Zum Inhalt der Seite
  • NETZWERK

Every Little Thing

von  -Moonshine-

  Seite 1 - [1] [2] [3] [4] Seite vor  

Kapitel 7: Cooking Disasters

Sean's Zuhause lag, wie er gesagt hatte, außerhalb der Stadt. Er lebte sozusagen auf dem Land, fernab von dem Lärm und der vielbefahrenen Straßen.
Das Haus stand am Waldrand, mitten im Grünen, die nächsten Nachbarn waren über 100 Meter entfernt, wie er mir erzählte.
Es war ein Einfamilienhäuschen, eher alt und klein, umzäunt. Im Zaun war ein kleines Gatter eingebaut, das laut quietschte, als er ausstieß. Der Garten war vorhanden, aber eher mickrig. Die Blumenbeete, die angelegt waren, zeugten davon, dass hier im Sommer die prächtigsten Gewächse in den schillerndsten Farben blühten und ihn zierten.
Gärtnern war nämlich, laut ihm, die Lieblingsbeschäftigung seiner Vermieterin, die im Erdgeschoss desselben Hauses wohnte. Es war eine alte Frau namens Mrs. Daleney und soweit ich wusste, war sie die Großmutter von Evan, seinem besten Freund, und somit auch die Uroma von Holly, seiner Nichte.

Als Sean auf Wohnungssuche war, ganz am Anfang seiner Polizeiausbildung, hatte sie ihm angeboten, für eine deutlich kleinere Miete bei ihr einzuziehen, wenn er ihr im Gegenzug ihre Einkäufe besorgte und sich um die Instandhaltung des Hauses kümmerte. Mrs. Delaney war schon über 70 Jahre alt und nicht mehr die Fitteste, jedoch ließ sie sich auch nicht davon abbringen, auf allen Vieren in ihrem Garten herumzukraxeln und in der Erde zu wühlen.
Das alles erzählte er mir, nachdem er mich abgeholt hatte. Wir saßen im Auto und brauchten etwa eine Viertelstunde bis zu ihm. Während all dieser Zeit berichtete er mir, wie es dazu kam, dass er mit der Oma seines Freundes zusammenwohnte, beziehungsweise im selben Haus - und dass er nun, da er sich bereits gut eingelebt hatte, es nicht mehr übers Herz brachte, die alte Frau, die auch ihm immer schon wie eine Art Großmutter vorgekommen war, ihrem Schicksal zu überlassen, was ich sehr anständig von ihm fand.
Ich war ein bisschen nervös, immerhin war es schon etwas Besonderes, dass er mich in seine Welt einweihte. Bis jetzt war er sehr zurückhaltend gewesen, was seine eigene Person anbelangte. Obwohl er immer zuvorkommend und freundlich war, fühlte ich mich dennoch auf Distanz gehalten, aber ich war natürlich auch viel zu feige, um ihn zu fragen, also wartete ich, bis er mir von sich aus etwas über sich erzählte. Bis dahin pickte ich einfach die Bröckchen auf, die er mir, bewusst oder unbewusst, hinwarf und versuchte, mir dadurch ein Bild zu machen.
Aber nicht nur das beunruhigte mich. Auch die Art und Weise, wie er über Mrs. Delaney sprach, verriet mir, dass die beiden sich bestens verstanden und ein besondere Beziehung sie verband, was mich ein wenig flatterig machte, denn was passierte, wenn die alte Frau, die ihm anscheinend so viel bedeutete, dass er sie zu seiner Familie zählte, mich nicht mochte? Würde er ihrem Urteil trauen?
Ich rutschte unruhig auf dem Sitz herum, als er behauptete, wir wären schon fast da und das Auto gemächlich abbremste.

Vor dem Haus stand eine alte Holzbank, auf der sich eine ältere Frau mit silbergrauem, feinem, lockigem Haar und ziemlich vielen Fältchen im ganzen Gesicht saß. Sie trug einen langen, braunen Rock und eine Strickjacke, ihre Hände ruhten auf einem Gehstock, den sie vor sich in den Boden gestemmt hatte, die Hände darauf gestützt.
Sie lächelte uns herzlich entgegen und ich lächelte etwas unsicher zurück, hielt mich dennoch dicht hinter Sean. Was, wenn sie mich nicht leiden konnte?
Er schien große Stücke auf sie zu halten und ich war so gesehen eher ein Eindringling...
