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Every Little Thing

von  -Moonshine-

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Kapitel 13: Misconstructions

Mit zwei vollen Einkaufstüten beladen und die Hundeleine in der Hand erklomm ich endlich die Treppe und betrat Sean's Wohnung.
Sam hatte ich mitgenommen, denn ich hatte Angst gehabt, dass er mich anfällt, wenn ich ohne Sean zurückkomme, weil er mich nicht mehr erkennt oder ähnliches. Und Mrs. Delaney wollte ich nicht fragen, hatte ich sie heute doch schon genug belästigt, um mich über die nächstgelegene Bushaltestelle zu informieren.
Nachdem Sean zur Arbeit gegangen war - ich hatte noch geschlafen -, warf ich einen Blick in seinen Kühlschrank. Es herrschte gähnende Leere und ich beschloss, etwas dagegen zu tun. Das war das Mindeste, was ich machen konnte, wenn ich mich schon - gezwungenermaßen - in seinem Haus breit machte. Die Wohnungsschlüssel hatte er mir dagelassen und ebenfalls eine Notiz, in der stand, ich könnte Sam ruhig zu Abby bringen, wenn ich Probleme mit ihm haben sollte. Da ich nicht noch mehr Leuten auf den Geist gehen wollte, behielt ich ihn lieber bei mir, obwohl der Anblick des hünenhaften Hundes mir beim Aufwachen einen ganz schönen Schrecken eingejagt hatte. Immerhin war ich ja nun mit ihm allein im Haus und wer wusste schon, ob die Manieren des Guten ebenso imposant waren, wenn sein Herrschen außer Haus war.
Aber Sam hatte all meine Bedenken zerstreut, indem er sich gemütlich vor dem Bett eingerollt hatte und ein kurzes Schläfchen hielt, ohne mich auch nur einmal zu beachten.

Ächzend platzierte ich die Tüten in der Küche auf dem Boden und fing an, auszupacken, während Sam, der Zottelige, sich auf der Stelle zu seinem Napf begab. Da klingelte das Telefon.
Es klingelte zum ersten Mal, seit ich hier war, und ich erschrak, da ich die Vorgänge in meiner Wohnung fast schon verdrängt hatte. Nur mit Mühe konnte ich mich wieder zusammenreißen, indem ich mir immer wieder sagte, dass, wer auch immer gerade Sean anrief, bestimmt nicht derjenige war, der es auf mich abgesehen hatte. Sam jedenfalls rührte sich nicht und schlabberte weiterhin sein Wasser.
Unschlüssig, ob ich drangehen sollte oder nicht, und noch immer mit der aufsteigenden Panik kämpfend, stand ich in der Küche, in der einen Hand eine Packung Milch, in der anderen ein Netz mit Tomaten. Schon nach kurzer Zeit piepte es und der Anrufbeantworter ging dran. Ich lauschte dem Text der vorprogrammierte Frauenstimme. Sean hatte keine persönliche Nachricht draufgespielt.
Nach dem "Sprechen Sie nach dem Signalton"-Satz piepste es wieder und eine weibliche Stimme meldete sich und erkundigte sich nach Sean's Verbleib. Beruhigt, dass es niemand war, der mir drohte, ließ ich die Milch und die Tomaten sinken und atmete erst mal tief durch. Sam warf mir einen trägen Blick zu.
"Wir haben uns schon so lange nicht mehr gesehen. Ich vermiss dich so", säuselte die Frau am Telefon plötzlich in einem verführerischen Tonfall und ich blickte alarmiert auf. "Lass uns bald mal wieder was trinken gehen. Einen Kaffee..." Sie machte eine Kunstpause und seufzte leise in den Hörer. "Und so."
Ich schluckte. Das klang aber gar nicht nach seiner Schwester. Wusste ich doch, dass er diese fast jedes Wochenende besuchte. Und was meinte sie mit "und so"?
Ich warf Sam einen ratlosen Blick zu, als könnte er all meine ungestellten Fragen beantworten, doch er war damit beschäftigt, sich seine Nase an der Kühlschranktür platt zu drücken und sich dabei so wenig wie möglich zu bewegen. Verunsichert ging ich wieder dazu über, die Sachen aus den Tüten in die dafür vorgesehenen Schränke zu verfrachten.
Dafür gab es sicher eine plausible Erklärung, sagte ich mir. Vor allem für das "bald mal wieder" und das "ich vermisse dich so". Besonders der letzte Teil wollte mir nicht mehr aus dem Kopf, doch ich weigerte mich, all die Vermutungen anzustellen, die ich wahrscheinlich anstellen würde, wenn ich es zulassen würde.
