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Every Little Thing

von  -Moonshine-

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Kapitel 5: So Many Secrets

In dem Moment, in dem ich Ben sah, hatte ich Sean ganz vergessen.
Vergessen, dass er mich abholen kommen würde und vergessen, dass das bereits in wenigen Minuten eintreffen sollte.
Ben hatte feine, blonde Haare, die ihm im Nacken widerspenstig abstanden und eisblaue Augen, die vor Vergnügen wie kleine Kristalle funkelten. Wenn er lachte, wurde ein Grübchen in seiner linken Wange sichtbar und eine erste, süße Zahnlücke.
Zum gegenwärtigen Augenblick saß er im nassen Sand - sollte ich eher sagen Matsch? - auf unserem kleinen Spielplatz im Hinterhof des Kindergartens und ließ sich selig beregnen. Sein Haar klebte ihm am Kopf und an der Stirn und er hatte zwar Pulli und Jeans an, jedoch keine Schuhe. In seinen durchnässten, weißen Socken, die nun alles andere als weiß waren, wühlte er sich durch den Sandkasten.
Ich stand gerade in der Küche und pickte gedankenverloren an einem Stück Kuchen vom Vortag herum, den Martha mir hingestellt hatte, als ich zufällig einen Blick aus dem Fenster warf, gegen das der Regen angefangen hatte zu trommeln.
Als ich Ben erblickte, mutterseelenallein auf dem Spielplatz, total durchnässt, aber richtig glücklich, wurde ich jäh aus meinen Gedanken gerissen und richtete mich erschrocken auf. Es fiel mir natürlich nicht ein, ihn durch das Fenster zu rufen, also stolperte ich hastig hinaus auf den Flur und in den Gruppenraum, von dem aus man nach draußen gelangen konnte. Sofort sah ich, wie Ben nach draußen gekommen war: die Tür stand sperrangelweit offen und im Schloss steckte noch der Schlüssel. Unser Hinterhof war zwar umzäunt, aber dennoch sollten die Kinder in diesem strömenden Regen nicht draußen spielen. Ben's Mutter würde mir den Kopf abreißen!
Ich stürmte raus - zum Glück hatte ich meine Schuhe an! - und rief nach Ben, der sich mit funkelnden Augen zu mir umdrehte, mich anstrahlte und winkte.
Seine Hände waren dreckig und er hinterließ eine Sandspur quer über seinem Gesicht, als er sich die klatschnassen Haare aus der Stirn strich. Auf befremdliche Art wirkte er vollauf zufrieden mit sich selbst.
"Ben, was machst du denn da?", schimpfte ich verzweifelt und griff nach seinem Arm, um ihn mit sanfter Gewalt hochzuzerren. Er ließ es bereitwillig mit sich geschehen.
Während ich ihn an der Hand haltend im Laufschritt zurück ins Gebäude hinter mir herzog, plapperte er unermüdlich drauflos.
"Die Tür war offen und meine Schwester hat gesagt, wenn man im Regen spielt, wird man ganz schnell ganz viel größer", erklärte er stolz und warf mir dann einen mitleiderregenden Blick zu. "Ich muss größer werden als meine Schwester, dann kann ich auch mit ihren Sachen spielen! Sie schimpft mich immer, wenn ich sie anfasse, aber wenn ich größer werde, dann hat sie Angst vor mir!"
Ich schmunzelte und schloss die Tür hinter mir, drehte den Schlüssel im Schloss um und nahm ihn an mich. Meiner war es nicht, also musste er Julie, Eve oder Martha gehören.
Dann kniete ich mich hin, sodass ich mit Ben auf Augenhöhe war.
"Deine Schwester ist vier Jahre älter, das ist ganz natürlich, dass sie größer ist als du. Aber wenn du ein bisschen älter wirst, dann passiert es ganz von alleine, dass du vielleicht größer wirst als sie", versuchte ich ihn zu beruhigen. "Aber ich fürchte, Regen kann dir da nicht weiterhelfen."
Er sah enttäuscht aus. "Und wie lange noch?", hakte er mit einem kleinen Anflug von Hoffnung nach.
Ich überlegte. "In etwa neun Jahren vielleicht?", schlug ich vor. Mein Bruder jedenfalls, der drei Jahre jünger war als ich, war auch mit 14 in die Höhe geschossen und hatte mich weit hinter sich gelassen.
Ben dachte gründlich über die Sache nach und zog die Stirn in Falten. "Wie lange ist das?"
Ich unterdrückte ein Lachen. "Noch neun Mal Geburtstag feiern", antwortete ich ihm ganz ernst und hoffte, er würde nicht allzu enttäuscht sein, doch da hatte ich mich geirrt. Stattdessen strahlte er mich wieder an wie ein Honigkuchenpferd, als sei das die beste Neuigkeit, die er je gehört hatte.
"Ich habe bald Geburtstag!", verkündete er erfreut. "Meine Mama sagt, ich darf mir etwas wünschen!"
Ich lächelte und strich ihm über den nassen Kopf. "Das ist doch schön. Komm, lass uns deine Haare trocknen und..." Ich warf einen Blick auf seine mittlerweile dreckigen, braunen, nassen Socken und seufzte gequält auf. Ihm musste schrecklich kalt sein. "...und die Socken ausziehen."
Er nickte folgsam und ich richtete mich auf. Er schob seine sandige Hand in meine.
"Weißt du schon, was du dir wünschst?"
Aus dem Flur drang Eve's Geplapper zu uns heraus, aber ich achtete nicht weiter darauf, da Eve ständig quasselte.
"Na klar!", ereiferte Ben sich. "Ich will einen Nintendo DS. Da gibt's dieses suuuupercooole Spiel, mit dem Dinosaurier, weißt du und..."