"Da seid ihr ja, Kinder", sagte Mrs. Delaney erleichtert und erhob sich mühselig.
"Sitzt du wieder auf der Lauer, Abby?", wollte Sean belustigt wissen und nahm ihren Arm, um ihr aufzuhelfen.
"Natürlich. Ich musste doch schließlich wissen, wer diese bezaubernde junge Dame ist, die du hier mitgebracht hast." Sie zwinkerte mir schelmisch zu und um ihre Augen herum wurden noch mehr Lachfältchen sichtbar, was sie sogar noch freundlicher erscheinen ließ. Sie war mir auf Anhieb sympathisch und erinnerte mich an meine eigene Oma, die ich dringend mal wieder besuchen sollte...
Sean lachte. "Das ist Emily", stelle er mich vor. Sie drückte ihm ihren Gehstock in die Hand, kam auf mich zu und nahm meine Hand and in die ihre, legte ihre andere oben drauf.
"Emily, was für ein schöner Name. Es ist so schön, dass er Sie endlich eingeladen hat. Sie müssen wissen, in letzter Zeit hat er nicht besonders viele junge Damen zum Essen zu Besuch."
Sie warf ihm einen besorgten Blick zu, den er gutmütig erwiderte. "Aber dass er für Sie kochen will... ich fürchte, der arme Junge übernimmt sich da ein wenig..."
Sean schmunzelte kopfschüttelnd, während er seine Schlüssel herausholte und die Haustür aufschloss.
Ich war verwirrt. Zu viele Informationen auf einmal! Aber Mrs. Delaney verlor keine Zeit und sprach schon weiter.
"Er ist ja wirklich liebenswert und in so mancherlei Hinsicht sehr begabt, aber das Kochen ist nicht gerade seine Stärke", fuhr sie mitleidig fort. "Sollten Sie also nach dem Essen keine Lebensmittelvergiftung haben oder noch hungrig sein, dürfen Sie gerne zu mir runterkommen. Mein Kühlschrank steht für Sie offen, mein Kind." Sie nickte nachdrücklich, ließ mich los und bedeutete mir, ihr ins Haus zu folgen.
"Äh, dankeschön...", stammelte ich, noch ganz schön benommen von der Flut an Infos, die ich erst noch verdauen musste.
"Jetzt mach ihr doch keine Angst, Abby", ermahnte Sean sie witzelnd und schloss die Tür hinter mir zu, nachdem auch ich eingetreten war. "So schlimm ist es auch nicht."
Er lächelte mir beruhigend zu also Mrs. Delaney nach ihrem Gehstock griff.
"Sie werden ja sehen." Sie nickte mit bedeutungsvoll zu und wackelte langsam aus dem kleinen Flur in ihr Wohnzimmer.
Sean rollte die Augen, aber nicht genervt, eher liebevoll, als sei er das schon gewöhnt.
Ein bisschen verwirrt ob all der Eindrücke, die ich noch verarbeiten musste, folgte ich ihm wortlos die kleine, enge Treppe hinauf.

An den Wänden hingen alte Fotografien von Gebäuden und Landschaften, doch sie waren nicht schwarz-weiß. Das hätte auch nicht gepasst. Die teilweise vergilbten Bilder fügten sich viel besser zu dem alten Haus, der knarrenden Treppe und der alten Frau, die Sean's Vermieterin war.
"Eigentlich hat sie Recht", gab Sean grinsend zu und stieß die Tür zu seiner Wohnung auf.
Ich war schon wieder Welten weiter und musste erst mal stutzen, weil ich nicht verstand, was er meinte. "Womit?"
Er trat ein und hielt sie offen, damit sie nicht zufiel, während ich hinter ihm herstakste.
"Mit dem Kochen", erklärte er und wenn er langsam ungeduldig wurde, dass er für mich alles wiederholen musste, dann ließ er es sich kein bisschen anmerken.
Ich wollte protestieren, doch kaum hatte ich den Mund aufgemacht, zwinkerte er mir zu. "Du wirst schon sehen", sagte er bedeutungsvoll und ich war nah dran, ihm zu glauben. Doch was konnte am Kochen so schwierig sein? Jeder konnte es - und ich rede hier nicht von dem wie-im-französischen-fünf-Sterne-Restaurant-Kochen, sondern von dem ganzen normalen Spaghetti Bolognese-Gericht.
