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Every Little Thing

von  -Moonshine-

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Kapitel 16: Salvation

Sean nahm mir nachdenklich das Blatt aus der Hand, während ich kraftlos neben ihm stand und er es immer noch anstarrte.
"Wen?" Das war das Einzige, was ich herausbringen konnte, mein Hirn war wie leergefegt.
Sean biss die Zähne zusammen und blickte urplötzlich ziemlich grimmig drein. "Mich", erwiderte er ruhig, obwohl ich merkte, dass er sich zu dieser Ruhe erst zwingen musste. "Mich."
Ich erwachte aus meiner Starre. "Was?" Mit schreckgeweiteten Augen sah ich ihn an. Er sah wütend aus, hielt sich aber sichtlich zurück.
"Das darf doch nicht wahr sein...", knurrte er erbost und es war an keinen bestimmten adressiert, eher sprach er zu sich selber. "Das hätte ich doch gleich wissen müssen.“
"Was?", echote ich und merkte gar nicht, dass ich mich wiederholte. Ich legte ihm eine Hand auf den Arm und schaute flehend zu ihm auf. "Was?"
Er schüttelte aufgebracht den Kopf. "Rotes Auto, sagtest du? Das war von Anfang an klar... Komm, Emily. Wir bereiten dem Spuk jetzt ein für allemal ein Ende." Er griff nach meinem Handgelenk und zog mich mit sich, nahm unsere beiden Jacken vom Haken. Verwirrt folgte ich ihm die Treppe runter und zu seinem Auto.

Auf der Fahrt war Sean sehr schweigsam und aufgebracht. Er sprach kaum ein Wort mit mir. Irgendwas stimmte nicht und wohin fuhren wir überhaupt? Eingeschüchtert versank ich in meinem Sitz und schaute aus dem Fenster. Es war bereits dunkel und wir entfernten uns immer mehr von meinem Zuhause, seinem Zuhause... die Lichter der wenigen Häuser, die uns begegneten, rauschten an uns vorbei, während Sean den Wagen geschickt über den Asphalt lenkte.
Die Fahrt nach Nirgendwo dauerte nicht lange, denn schon bald fuhren wir in ein kleines Dörfchen hinein und er schaltete den Motor vor einem kleinen Haus im Grünen ab.
Dann stieg er aus und stieß energisch die Tür des Autos wieder zu. Er war ganz eindeutig sauer. Aber so richtig. War das das Haus desjenigen, der mich belästigte? Ich saß wie festgefroren auf meinem Platz und fixierte erschrocken die beleuchtete Eingangstür. Es war hübsch hier, gepflegt, soweit ich im Halbdunkel erkennen konnte.
Sean blieb vor der Kühlerhaube stehen und unsere Blicke trafen sich durch die Windschutzscheibe hindurch. Er bedeutete mir mit einem Nicken, auszusteigen und ihm zu folgen.
Schweigend kam ich seiner Aufforderung nach und trottete hinter ihm her zur Tür, wo er auch schon wütend auf die Klingel drückte.
"Sean, was... wo sind wir?", flüsterte ich ängstlich und drängte mich dicht hinter ihn. Mir war kalt und ich wusste nicht, was mich erwartete oder wo wir waren.
"Keine Sorge", erwiderte er düster, die Augen ganz auf die Tür gerichtet. "Gleich wirst du..."
Er wurde unterbrochen, als eben jene aufsprang.
Eine hübsche, junge Frau stand vor uns. Sie war groß, fast so groß wie Sean selber, schlank, hatte hohe Wangenknochen und feine, blonde Haare, die sich wellten. Als sie Sean sah, blickte sie ihn mit großen, unschuldigen Augen überrascht an.
Oh nein... ich fühlte mich plötzlich irgendwie fehl am Platz und wie der letzte Dorftrottel. Ich ahnte schon, wo wir waren, bei wem... Am liebsten wäre ich in dem großen, schwarzen Loch verschwunden, das sich nie auftat, wenn man es gerade brauchte.
"Sean, was für eine Überraschung!", flötete sie mit verführerischer Stimme. Aha. Das war also die Frau, die ihm auf den Anrufbeantworter gesprochen hatte. Den Tonfall erkannte ich sofort!
"Sarah", stellte er kühl fest und musterte sie. Sie lächelte.