Ben redete noch weiter, aber ich hörte ihm nicht mehr zu, denn wir hatten uns mittlerweile in den Flur durchgekämpft und spätestens da verstand ich auch, mit wem Eve sich unterhielt: Sean!
Ich hatte in den letzten fünf Minuten in diesem ganzen Durcheinander total vergessen, dass er mich ja zum Mittagessen abholen wollte!
"Emily, da bist du ja!", kam Eve mir zuvor, noch bevor ich nur den Mund aufmachen konnte. Dann beäugte sie mich misstrauisch und hob eine Augenbraue. "Wie sehr ihr zwei denn aus?"
"Jemand hat die Tür nach draußen aufgelassen", erwiderte ich knapp, und strich mir eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht. Dann wandte ich mich Sean zu. Sein Anblick wirkte mal wieder total entwaffnend auf mich. Ich wusste wirklich nicht, was das mit diesem Mann war, aber er hatte diese gewisse Wirkung. Ich schluckte mit trockenem Mund und mir fiel sofort ein, dass das letzte Mal, als ich ihn gesehen habe, er mich so unglaublich geküsst hatte... Sofort wurde ich rot und um das zu überspielen, lächelte ihn schnell an.
"Hallo. Tut mir leid, wenn du warten musstest, wir hatten da ein kleines Problem..." Bei diesen Worten warf ich Ben einen bedeutungsvollen Blick zu, der noch immer meine Hand umklammert hielt, nur fester als noch eben, und Sean argwöhnisch musterte.
"Das macht doch nichts, ich bin gerade erst durch die Tür gekommen", schüttelte Sean den Kopf.
Dann entstand wieder diese seltsame Stille, in der mir vollauf bewusst war, dass Eve uns beide erwartungsvoll und neugierig angaffte.
"Ich muss nur kurz..." Anscheinend plötzlich unfähig, meine Sätze zu beenden, nickte ich in Richtung Waschraum. "Wir müssen nur kurz die Hände waschen... Setz dich doch."
Was für ein Witz... die Bänke waren in praktischer Kinderhöhe angebracht. Sich darauf zu setzen war fast dasselbe, als würde man auf dem Boden sitzen.
"Das geht schon." Sean schien amüsiert und lehnte sich stattdessen mit der Schulter gegen den Türrahmen.
Nervös schob ich Ben in den Waschraum, Eve folgte mir auf dem Fuße, wie ein braves Entenküken. Wie zu erwarten war, schnatterte sie auch sofort drauflos.
"Ist er es?", wollte sie halblaut von mir wissen. Ich nickte, während ich das Wasser anließ und Ben aufforderte, sich Hände und Gesicht zu waschen.
"Und?", drängte meine neugierige Freundin.
Ich zuckte die Achseln. "Nichts und."
"Komm schon, Em. Für wie dumm hältst du mich? Wie viel ist da gelaufen bei eurem Date? Wie lang hat er gewartet, um dich wieder anzurufen? Wie ist er so? Sag schon!"
Ich blinzelte. Stimmt ja... seit Freitag hatte ich sie nicht mehr gesehen und auch keine Möglichkeit gehabt, ihr von der Verabredung zu erzählen und heute hatten wir viel zu viel zu tun, um über solche Lappalien zu sprechen. Montage waren meistens anstrengend, da die Eltern ihre Kinder viel zu früh ablieferten und viel zu spät abholen... Obwohl ich und Julie heute früher frei hatten, lief nicht immer alles, wie man es gerne wollte.
Ben's Ausflug in den Matschkasten war das beste Beispiel dafür.
"Er ist sehr nett", sagte ich ausweichend und mied ihren tödlichen Blick, da ich genau wusste, wie wenig zufrieden sie mit dieser Antwort war.
"Du weißt schon, wie ich das meine...", fuhr sie bedeutungsschwanger und mit einem anzüglichen Grinsen fort.
"Nein." Aber ich hatte da so eine Ahnung...
Sie rollte genervt die Augen und ließ nicht locker. "Und was war nun mit der Verabredung?"
Ich kapitulierte, sonst würde ich diesen Waschraum wohl niemals verlassen, da Eve vor der Tür stand und mir womöglich den Weg versperren würde, bis sie nicht alle Details aus mir herausgepresst hatte.
"Bei der Verabredung ist nichts gelaufen. Ich hab mir ein paar blaue Flecke geholt, und das ist alles", antwortete ich wahrheitsgemäß und steckte nun auch meinerseits meine schmutzigen Hände unter den Wasserstrahl. "Und angerufen hat er mich schon am nächsten Tag, um vorbeizukommen. Oh je, wie sehe ich denn aus?", entfuhr es mir, als ich einen Blick in den Spiegel über dem Waschbecken warf. Ich hatte eine eindeutige Sandspur im Gesicht. Und so war ich Sean gegenübergetreten? Argh!
Eve war es egal, wie ich mich ihm präsentiert hatte. Sie war ein Klatschmaul und das mit Leib und Seele. "Er ist vorbeigekommen?", japste sie aufgeregt, woraufhin ich sie mit einem zischenden "Psssst!" maßregelte.
"Er ist vorbeigekommen?", wiederholte sie unnötigerweise, um ein paar Dezibel leiser.
"Ben, zieh die Socken auch aus, ja? Sonst wirst du noch krank."
"Emily!!!"
"Ja, schon gut." Verdrießlich sah ich sie an. Eigentlich wollte ich nicht preisgeben, was passiert war, da ich es selbst noch nicht so recht glaubte und es anderen zu erzählen würde es zwar real, aber auch weniger magisch machen... "Er wollte sich nur für heute Mittag verabreden", versuchte ich es so unschuldig wie möglich.
"Und?" Eve war unersättlich.