Dennoch, mit einem äußerst mulmigen Gefühl füllte ich Sam's Futternapf auf, als es an der Tür klopfte. Verwundert öffnete ich diese. Es konnte, meiner Meinung nach, eigentlich nur Abby sein, und ich hatte mit meiner Vermutung sogar Recht. Die alte Frau stand in der Tür und lächelte mich gutmütig an.
"Hallo", begrüßte ich sie, meine Bedenken wegen Sean in den Hintergrund schiebend, und sie nickte mir langsam zu.
"Ich wollte mir gerade einen Tee machen und dachte, vielleicht wollen Sie mir ein bisschen Gesellschaft leisten?", bot sie an. "Ich hab auch Kuchen und Kaffee. Natürlich nur, wenn sie nicht zu beschäftigt sind."
Ich lächelte. "Nein, ein Tee wäre toll", erwiderte ich dankbar und erleichtert. Sie schien nichts dagegen zu haben, dass Sean mich hier einquartiert hatte, und warum sollte ich nicht auch ein wenig Zeit mit ihr verbringen? Sie war da unten allein, ich war hier oben allein - na gut, mit Sam, aber diese Schlafmütze zählte nicht.
"Dann kommen Sie, Emily, es steht schon alles bereit." Sie winkte mich hinter sich her, als sie sich umdrehte und gemächlich und vorsichtig die Treppen runterstieg. "Den Hund können sie da lassen."
Ich warf Sam einen prüfenden Blick zu. "Also...", begann ich, unsicher, ob ich mich nicht vielleicht zum Trottel machte, mit ihm zu sprechen. "Ich bin bald wieder da, also... benimm dich und mach nichts kaputt." Einige Sekunden verstrichen, als wir uns schweigend in die Augen blickten. Dann seufzte ich und beeilte mich, hinter Mrs. Delaney herzukommen.


Mrs. Delaney's Wohnung war genauso, wie ich sie mir vorgestellt hatte: antike Möbelstücke aus dunklem Holz und das ganze Zimmer insgesamt vollgestopft mit Sachen, die alte Leute nun mal so besaßen: Fotos, Sammelpuppen in prächtigen Kleidern, altes Geschirr, Bücher, Zeitschriften und noch mehr Fotos.
Mrs. Delaney zeigte auf einen altmodischen, geblümten Ohrenbackensessel, in dem ich Platz nehmen konnte, was ich auch sogleich tat. Sie hatte zwei solcher Sessel, die beide identisch aussahen, doch passten sie so ganz und gar nicht zu dem Bezug des ebenfalls alten Sofas, zu dem sie in rechtem Winkel aufgestellt waren. Zwischen diesen dreien befand sich ein kleiner Couchtisch, auf dem eine Lesebrille, eine Vase mit Blumen und einige aufgeschlagen Zeitschriften lagen.
Vorsichtig schaute ich mich um. Auch die Vorhänge waren mit Blümchen versehen und zeugten deutlich von bereits vergangenen Jahren und auch der Fernseher sah so aus, als stammte er noch aus dem Jahrzehnt vor meiner Geburt. Kurz gesagt: es sah genauso aus wie auch bei meiner Großmutter. Die ich, ich notierte es mir im Hinterkopf, eigentlich bald mal wieder besuchen könnte.
Die alte Dame servierte Kuchen, Kekse und Tee und setzte sich mir gegenüber in den zweiten Sessel, musterte mich dann zufrieden, als ich mir etwas in meine Tasse goss und lächelte.
"Sean hat mir erzählt, was bei Ihnen zu Hause vorgeht", begann sie dann besorgt und runzelte die Stirn, ohne mich aus den Augen zu lassen. "Das ist wirklich furchtbar. Wir sind beide froh, dass sie jetzt hier einigermaßen in Sicherheit sind."
Ich war im ersten Moment ein wenig verwirrt. Hatte ich doch nicht damit gerechnet, dass auch sie Bescheid wusste. Aber klar - wie sollte er ihr sonst erklären, dass für die nächste Zeit ein junges Mädchen bei ihnen im Haus wohnen würde?
Ich nickte. "Das ist wirklich nett von Ihnen beiden... ich möchte trotzdem keine Umstände machen, also wenn i-"
"Ach, so ein Unsinn!", fiel sie mir energisch ins Wort und bedachte mich mit einem empörten Blick. "Sie machen doch keine Umstände!"
Ich senkte den Kopf. "Na ja, jedenfalls...", nuschelte ich undeutlich, ein bisschen verlegen, "ist das trotzdem sehr nett von Ihnen... und Sean."