Sean half mir ganz gentlemanlike aus meiner Jacke und ich wäre bestimmt geschmeichelt gewesen, wenn ich nicht so damit beschäftigt gewesen wäre, mir jedes Detail seiner Wohnung einzuprägen und in die Hornhaut zu brennen. Es war einfach zu interessant - der Platz, wo dem er lebte, wo er schlief, wo er aß, wo er... Stopp.
"Komm nur rein, setz dich ruhig. Möchtest du etwas trinken?"
Ich schüttelte den Kopf, versuchte, nicht allzu neugierig zu erscheinen, aber diese Wohnung hatte nichts mehr gemein mit dem kleinen, engen Flur, den ich unten gesehen hatte. Ich hatte meine Erwartungen automatisch schon daran angepasst, doch nichts hier ließ darauf schließen, dass das Haus so alt war.
Sean hatte eine offene Küche, was das Wohnzimmer viel größer erscheinen ließ, als es vermutlich mit einer Wand zwischen sich und der Küche gewesen wäre.
Da die Fenster ziemlich klein waren und wahrscheinlich nicht besonders viel Licht in den Raum hineingeraten konnte, waren die Möbel hell gehalten. Ein Fernseher stand in der Nähe des riesigen Bücherregals, ihm gegenüber eine Couch mit einem kleinen Couchtischchen davor. Unter dem Fenster befand sich ein Schreibtisch mit einem aufgeklappten Laptop und einem großen Stapel Papier darauf. Viele Blätter lagen auch unsortiert aufeinander, eins war offensichtlich vom Tisch gerutscht und lag nun auf dem Boden, halb unter dem Stuhl versteckt.
Die Wände waren weiß gestrichen, hin und wieder geschmückt von einem Gemälde oder einer Fotografie, aber besonders viele waren es nicht. Mir gefiel am besten das Bild, das eine Winterlandschaft darstellte: in der Mitte befand sich ein zugefrorener See, weiter hinten einige Häuser und kahle Bäume, auf dem Eis ein paar Menschen, Eisläufer... was mich sofort unangenehm an das missglückte Date erinnerte mit ihm erinnerte.
Das Bild an sich wirkte ein bisschen beunruhigend und bedrohlich, das Eis sah eher aus wie eine Überschwemmung und begrub Steine und Pflanzen unter sich, aber der Himmel, wie im Widerspruch dazu, war strahlend blau mit ein paar bauschigen, weißen Wolken. Es war irgendwie faszinierend. Ich verharrte einen Moment länger vor dem Bild, als ich wahrscheinlich vor jedem anderen Bild gestanden hätte.
"Schön, nicht wahr?", wollte Sean wissen. Er hatte sich in der Zwischenzeit in die Küche verzogen, um mit dem Kochen anzufangen.
Ich erwachte aus meiner Starre und drehte mich zu ihm um, nickte. "Ja, wirklich. Von wem ist es?"
Nicht, dass ich irgendeine Ahnung hätte, aber es interessierte mich dennoch.
"Andreas Schelfhout", sagte er. "Ein niederländischer Künstler aus dem 19. Jahrhundert." Er lächelte und widmete sich wieder seinem Topf, den er unter den Wasserhahn hielt, um ihn aufzufüllen.
Hübsch, dachte ich, und wollte mich gerade umdrehen und mich zu Sean gesellen, als etwas anderes meine Aufmerksamkeit erregte: im Bücherregal stand ein gerahmtes Foto, das schon deutlich älter war, und zwei Jungs im Alter von etwa zwölf, dreizehn Jahren zeigte. Einer von ihnen grinste mit einem unverschämten Lächeln in die Kamera rein, sein schwarzes Haar zu allen Seiten seines Kopfes abstehend, als wäre er gerade erst aus dem Bett gekrochen. Den einen Arm hatte er ausgestreckt und mit der Hand das Victory-Zeichen geformt, den anderen Arm hatte er um seinen Freund gelegt. Dieser hatte dunkelblondes Haar und ein zurückhaltendes Lächeln im Gesicht. Alles in einem war er schmächtiger als der andere Junge und strahlte nicht ganz so viel Leben aus. Aber selbst das verblichene Foto hatte es nicht vermocht, die erstaunlich grünen Augen des blonden Jungen auszulöschen.
"Bist du das?", entfuhr es mir automatisch und ich konnte nicht verhindern, dass ich ein bisschen geschockt, oder vielmehr ungläubig, klang.