Ich seufzte. "Und er hat..." Plötzlich war es mir peinlich. Komm schon, Emily, du bist doch schon ein großes Mädchen und kein 13jähriger Teenager, schimpfte ich mich selbst. Mit festerer Stimme fuhr ich fort: "Und er hat mich geküsst."
Eve quietschte vergnügt und strahlte mich an. Ich erwiderte ihr Lächeln gequält.
"Endlich! Und wir dachten alle schon, du wärst lesbisch oder so!"
"Was?!" Entgeisterte starrte ich sie an.
"Nur ein Scherz!" Sie lachte, als sie mein ungläubiges Gesicht sah. "Wirklich, das war nur ein Witz, niemand hat das gedacht." Beruhigend redete sie auf mich ein, Ben schaute fragend von Eve zu mir und wieder zurück. Doch bevor er die naheliegende Frage stellen konnte, geleitete ich ihn hinaus und Eve trottete uns beiden selig grinsend hinterher, geradeso, als wäre sie von einem tollen Mann geküsst worden, der nun in der Vorhalle auf sie wartete, und nicht ich.
"Reiß dich gefälligst zusammen", warnte ich sie durch die Mundwinkel, aber sie schaffte es nicht, ihr vielsagendes Grinsen abzuwischen und begegnete in genau diesem Zustand Sean, zu dem sich Martha gesellt hatte. Sie erzählte ihm gerade, wie stressig es Montags immer zuging, weil die Kinder ihre angestaute Energie vom Wochenende dringend loswerden mussten. Wahrscheinlich, um mein Verbleiben zu entschuldigen.
Als wir herauskamen, drehte sie sich zu uns um. "Da bist du ja, Emily. Ich glaube, der junge Mann hier wartet auf dich."
Ich war nun etwas ruhiger, hauptsächlich, weil Ben und Eve mir die letzten Nerven geraubt hatten.
"Das glaub ich erst, wenn ich es selber höre", witzelte ich und warf ihm ein schelmisches Lächeln zu. "Ich bin sofort fertig", schob ich hinterher, noch bevor er etwas sagen konnte.
Ben verscheuchte ich auf die Bank zu seinem Garderobenhaken mit dem Tiger-Aufkleber, damit er nachschauen konnte, ob sich in seinem Fach Extrasocken befanden. Anscheinend hatte er Glück, denn er machte sich sofort daran, diese über seine nackten, kleinen Füße zu ziehen.
Ich betrachtete Sean heimlich, nur für einen ganz kurzen Augenblick. Er hatte seine Uniform an, allerdings nur das hellblaue, sauber gebügelte Hemd ohne die Jacke darüber und die dunkelblaue Krawatte, die er etwas gelockert hatte, stand ihm wirklich ausgezeichnet. Ich schluckte erneut bei der Vorstellung, noch einmal von diesem Mann geküsst zu werden und wandte mich nervös, aber auch voller Vorfreude, ab.
"Wo sind jetzt meine Schuhe?", murmelte ich, mich im Raum umsehend, während ich meine Schuhe für Innen, die nun dank Ben's kleinem Abenteuer auch nicht mehr danach aussahen, abstreifte.
"Ich geh dann mal wieder in die Küche und backe den Nachtisch", sagte Martha übertrieben laut, im Begriff, sich diskret zurückzuziehen und uns alleine zu lassen, und warf Eve einen vielsagenden Blick zu, den diese gekonnt ignorierte. Die Gute hatte es sich neben Ben auf der Bank gemütlich gemacht und beobachtete die ganze Szenerie, als wäre sie im Kino. Am liebsten hätte sie wahrscheinlich eine Cola in der Hand und einen Popcorneimer auf dem Schoß gehabt, dann wäre sie vollauf zufrieden.
"Es gibt Kuchen", fügte Martha erklärend an Sean hinzu, der etwas verwirrt schien, sich aber nicht aus der Ruhe bringen ließ.
"Käsekuchen?", hakte er höflich nach und ich nahm mir vor, ihn später zu fragen, ob das sein Lieblingskuchen war. Man konnte ja nie wissen.
"Nein, Schokoladenkuchen. Bei den Kindern sehr beliebt", erklärte Martha, fast so, als müsste sie sich für diesen einfallslosen Nachtisch entschuldigen. "Eve, hilfst du mir in der Küche?"
Martha's Blicke, die sie Eve zuwarf, wurden langsam strenger und drängender, aber diese hörte gar nicht hin. "Eve! Hast du gehört?"
"Hm?"
"Ich brauche deine Hilfe in der Küche", presste unsere Pseudo-Köchen durch zusammengebissene Zähne hervor und nickte nicht sehr subtil mehrmals Richtung Küche.
Eve warf uns noch einen enttäuschten Blick zu, bis sie Matha's Aufforderung nachkam.
"Na dann viel Spaß." Sie winkte fröhlich, obwohl wir uns noch nicht einmal in Bewegung gesetzt hatten. Ich schaute mich um, ob irgendwo meine Schuhe unter den Bänken zu finden waren.
"Bis dann." Sean hob zum Abschiedsgruß lässig die Hand.
"Ja, dir auch..", nuschelte ich abwesend, als ich sie endlich entdeckte und in die Hocke ging, um sie hervorzufischen.
"Ja, danke", erwiderte sie trocken und warf einen bedeutungsvollen Blick auf Ben, der einen Meter von mir entfernt immer noch auf der Bank saß, sein blondes Haar ganz durcheinander, und versuchte, sich die Schuhe anzuziehen. Leider falsch herum.
Ich unterdrückte ein Lachen und holte meine eigenen hervor.
Ben blickte auf.
"Gehst du schon?", wollte er wissen und schaute mich mit geweiteten Augen an.
Ich nickte. "Ja."
"Oh nein!" Er sprang auf, wollte einen Schritt auf mich zu machen und stolperte über seine eigenen Füße, mit jeweils dem falschen Schuh dran. Instinktiv lehnte ich mich vor und streckte die Arme aus und genau dort landete er auch.