Mrs. Delaney nippte an ihrem Tee und nickte nachdenklich. "Ja, Sean ist wirklich ein lieber Junge... und sogar schon immer gewesen." Sie lächelte erinnerungsselig und ich blickte neugierig auf. Bis jetzt wusste ich noch nicht viel, aber plötzlich wurde mir klar, dass das meine Chance war, etwas mehr zu erfahren. Immerhin kannte Mrs. Delaney ihn schon ihr ganzes Leben lang!
"Ach ja?", hakte ich interessiert nach und schaute sie erwartungsvoll an. Sie sollte mehr erzählen. Ich wollte alles über ihn wissen! Einfach alles!
Mrs. Delaney lachte. "Ja, das ist manchmal schwer zu glauben, bei den ganzen Mädchen, die ihm hinterher rennen, aber das war nicht immer so gewesen. Wissen Sie..." Sie lehnte sich etwas vor und sah mich mit geheimnisfunkelnden Augen an. "Als Kind war er sehr schüchtern und zurückhaltend, können Sie sich das vorstellen?"
Da hatte ich sie nun endlich da, wo ich sie haben wollte: sie plauderte aus dem Nähkästchen. Aber das Einzige, was ich aufzunehmen schien, war die Tatsache, dass ihm viele Frauen hinterher rannten! Ich schluckte meinen kurzzeitigen Kloß im Hals weg. Das hatte noch lange nichts zu bedeuten! Kein Grund zur Sorge.
Ich schüttelte den Kopf und hoffte, sie würde weitererzählen. Und das tat sie auch, denn sie lehnte sich wieder gemütlich in ihrem Sessel zurück und nahm wieder einen Schluck. Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort.
"Ich nehme an, Sie kennen die Geschichte von meinem Evan?" Fragend schaute sie mich an und ich nickte vorsichtig, weil ich nicht wusste, ob ich sie kennen "durfte". Aber Mrs. Delaney schien nichts dagegen zu haben und redete weiter. "Nun, Evan war ein kleiner Raufbold, der immer in Schwierigkeiten geriet, Sean dagegen war ein ruhiger, besonnener Junge. Trotzdem waren die zwei die besten Freunde und animierten sich oft gegenseitig. Während Evan schon immer bei dem anderen Geschlecht sehr beliebt war - und das, das muss ich zu meiner Schande leider gestehen, auch oft ausgenutzt hat -, hat niemand so recht Interesse an Sean bekundet. Er war einer dieser schlaksigen, hageren Jungs, dazu ist er nur unter Frauen aufgewachsen - sein Vater war kaum zu Hause, hat nur gearbeitet. Mit einer Mutter und zwei Schwestern war es klar, wer im Haus das Sagen hatte." Sie schmunzelte. "Bei so viel Östrogen und so wenig männlichen Bezugspersonen ist es sicherlich schwierig für einen Jungen, sich zurechtzufinden. Wie gesagt, er war zurückhaltend, ruhig und hat nie besonders viel Wirbel erzeugt, um aufzufallen, außerdem kannte er sich wohl besser mit Frauendingen aus, als es gut gewesen wäre. Das war vielleicht, was letztendlich den Unterschied machte.“
Ich lauschte gespannt Mrs. Delaney's Erzählungen. Doch was sie sagte, passte irgendwie gar nicht zu dem selbstbewussten Mann, wie ich ihn kennengelernt hatte.
"Was ist passiert?", schlussfolgerte ich. Irgendwas muss in der Zwischenzeit geschehen sein, dass er sich letztendlich doch so entwickelt hat.
Mrs. Delaney zuckte gleichmütig mit den Schultern. "Alle Kinder werden erwachsen. Mit der Zeit wurde er älter, sein Körper passte sich an seine Gliedmaßen an, alles fügte sich an seinen rechtmäßigen Platz und harmonierte und die Mädchen, die ihn früher ignoriert haben, fingen plötzlich an, Interesse zu bekunden. Natürlich, er wurde langsam zum Mann. Sein Wissen half ihm und imponierte den Mädchen ungemein. Zwei Schwestern hinterlassen eben ihre Spuren." Sie lächelte. "Man wächst mit seinen Aufgaben. Langsam hat er diesen ruhigen, schüchternen Charakterzug abgelegt und... ich muss sagen, wahrscheinlich ist ihm das ziemlich zu Kopf gestiegen."
Was erklären würde, warum er so selbstsicher war. Aber andererseits, Sean war ganz klar ein äußerst attraktiver Mann und wer das nicht sah, war schlichtweg blind. Kein Wunder, dass er da Angebote bis zum Umfallen bekam. Ich fühlte mich ein bisschen unbehaglich, als mir das alles durch den Kopf ging, bestätigte es doch mal wieder, dass er alle haben konnte, doch ich wusste immer noch nicht, warum ICH hier war, warum er MICH wollte. Falls er mich überhaupt wollte...