Sean warf mir einen Blick zu und ich deutete auf das Foto, schaute ihn an und dann wieder den Jungen im Bild.
Er nickte, stellte die Herdplatte an. Dann bemerkte er meinen irritierten Blick. "Was stimmt denn nicht damit?", wollte er ein wenig besorgt wissen und ließ das Paket Nudeln, das er in seinen Händen hielt und gerade aufreißen wollte, sinken.
Ich schüttelte den Kopf. "Gar nichts. Nur... du siehst so anders aus als jetzt." Wieder sah ich ihn an, dieses Mal fast ungläubig. Er sah so unglaublich gut aus und jedes Mal, wenn ich ihn anschaute, war es, als sähe ich ihn zum allerersten Mal.
Er lachte leise. "Das könnte daran liegen, dass seitdem dreizehn Jahre vergangen sind."
Aber das meinte ich nicht. Der Junge auf dem Foto sah so... harmlos aus. So schüchtern und wehrlos. Der Mann, der da gerade in der Küche stand und mit den Nudeln kämpfte, war alles andere als das. Und natürlich noch viel mehr.
Ich konzentrierte mich auf seinen Freund. Das müsste dann also Evan sein, der Freund - oder Mann? - seiner Schwester und der Vater seiner Nichte. Er war mir auf Anhieb sympathisch, auch wenn das hier wahrscheinlich nur ein Schatten seines jetzigen Selbst war. Vielleicht hatte er sich die Lebensfreunde, die er auf dem Foto ausstrahlte, erhalten. Es wäre schön, wenn es so wäre, ging mir durch den Kopf, obwohl ich diese Person doch gar nicht kannte. Aber dieser Junge mit dem frechen Grinsen hatte schon mein Herz für sich gewonnen.
Ich riss mich endlich von dem Foto los und trottete zu Sean hinüber, bei dem das Wasser gerade überkochte und aus dem Topf quoll. Er sprang erschrocken auf und ließ das offene Nudelpaket auf die Arbeitsfläche fallen, wo sie sich natürlich verteilten, wobei ein paar von ihnen zu nah an den Rand kullerten und auf den Boden fielen.
Leise fluchte er und hob den Topf in die Höhe, stellte ihn auf einer kalten Herdplatte ab und regulierte die Hitze. Ich musste unwillkürlich kichern. Am Herd sah er nicht halbwegs so souverän und selbstsicher aus, wie bei so vielen anderen Dingen und irgendwie machte ihn diese Schwäche noch viel sympathischer.
Er warf mir einen prüfenden Blick zu, doch ich konnte meine Belustigung nicht verstecken und so grinste auch er schief und schüttelte resigniert den Kopf.
"Da siehst du's", beklagte er sich. "Ich bin absolut untalentiert. Da fällt mir ein, ich hab dir noch gar nicht das Schlafzimmer gezeigt. Willst du es sehen?"
Was für ein seltsamer Themenwechsel. Die Bedeutung seiner Worte erreichte mich erst zwei Sekunden später und ich errötete augenblicklich. Um mich - und ihn - davon abzulenken, huschte ich schnell an ihm vorbei und nahm den Topf in die Hände.
"Warte, ich helfe dir", murmelte ich unangenehm berührt, wohl wissend, dass meine absolute Ignoranz das Schlafzimmer betreffend ihn wahrscheinlich belustigte oder sogar frustrierte. Ich stellte den Topf stillschweigend auf die Herdplatte zurück, wo das Wasser sofort wieder zu kochen anfing, schüttete ein bisschen Salz hinein und diesem folgten die Nudeln. Sean anzusehen wagte ich erst, als ich die Nudeln im Wasser versenkt hatte und nichts mehr zu tun war.
Er hatte sich mit dem Rücken an die Arbeitsfläche gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt und sah mich mit einem Ausdruck an, der halb belustigt, halb liebevoll war. Sein Blick erwärmte sofort mein Herz und ließ es höher schlagen. Ich konnte mich nicht erinnern, wann mich jemand zuletzt - oder überhaupt schon einmal - so angesehen hatte.
Wieder fühlte ich seine übermächtige, unwiderstehliche Präsenz in allen meinen Poren und wieder fühlte ich mich so sehr zu ihm hingezogen, aber gleichzeitig so klein und irgendwie ... benebelt?