Was sie etwa diejenige, die...?
Ich schluckte. Ich hatte mir eher einen bulligen Kerl vorgestellt. Einen ungehobelten Klotz ohne Manieren, der Spaß daran hatte, andere in Furcht und Schrecken zu versetzen! Aber doch keine blonde Schönheit...
Sean lächelte nicht. Sie ließ sich nicht davon abschrecken und fasste mich ins Auge, die ich sie verblüfft anstarrte. Als mir das bewusst wurde, wandte ich mich schnell ab und biss mir auf die Unterlippe. Wie unhöflich von mir!
DAS war also die Sorte Frau, mit denen er normalerweise ausging. Da konnte ich ja echt einpacken...
"Wen hast du denn da mitgebracht?", säuselte sie lieblich.
"Das ist Emily", erwiderte er, ohne sie aus den Augen zu lassen. "Aber ich glaube, das weißt du schon." Herrje, da bekam ja sogar ich Angst, so kalt, wie er mit ihr umging. Er war wirklich wütend!
Sie blinzelte verwirrt, lächelte aber stets weiter. "Was meinst du?"
Sean seufzte genervt auf. "Hör auf damit, Sarah. Du weißt genau, was ich meine. Macht es dir Spaß, unschuldigen Menschen das Leben schwer zu machen? Oder willst du weiterhin so tun, als ob du die Unschuld in Person wärst? Wir beide wissen ganz genau, dass du das nicht bist."
Frostig schaute er sie an. Da lag kein einziges, vorwitziges grünes Funkeln in seinen Augen, die zu Eis gefroren schienen.
Für einen kurzen Moment starrten sich die beiden unerbittlich an und dann fiel ihre Maske. Sie ließ hilflos die Arme sinken. Er hatte gewonnen. "Ich wollte ihr nur ein bisschen Angst machen", rechtfertigte sie sich trotzig und reckte das Kinn vor.
Ich schnappte nach Luft. Es stimmte also! Diese wunderschöne Blondine hatte es auf mich abgesehen gehabt! Fassungslos starrte nun auch ich sie an und es war mir egal, ob es unhöflich war oder nicht. Was hatte ich ihr getan?
Sean holte tief Luft. Es machte den Eindruck, als müsste er sich stark zurückhalten.
"Ist dir klar, dass die Polizei an dem Fall dran ist?", brachte er gepresst hervor. "Wenn ich das nicht rausgefunden hätte, hätten sie dich früher oder später erwischt!"
Sie riss die Augen auf. "Du wirst mich doch nicht verraten?!"
Sean musterte sie schweigend, seine Hand zur Faust geballt. "Die Entscheidung liegt nicht bei mir", sagte er schließlich kalt und schaute mich vielsagend an. "Sie entscheidet das."
Oh nein, bitte nicht... Ich tastete hinter seinem Rücken nach seinem Jackensaum und umklammerte diesen, schluckte ein paar Klöße im Hals herunter. Es funktionierte nicht.
"Das... das ist schon okay...", stammelte ich vorsichtig und streifte seine erschrockene Ex-Freundin - Sarah - mit einem kurzen Blick, bevor ich in Sean's Gesicht blickte. Er wirkte so ernst und wütend, das auch ich mich ein wenig eingeschüchtert fühlte. Aber er war wegen mir hier, also hatte ich nichts zu befürchten, oder?
Sein Ausdruck wurde etwas weicher, als ich ihn anschaute, und auch sein Tonfall. "Du weißt, dass du keine Rücksicht zu nehmen brauchst", erklärte er mir leise. "Ich würde das verstehen und es ist immerhin dein gutes Recht." Aufmunternd nickte er mir zu, aber ich schüttelte den Kopf, etwas entschlossener als eben noch.
"Nein, das... will ich nicht...", murmelte ich leise. Ich wäre nur froh, wenn das Ganze jetzt endlich ein Ende haben würde. Dieser ganze Zirkus mit der Polizei und seiner Ex-Freundin und so weiter... nein, das musste ich nicht haben. Vor allem die letzte Komponente war mir nicht geheuer.
Sean nickte und wandte sich wieder an Sarah, die, bleich, aber erleichtert, noch immer in der Tür stand. "Glück gehabt", sagte er grimmig. "Wenn es nach mir gegangen wäre..."
