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Every Little Thing

von  -Moonshine-

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Kapitel 4: Couldn't Resist You

Natürlich hatte ich in der Nacht nicht viel Schlaf bekommen, also stand ich bereits früh auf und machte mich fertig. Nach einem kurzen Frühstück - bestehend aus einem Käsetoast während der Acht-Uhr-Nachrichten - brachte ich meine Wohnung in Ordnung.
Viel war nicht zu tun, da nach meinem gezwungenen Frühjahrsputz letzte Woche alles noch an seinem rechtmäßigen Platz lag.
Ich wischte also halbherzig den Staub von den Regalen und saugte kurz durch.
Im Fernsehen lief auch nichts Gutes und auf ein Buch konnte ich mich nicht konzentrieren.
In meinem Kopf rasten die Gedanken nur so durcheinander. Obwohl ich mich nach Außen hin ganz ruhig und konzentriert gab, war ich innerlich sehr aufgewühlt.
Ich wusste nicht, ob ich mich freuen oder bangen sollte, denn einerseits war der gestrige Abend wirklich toll gewesen - zumindest bis zu meinem oberpeinlichen Unfall - andererseits aber hat Sean keine Anstalten gemacht, mich wiedersehen zu wollen.
Dann allerdings hatte er mir einen Handkuss gegeben, schoss es mir erfreut durch den Kopf, gefolgt von Zweifel: was bedeutete das? Bedeutete das überhaupt etwas? Wollte er bloß nicht unhöflich sein und einfach so sang- und klanglos verschwinden?
Ich wurde fast verrückt, denn genau das war es, was mir immer wieder durch den Kopf ging - und zwar in Endlosschleife. Es war einfach anstrengend und ermüdend.
Ich beschloss, nicht den ganzen Tag zu Hause herumzulungern und mich stattdessen etwas abzulenken.
Es war zwar noch früh, aber die Läden hatten schon offen. Ich hatte sowieso noch ein paar Besorgungen zu erledigen.

Als ich mittags zurückkehrte, war ich schon reichlich müde und beschloss, ein kleines Nickerchen zu halten. Wenn es nachts nicht klappte, dann musste eben der Nachmittag herhalten.
Schnell verstaute ich die Lebensmittel im Kühlschrank und packte meine neue Leselampe aus, platzierte sie auf dem davor vorgesehenem Platz auf dem Schreibtisch, der seit etwa einer Woche leer stand. Zufrieden mit dem Ergebnis warf ich mich einfach so, wie ich war - in Jeans und Pullover - auf das Bett und schloss genüsslich die Augen. Nachdenken wollte ich jetzt nicht und am besten wäre es, ich würde gar nicht erst damit anfangen.
Leider klingelte das Telefon und machte mir einen Strich durch die Rechnung.
Verwirrt durch das Klingeln sprang ich auf und stellte fest, dass ich bereits 25 Minuten geschlafen hatte - ich hatte gar nicht mitbekommen, wie die Zeit vergangen war! Als mir klar wurde, dass es das Telefon war, das mich mit dem schrillen Klingeln aus dem Dämmerschlaf geholt hatte, hob ich ganz aufgeregt den Hörer ab.
"Hallo?"
"Ich bin's", kam es nur fröhlich vom anderen Ende der Leitung - die sich in Südafrika befand.
Ich sackte ein wenig in mir zusammen und versuchte, die Enttäuschung nicht allzu stark aufwallen zu lassen.
"Jo", entfuhr es mit tonlos.
"Sehr begeisterte Begrüßung", lachte sie, ganz und gar nicht beleidigt angesichts meines dummen Verhaltens. Immerhin war es fast eine Ehre, dass sie sich an zwei Tagen hintereinander bei mir meldete! Und ich Depp hatte nicht mal ein paar freudige Worte dafür übrig.
"Hast wohl wen anders erwartet, was?", lauerte sie mir hinterlistig auf und ich hörte sofort auf, meine Reaktion auf ihren Anruf zu bereuen. Das war's dann wohl mit "Nicht-Nachdenken". Vielen Dank auch!