"Trotzdem, er ist immer noch ein lieber Junge", sagte sie liebevoll. "Und ich bin froh, dass er endlich nach all den Fraueneskapaden in letzter Zeit mal jemanden mit nach Hause bringt und mir vorstellt."
Ich schluckte. "Was meinen Sie damit...?"
"Oh, ich habe mir so gewünscht, dass die Mädchen nicht morgens in aller Herrgottsfrühe schon wieder das Haus verlassen, sondern auch mal bleiben. Wissen Sie, wenn ich ehrlich bin, glaube ich nicht, dass das auf Dauer glücklich macht." Sie schüttelte wehmütig den Kopf, während mir tausend Gedanken durch den Kopf jagten und ein jeder fühlte sich an wie ein heißer Nadelstich.
So, wie sich das anhörte, hatte Sean ja dauernd was mit Frauen am Laufen. Mit verschiedenen Frauen wohlgemerkt. Mit verschiedenen Frauen, die noch vor Tagesanbruch das Haus verließen und nicht mehr wiederkamen!
Eine Gänsehaut breitete sich auf meiner Haut aus und ich begann, zu frösteln, griff sehnsuchtsvoll nach meiner heißen Tasse Tee, in der Hoffnung, dieser würde mich von Innen etwas wärmen. Außerdem bekam ich so wertvolle Sekunden, in denen ich mich sammeln konnte und nicht mit Mrs. Delaney reden musste. Ich war viel zu geschockt, um irgendetwas Sinnvolles darauf zu erwidern.
Die Gute plauderte auch schon weiter, gar nicht in dem Bewusstsein, ein paar interessante Informationen weggegeben zu haben.
"Ich bin ja eher eine Verfechtern der altmodischen Art. Sie wissen ja vielleicht, wie es früher war. Man traf jemanden, verliebte sich unsterblich, heiratete... na gut, einige verliebten sich auch hinterher, aber man hatte immer jemanden, der zu einem gehörte und einen wertschätzte und man selbst gehörte auch zu jemandem. Das ist wirklich sehr wertvoll, doch leider scheint es heutzutage immer mehr verloren zu gehen."
Ich konnte genau nachfühlen, was sie damit sagen wollte. Ich wollte auch nur allzu gerne jemanden treffen, mich unsterblich verlieben und dann mein ganzes restliches Leben zu dieser Person gehören. Allerdings war das wohl eher ein Wunschtraum, denn, wie ich soeben merkte, entfernte ich mich immer und immer mehr von diesem Ziel. Und das ganz ohne eigenes Zutun!
Ich sank tiefer in den weichen Sessel und starrte resigniert die Tasse in meinen Händen an, ohne sie wirklich zu sehen. Fixierte eher einen unsichtbaren Punkt, während die Bilder in meinen Kopf sich schier überschlugen.
Sean hatte One-Night-Stands. Ständig. Immer wieder. Er schlief mit fremden Frauen. Mit vielen fremden Frauen. Hier, in diesem Haus. Vielleicht oben, in seinem Bett. Wo ich die letzte Nacht auch geschlafen hatte. War das seine Masche? Sie zu sich einzuladen, ganz verständnisvoll zu tun und dann, wenn er hatte, was er wollte, sie wieder wegzuschicken?
Würde er mich auch wegschicken? Hatte er nebenbei noch ein paar andere Eisen im Feuer?
Mir fiel der Anruf von vorhin ein. Diese Frau mit dem verführerischen Gesäusel, die ihn vermisste und ihn bald mal weidersehene wollte! Jetzt wurde mir so einiges klar, was sie damit gemeint hatte!
Das Bild von Tom und Tania schob sich in mein Bewusstsein. Wie ich nach Hause gekommen war und die beiden zusammen im Bett erwischt habe. In dem Bett, in dem ich jede Nacht schlief! Wie erschrocken sie mich angestarrt hatten, nur, um dann ihre Masken fallen zu lassen und so zu tun, als wäre nichts dabei, als hätte ich es nicht anders verdient. Als wäre das mein eigener Verdienst.
"Stell dich nicht so an, Em." Und dieser kalte Blick...
Mir wurde schrecklich übel und ich stellte vorsichtig, wie gelähmt, die Tasse wieder auf dem Tisch ab. Ich hörte schon lange nicht mehr, was Mrs. Delaney sagte, das Einzige, was da war, war dieser heiße Schmerz, der wieder aufwallte. Nur war es nicht der Schmerz um meine einstige Beziehung zu Tom, es war der Schmerz, wieder nichts wert zu sein. Wieder einmal nur das dumme Mädchen zu sein, das sich zu tief in etwas hineinstürzte, das letztendlich gar nicht so war...
