknüllte Stück Papier entgegen.
 

Und so drehte er Anya den Rücken zu und ging. Sie sah ihm nicht hinterher, sondern starrte mit gesenktem Haupt ihre Schuhe an. In ihrem Kopf herrschte Stille. Da waren weder Beleidigungen noch Gewaltfantasien. Nichts. Nicht einmal Wut. Da war etwas noch viel Schrecklicheres, nämlich gar nichts zu fühlen. Und Anya wollte etwas fühlen, irgendetwas, nur nicht nichts.
 

Sie schrie, was die Lungen hergaben und schlug mit der Faust die Tür des nächstgelegenen Spinds ein. Das dünne Metall gab nach, also ging sie zum nächsten und zertrümmerte auch ihn. Keinen ließ sie aus, auch als ihre Knöchel schon bluteten. Sie machte weiter, solange, bis die Wut zurückkehrte und sie noch mehr antrieb.

Als sie ihr Werk getan hatte, verließ Anya seelenruhig das Gebäude. Und hinterließ dabei ein regelrechtes Schlachtfeld aus zerfetzten Büchern, ausgerissenen Spindtüren und anderen Gegenständen, die überall auf dem Boden verstreut lagen.

 

 

Turn 09 – Abby

Nachdem Abby auch am nächsten Tag nicht in der Schule aufgetaucht ist und nicht an den Nachforschungen rund um Anyas neuen „Mitbewohner“ Levrier teilnimmt, geht Anya alleine auf die Suche nach ihr. Als sie Abbys Zuhause verlassen und völlig chaotisch vorfindet, beschleicht sie ein schrecklicher Verdacht.



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Kommentare zu diesem Kapitel (1)

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Von:  fubukiuchiha
2017-04-10T17:20:59+00:00 10.04.2017 19:20
Hey
Das Kapitel ist irgendwie traurig, gut das Anya sich traut ihre Gefühle weiter zu geben nur der Ausgang war nicht gut. Das sie sich nicht über Nicks Zustand informiert ist schon ziemlich kaltherzig.
Die Antwort von Marc hat ihr wohl den Rest gegeben, hoffentlich erholt sie sich davon.
Bin auf jeden Fall gespannt wie das weiter geht.
Lg fubukiuchiha
Antwort von:  -Aska-
12.04.2017 18:52
Hi,
naja, die Art und Weise von Anya war auch äußerst ... ungeschickt?
Nick ist für sie natürlich an dem Verlauf schuld. Aber Marcs Ablehnung hat andere Gründe.
Ansonsten ist Anya Königin der Verdrängung, demnach ziemlich schnell wieder fit. ^^

LG,
-Aska-


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