Er ließ seine Warnung unausgesprochen in der Luft hängen und gab ihr mit seinen Eisaugen zu verstehen, was er damit hatte sagen wollen. Doch lange konnte er diese Ruhe nicht bewahren. In seinem Inneren brodelte es gewaltig. Ich fragte mich, ob ich die einzige war, die das spürte.
"Was hast du dir dabei bloß gedacht?!", fing er dann missbilligend an und schaute Sarah anklagend an. Sie ließ ihn nicht weitersprechen. Offenbar hatte auch sie etwas loszuwerden.
"Was hast DU dir dabei bloß gedacht?!", meckerte sie ihn an und warf mir einen verächtlichen Blick zu, sodass ich sofort erstarrte. Jetzt, wo sie wusste, dass ihr keine Gefahr drohte, schien sie anscheinend aufzutauen. "DAS kann doch nicht dein Ernst sein?" Mit einer abfälligen Geste schwenke sie in meine Richtung.
Mir wurde ein bisschen übel. Sean machte empört den Mund auf, aber sie fuhr schon fort und steigerte sich immer mehr in ihre Wut hinein.
"Mit so einer gibst du dich ab, obwohl du mehr haben könntest! Ich verstehe dich in letzter Zeit einfach nicht! Es ist doch offensichtlich, dass sie dich nicht so gut kennt, wie ich!"
"Sarah!", warnte er sie scharf, aber sie wollte nicht hören.
"Du weißt genauso gut wie ich, dass sie nicht gut genug für dich ist!"
Mir wurde schwindelig.
"Zumindest ist sie ehrlich und nicht kriminell veranlagt!", unterbrach Sean sie nun wütend und funkelte sie zornig an.
Das war wie ein Schlag ins Gesicht. Der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.
Ich stolperte unwillkürlich erschrocken zurück und irgendetwas in mir zerbrach. Was Sarah daraufhin sagte, hörte ich gar nicht mehr.
Zumindest. Ich war nur ein "Zumindest". Ich war nur ein "zumindest ehrlich" und nichts weiter!
Ich war "das Mindeste". Das "Wenigste", das "Geringste". Erfüllte nur die Mindestanforderungen.
Irgendeine Sicherung brannte langsam durch. Wie konnte er so etwas sagen?
Vielleicht hatte sie ja doch Recht? Vielleicht war er zu gut für mich, zu gutaussehend, zu lieb, zu sexy. Vielleicht war ich in allen diesen Dingen nicht gut genug? Vielleicht war ich nicht genug?
Ich merkte, dass sie sich nicht mehr stritten und dass ich Sean die ganze Zeit angestiert hatte.
Seine Exfreundin warf mir wieder einen ihrer giftigen Blicke zu. "Kann ich mal unter vier Augen mit dir reden?", wollte sie genervt wissen.
Er nickte langsam, drehte sich dann zu mir herum. Geschockt starrte ich ihn immer noch an und er rang sich ein dünnes Lächeln ab. "Ich bin gleich wieder da. Geh doch schon mal ins Auto, ja? Da ist es wenigstens warm."
"Ach, wie süß", höhnte Sarah und ich senkte den Blick und schlich leise zum schwarzen Rover, der in der Einfahrt stand, während Sean ihr wieder ein drohendes "Sarah!" zuwarf und beide im Haus verschwanden.
Da war ich also. Das war wohl genau der Ort, wo ich hingehörte. Spät abends im Dunkeln allein in einem Vorgarten, während der Mann, in den ich wohl unsterblich verliebt war, und eine wunderschöne, blonde Frau zusammen im heimeligen Häuschen saßen.
Für einen kurzen Augenblick kam mir die Idee, einfach abzuhauen und ihn hier stehen zu lassen, aber ich verwarf den Gedanken sofort wieder. Er würde mich sowieso einholen, immerhin gab es hier weit und breit nur eine Straße. Außerdem kannte ich mich nicht aus, würde mich - bei meinem Glück - bestimmt verirren, wenn ich nicht dem offensichtlichen Weg folgte - und eigentlich auch, wenn ich ihm folgte.
Also setzte ich mich wie in Trance ziemlich deprimiert ins Auto und wartete. Es dauerte nicht lange, bis Sean herauskam. Wirklich nicht lange, nur zwei, drei Minuten, aber das war mir egal. Mir war zum Heulen zumute und ich wollte nur nach Hause.