"Emily, alles in Ordnung mit Ihnen? Sie sind ja ganz blass?" Mrs. Delaney's Stimme drang zu mir durch und lichtete ein wenig den Nebel, in dem ich mich befand.
Ich blickte auf und merkte, dass meine Hände ein wenig zitterten. Schnell ließ ich sie in meinen Schoß sinken und nickte verwirrt.
"Alles okay", murmelte ich wie gelähmt und wich ihrem besorgten Blick aus.
"Sie sehen aber gar nicht so aus. Möchten Sie vielleicht hochgehen und sich kurz hinlegen? Das wäre wohl das Beste..." Mich immer noch beunruhigt musternd, stand sie auf und ich tat es ihr gleich. Das war eine gute Idee, konnte ich es doch nicht ertragen, hier noch lange zu sitzen und mir noch mehr Geschichten anzuhören.
Klar, Sean war ein Frauenheld... ein Herzensbrecher. Und früher oder später würde auch mein Herz dran glauben müssen. Wieso nur, fragte ich mich, tat es so weh? Ich hatte fest vorgehabt, mich nicht mit Haut und Haaren zu verlieben, zumindest nicht, solange ich nicht konkrete Antworten auf meine Fragen hatte... solange ich nicht in Sicherheit war. Aber nun, wo ich mit blutendem Herzen in der verkitschten Wohnung dieser alten Frau stand, wurde es mir glasklar: ich war schon längst da. Ich war so was von verliebt. Verliebter ging gar nicht mehr! Ich war total... verknallt! So richtig verloren. Und verloren - das war ich nun wirklich!
"Ja... das mach ich...", hörte ich mich von irgendwoher ganz weit weg sagen und Mrs. Delaney nickte, begleitete mich noch bis zur Tür.
"Ruhen Sie sich ein wenig aus und dann geht's Ihnen hoffentlich bald besser. Herrgott, das sind sicherlich noch Nachwirkungen von Ihren schlimmen Erlebnissen! So was geht nicht so einfach an einem vorbei", mutmaßte sie und ich konnte an ihrem entschiedenen Tonfall genau erkennen, dass sie tatsächlich an das glaubte, was sie sagte. Es wäre am einfachsten, mitzuspielen, also nickte ich.
"Ja, bestimmt", bestätigte ich und stieg gemächlich die Treppe zu Sean's Wohnung hinauf. Die Wohnung, in der er mit seinen ganzen Verehrinnen rummachte. Die Wohnung, in der ich leider für die nächsten paar Tage gefangen blieb.

Wie betäubt machte ich mich daran, das Essen zuzubereiten und legte mir einen Schlachtplan zurecht. Würde ich ihn bitten, mich nach Hause zu bringen, würde er merken, dass etwas nicht stimmte und mich wahrscheinlich nach dem Grund fragen. Da ich mit ihm auf keinen Fall über dieses Thema reden wollte, fiel diese Option also schon mal raus. Außerdem hatte ich momentan noch zu viel Angst, um in meine Wohnung zu fahren. Sean mochte ja ein Herzensbrecher sein, aber immerhin war ich hier einigermaßen in Sicherheit. Zumindest sicher vor meinem idiotischen Stalker.
Mein Plan sah folgendermaßen aus: mir nichts anmerken zu lassen und mich emotional so weit wie möglich von ihm und seinen kleinen Aufmerksamkeiten zu distanzieren. Jetzt war mir auch klar, woher er seine ganzen Verführungskünste hatte. Übung machte halt den Meister. Und ich hatte mich ja schon zu oft und zu gerne um den Finger wickeln lassen. Eine Schande! Ich war wirklich erbärmlich, kein bisschen Selbstdisziplin, kein bisschen Herausforderung für einen Mann. Kein Wunder, dass sie mich alle nicht wollten...
Es war klar, dass ich hier, in dieser Umgebung, früher oder später, etwas über ihn erfahre hätte, was mir nicht gefiel. Immerhin war ich ja jetzt voll und ganz in seiner Welt. Aber warum denn ausgerechnet sowas?
Deprimiert bereitete ich das Essen zu und gab mir nicht mal besonders viel Mühe dabei. Sam lag ebenfalls schweigend, dösend, zu meinen Füßen und war kein großer Trost.
Wie sollte es nur weitergehen?