"Eigentlich nicht", log ich stattdessen und versuchte, das Thema zu wechseln, indem ich sie fragte, wie es ihr ging.
"Wie immer, lenk nicht ab", erwiderte sie darauf nur, heiter wie eh und jäh. Manchmal fragte ich mich, ob sie überhaupt irgendwann mal niedergeschlagen oder frustriert war. Ich hatte sie zumindest noch nie in so einem Zustand erlebt.
"Und, wie war's gestern?", hakte sie nach, als ich schwieg, in Gedanken versunken.
Obwohl ich eigentlich nicht hatte darüber reden wollen, überkam mich plötzlich das dringende Bedürfnis, mich meiner besten Freundin anzuvertrauen.
"Ich weiß nicht...", sagte ich skeptisch, zögerlich. "Es war ziemlich... kurz..."
Ein gedämpftes Lachen kam aus der Leitung. "Kurz? Wie bitte? Was genau?" Joanna amüsierte sich köstlich und kicherte immer noch, als ich hastig eine Erklärung hinterher schob.
"Der Abend, meine ich."
Wir schwiegen einige Sekunden, dann erbarmte sie sich zu fragen: "Warum denn?"
"Tja, weil..." Zögernd hielt ich inne. Das hier würde mich mein Leben lang verfolgen, dafür würde sie schon sorgen. "Also, ich hatte einen kleinen Unfall..."
Sie prustete los, wie erwartet. Ja, ich war ein wirklich guter Entertainer, meine Freundin jedenfalls schien aus dem Lachen gar nicht mehr herauszukommen.
"Das ist doch nicht zum Lachen", keifte ich ein wenig gereizt. "Das hätte auch schlimm ins Auge gehen können!"
Sie zeigte sich kein bisschen beeindruckt. "Aber du bist zu Hause und nicht im Krankenhaus, also geht's dir gut", schlussfolgerte sie, scharfsinnig wie immer. "Das hat höchstens dein Ego angekratzt, wie ich sehe." Sie kicherte wieder. "Also, was ist passiert?"
"Ich bin gegen die Bande gefahren...", murmelte ich leise, in der Hoffnung, sie könnte es nicht hören. Konnte sie aber.
"Typisch du", sagte sie leichthin und ich konnte vor meinem inneren Auge sehen, wie sie gleichmütig die Schultern zuckte. "Daran muss sich dein Typ wohl gewöhnen. Wie heißt er eigentlich?"
"Sean", sagte ich automatisch und fügte noch hinzu: "Er ist nicht 'mein Typ'." Obwohl ich nichts dagegen hätte...
"Ich wette, du hättest nichts dagegen", stellte Jo fest. Verdammt! Sie kannte mich viel zu gut!
Ich ignorierte sie. "Wahrscheinlich findet er mich nach dieser peinlichen Aktion sowieso etwas merkwürdig", gestand ich zerknirscht meine Ängste ein. "Und will sicherlich nichts mehr mit mir zu tun haben..."
"Ach, so ein Quatsch", widersprach Jo energisch und fröhlich wie immer. "Ich bin ja auch noch mit dir befreundet."
Ich verdrehte die Augen, was sie zum Glück nicht sehen konnte. Was für ein schlagkräftiges Argument. Irgendwo am Rande fiel mir auf, dass sie nicht gesagt hatte, ich wäre nicht merkwürdig, sondern nur, dass sie "trotzdem" mit mir befreundet war, doch ich wischte den Gedanken schnell beiseite.
"Das kann man wohl kaum miteinander vergleichen", giftete ich etwas frustriert, weil sie mich ganz offensichtlich nicht zu verstehen schien. Jo machte es sich immer zu einfach. Wo ich fiebrig überlegte und mir den Kopf zerbrach, war sie einfach mit Gleichmut gesegnet, lachte, unterbreitete anderen ihre äußerst eigensinnigen Standpunkte und für sie war die Sache dann gegessen. Und, wie sollte es auch anders sein, lösten sich ihre Probleme in Luft auf, während ich von meinen erschlagen wurde. Immer und immer wieder...