Ausgelaugt stieg er ins Auto und ließ die Türe laut hinter sich zuknallen, startete dann den Motor, ohne auch nur etwas zu mir zu sagen.
Hatte sie ihm die Augen geöffnet? Würde er mich jetzt zum Teufel schicken? Obwohl das auch egal war... ich wollte nicht mit jemandem zusammen sein, für den ich nur ein "Zumindest" war. Innerlich zu verbluten konnte sich auch nicht schlimmer anfühlen...

Auch ich hüllte mich in Stillschweigen. Was sollte ich auch sagen? Stattdessen hing ich lieber meinen trüben Gedanken nach und starrte aus dem Beifahrerfenster, während wir denselben Weg wieder zurückfuhren.
"Es tu-"
"Fährst du mich bitte nach Hause?" Ich wollte ihn nicht unterbrechen, aber wir hatten beide zur selben Zeit angefangen, zu sprechen. Ich hatte mich getraut, die eisige Stille zu durchbrechen. Ich konnte jetzt nicht zu ihm und seiner Wohnung, die mir in den letzten Tagen so ans Herz gewachsen war. Ich konnte einfach nicht...
Er reagierte eher verständnislos. "Wir sind doch auf dem Weg nach Hause?"
Autsch. Ein weiterer, heißer Nadelstich mitten ins Herz.
"Ich meine zu mir nach Hause." Es erstaunte mich selbst, wie gefasst und ruhig ich klang. Kein Stottern, kein Herumdrucksen. Vielleicht hörte ich mich ein bisschen bitter an, aber das war mir auch egal. Ich umklammerte die Schlüssel in meinen Händen, die ich immer mit mir in der Jackentasche herum trug. Nur für den Fall der Fälle. Dass ein Fall wie dieser hier eintreten würde, damit hätte ich allerdings nicht gerechnet.
Zum ersten Mal hatte ich keine Angst mehr vor meiner Wohnung. Ich war ja jetzt sicher. Hoffentlich.
Sean warf mir einen kurzen, ratlosen Seitenblick zu, das konnte ich aus den Augenwinkeln erkennen, doch ich mied ihn und schaute weiterhin aus dem Fenster.
"Alles in Ordnung mit dir?", wollte er besorgt wissen.
"Ja." Ich war sicher, dass meine Einsilbigkeit ihm nicht entgangen war, aber er kommentierte es nicht weiter. War ihm denn nicht klar, was er eben gesagt hatte? Oder war es ihm egal? War es überhaupt kein Geheimnis, dass er so über mich dachte?
Als er in meine Straße fuhr, schnallte ich mich ab. Er hielt.
"Soll ich noch mit reinkommen?", fragte er erwartungsvoll, aber ich schmetterte ihn entschieden ab.
"Nein, danke."
Er runzelte besorgt die Stirn und seufzte dann erschöpft auf. "Emily, was ist de-"
"Gute Nacht." Ich schloss die Autotür und beeilte mich schnell zu der Eingangstür, bevor er noch auf die Idee kam, mir zu folgen. Ich wollte jetzt echt nicht mit ihm reden.
Im Rücken spürte ich seinen Blick, während das Auto noch etwas länger als nötig stehen blieb. Erst, nachdem ich schon im Haus war, hörte ich, wie er Gas gab und davonfuhr.
Ich atmete auf. Er war weg.
Dann kamen mir die Tränen. Er war weg!
Ich zog die Jacke aus, den Pulli, die Schuhe, ließ alles im Flur liegen und schmiss mich auf mein Bett. Es war kalt. Die Wohnung war kalt. Ich war seit Tagen nicht für längere Zeit hier gewesen, hatte weder Zeit gehabt, um zu lüften, zu heizen. Und sie war leer. Und ich allein.
Ich zog die Decke über den Kopf und schniefte ein bisschen rum, mich in meinem Selbstmitleid suhlend. Wie konnte es heute morgen nur so schön gewesen sein und jetzt so schrecklich? So vorbei? Es waren nur wenige Stunden verstrichen, aber es fühlte sich an, als wären es Jahre. Jahre, die alles zerstört hatten. So fühlte sich wohl Liebeskummer an. Richtiger, echter Kummer. Ich konnte mich nicht erinnern, dass ich mich nach Tom so gefühlt hatte. Klar, es hatte wehgetan, aber jetzt... zerriss es mich förmlich. Es brachte mich dazu, zu hoffen, nichts mehr fühlen zu müssen.