Ich war extrem verunsichert, was das mit Sean anging. Er war so nett und lieb, aber andererseits... ich wusste es doch schon immer, dass das nicht sein konnte. Dass ich nicht so ein Glück haben konnte, jemanden zu treffen, der ernsthaft an mir interessiert war. An mir alleine, für eine längere Zeit hinweg. Der Anruf war Beweis genug! Er hatte noch was mit anderen Frauen und er würde diese Frau bestimmt zurückrufen und sich mit ihr verabreden... Sie hatte eine verführerische Stimme und schien recht aufgeschlossen und offen zu sein, ganz anders als ich. Vielleicht irrte ich mich ja auch, aber ich für meinen Teil würde nie einen Mann anrufen, ihm zusäuseln, dass ich ihn vermisste und um ein Treffen bitten. Dazu war ich viel zu feige. Aber die, die es taten, mussten doch echt was auf dem Kerbholz haben, oder?
Ich bewunderte sie ein wenig, obwohl ich sie gar nicht kannte und nicht einmal wusste, wer sie überhaupt war. Sicherlich wäre meine Bewunderung auch größer, wenn da nicht dieses brennende Gefühl wäre, was mit allem anderen im Widerspruch stand. Es loderte in mir und ließ mir gar keinen klaren Kopf, pflanzte mir Bilder und Gedanken ein, die ich nicht haben wollte und von denen ich, je mehr Zeit verstrich, umso überzeugter wurde.
Eigersucht. Pure Eifersucht. Auf die Frau da am Telefon und auf alle anderen Frauen, die Mrs. Delaney heute möglicherweise gemeint haben könnte. Sie waren nicht mehr gesichtslose Fremde für mich, wie im ersten Moment, nein, sie waren wunderschöne, schlanke, große, langbeinige Schönheiten mit großen, dunklen, ausdrucksvollen Augen, seidig glatten Haaren und einem enorm selbstsicheren Auftreten.
Das war ganz sicherlich nicht meine Welt... was machte ich hier? Panik ergriff mich und ich wollte nur noch weg! Stattdessen ließ ich mich auf die Knie sinken und fing an, wie in Trance, über Sam's Fell zu streicheln. Immer und immer wieder. Er öffnete schläfrig die Augen, erblickte mich, und schloss sie wieder. Sen Schwanz wedelte unablässig über den Boden hin und her.
Es hatte tatsächlich eine halbwegs beruhigende Wirkung auf mich. Dieser große, liebe Hund, der nur tierische Instinkte kannte und nichts von der Menschenwelt wusste. Nichts von Gefühlen wie Liebe und Eifersucht und Schmerz. Ich wünschte, ich wäre genauso ruhig und gelassen wie er. Ich wünschte, ich wüsste auch nichts von all diesen Dingen. Das wäre so schön!
In diesem Moment, als ich mir das Leben als großer, brauner Hund vorstellte, ging die Tür auf und Sean trat herein.
Sein Blick fiel direkt auf mich, wie ich bei Sam auf dem Küchenboden hockte und ihn verzweifelt und geschockt anstarrte. Er lächelte mir zu.
Mein Gott, er sah noch genauso gut aus, wie eh und jäh! Draußen musste es regnen, denn auf seinen dunkelblonden Haaren perlten ein paar Wassertropfen. Er hängte seine Jacke an den Garderobenhaken, entledigte sich seiner Schuhe und kam auf mich zu.
Automatisch erhob ich mich, auch, wenn ich eigentlich nicht die Kraft dazu hatte.
"Hallo Schönheit", sagte er sanft und stand plötzlich direkt vor mir, um mir einen Kuss auf die Lippen zu drücken. Welch Ironie des Schicksals... Sagte er das zu jeder?
Ich drehte mich instinktiv weg und er erwischte nur meine Wange.
Stirnrunzelnd schaute er mich an.
"Ich hab was gekocht", sagte ich steif und wich seinem Blick aus, deutete dann mit einer fahrigen Geste zum Herd.
Er nickte, sagte aber weiter nichts zu meinem seltsamen Verhalten und gab sich ganz freundlich. "Soll ich den Tisch decken?"
Ich schüttelte den Kopf und sah ihn noch immer nicht an, ging sogar ein paar Schritte von ihm weg. "Nein, ich.... ich hab keinen Hunger. Iss du alleine."
Wenn ich jetzt was essen würde, wer wüsste, ob ich es im Magen behalten könnte? Mir war immer noch sehr schlecht von all der Informationsflut, die da auf mich hereingestürzt war!
Sean indessen wurde immer verwirrter.
"Du hast... eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter", informierte ich ihn zögernd. Ich wollte vermeiden, dass er nachhakte, was mit mir passiert war, denn anscheinend machte ich meine Sache, mir nichts anmerken zu lassen, gar nicht mal so gut! Das mit dem Telefon war eine gute Ablenkung.