Erleichtert stieß ich die Luft aus, doch Ben lachte nur.
"Du hast deine Schuhe übrigens falsch herum an", bemerkte ich trocken und als er sich wieder aufrichtete, grinste er mich an.
"Kannst du nicht noch kurz bleiben? Ich wollte dir noch so gerne zeigen, wie gut ich meinen Namen schreiben kann! Meine Mama hat mir das beigebracht, weißt du?"
Die Anmerkung mit den Schuhen überging er einfach und klang so stolz, dass nicht anders konnte und Sean einen bittenden, zerknirschten Blick zuwarf. Seine Mittagspause konnte ja nicht ewig dauern, aber so hoffnungsvoll, wie Ben mich anschaute...
"Haben wir noch zwei Minuten Zeit?", fragte ich vorsichtig, doch Sean reagierte sofort. Er nickte nur lächelnd.
"Wir haben alle Zeit der Welt", bemerkte er und schaute mich dabei bedeutungsschwer an, sodass mir in den Sinn kam, er meinte nicht nur die Sache mit Ben's Namen.
"Super, klasse", jubelte Ben, noch bevor ich mir etwas auf Sean's Bemerkung einbilden konnte, und zog mich am Ärmel in seinen Gruppenraum.
Ich winkte Sean zu und bedeutete ihm, mitzukommen.
Ben ließ sich am Tisch nieder, wo Louisa, ein sechsjähriges Mädchen mit flachsblonden Haaren und einer niedlichen Stupsnase, alleine saß und etwas malte. Sie warf ihrem Freund einen genervten Blick zu und pustete sich das Pony aus dem Gesicht.
Louisa war oft etwas herablassend und überheblich, aber im Grunde doch ein nettes Mädchen. Und im Herbst würde sie in die erste Klasse kommen. Sie und Ben waren gute Freunde, vor allem dann, wenn er sich von ihr herumkommandieren ließ.
Sean und ich setzten uns an den kleinen Tisch, auf dem Papier und Stifte dank Louisa schon bereitlagen, dazu.
Mit großen, schiefen Buchstaben brachte Ben es hochkonzentriert nach einer schier endlos langen Zeit fertig, das WORT "BENJAMIN" zu schreiben. Schief und krakelig, aber nichtsdestotrotz erkennbar.
Ich jubelte begeistert, Sean verhielt sich eher still und Louisa schaute recht verdrießlich drein.
"Das kann doch jeder, seinen Namen schreiben", beschwerte sie sich, doch Ben ignorierte sie.
"Kannst du mir deinen Namen auch aufschreiben, Emily?", wollte er wissen und schob mir sein Blatt zu.
Ich weiß, so was sollte man nicht denken oder tun, aber zu meiner Schande musste ich gestehen, dass ich Ben mit der Zeit richtig lieb gewonnen habe. Man könnte fast sagen, er war mein Lieblingskind in der ganzen Gruppe. Er war unglaublich süß und lieb und ich war mir sicher, er würde später mal die Herzen aller Frauen brechen... Natürlich sagte ich niemandem, dass es so war, denn das war sicherlich sehr unprofessionell. Ich versuchte trotzdem, mich den anderen Kindern genauso zu verhalten und im Grunde mochte ich sie ja alle, aber Ben war einfach zu süß für diese Welt.
Schnell und ebenfalls in Großbuchstaben notierte ich meinen Vornamen.
Louisa bedachte Sean mit einem misstrauischen Blick. "Und wie heißt er?", hakte sie nach. "Ist das dein Freund?" Das Wort "Freund" sprach sie mit einer solchen Abfälligkeit aus, dass ich nicht wusste, ob ich mich schämen oder über ihre Einstellung schmunzeln sollte.
Verdammte Kinder... die meiste Zeit über waren sie ja sehr süß, aber wenn sie erst mal anfingen, sich in Privatsachen einzumischen...
"Ähh... das ist Sean... Das ist, äh, sein Name", stammelte ich verlegen und entschied, die Freund-Frage einfach zu ignorieren. "Er ist Polizist", fügte ich noch hilfreich hinzu, nur für den Fall, dass sie meinen Sabotageversuch bemerken sollte.
Sofort hatte ich die Aufmerksamkeit beider Kinder auf meiner Seite - oder sollte ich besser sagen: Sean hatte sie auf seiner Seite?
Ben und Louisa starrten ihn mit unverhohlener Bewunderung und Ehrfurcht an.
"Ehrlich? Cool!" Ben war ganz außer sich. "Wenn ich groß bin, werde ich auch mal Polizist. Oder Feuerwehrmann", fügte er schnell hinzu. "Aber meine Mama erlaubt mir nicht, mit Feuer zu spielen, also doch Polizist." Er schien wirklich hart zu überlegen.
Sean lachte, kam jedoch nicht zum Antworten.
"Haben Sie schon einmal jemanden getötet?", wollte Louisa wissen, eingeschüchtert und respektvoll zugleich. Sie erinnerte mich irgendwie an mich selbst...
Ebenfalls neugierig schaute ich ihn an. Diese Frage war mir auch schon in den Sinn gekommen, aber so etwas konnte man ihn doch nicht fragen. Und vor allen Dingen: die Antwort wollte ich gar nicht wissen.
"Nein, habe ich nicht", antwortete Sean. Was sollte er einer Sechsjährigen auch sonst erzählen? Aber ob das die Wahrheit war?
Da fiel mir noch etwas anderes ein und ich wurde ganz unruhig.
"Hast du deine, ähm, na, du weißt schon..."
Er verstand sofort.
"Hab ich im Auto gelassen", nickte er ernst. "Das ist eigentlich verboten, aber was soll's."