"Warum denn nicht?", flötete sie wieder gedankenlos. Irgendwie war das Gespräch bis jetzt mehr als nichtssagend verlaufen. Ich wollte mich nicht mit Jo streiten, schon gar nicht angesichts der Tatsache, dass sie meilenweit von mir entfernt war und ich nicht wusste, wann das nächste Telefonat stattfinden würde, um mich wieder mit ihr vertragen zu können.
"Jedenfalls", kam ich wieder sachlich auf das eigentliche Thema zurück, "hat er mich schon nach eineinhalb Stunden nach Hause gefahren und nichts mehr gesagt."
"Nicht mal 'Tschüss'?", witzelte sie und brachte mich dazu, eine genervte Grimasse zu schneiden. Ich überging das einfach.
"Du weißt schon, kein zweites Treffen oder so. Obwohl ich auch nicht wüsste, ob ich das überleben würde..."
"Ist das wichtig?", fragte sie nachdenklich.
"Was?" Ich war verwirrt. Was war wichtig? Ob ich es überleben würde?
"Dass er dich nicht gefragt hat. Hast du nicht gesagt, du empfindest nichts für ihn?"
Ich schluckte hart. Das hatte ich tatsächlich. Und irgendwie nagte es an mir...
"Na und", erwiderte ich störrisch und fühlte mich wie ein sturer Esel, der nicht zugeben wollte, dass er im Unrecht war. "Das tu ich ja auch nicht, aber..."
"Aber?", unterbrach Jo mich wieder mit ihrem lauerndem Tonfall. Jetzt saß ich in der Falle und wir beiden wusste es.
Ich gab auf. "Ich weiß es nicht", gab ich ehrlich zu und fügte verzweifelt hinzu: "Aber ich würde es gerne rausfinden..."
Das schien ausschlaggebend zu sein, denn Jo war plötzlich nicht mehr zum witzeln aufgelegt, sondern ganz ernst und bei der Sache. "Warte doch erst mal ab. Es sind keine 24 Stunden vergangen und du machst dir schon in die Hose. Stell dich gefälligst nicht so an."
Und sie hatte mal wieder Recht. Ich benahm mich wie ein kleines, unreifes Kind. Ich sollte nicht auf irgendeinen Anruf warten und eine eventuelle Abfuhr erhobenen Hauptes einstecken, als wäre nichts gewesen. Als kümmerte es mich nicht im Geringsten...
Einfacher gesagt als getan, weil es mich doch kümmerte, mehr, als ich zugeben würde.
"Abwarten und Tee trinken. Ich bin schon gespannt, was du sonst noch so erlebst." Jo war wieder zu ihrem normalen Selbst zurückgekehrt und lachte heiter in den Hörer hinein.
"Wie geht's eigentlich dir? Wann kommst du zurück?" Ich wechselte das Thema, aber ich vermisste Jo wirklich hier an meiner Seite. Die Filmabende, die sonntäglichen Frühstücksgelage in unserem Lieblingscafé in der Altstadt, die Shoppingtouren, die Rückendeckung... aber mehr als alles andere vermisste ich ihren Frohmut, denn egal, wie sehr sie sich auch bemühte, mich aus dem fernen Afrika aufzumuntern, war der Effekt doch um einiges bedeutsamer, wenn ich sie von Angesicht zu Angesicht vor mir stehen sah.
"Das weißt du doch", sagte sie mild. "Zwei Monate noch."
Zwei Monate... da konnte ja alles passieren! Oder nicht passieren...
"Das ist zu lang...", jammerte ich, gerade so, als würde das irgendetwas an der Sachlage verändern.
Jo schwieg eine Weile. Hatte ich etwas Falsches gesagt?
"Ich vermisse euch auch alle", gestand sie dann, etwas leiser. "Aber die zwei Monate sind im Nullkommanix um, versprochen. Dann holen wir alles nach." Und sie lachte wieder.
Ich rang mir ein dünnes, gequältes Lächeln ab. Ich saß hier, in meinem Selbstmitleid versunken und dachte gar nicht daran, dass es ihr vielleicht noch schlimmer erging. In einem fremden Land und ganz allein. Es musste schrecklich sein, so lange so weit weg von seiner Familie, seinen Freunden, seinem Freund zu sein... Und hier saß ich nun und ließ mich von ihr aufheitern, obwohl ich eigentlich gar kein Recht hatte, mich zu beschweren. Alles war in bester Ordnung. Ich kam mir unheimlich egoistisch vor und mein schlechtes Gewissen rebellierte bereits.