Gerade, als ich mich verwirrt von ihm abwenden wollte - er hatte eine toxische Wirkung auf mich - griff er nach meiner Hand und zog mich an sich. Ich fand mich an seine Brust gepresst, meine Schläfe an seinem Kinn, meine Wange an seinem Hals, doch noch bevor ich es realisieren und mein Herz einen Schlag aussetzen konnte, wirbelte er mich blitzschnell herum.
Nun war ich rücklings an die Arbeitsfläche gelehnt und er platzierte seine Hände rechts und links von mir auf eben jener, sodass ich nicht mehr entkommen konnte, lehnte sich mit dem Oberkörper über mich und instinktiv lehnte auch ich mich zurück, meine Augen fest auf seine gerichtet. Mein Herz befand sich nun in rasendem Galopp, als seien wir hier bei einem Rennen, bei dem es etwas zu gewinnen galt, doch auf all das konnte ich mich nicht mehr konzentrieren, denn mein Verstand hatte mittlerweile ausgesetzt und in meinem Kopf herrschte weißer Nebel, als er sich weiter runterbeugte und mit seinen Lippen meine Wange streifte, ganz sachte, ganz sanft. Es war eine Berührung zum Dahinschmelzen, wenn ich nicht schon längst wie heißer Wachs in seinen Händen zergehen würde...
Sie berührten schließlich - endlich - auch meine Lippen. Es war kein ausschließlich zurückhaltender Kuss, wie das Mal zuvor. Dieses Mal wurde er etwas fordernder, aber nur ein wenig, und verstärkte den Druck. Seine Hand glitt von der Arbeitsplatte auf meine Hüfte und mir wurde augenblicklich erschreckend schwindelig, als ich bemerkte, dass ich vergessen hatte, zu atmen.
Ich schnappte nach Luft und drückte Sean ein wenig erschrocken, aber behutsam, von mir weg, was er ohne ein Gesicht zu verziehen auch geschehen ließ. Im Gegenteil, er sah sogar sehr zufrieden mit sich selbst aus und ein süffisantes Grinsen umspielte seine Lippen.
Er trat einen Schritt zurück und entließ mich aus diesem nur allzu reizvollem Gefängnis, während mein Herzschlag und meine Atmung, die bis eben noch auf Entzug gewesen war, sich langsam - sehr langsam - wieder zu normalisieren versuchten.
Sean hielt plötzlich eine Tomate in der Hand und legte sie auf ein Schneidebrett, das Messer bereits zwischen den Fingern, und setzte es an. Gleich würde er sich den Zeigefinger abhacken, ging mir durch den Kopf und ich schob ihn schnell zur Seite und nahm den scharfen Gegenstand an mich.
"Ich mach das", erklärte ich ihm geschäftig und begann, die Tomate in Scheiben zu schneiden. Ich war froh, etwas zu tun zu haben, denn so stand ich nicht hilflos in der Küche herum, immer wieder anfällig für irgendwelche Verführungsaktionen, die ihn in unregelmäßigen Abständen zu überkommen schienen. Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, aber ein bisschen seltsam fühlte ich mich schon. Er sagte nie etwas und ich wusste auch nicht, was angebracht gewesen wäre. Immerhin kannte ich ihn noch nicht so gut.
Neben dem Brettchen lag ein Salatkopf, an dessen Bearbeitung ich mich nun auch machte. Anscheinend sollte das hier ein Salat werden. Eine meiner leichtesten Übungen.
"Jetzt komm ich mir aber echt unfähig vor", brummte Sean gespielt beleidigt, als er zusah, wie schnell ich den Salat zerhackte, und sein Kommentar brachte mich zum Lachen.
"Du bist absolut katastrophal", bestätigte ich leichthin und lächelte. Wer hätte gedacht, dass er nicht nur ausschließlich großartig sein konnte, sondern auch absolut menschlich? Also ich nicht.
"Ich hab dich gewarnt", grinste er vergnügt und fügte hinzu: "Ich geh lieber mal den Tisch decken, sonst komm ich mir noch allzu überflüssig vor." Mit diesen Worten ging er an mir vorbei, seine Hand glitt ganz leicht, fast, ohne mich zu berühren, über meine Taille, meinen Rücken und hinterließ einen wohligen Schauer. Huch, was für einen Effekt er auf mich hatte... der Wahnsinn!
Obwohl ich noch ein wenig verwirrt war, musste ich doch lachen.
"In der Küche anscheinend schon", bestätigte ich feixend und zerschnibbelte die Salatblätter in schnellem, gekonnten Tempo.