Ich lehnte mich entspannt zurück. Wenigstens hatte er den Anstand, einen Kindergarten voller unberechenbarer Rotzgören ohne eine geladene Waffe zu betreten. Und auch ich fühlte mich so um ein vielfaches sicherer.
"Schaut her!", rief Ben, der Nimmersatt. "Ich kann ein Polizeiauto malen!"
Und er schnappte sich einen Stift und begann eifrig, sein Blatt Papier zu bearbeiten.
"Ich kann das besser!" Louisa rümpfte die Nase, griff sofort ebenfalls zu einem Stift und tat es ihm gleich.
Ben feixte. "Emily kann das bestimmt nicht."
"Aber Sean kann das!", konterte ich - das durfte ich nicht auf mir sitzen lassen - und schob Sean augenblicklich Blatt und Buntstift zu. "Rette meine Ehre", wisperte ich ihm zu. "Diese Dreikäsehochs dürfen mich nicht schlagen."
Er grinste und machte sich an die Arbeit.

"Herrgott, was ist denn hier los?"
Es war Julie, die hereingepoltert kam und auf der Stelle stehen blieb, als sie uns vier seltsamen Gestalten an dem kleinen Tischchen sitzen und munter auf dem herumliegenden Papier malen sah.
"Oh Julie." Mir war das Ganze plötzlich irgendwie peinlich. Ich grinste entschuldigend. "Was machst du denn hier?"
Julie und ich waren heute diejenigen, die früher gehen durften. Morgen waren also Martha und Eve an der Reihe. Das System hatten wir uns überlegt, da nur noch wenige Eltern das Ganztagsangebot beanspruchten und somit nicht wir alle vier anwesend sein mussten.
Diejenigen, die länger blieben, kamen also etwas später, während die, die mittags schon frei hatten, zwei Stunden früher kamen und Frühstück und alles andere vorbereiteten.
Zwei mal die Woche hatten wir also früher frei und zusätzlich jeden zweiten Mittwoch.
Sie betrachtete uns verwirrt. "Ich hab meinen Schlüssel hier irgendwo rumliegen lassen", erklärte sie entgeistert, ohne ihren Blick von uns loseisen zu können.
Da machte es klick. "Ist es zufällig der da?" Ich nickte zum Regal herüber, das gerade so hoch angebracht war, dass kein Kind dort herankommen konnte. Dort bewahrten wir alles auf, was die Knirpse nicht in die Finger bekommen sollten.
Julie schaute nach. "Ja, das ist er." Sie stieß einen erleichterten Seufzer aus. "Und ich dachte schon..."
Dann sah sie mich mit strengem Blick an. "Was machst DU eigentlich noch hier? Du hast heute frei, schon vergessen?"
"Äh, ja, aber...", stotterte ich, doch Ben kam mir zu Hilfe.
"Emily musste sich noch angucken, wie ich meinen Namen schreiben kann und dann haben wir Polizeiautos gemalt!", erklärte er freudestrahlend und in seiner ganzen Unschuld. Ich wollte ihn am liebsten drücken!
Julie seufzte und schüttelte missbilligend den Kopf. Ich biss mir auf die Unterlippe. Ich wusste, dass sie mir am liebsten gesagt hätte, ich sollte mich nicht ständig von den Kindern aufhalten lassen, wie schon so oft, aber angesichts der Tatsache, dass Sean anwesend war und sie höchstwahrscheinlich ahnte, wer er war, verkniff sie sich zum Glück diese Bemerkung und rief stattdessen nach Martha.
Diese war sofort zur Stelle und klatschte in ihre mehlbedeckten Hände, sodass dadurch eine staubige Mehlwolke entstand, die kurz vor ihrem Gesicht schwebte.
Als sie uns sah, verengten sich ihre Augen. "Was macht ihr denn noch hier? Ich dachte, Ben und Louisa spielen so ausgelassen, aber das seid ihr!"
"Wir gehen dann jetzt, hab ein Auge auf die zwei, in Ordnung?" Julie fixierte mich und nickte in Richtung Tür. Ihre Art, um mir zu bedeuten, dass es Zeit war, zu gehen. Und sie hatte Recht... schließlich hatte ich eine Verabredung mit Sean - gehabt?!
"Kommt Kinder, wir backen!", verkündete Martha, der Engel, und beide sprangen sofort auf und verkrümelten sich, ohne auch nur "Tschüss" zu sagen. So einfach war das also, warum war ich nicht von selbst drauf gekommen?
Ich richtete mich auf und er tat es mir gleich. Julie und Martha verließen den Raum.
"Oh je, das waren wohl mehr als zwei Minuten, tut mir leid." Ich sah ihn zerknirscht an, er schüttelte nur den Kopf.
"Ganz und gar nicht, es war doch sehr lustig." Er lächelte. "Hast du Hunger?"
Hatte ich Hunger? Gute Frage. Ich horchte tief in mich hinein, um auf eine Reaktion meines Magens auf diese Frage zu horchen. Er gab nichts von sich.
"Eigentlich nicht", gab ich zu. Vielleicht hätte ich den Kuchen nicht essen sollen?
Er zuckte mit den Schultern. "Vielleicht hast du ja lieber Lust auf einen Kaffee? Ich glaube, um die Ecke gibt es ein kleines Café, oder?"
Das Café kannte und liebte ich. Nicht selten huschte eine von uns kurz rüber, mit einer Sammelbestellung von uns allen bepackt, um uns die weltbesten Kuchen mitzubringen.
"Ja, dort gibt es den besten Kuchen!", begeisterte ich mich und schnappte mir meine Jacke vom Haken, über dem ein Aufkleber eines Kängurus prangte. Der Haken war frei, weil der Kindergartenplatz noch frei war, also benutzte ich ihn hin und wieder.