"Ach ja?", wollte er wissen und trottete gemächlich zum Telefon, ohne viel Lust. "Was wichtiges?"
Ich zuckte mit den Schultern. Das konnte schließlich nur er beantworten.
Er drückte auf eine Taste und das Band spielte die Nachricht sofort ab.
Sean stand seitlich zu mir und ich beachtete heimlich genauestens seine Reaktion. Als die Stimme der Frau ertönte, zog er die Augenbrauen zusammen und verharrte in dieser Position, bis die Nachricht zu Ende war. Dann, ganz langsam, hob er den Arm und kratzte sich etwas ratlos am Hinterkopf.
"Oh je", sagte er schließlich und das war der einzige Kommentar, den er dazu abgab.
Oh je, etwa wie "Oh je, jetzt rufen mich die Weiber auch noch zu Hause an und belästigen mich" oder etwa wie "Oh je, Frau Nr. 1 weiß jetzt von Frau Nr. 2" und so weiter?
Das war genau das, wovor ich mich gefürchtet hatte. Warum erklärte er es nicht? Warum sagte er nicht: das ist eine alte Bekannte von mir, die mir noch Geld schuldet und es mir wahrscheinlich zurückgeben will, oder etwas in der Art? Warum ließ er mich hier mit einem unheilvollen "Oh je" stehen, das meine Bedenken nur noch mehr schürte? Das war so... unfair!
Verärgert und niedergeschlagen gleichzeitig wandte ich mich ab, machte einen großen Bogen um ihn und trat in den Wohnzimmerbereicht, weil er dort nicht anwesend war, sondern mittlerweile wieder in der Küche.
Er öffnete den Kühlschrank und linste hinein. Dann schloss er ihn wieder und sah mich erstaunt an. "Du warst einkaufen?", fragte er fast ungläubig.
Ich nickte schweigend. Das sah man doch.
Er lächelte wieder dieses hinreißende Lächeln und zu meiner Verärgerung setzte mein Herz ein paar Schläge aus und wurde gleichzeitig so schwer wie Blei. Wieso tat er das nur mit mir?
"Das wäre doch nicht nötig gewesen. Das ganze Zeug muss schwer gewesen sein... Hättest du gesagt, was du brauchst, wäre ich mit dem Auto einkaufen gefahren."
Oh nein, wieso musste er nur so toll sein?!
"Ging schon", erwiderte ich sehr einsilbig mit einem großen Kloß im Hals. Mehr konnte ich momentan wirklich nicht rausbringen.
Sean spürte sehr wohl, dass etwas im Busch war und musterte mich prüfend. "Alles okay mit dir? Ist irgendwas vorgefallen?" Dann hielt er erschrocken inne. "Hast du wieder eine Drohung bekommen oder so was ähnliches?"
Er schaute mich so besorgt an, dass ich gar nicht anders konnte, als ihn zu beruhigen. Meine Wut auf ihn verblasste ein wenig. Wie konnte ich denn wütend auf ihn sein, wenn er sich solche ehrlichen Sorgen um mich machte? Trotzdem war ich noch immer am Boden zerstört.
"Nein, nein... da war nichts", versicherte ich ihm halbherzig und schaute weg. "Ich bin nur erledigt und... ich glaub, ich leg mich hin..."
Ohne seine Antwort anzuwarten, verschwand ich im Schlafzimmer und verkroch mich unter der Decke. Ich schloss die Augen, in der Hoffnung, dadurch diesem Alptraum zu entgehen.

Ich hörte, wie die Tür aufgemacht wurde, nur wenige Sekunden, nachdem ich mich hingelegt hatte. Sean hockte plötzlich vor mir und ich blickte in ein wunderschönes Paar grüner Augen, die mich ziemlich beunruhigt musterten.
Langsam hob er die Hand und legte sie behutsam auf meine Stirn. Ich erstarrte und wagte es kaum, mich zu bewegen, geschweige denn, zu atmen. Diese Berührung...
"Du wirst doch nicht etwa krank werden, oder?", wollte er besorgt wissen. "Also Fieber hast du nicht." Wieder musterte er mich prüfend, als könnte er so auf die Antwort kommen.
"Ich bin nur müde", wich ich leise aus und versank mit der Wange noch tiefer im Kissen. Ich ahnte schon, dass er mir nicht so recht glaubte, aber das war mir egal.