"Ja, bestimmt." Ich nickte, in dem Bestreben, nun sie ein bisschen aufzuheitern. "Es heißt doch, je älter man wird, desto schneller vergeht die Zeit." Ich grinste.
"Was soll das denn heißen?", wollte Joanna sofort skeptisch wissen. "Willst du mir etwa einen Strick daraus drehen, dass ich fast ein Jahr älter bin als du?"
Ich konnte praktisch vor meinem inneren Auge sehen, wie sie argwöhnisch eine Augenbraue hob und das Münztelefon anstarrte statt meiner.
"Ganz und gar nicht", antwortete ich gut gelaunt und wusste, dass sie mir nicht glaubte. Aber wenigstens hatte ich sie und mich auf anderen Gedanken gebracht.
"Na klar", spottete sie. "Aber ich muss jetzt aufhören, meine Telefonkarte läuft bald aus."
"Na gut. Ich wollte sowieso eine Runde schlafen." Wie aufs Stichworte ließ ich mich zu einem langen Gähnen hinreißen.
"Na dann gute Nacht", grinste Jo. "Ich meld mich nächsten Monat."
Nächsten Monat... noch eine Ewigkeit bis dahin.
"Okay. Bis dann."
Ich legte auf und schaute mich einen Moment lang im Zimmer um. Das Gespräch mit Jo und mein schlechtes Gewissen hingen noch immer über mir wie eine Regenwolke, aber dann musste ich noch einmal gähnen und entschied mich dafür, meinen verdienten Schlaf nachzuholen.
Ich ließ mich auf's Bett fallen und versank mit dem Kopf in die weichen Kissen, schloss die Augen und -
Das Telefon klingelte.
Verwirrt blinzelte ich. Ich war wirklich müde. Wirklich! Und langsam wurde ich wütend...
Unzufrieden schnappte ich mir den Hörer, den ich auf dem Nachtschränkchen abgelegt hatte, und drückte auf die grüne Taste, um das Gespräch anzunehmen. Das konnte doch nur Jo sein, sie vergaß ständig etwas und rief Sekunden später wieder an.
"Jo", knurrte ich missmutig. Ich hatte ihr doch gesagt, ich gehe ins Bett!
"Nein, hier ist Sean", meldete sich eine etwas verwirrte Männerstimme. Eine Männerstimme, die mein Herz höher schlagen ließ!
In Sekundenschnelle saß ich aufrecht im Bett und presste das Telefon so nah an mein Ohr, das ich es ganz plattdrückte - mein Ohr, nicht das Telefon.
"Hallo", piepste ich aufgeregt. Zu meinem eigenen Missfallen hatte ich mal wieder einen Frosch im Hals und musste mich erst mal räuspern. "Hier ist Emily", fügte ich überflüssigerweise hinzu.
Er lachte leise und mein Herz pochte schneller. "Das dachte ich mir schon."
Einen kurzen Moment herrschte Stille zwischen uns, gerade mal so lange, wie ich Zeit hatte, mich zu fragen, was er wohl von mir wollen könnte. Dann redete er schon wieder weiter.
"Hören Sie, Emily..." Er stockte, schien zu überlegen. "Haben Sie kurz Zeit? Ich habe gestern etwas vergessen und würde gerne kurz vorbeikommen, wenn es Ihnen nichts ausmacht?"
Da war ich baff. Etwas vergessen?
"Nein, natürlich nicht", beeilte ich mich schnell zu sagen, noch bevor ich richtig überlegen konnte. "Ich meine, natürlich macht es mir nichts aus." Meine Worte überschlugen sich fast, so hastig hatte ich sie ausgesprochen. Ich war ganz aufgeregt, mein Puls hatte sich mindestens um das zweifache beschleunigt, in weniger als einer Minute. Das musste mir erst mal einer nachmachen! Die Aussicht, ihn heute noch zu sehen, wenn auch nur ganz kurz, ließ mich alles um mich herum vergessen - das Telefonat mit Jo, mein schlechtes Gewissen, meine Müdigkeit.