Er lachte und hielt mir die Tür auf, legte seine andere Hand leicht an meinen Rücken, um mich herauszugeleiten.
In diesem Moment steckte Eve ihren Kopf aus der Küche heraus und flötete: "Viel Spaß, ihr zwei, und tut nichts, was ich nicht auch tun würde!"
Ich errötete und schlüpfte so schnell wie möglich aus dem Gebäude, ohne mich noch einmal nach Eve umzudrehen.
Sean sagte zu meiner peinlichen Freundin auch nichts und hielt mir nur mit einem auffordernden Lächeln den Arm so hin, damit ich mich einhaken konnte. Geschmeichelt und dankbar nahm ich sein Angebot an und genoss es, so nah bei ihm zu sein.
Wir schlenderten gemütlich in das kleine Lokal, zum Glück hatte es aufgehört zu regnen.
Sean hielt mir die Tür auf, im Hintergrund dudelte leise Musik und die Beleuchtung war angenehm und eher diskret.
Wir ließen uns in einer kleine Nische nieder und ich lächelte ihn schüchtern an. Das war für mich immer noch alles wie ein surrealer Traum.
"Tut mir leid", sagte ich noch einmal schuldbewusst. "Jetzt musst du dich mit dem Kuchen echt beeilen, damit du wieder rechtzeitig bei der Arbeit bist."
Er schenkte mir ein nachsichtiges Lächeln. "Hör auf, dich zu entschuldigen. Ich habe selbst eine fünfjährige Nichte, ich weiß also, wie das ist."
Ich horchte auf. "Ach ja?"
Er nickte. "Ja, die Tochter meiner älteren Schwester und meines besten Freundes."
Ich dachte kurz nach. Ich wusste ja schon, dass seine Schwester zwei Jahre älter war als er. "Also ist dein bester Freund zwei Jahre älter als du", folgerte ich, ziemlich scharfsinnig wie ich fand, aber er grinste nur schief und schüttelte den Kopf.
"Nein."
Nein? Plötzlich interessierte mich die Frage, wie alt Sean wohl sein könnte, brennend. Ich hatte mich bis jetzt nicht wirklich damit befasst. Dass er älter war als ich, das stand fest, aber wie viel älter? Ich war leider miserabel im Schätzen, also war er meiner Meinung nach irgendwas zwischen 20 und 30 Jahre alt. Wie gesagt: miserabel!
Aber wie würde ich das herausfinden können? Ihn zu fragen, das traute ich mich nicht wirklich. Was wäre, wenn er doch zu alt war und die Antwort mir nicht gefallen würde? 35 oder so... 14 Jahre älter! Ich glaubte das zwar nicht, aber wer konnte es schon so genau wissen?
Nervös rutschte ich auf meinem Platz hin und her, als die Kellnerin kam, um unsere Bestellung aufzunehmen.
"Emily?", fragte Sean abwesend, aber höflich, während er die Karte studierte, die ich selbstverständlich fast auswendig kannte. Aber konnte ich alles bestellen, auch Kuchen? Soweit ich wusste, hatte er nur etwas von einem Kaffee gesagt.
"Ich nehme äh... einen Cappuccino", entschied ich zaghaft und erntete ein verwunderten Blick.
"Keinen Kuchen? Ich dachte die wären so gut. Ich glaube, ich nehme einen Kaffee... und den Käsekuchen." Ich hatte also Recht! Käsekuchen war sein Lieblingskuchen. Er schaute mich an. "Und für dich?"
"Umm... den Himbeerkuchen?", schlug ich unsicher vor. Er lächelte mir und dann der Kellnerin zu, die sich gelangweilt alles aufschrieb.
"Und den Himbeerkuchen", fügte er der Bestellung hinzu und das gelangweilte Mädchen verließ unseren Tisch.
Sean nahm unser Gespräch wieder auf. "Mein Freund ist auch zwei Jahre jünger als meine Schwester." Er grinste, als er meinen überraschten Gesichtsausdruck bemerkte.
Nicht, dass ich intolerant war oder so, aber trotz allem war es doch eher ungewöhnlich, dass Frauen sich jüngere Männer angelten und andersrum. Hörte man nicht immer von viel zu alten Männern, die lieber jüngere Frauen bevorzugten? Anscheinend funktionierte das auch andersherum... obwohl zwei Jahre, wie in diesem Fall, ja nicht wirklich die Welt waren.
Wie auch immer, ich musste zugeben, dass meine Sicht der Dinge wohl veraltet und nicht ganz auf dem neuesten Stand war.
Sean, der meine Mimik während all dieser Überlegungen zu beobachten schien, zuckte belustigt mit den Schultern. "Evan war schon immer eher auf der Überholspur unterwegs." Bei dieser Bemerkung verdüsterte sich sein Ausdruck für den Bruchteil einer Sekunde und er warf einen traurigen Blick auf die Tischplatte vor sich, doch als er wieder zu mir aufschaute, war der Ausdruck genau so schnell wieder verschwunden, wie er sich eingeschlichen hatte.
Hatte ich mir das nur eingebildet? Ich blinzelte etwas verwirrt, aber Sean ließ sich nichts anmerken. Stattdessen erzählte er mir von seiner kleinen Nichte, die vor kurzem erst fünf geworden war und Holly hieß. Am Samstag war er unterwegs gewesen, um seine Schwester zu besuchen, nachdem er bei mir vorbeigeschaut hatte.
Die Bedienung kam und stellte unsere Bestellungen vor uns ab. Sean kippte sich Zucker in den Kaffee. Aha, zwei Löffel, notierte ich mir in meinem Hinterstübchen.
Dann nahm er seine Gabel, ich tat es ihm gleich, und wir beide waren für einen kurzem Augenblick still und genossen unsere Kuchen.