Ich hatte mir damals vorgenommen, mich nie wieder zu verlieben. Und nun war es doch passiert. Einfach so, aus dem Nichts, hatte es mich erwischt. Er hatte mich erwischt. Mit seinem Charme, seiner unverschämten, anzüglichen Art, seiner Sanftheit und... ach... Sean einfach! Es war schlimmer als je zuvor und es hatte ein schlimmeres Ende gefunden als je zuvor.
Dasselbe Ende. Du bist schuld. Du bist nichts wert. Nicht gut genug.
Eine Träne kullerte in das Kissen, in das ich mein Gesicht gepresst hatte, und versank im Stoff.
Aber vielleicht war es besser so, sagte ich mir. Ich wollte bestimmt kein "Zumindest" sein. Ich wollte "Alles" sein! Für irgendjemanden, was sicherlich nie eintreten würde... am liebsten aber für ihn, der für mich auch "alles" geworden war, aber das ging ja nicht...

Ich wusste nicht mehr, wie lange ich da unter der Decke gelegen hatte und ob ich nicht vielleicht sogar in meinem Elend eingedöst war, aber plötzlich klopfte es an der Tür. Ich riss die Augen auf, erinnerte mich aber daran, dass meine Verfolgerin ihr neues Hobby ja nun gezwungenermaßen hatte aufgeben müssen und ich nichts mehr zu befürchten hatte. Also ignorierte ich das Klopfen. Es kam von innerhalb des Hauses, also war es nur irgendein Nachbar, der mal wieder was wollte. Keine Lust...
Es klopfte ein zweites Mal, diesmal drängender, und ich beachtete es wieder nicht. Doch dann hörte ich etwas, was mich inne halten ließ und meinen Puls beschleunigte.
"Emily..." Das war Sean's Stimme, eindeutig! Er stand vor meiner Tür und wollte hinein! "Mach doch bitte auf. Bitte."
Verschreckt rollte ich mich unter der Decke zusammen und tat so, als wäre ich nicht da, obwohl ich genau wusste, dass er wusste, dass ich doch zu Hause war. Außerdem lag ich hier herum wie ein nasser Sandsack, total verheult und deprimiert. Er sollte weggehen!
"Also gut", seufzte es vor der Tür. "Ich komm jetzt rein."
Was-? Ich riss die Augen auf, als ich das Geräusch eines Schlüssels im Schloss hörte.
Iiieeeks! Der Ersatzschlüssel, den ich bei ihm deponiert hatte! Ich Hornochse! Wieso hatte ich das getan? Wie konnte ich den vergessen?!
Dann wurde es ganz still. Ich wagte es nicht, mich zu bewegen, ganz nach dem Motto: wen ich nicht sehe, der sieht mich auch nicht.
Aber es funktionierte nicht. Ich hörte, wie er schweigend näher trat und sich dann auf die Bettkante setzte. Die Matratze sank unter seinem Gewicht ein wenig ein. Oh nein, wie viele Alpträume müsste ich heute denn noch durchleben?!
"Emily?" fragte er mir samtweicher Stimme.
Jetzt konnte ich wohl nicht weiterhin so tun, als sei ich nicht anwesend...
"Hmm?", brummte ich unter der Decke hervor, wütend über meine Heulerei und auf ihn, dass er sich unerlaubt Zutritt zu meiner Wohnung verschafft hatte. Ob er wusste, dass das verboten war? So ein Unsinn, natürlich wusste er das!
"Komm da raus", bat er und als von mir, die ich störrisch schwieg, noch immer keine Reaktion kam, versuchte er sachte, die Decke von meinem Kopf zu ziehen, doch ich hielt sie mit aller Kraft fest, bis er aufgab. Zweifelsohne hätte er keine Probleme damit gehabt, sie sich im Nullkommanix zu ergattern, doch wenigstens ließ er mir noch meinen letzten Stolz - wenn man das auch kaum Stolz nennen konnte. So, wie ich mich vor ihm versteckte, wirkte ich doch ziemlich erbärmlich.
"Geh weg."