Ich stand rasch auf und warf einen Blick in den Kleiderschrankspiegel. Eine Haarbürste war dringend gefragt, aber ansonsten hatte ich noch immer die Kleidung von heute Morgen an. Die konnte bleiben. Ich würde mich jawohl kaum in ein enges Negligé schmeißen und ihm halbnackt die Tür öffnen. Fast musste ich bei dieser absurden Vorstellung laut lachen, als mir einfiel, dass ich ihn immer noch am Telefon hatte.
"In Ordnung", sagte er etwas zögerlich. "Ich bin in Kürze da."


Ich öffnete ihm die Tür, als er leise anklopfte. Wieder einmal vollkommen überrascht von seinem Anblick begann mein Herz, unregelmäßig in meiner Brust zu trommeln. In meinen Erinnerungen sah er nicht halb so gut aus, wie jetzt, als er vor mir stand.
Ich rang mir ein verwundertes "Hallo" ab, war mir doch der Grund für seinen Besuch bei mir vollkommen schleierhaft. Er hatte am Telefon nichts genaues verlauten lassen und ich habe mir die ganze Zeit Gedanken darüber gemacht, was er wohl vergessen haben wollte. Vor allem bei mir - wo er doch gestern gar nicht in der Wohnung gewesen war!
"Hallo", sagte er mit einem angespannten Lächeln. Täuschte ich mich, oder war er etwas unruhig?
"Kommen Sie doch rein", bat ich, da er nichts unternahm und einfach nur so vor der Tür herumstand, ohne etwas zu sagen. Ich konnte ihn ja schlecht dort stehen lassen.
Er trug eine leichte, graue Jacke und eine Jeans, woraus ich schloss, dass er weder von der Arbeit kam, noch zur selbigen unterwegs war. Ich wusste nicht, ob ich eine Waffe in dieser Wohnung dulden könnte, zumindest nicht privat. Sie könnte ja losgehen... sie WÜRDE bei meinem Glück auch noch losgehen.. Herrje. Bei dem Gedanken daran und an das viele Blut - mein Blut - wurde mir ganz schlecht.
Sean trat ein und schloss die Tür hinter sich, dann fixierte er mich wieder mit seinen hübschen, grünen Augen.
"Sie sehen müde aus", stellte er fest. Erwischt!
Ich lächelte ertappt. "Ich musste früh aufstehen", log ich. Ich konnte ihm ja kaum sagen, dass ich wegen ihm kein Auge zugetan habe! Schon die zweite Nacht.
Er nickte und sah mich wieder schweigend an, während ich mich unter seinem Blick mehr und mehr unwohl fühlte.
"Hören Sie... wollen Sie sich nicht setzen?", bot ich an und machte eine ausschweifende Handbewegung Richtung Bett. Ups. Hoffentlich würde er das nicht falsch verstehen...
Ich hatte eine Ein-Zimmer-Wohnung. Meine Couch war also gleichzeitig mein Bett... oder sollte ich besser sagen, mein Bett war meine Couch? Er warf einen Blick in die Richtung und schüttelte den Kopf.
"Nein, ich muss gleich wieder weg... Ich wollte nur kurz vorbeischauen, um..."
Er unterbrach sich und ich wurde langsam wirklich unruhig. Unbewusst knete ich nervös meine Hände, bis ich merkte, wie sein Blick darauf fiel und er lächelte. Sofort hörte ich auf und errötete ein wenig.
"Um...?", hakte ich schnell nach, um ihn von meiner Nervosität abzulenken, was zu klappen schien. Allerdings schien er sich jetzt seiner Sache viel sicherer und gar nicht mehr so zögerlich wie eben noch.
"Eigentlich wollte ich sie nur fragen, ob sie im Kindergarten eine Mittagspause haben", erklärte er. "Dann könnte ich sie zum Mittagessen einladen. Montag", fügte er noch hinzu.