Ich war immer noch schwer damit beschäftigt, eine Strategie zu entwickeln, wie ich ganz einfach, ohne ihn zu fragen, herausfinden könnte, wie alt er war.
Dass er wusste, wie alt ich war, konnte ich mir denken - immerhin hat er ja bereits meinen Personalausweis mit diesem schrecklichen Foto darin gesehen.
"Wie alt ist deine Schwester noch mal?", hakte ich nach und tat so, als hätte ich das vergessen.
Er antwortete prompt. "Zwei Jahre älter."
Mist, das ging dann wohl in die Hose.
"Ach so", sagte ich, etwas peinlich berührt, und fühlte mich ein wenig dumm, wofür er mich nun vermutlich auch hielt. Und für unaufmerksam wohl noch dazu. "Und wann hat sie Holly bekommen?"
Er lachte. "Na, vor fünf Jahren."
Dieser Kerl war aber auch nicht zu knacken. Ich warf ihm einen kurzen, unzufriedenen Blick zu, bevor ich mich wieder besann und versuchte, so gleichmütig wie möglich zu gucken.
Die Frage seines Alters nagte an mir. Nun, da ich wusste, dass er absolut informationsundurchlässig war, natürlich noch viel mehr als zuvor.
Er musterte mich prüfend und legte dann seine Gabel neben seinen Teller auf die Serviette.
"Emily." Seine grünen Augen funkelten amüsiert, als ich mich ihm zuwandte und ihn fragend ansah.
"Kann es sein, dass du gerade versuchst, herauszufinden, wie alt ich bin?", grinste er.
Ich wurde rot und fing an, rumzustottern. Ich war wirklich leicht zu durchschauen, das musste ich irgendwie ändern! Am besten so schnell wie möglich.
Er achtete nicht auf meinen stammelnden Protest. "Ich bin 25. Warum hast du nicht einfach direkt gefragt?", wollte er freundlich wissen.
"Ich wollte nicht unhöflich sein", druckste ich beschämt herum, immer noch peinlich berührt, dass er mich so einfach geknackt hatte, obwohl das eigentlich MEIN Plan gewesen war.
Er verkniff sich ein Lachen. "Ich dachte, dieses Tabu würde nur für Frauen gelten?"
"Und für alte Menschen", fügte ich schnell hinzu, erleichtert, dass er das nicht allzu eng sah. Und dann biss ich mir wieder erschrocken auf die Unterlippe. Dachte ich eigentlich jemals nach, bevor ich meinen großen Mund aufmachte?!
Er hob eine Augenbraue. "Soll das etwa heißen, ich sei alt?"
Oh Gott... Du dumme Kuh, schimpfte ich mich innerlich und schüttelte schnell den Kopf. "So meinte ich das nicht", beeilte ich mich hastig zu sagen und stotterte noch ein paar Entschuldigungen hinterher, als ich sein Grinsen bemerkte, das er verzweifelt und erfolglos zu unterdrücken versuchte.
Ich unterbrach mich und warf ihm einen empörten Blick zu. "Du nimmst mich auf den Arm", warf ich ihm vor und sein Lächeln wurde breiter.
"Ein bisschen", gab er mit einem hilflosen Schulterzucken zu, doch es fiel mir auf, dass er sich nicht dafür entschuldigte. "Sei nicht böse", bat er mich stattdessen lächelnd und mein Widerstand schmolz mal wieder dahin, genauso wie ich selbst auch - wie Margarine in der heißen Mittagssonne.

Als er mich nach Hause brachte, beschäftigte ich mich mit der Frage, inwieweit der Altersunterschied von vier Jahren relevant war. Ein bisschen schüchterte es mich ja schon ein, wie viel Erfahrung und Weisheit musste er mir voraus haben? Aber er war nicht einer dieser sprunghaften Jungen, die ich noch aus der Schulzeit kannte, und das war gut.
Ich hatte noch nie einen vier Jahre älteren Freund gehabt. Sean schien so verantwortungsbewusst und reif, dass ich mich in seiner Gegenwart so sicher vorkam, aber andererseits auch irgendwie kindisch und klein, vor allem, wenn ich mit Sand im Gesicht, als sei ich gerade dem Sandkasten entstiegen, vor ihm stand oder gegen die dämliche Bande beim Schlittschuhlaufen fuhr. Allerdings war das auch schon so gewesen, bevor ich wusste, wie alt er war.
Also, beschloss ich, machte der Altersunterschied gar nichts. Es wäre sowieso egal, denn ob er nun vier Jahre älter oder jünger war, ich war ihm so oder so schon hoffnungslos verfallen.
Nach diesem schönen Nachmittag mit ihm schwebte ich wie auf Wolke sieben. Er hatte seine Mittagspause um eine halbe Stunde verlängert – unerlaubt - um noch gemütlich den Kuchen aufzuessen und mich nach Hause fahren zu können, obwohl ich ihm natürlich versicht hatte, dass das nicht nötig wäre. Er wollte nichts davon wissen und außerdem hatte es wieder zu regnen angefangen. Aprilwetter halt.
Als ich meine Tür aufschloss, kribbelte es in mir bei dem Gedanken daran, was sich vor zwei Tagen dahinter, in meiner Wohnung, abgespielt hatte und unweigerlich stellte ich mir die Frage, ob heute, genauer gesagt jetzt gleich, eine Wiederholung all dessen drin war.
Ich trat ein und hielt ihm die Tür auf, doch er folgte mir nicht, sondern legte den Kopf schief und blickte die Fußmatte an. Dann beugte er sich runter und hob einen zusammengefalteten, weißen Zettel auf, den ich gar nicht gesehen und wahrscheinlich darauf rumgetrampelt hatte.
"Hier ist etwas für dich", sagte er und kam in meine Wohnung. Ich schloss die Tür und nahm ihm den Zettel ab.