Sean schwieg eine Weile, dann erhob er sich, war aber immer noch zu mir runtergebeugt. Er streifte mit den Lippen sachte meine Stirn und drückte einen zarten Kuss darauf. Da stand er nun, ganz nah neben mir, und mit einem unfassbar sanften Ausdruck im Gesicht, wie er mich so ansah. Eine schmerzliche Sehnsucht packte mich. Am liebsten wäre ich jetzt in seinen Arme versunken, aber das Wissen um ihn und seine Fraueneskapaden hielt mich davon ab. Die Mischung aus meinem Zweifel und diesem Verlangen brachten mich fast zur Verzweiflung, mein Herz quoll über und ich schloss wieder die Augen, um ihn nicht ansehen zu müssen.
Ich hörte, wie er sich entfernte und dann löschte er das Licht und ich befand mich plötzlich im Dunkeln. Im Dunkeln mit meinen Gefühlen und seinen Absichten.
Ich versuchte, noch mal rational an die Sache ranzugehen, doch es wollte mir nicht so recht gelingen.
Ja, ich wusste, dass Sean ein sehr gutaussehender Mann war. Er war selbstsicher und freundlich, und deshalb mochte ich ihn ja auch, warum sollten ihn andere denn nicht auch mögen?
Es machte mir nichts aus, dass auch andere Frauen ihn begehrten, es war nur... begehrte er sie auch? Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass ich, so langweilig und gewöhnlich, wie ich nun mal war, genug war. Für ihn und seine Außergewöhnlichkeit. Dass er nicht mehr wollte. Dass er sich nicht mehr holen könnte, denn Angebote waren ja anscheinend genug da. Man denke nur an die Frau am Telefon... Ich verstand schon: mein Problem bestand ausschließlich aus meinen Selbstzweifeln, aber dass Sean nicht mit mir redete und mir nicht all die Sachen sagte, die ich wirklich hören wollte, das trug gewaltig dazu bei. Ich sollte vorsichtiger sein, besser aufpassen. Eine zweite Tom-Situation, das wollte ich nicht. Ich wollte nicht die ewige Zweite sein, die einfach so sitzen gelassen wird, weil etwas Besseres daherkommt. Ich wollte mir nicht ein Bett mit einer anderen teilen müssen... Erst jetzt merkte ich, welche Nachwirkungen dieses böse Spiel auf mich gehabt hatte. All die Zeit über hatte ich nicht mehr dran gedacht, aber jetzt, wo es ernst wurde, merkte ich, wie geschädigt ich wirklich war. Ich war hin und her gerissen zwischen dem Vertrauen, das ich Sean wirklich nur allzu gern schenken würde, und meinen Zweifeln, die ich einfach nicht loswerden konnte, weil ich es besser wusste. Wusste, was passieren konnte, weil es schon einmal geschehen war. Mir fiel ein Zitat ein, das wunderbar auf diese Situation passte: gebranntes Kind scheut das Feuer.
Außerdem, nur ganz am Rande meines Bewusstseins, nagte noch etwas anderes an mir. Es war lächerlich, angesichts dieser Situation, so was überhaupt auch nur zu denken, aber da war es nun mal, und knabberte an meinem Ego.
Wie viele Frauen hatte Sean wohl schon gehabt? Im Vergleich dazu kam ich mir mit meinen zwei festen Freunden echt wie ein Versager vor. Einen, Robbie, hatte ich in der Schule. Er war sehr nett, aber nicht besonders auffällig und auch eher schüchtern. Was dazu führte, dass es nicht so richtig laufen wollte zwischen uns... Tom lernte ich erst nach der Schule kennen und der Rest der Geschichte... ist ja schon bekannt. Das war’s. Finito. Nichts weiter, niemand mehr, der sich da irgendwie, auch nur für eine Nacht, in mein Leben gestohlen haben könnte.
Ich wurde rot, auch, wenn ich allein im Dunkeln lag, und vergrub beschämt mein Gesicht im Kissen. Das durfte Sean niemals erfahren! Denn dann würde er mich wirklich für die absolute Niete halten. Ich konnte es ohnehin nicht mit ihm aufnehmen, aber das musste er ja nicht wissen.
Wenn ich ehrlich war, hatte ich jetzt noch mehr Ehrfurcht vor ihm. Wie sollte ich mich bloß ihm gegenüber verhalten? Ich kam mir vor wie ein blutiger Anfänger und das Schlimmste war: ich hatte noch immer keine Definition für das hier. Was wir hatten. Oder nicht hatten.
Es war kindisch, aber ich fühlte mich, als ob ich das brauchte. Ich wollte einfach Gewissheit. Wollte das Gegenteil von diesem elenden Gefühl, das ich heute den ganzen Tag gehabt hatte und mit dem ich wohl auch schlafen gehen musste. Ich wollte Antworten und ich wollte, dass er dasselbe empfand, wie ich. Was, zugegebenermaßen, wahrscheinlich zu viel verlangt war...


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