Sean grinste. "Endlich sagt mir mal jemand die Wahrheit", seufzte er theatralisch und tastete nach dem Griff einer Schublade, in der das Besteck lag.
Er fischte zwei Messer und zwei Gabeln heraus und entschwand aus meiner Sichtweite, sodass ich mich nun vollkommen auf den Salat konzentrieren konnte. Als Sean den Hängeschrank ganz in meiner Nähe aufsuchte, um die Teller herauszuholen, schob er mir eine Schüssel für den Salat zu.
Nach einer kleinen Weile, in der keiner von uns etwas sagte und jeder mit seiner eigenen Tätigkeit beschäftigt gewesen war, meldete er sich als Erster zu Wort.
"Tust du mir vielleicht einen Gefallen?", fragte er fast schon kleinlaut und ich musste erst aufblicken, um das freche Lächeln auf seinem Gesicht zu erkennen.
Ich zog argwöhnisch eine Augenbraue hoch. "Was denn?"
Sein Lächeln vertiefte sich. "Könntest du gegenüber Abby vielleicht nicht erwähnen, dass... na ja, du weißt schon." Er machte eine Geste, die seine halbe Küche, mich mit eingeschlossen, beschrieb, und es war offensichtlich, was er meinte: dass ich gekocht hatte, weil er es nicht hingekriegt hat.
Ich musste schmunzeln und wandte mich ab, wieder der Kochstelle zu.
"Vielleicht...", sagte ich so rätselhaft, wie es mir möglich war, und hatte wirklich Mühe, mein Grinsen im Zaum zu halten. Zum Glück stand ich mit dem Rücken zu ihm, denn wenn er das gesehen hätte, würde er es mir sicherlich nicht abkaufen. Natürlich hatte ich nicht vor, mit Mrs. Delaney über seine Kochkünste zu reden... oder vielleicht doch?!
Plötzlich schlossen sich zwei starke Arme von hinten um mich und drückten mich an sich. Vor Schreck ließ ich das Messer fallen, das mit einem Scheppern neben die Schüssel fiel und dort auch liegen blieb. Ich hätte es nur ungern in meinem Fuß gehabt...
Sean legte seine Wange an meine Schläfe und mein Herz begann wieder zu hämmern, als gäbe es keinen Morgen. Wieso tat er das? Ständig brachte er mich aus dem Rhythmus... oder war ich wirklich so anfällig für ihn? Es war eindeutig, dass er seinen Charme nur so versprühte und, was noch eindeutiger war, dass ich diesem sofort erlag.
"Ehrlich", raunte er mir ins Ohr, sein heißer Atem streifte meine Wange und ich schloss die Augen, um mich darauf zu konzentrieren, aufrecht stehen zu bleiben. Meine Knie waren schon verdächtig wackelig... "Ich hab ein schlechtes Gewissen deswegen..."
Schlechtes Gewissen? Was meinte er? Irgendwie schien die Verbindung zwischen meinen Synapsen gekappt worden zu sein, denn ich wusste plötzlich überhaupt nicht mehr, wovon er da redete.
Nur schwach versuchte ich, den Kopf zu schütteln, um ihm zu bedeuten, er bräuchte kein schlechtes Gewissen zu haben - weswegen auch immer.
"Doch", bestand er leise und ich sog begierig seinen Duft ein. Eine Mischung aus Shampoo und Aftershave und da war noch etwas anderes... einfach köstlich! "Ich mach' es wieder gut, versprochen."
Ich hörte ein Schmunzeln in seiner Stimme und blinzelte, als er mich losließ und sich neben mich schob, mit dem Rücken zum Herd, und mir frech zuzwinkerte.
Mit erhitzen Wangen starrte ich zu ihm auf, nicht sicher, was ich auf dieses Versprechen erwidern sollte.
"Nicht nötig", hörte ich mich krächzen. War das wirklich meine Stimme?! Und nun, da er mindestens fünfzehn Zentimeter Abstand zwischen uns gebracht hatte, wusste ich auch, was er wieder gutmachen wollte. "Das macht gar keine Umstände, wirklich..."
Er lächelte zwar höflich, sah aber nicht so aus, als hätte ich ihn überzeugt.
"Lass es mich trotzdem wiedergutmachen. Ich bestehe darauf."
Ich schluckte - bildete ich mir das nur ein oder klang er tatsächlich... anzüglich? Wie er da stand und mich süffisant angrinste - kein Zweifel!