Er seufzte und ignorierte das. "Ich kann dir nicht helfen, wenn du nicht mit redest, weißt du noch?" Irrte ich mich, oder klang er tatsächlich leicht verzweifelt?
"Wenn es darum geht, was Sarah gesagt hat... das war sehr gemein, aber das ist doch alles nicht wahr... Und das weißt du auch", fuhr er sanft fort, mit beruhigender Stimme, und hoffte wahrscheinlich, dass er damit ins Schwarze treffen würde. Na ja, fast. Es ging mir viel mehr um das, was er gesagt hatte...
"Zumindest", schnappte ich aufgebracht hervor und schlug die Decke weg, unter der es ziemlich heiß und stickig geworden war, "bin ICH ehrlich, nicht wahr?"
Ich funkelte ihn wütend und verletzt an, während er schwieg und mich etwas verblüfft anschaute. In seinem Kopf sah ich es gewaltig rattern. "Das ist alles, was ich bin?", setzte ich nach und klang leider schon weniger empört, nur noch sehr gekränkt und jämmerlich.
Dann wurde mir die Decke plötzlich ruckartig ganz entzogen und ich begegnete seinem glühenden, strengen Blick. Mir fiel auf, dass ich ihn, so ernst, noch attraktiver fand, als wenn er dauernd vergnügt grinste. Verdammt, sogar in so einer Situation konnte ich nicht anders, als an ihn zu denken!
"Emily", presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, packte mich an den Schultern und beförderte mich mit Leichtigkeit in eine Sitzposition. Er rutschte hinter mich und schlag die Arme von hinten um mich, drückte mich ganz fest an sich.
"Lass los! " Ich versuchte, mich herauszuwinden, aber er hielt mich fest umklammert. Ich spürte seinen Herzschlag an meinem Rücken.
"Das war idiotisch von mir", gab er zu, flüsternd, leise, mit dem Mund an meiner Halsbeuge entlangfahrend. Mein Herzschlag beschleunigte sich unwillkürlich, ganz zu meinem Ärger.
"Natürlich bist du noch viel mehr." Er atmete hörbar aus und wieder ein und verursachte mir eine Gänsehaut im Nacken, die sich langsam über meinen ganzen Rücken erstreckte.
"W... warum ich?", stammelte ich meine letzte Frage, die ich unbedingt beantwortet haben musste. Warum ich? Warum nicht jemand, der aufregender, hübscher, besonders war?
Er schmunzelte. "Ich weiß es nicht. Weil du anders bist. So sensibel und zurückhaltend. Eine Abwechslung zu den ganzen männermordenden Frauen, die einem sonst so unterkommen." Er gluckste. "Eine davon hast du heute ja kennen gelernt. Leider... Ich hätte dir das gerne erspart. Aber du solltest wirklich lernen, dich gegen andere zu wehren, Liebes."
Ich senkte beschämt den Kopf und er zog ihn unter sein Kinn, seine Arme noch immer um mich geschlungen.
"Du bist hinreißend. Und wunderschön. Ich liebe alles an dir. Du raubst mir den Verstand, weißt du das denn nicht?", flüsterte er weiterhin beruhigend.
Nach einem kleinen Herzstillstand überkam mich ein warmes Gefühl und es fühlte sich an, als ob mein ganzes Inneres dahinschmolz. Das war das Schönste, was jemals ein Mann zu mir gesagt hatte! Ach, was... das überhaupt je einer zu mir gesagt hatte! Ich entspannte mich ein wenig und lehnte mich an ihn.
Sein heißer Atem, sein warmer Körper... Sein heißer Körper, sein warmer Atem. Alles vermischte sich miteinander. Er küsste die empfindliche Stelle hinter meinem Ohrläppchen und ich fiel...
"Ich lass dich nie wieder los", raunte er heiser.
Das war es, was ich hören wollte. Ein "Ich liebe dich", das nicht zuerst aus meinem Mund stammte. Erst jetzt begriff ich das. Das war mir vorher nie bewusst gewesen.
Ruhig befreite ich mich aus seiner Umklammerung und drehte mich langsam zu ihm, schlag die Arme um seinen Hals und küsste ihn. Er legte die Hände auf meine Hüften...
Und dann gestattete ich ihm, mich nie wieder loszulassen.
Die Nacht war ruhig und still und kaum einer von uns sprach ein Wort. Nur war er derjenige, der mir den Verstand raubte...


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