Ungläubig blickte ich zu ihm auf und er lächelte hoffnungsvoll zu mir herunter.
"Ähm, nein, so was haben wir nicht", sagte ich schnell, während mir hundert Gedanken durch den Kopf rasten. Juhu, er wollte mich wiedersehen! "Aber ich hab sowieso um 13 Uhr frei, also..." Ich versuchte ein Lächeln und er strahlte.
"Perfekt. Ich hole sie dann also um 13 Uhr ab, wenn's recht ist." Bei allem, was mir heilig war, JA!
Ich nickte nur, während ich innerlich jubelte. Vielleicht, schoss es mir durch den Kopf, vielleicht würde sich ja mehr ergeben als nur ein Handkuss. Bei dem Gedanken musste ich unwillkürlich grinsen und fing dabei seinen irritierten Blick auf. Schnell riss ich mich wieder zusammen.
"Das wäre schön", fügte ich hastig hinzu, während meine Ohren vor Glück regelrecht zu glühen begannen. Diese Verräter...
Da fiel mir noch etwas ein. "Woher haben Sie denn meine Telefonnummer?", fragte ich ahnungslos. Natürlich habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wie man mich finden könnte... Telefonbuch, Auskunft...
"Aus Ihrer Akte." Er grinste schuldbewusst, was mich ins Grübeln brachte.
"Ist das denn erlaubt?" Ich hob eine Augenbraue und musterte ihn prüfend. Dass man irgendetwas aus Polizeiakten für die persönliche Verwendung heraussuchte, konnte unmöglich legal sein.
"Eigentlich nicht." Er lächelte mich noch immer gelassen an. "Werden Sie mich verraten?", witzelte er. "Ich konnte einfach nicht widerstehen."
Während sämtliches Blut in meinem Körper mit 200 Stundenkilometer in mein Gesicht gepumpt wurde, als er mir zuzwinkerte, verlor ich den Kopf, wie immer in Stresssituationen, und bei all den Erwiderungen, die mir darauf eingefallen waren, platzte ich mit der denkbar Peinlichsten heraus: "Ich bin froh, dass Sie das nicht konnten!"
Mit großen Augen starrte ich ihn an, wie er mich überrascht musterte. Schnell senkte ich den Blick und wagte es nicht mehr, ihn anzusehen. Oh Gott! Wofür hielt er mich denn jetzt? Ich konnte mich gar nicht erinnern, wann ich mich das letzte Mal in der Gegenwart eines Mannes so dämlich benommen hatte.
Zu meinem großen Erstaunen lachte Sean nur leise, fast erleichtert. "Ja, ich auch."
Für einen Moment legte sich wieder die unangenehme, erwartungsvolle Stille zwischen uns, doch Sean wusste sie schnell zu durchbrechen.
"Da wär noch etwas...", sagte er, wieder etwas zögerlich, und ich schaute ihn aufmerksam an.
Er kam einen Schritt auf mich zu, beugte sich zu mir herunter, sein heißer Atem streifte meine Wange.
Ich spürte, vollkommen von Sinnen, wie er seine Hand gegen mein Kreuz und mich so näher an sich drückte und das nächste, woran ich mich erinnerte, waren seine weichen Lippen auf meinen.
Er küsste mich! Einfach so, mitten in meiner Wohnung, im Hintergrund lief das Radio, er hatte noch Schuhe und Jacke an und ich hatte zwei Nächte lang nicht geschlafen und trotzdem...

Zu schnell war es wieder vorüber. Er ließ von mir ab, seine Augen funkelten belustigt und ich, hochrot, das Herz bis zum Hals hämmernd, konzentrierte mich auf die Sauerstoffaufnahme, die mein überfordertes Hirn, zu sehr damit beschäftigt, Adrenalin und Glückshormone zu produzieren, in den letzten Sekunden eindeutig vernachlässigt hatte.
Das hatte ich nicht erwartet... Dieser Typ hatte doch echt ein Händchen für solche Überraschungsmomente.
Zu meinem Entsetzen lachte er leise. Ich schaute ihn erschrocken an. War ich so schlecht im Küssen? Lachte er mich aus?