Ich wandte mich ab und griff nach dem nächstbesten Gegenstand, den ich fassen konnte. Es war ein kleiner Pfefferstreuer, was mir sehr zugute kam, der Salat konnte noch ein bisschen Würze gebrauchen.
"Wenn du willst", sagte ich etwas steif, denn zu Schweigen, während er mich immer noch erwartungsvoll ansah, wäre etwas seltsam gewesen – nicht zu erwähnen gar unhöflich - und ich konnte ja nicht IMMER nur ausweichen.
Sean trat einen Schritt näher und noch bevor ich den Salat würzen konnte, nahm er mir sachte den Pfeffersteuer aus der Hand. Halb fragend, aber auch halb empört schaute ich zu ihm auf, doch er lächelte nur milde und schob den kleinen Streuer wieder zurück an seinen Platz.
"Das", sagte er bedeutungsvoll und nickte mit dem Kopf in Richtung des Pfefferstreuers, "ist Zimt."
Ich wurde rot, als ich seinem Blick folgte. Tatsächlich! Es stand auch ganz groß und dick "ZIMT" drauf... ich war ein Idiot!
"Oh", entfuhr es mir und ich wich seinem amüsierten Blick aus, "das..."
Während ich so rumstammelte, fiel Sean mir ins Wort: "Ich weiß ja nicht, wie du es hältst", scherzte er, wahrscheinlich, um die Spannung ein wenig zu lösen, "aber ich bevorzuge Salat, der nicht nach Weihnachtsplätzchen schmeckt."
Er grinste mir fröhlich zu. "Privat kannst du es natürlich halten, wie du willst", versicherte er mir in demselben Tonfall und hob noch im selben Atemzug den Deckel vom Topf, um zu schnuppern.
"Sieht gut aus", kommentierte er, geradewegs so, als verstünde er irgendwas davon, "ich krieg das nie so gut hin."
Ich hatte mich mittlerweile von meinem Malheur erholt, was nicht zuletzt daran lag, dass auch Sean schnell zu anderen Dingen übergegangen war - vielleicht sogar absichtlich, um mich abzulenken - und schob ihn ein wenig zur Seite, damit er ja keinen weiteren Mist mit den Nudeln anstellen konnte.
"Du meinst wohl, gar nicht", neckte ich ihn. "Was gibt's für 'ne Sauce?"
Er öffnete den Kühlschrank und griff zielsicher hinein, beförderte ein kleines Glas ans Tageslicht und hielt es hoch.
"Pesto."
Ich rollte unmerklich die Augen, aber gleichzeitig war mir auch danach, laut loszuprusten.
Aus dem Glas. Das war ja klar.
"Dann mal los. Was steht hinten drauf?"
Er runzelte die Stirn und suchte die Etikette des Glases nach einer Anleitung ab, um es mir dann vorzulesen.
"Soll ich das mal versuchen?", fügte er im Anschluss noch schnell hinzu. "Das hört sich nicht schwierig an."
Ich lächelte ihm aufmunternd zu und nickte. Sollte er sein Glück versuchen...

"Das lief doch ganz gut." Enthusiastisch ließ Sean sich am gedeckten Tisch nieder und frohlockte noch immer über seinen "erfolgreichen" Versuch, das Pesto aufzuwärmen.
"Wenn man außer Acht lässt, dass du es in der Pfanne hast anbrennen lassen..." Und auf dem Etikett stand extra noch, nur warm machen und nicht kochen. Aber Sean hat es einfach, ohne umzurühren, stehen lassen und während ich das Wasser der Nudeln in den Ausguss geschüttet habe, hat das Unglück seinen Lauf genommen... Den Pfannenboden würde er nun selber auskratzen dürfen.
Er grinste, ganz und gar nicht betroffen. "Schmeckt doch trotzdem gut", beharrte er heiter, bevor er sich eine Nudel in den Mund schob und genüsslich kaute.
Und das tat es tatsächlich. Wenn vom Pesto auch ein leichter, eigenartig verbrannter Geruch ausging, hatten wir zusammen das Meiste retten können. Sean war in der Küche genauso, wie ich überall außerhalb dieser: ungeschickt und unfähig. Ein interessanter Ausgleich...