Da er nicht in einem Umschlag steckte und auch sonst nichts drauf stand, nahm ich an, es wäre vielleicht eine Nachricht von einem der Nachbarn.
Ich faltete ihn auf und las. Sean stand schräg hinter mir und konnte über meine Schulter wunderbar mitlesen.
Er sog hörbar die Luft ein und griff nach dem Zettel, während ich mir verwirrt mit einer Hand die Haare aus dem Gesicht strich.
Es war eine einfach verständliche Nachricht, wahrscheinlich am Computer geschrieben und ausgedruckt.

"Ich beobachte dich. Pass auf, was du tust."

Unterschrieben war sie natürlich nicht.
"Was bedeutet das?", wollte ich verblüfft wissen. "Ist das ein Scherz?"
Er musterte mich kurz, sein Gesicht ernst und angespannt.
"Klingt eher nach einer Drohung, Emily", versuchte er mir vorsichtig beizubringen und wartete auf ein Zeichen eines hysterischen Anfalls oder etwas ähnlichem.
Ich schüttelte verwundert den Kopf. "Quatsch. Wer sollte mir drohen und warum? Das ist sicherlich nur ein Kinderstreich."
Ich klang ganz selbstsicher, als ich das sagte. Es stimmte doch. Wieso sollte mir irgendwer drohen und warum und wer überhaupt? Ich hatte doch gar nichts Falsches gemacht, niemanden verärgert und eine absolut blütenweiße Weste. Ich hatte mir nichts vorzuwerfen.
"Das muss irgend so ein dämlicher Kleinjungenstreich sein", winkte ich ab und nahm Sean den Zettel aus den Händen, um ihn zu zerknüllen und anschließend in den Papierkorb zu schmeißen.
"Bist du sicher?", wollte er besorgt wissen. "Viele nehmen so was nicht ernst und dann..." Er brach ab und ich war ganz froh drum, dass er nicht weitersprach. Das wollte ich gar nicht wissen. "Sollten wir das nicht lieber überprüfen?"
Ich schüttelte den Kopf. Was sollte die Polizei schon tun? Es war schließlich nur ein Stück Papier. Aber Sean sah so besorgt aus, dass ich das Verlangen verspürte, ihn zu beruhigen und zu trösten.
"Das passiert mir ständig", log ich grinsend. "Es ist wirklich nicht der Rede wert!"
Seine Augen verengten sich zu kleinen Schlitzen. "Du wurdest schon öfter bedroht?", wollte er nun wissen, nicht mehr besorgt, sondern hochgradig alarmiert. Da hatte ich mal wieder die falschen Worte gewählt, ich Hornochse. Gleich würde er eine ganze Armee bei mir einmarschieren lassen und mich in Schutzhaft stecken, wenn ich die Sache nicht sofort wieder bereinigte.
"Äh, ich meine", stammelte ich, "die Jungs von oben haben 'nen echt fragwürdigen Humor, ehrlich", beteuerte ich, kurz vor einem Schweißausbruch, und grinste ihn unsicher an.
"Ach ja?", wollte er misstrauisch wissen. Ich nickte. "Vielleicht solltest du mal mit den Eltern reden...?"
Er sah zwar immer noch nicht so aus, als ob er mir hundertprozentig glaubte, aber das war besser als nichts.
"Gute Idee!", rief ich begeistert und absolut nervös, als wäre ich selbst nicht darauf gekommen und hörte das zum ersten Mal. Ich kam mir vor, wie eine totale Idiotin. "Das werde ich gleich machen!"
Er studierte mich kurz, dann musste er schief grinsen. "Du bist mir vielleicht ein Exemplar...", sagte er mit absolut sanfter Stimme, sodass es fast klang, wie ein Kompliment, und sein Ausdruck wurde dabei wieder viel weicher.
Wie er mich so ansah, wurde mir ganz mulmig zu Mute und tausend Schmetterlinge regten sich in meiner Bauchgegend.
"Du kommst zu spät zur Arbeit", erinnerte ich ihn mit piepsiger Stimme, als er mir eine Hand auf die Wange legte, mit dem Daumen drüberstrich und diese schließlich in meinen Nacken wanderte, während er mich an sich zog und mir auf halben Wege entgegenkam.
Unsere Lippen trafen sich zu einem Feuerwerk, in meinem Nacken kribbelte es angenehm und unbewusst hielt ich mich an seinem Hemd fest, während ich mich ihm auf Zehenspitzen entgegenstreckte.
Als er von mir abließ, war ich schon wieder ganz benommen und irgendwo in einer wolkenweichen, himmelblauen Parallelwelt.
"Wenn so was aber noch mal passiert, dann lässt du es mich wissen, in Ordnung?", versicherte er sich, wieder ganz geschäftsmäßig.
Ich nickte taumelnd und rang mir ein beduseltes, dämliches Lächeln ab. Problem war nur, ich konnte gar nicht mehr aufhören, zu lächeln.
Als er ging, sagte er doch tatsächlich die vier Worte, die auf Platz drei einer jeden Frau standen, gleich nach "Ich liebe dich" und "Willst du mich heiraten?": "Ich ruf dich an."
"Okay", erwiderte ich in pseudotrunkener Glücksseligkeit und schloss die Tür hinter ihm.
Ich war nicht blöd. Ich wusste, dass ein "Ich ruf dich an" nicht gleichbedeutend mit der Tatsache war, dass das gegenwärtige Objekt der Begierde es auch tatsächlich tun würde.
Aber Sean würde, da war ich mir sicher.
Na gut... vielleicht war ich doch blöd. Welche Frau war sich schon mal NICHT sicher gewesen, dass das gegenwärtige... und so weiter, sie tatsächlich anrufen würde?
Aber, wirklich, ich war mir absolut sicher!


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