"Sie sehen erschrocken aus", stellte er fest. "Entschuldigung. Aber ihr enttäuschter Gesichtssausdruck gestern, als ich sie nach Hause brachte, ging mir nicht mehr aus dem Kopf..." Ach herrje... er hatte es bemerkt?!
Ich war so leicht zu durchschauen... beschämt starrte ich auf seine Schuhe, meine grauen Zellen hatten sich noch immer nicht von diesem Adrenalinstoß erholt, den er mir da eben verpasst hatte. Ich musste mich erst einmal sammeln.
Er lehnte sich locker gegen die Kante des Schranks, seine Hände in die Jackentasche vergraben. Mir schwirrte angenehm der Kopf.
"Wer ist Jo?", fragte er beiläufig, während er sich interessiert in meiner Wohnung umsah. Am Fenster spazierte gerade langsam meine alte Vermietern mit ihrem Mann vorbei. Sie konnten durch die Vorhänge im Tageslicht nicht hineingucken, aber wir konnten sie wunderbar sehen.
"Und dann sagte ich zu ihr, Peter, also ich sagte zu ihr...", hörten wir ihre eifrige Stimme durch das offene Fenster gedämpft in die Wohnung dringen, während sie wild mit den Armen gestikulierte und ihrem Ehemann irgendetwas zu erzählen versuchte.
"Joanna", korrigierte ich ihn eilig. Er sollte bloß nichts Falsches denken. Dass ich zwei Eisen im Feuer hätte oder so... bis vor einer Woche hatte ich ja weder Eisen, noch Feuer... "Eine Freundin."
"Ah." Er nickt verstehend und wandte sich wieder an mich
"Nachdem wir uns schon geküsst haben und ich einen Einblick in Ihre Unterwäsche hatte..." Bei diesen Worten grinste er frech. "Wollen wir nicht endlich aufhören, uns zu siezen?"
Dieser Mistkerl!
"Das ist echt nicht lustig", erwiderte ich, hochrot und böse, schwer damit beschäftigt, meine Gedanken nicht um den wundervollen Kuss kreisen zu lassen. Die Erinnerung daran war schon schlimm genug, ohne dass er drauf herumtrampeln musste.
"Das tut mir leid." Er lachte erheitert und es klang gar nicht so, als ob es ihm wirklich leid täte. "Ich musste dich doch irgendwie auf mich aufmerksam machen."
"Ich bin auch ohne diese Peinlichkeit auf dich aufmerksam geworden", beschwerte ich mich sofort, ohne zu überlegen, was ich da wieder sagte. Die Blamage meiner Unterwäsche auf dem Boden ließ sich noch schwerer verdauen als der zweifelhafte Einbruch. Jedes Mal, wenn ich daran dachte, hatte ich das dringende Bedürfnis, mir eine Papiertüte über den Kopf zu ziehen, um mein glühendes Gesicht zu verbergen. Peinlicher wäre nur gewesen, nackt dazustehen... Gott, was für eine Vorstellung! Schnell schüttelte ich den Kopf und diesen Gedanken ab.
Er warf mir einen neugierigen Blick zu. Seine grünen, dunklen Augen blitzen vergnügt auf und wurden noch dunkler, als er sich viel zu nah zu mir herüberbeugte.
"Ach ja?" Tja, da es schon mal raus war, gab es kein zurück mehr.
"J... ja", stammelte ich verlegen und versuchte, seinem Blick auszuweichen, was nicht einfach war, denn er war nur wenige Zentimeter von mir entfernt.
"Tatsächlich...", murmelte er leise, fast abwesend, und strich mir mit dem Daumen über die Wange.
Hatte ich gerade noch zu meiner regulären Atmung zurückgefunden, war nun schon wieder Schluss damit.
Seine Hand wanderte in meinen Nacken, unsere Köpfe lagen Stirn an Stirn aneinander und ich schaute ihm direkt in die ernsten, dunklen Augen. Seine Pupillen waren geweitet, schwarz. Und sie waren das Letzte, was ich sah, bevor ich ein zweites, unvergessliches Mal versank, in seinen Lippen, seinen Augen, seinem Duft, seinen Händen...


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