"So gut hab ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr gegessen...", schwärmte er zwischen zwei Bissen und ich sah verwundert zu, wie er hungrig die Nudeln verschlang und bei jedem Schluck zufriedener wirkte. "Außer natürlich", fügte er der Fairness halber hinzu, "Abby bringt mir was hoch... Das tut sie in letzter Zeit aber immer seltener." Er runzelte die Stirn, ließ sich aber nicht lange von dieser Tatsache aufhalten und spießte eine weitere, grüne Nudel auf seine Gabel auf.
"Was isst du denn sonst so?", wollte ich misstrauisch wissen.
Sean grinste mich ertappt an. "Willst du mal einen Blick in meine Tiefkühltruhe werfen?", schlug er vor und bestätigte meine Vorahnung. Ich schüttelte den Kopf.
"Nein, schon gut..." Nun, wenn er nicht für sich selbst kochen könnte, dann könnte ich doch... Ich versuchte, diesen Gedanken abzuschütteln, denn niemand konnte mir versichern, dass er mich wirklich haben wollte - auf Dauer meine ich. Und da er selbst dieses Thema - Beziehung - nicht anschnitt, war auch ich leise. War ich vielleicht zu kindisch und wir hatten schon längst eine? Oder traf er sich noch mit anderen Frauen? Sprach man das heutzutage überhaupt offen an?
Ich erinnere mich noch an meine Schulzeit. Da waren kleine Zettelchen mit "Willst du mit mir gehen - Ja, Nein, Vielleicht" noch vollkommen okay gewesen und mein erster Freund hatte damals von mir wissen wollen, ob ich seine "feste Freundin" werden wollte.
Hier lief das anscheinend anders ab... irgendwie... erwachsen. Ich kam noch nicht ganz dahinter und sagte mir, ich müsste nur abwarten und irgendwann würde es mir schon klar werden. Ein guter Plan, wenn ich nur nicht so ungeduldig und unsicher sein würde! Der Zweifel brachte mich fast um den Verstand, natürlich nur dann, wenn Sean es nicht gerade tat. Aber von ihm ließ ich mich ja auch unheimlich gerne um den Verstand bringen...
Ich räusperte mich leise, um meine seltsamen Gedanken hinter mir zu lassen und mich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Dabei fiel mein Blick auf das Foto, das immer noch im Bücherregal stand, und blieb daran hängen.
"Das neben dir, der andere Junge...", setzte ich an, doch er war meinem Blick gefolgt und antwortete, noch bevor ich meine Frage zu Ende stellen konnte.
"Das ist Evan."
Ich nickte, meine Augen immer noch auf dem Bild. Von hier hinten konnte ich nicht so viel erkennen, aber ich hatte die beiden Jungs noch sehr gut im Gedächtnis.
"Und wie... wie ist er so?", wollte ich zaghaft wissen. Ich wollte nicht, dass es so rüberkam, als interessierte ich mich für Evan - zumindest nicht auf diese Art und Weise, doch er schien eine faszinierende Persönlichkeit zu sein. Wie hatte Sean ihn genannt? "Immer auf der Überholspur"? Genauso sah der Junge auf dem Foto auch aus - als koste er das Leben in vollen Zügen aus und ließ sich von nichts und niemandem aufhalten.
"Ich meine", fügte ich schnell hinzu, um eventuell aufkommende Zweifel von seiner Seite schnell beiseite zu wischen, "er sieht so lebendig aus auf dem Bild und so fröhlich. Ist er noch immer so?"
Erst zu spät bemerkte ich, dass Sean's Miene erstarrt war. Er hatte das Besteck sinken lassen und sah mich mit kritischem Blick an, scheinbar unsicher, wie er darauf reagieren sollte, aber in seinem Ausdruck lag auch so etwas wie... Fassungslosigkeit? Unglaube?
"Evan ist..." Er schluckte und machte mich damit ziemlich nervös. Hatte ich etwas Falsches gesagt? Hätte ich nicht fragen sollen? Ich wollte ihm ganz sicher nicht das Gefühl vermitteln, ich sei hinter seinem Freund her - oder überhaupt hinter irgendjemandem.
"Er ist tot."
Eine lange Pause trat zwischen uns ein, in der das Blut aus meinem Gesicht wich - das tat es immer mindestens genauso schnell, wie es kam - und das Einzige, woran ich denke konnte, war die Tatsache, dass ich Evan soeben noch als "so lebendig" bezeichnet hatte...


  Seite 1 - [1] [2] [3] [4] Seite vor  
Kommentare zu diesem Kapitel (3)

Fanfic-Anzeigeoptionen

Zurück