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Every Little Thing

von  -Moonshine-

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Kapitel 1: Almost Miserable

"Guten Tag, ich bin Inspektor Dickinson, das ist mein Kollege Inspektor Blake, wir sind von der Polizei."
Ein älterer Mann, vielleicht in den Endvierzigern, mit ansatzweise grauem Haar und Geheimratsecken, stand vor mir und hielt mir seine Polizeimarke kurz vor die Nase, gerade so, als könnte ich eine echte von einer gefälschten unterscheiden.
Dabei schaute er mich kein einziges Mal an, seine Augen waren bereits in meiner verwüsteten Wohnung und er kramte geschäftsmäßig einen Notizblock und einen Kugelschreiber aus seiner Brusttasche hervor, während ich ihm Platz machte und er eintrat.
Sein Kollege, der sich hinter ihm befand, betrat nach ihm die Wohnung, aber ich beachtete ihn kaum. Stattdessen konzentrierte ich mich ganz allein auf Mr Dickinson, der mir eben so emotionslos seinen Text heruntergeleiert hatte. Er schien ganz kompetent zu sein, vor allem aber machte er der Eindruck, als hätte er das schon tausendmal erlebt und als wäre dieser Einsatz reinste Routine für ihn.
Zum aller ersten Mal drängte sich mir die Frage auf, bei wie vielen Menschen an einem Tag eingebrochen wurde, in dieser Stadt, in unserem Land, auf der Welt? Schnell schüttelte ich diesen Gedanken ab und schaute Trockenpflaume erwartungsvoll an. Meine Situation schien ihn schwer zu langweilen, aber er erschien mir auch nicht sonderlich interessant.

Auch, wenn das alles ziemlich schrecklich und erschütternd und ich noch immer vollkommen außer mir war, war es doch irgendwie spannend. Zum ersten Mal war die Polizei bei mir zu Hause und das nicht, weil ich irgendetwas angestellt hatte!
Nicht, dass ich jemals irgendetwas verbrochen hatte, was die Polizei dazu gebracht hatte, an meine Tür zu klopfen - oder vielmehr an die meiner Eltern.
Durch die Tür kamen noch zwei andere Polizisten hereinspaziert, die nickten mir kurz angebunden zu und gingen dazu über, durch die Wohnung, die ja wirklich nicht sonderlich groß war, zu tigern und nach Spuren zu suchen.
"Das sind die Kollegen von der Spurensicherung", verkündete Trockenpflaume auch sogleich mit seiner rauen, monotonen Stimme. Ein bisschen Mitleid hätte ich schon erwartet, immerhin war ich jung und nun sogar auch noch fast mittellos. Zumindest ohne Laptop, DVD-Player, meiner Leselampe und, was sehr kurios war, meinem neuen Edelstahltopfset!
Dafür hatte ich eine Küche voller zerbrochener Teller, deren Reste immer noch auf den Fließen herumlagen, weil ich ja nichts anfassen durfte, und einem Chaos, mit dem ich wohl für die nächsten drei bis vier Tage bedient war. Klasse. Das ist genau das, was mir noch gefehlt hatte.
Die Einbrecher - Gott weiß, was sie ausgerechnet bei mir, die ich ja nun wirklich nicht sonderlich wohlhabend war, gesucht hatten -, aber hinterlassen haben die - falls es denn mehrere waren, wovon ich ausging -, eine Unordnung, die ich in dieser Form so bis jetzt noch nicht gesehen habe.
Der Gedanke, jemand anderes hätte in meinen persönlichen Sachen herumgeschnüffelt, war viel zu gruselig und zu erschütternd, als dass ich mich damit aufhielt, ihn noch weiter zu vertiefen. Es würde mir dazu sicherlich noch genügend Zeit bleiben, sobald Mr Langeweile persönlich und seine Spurensicherungsfreunde meine Wohnung verlassen und mich allein zurücklassen würden. Wie sollte ich heute bloß einschlafen?

Ich seufzte herzerweichend und ließ den Kopf ein bisschen hängen, um den gefühlskalten Polizisten meine Misere vor Augen zu führen. Vergeblich.
"Schildern Sie bitte den genauen Tathergang", spulte Trockenpflaume ab, als ich einen Blick zu seinem Kollegen warf, der mit dem Rücken zu mir stand und den Spurensicherungspolizisten bei der Arbeit zuschaute. Diese knieten gerade vor meinem Fernsehtisch und leuchteten etwas mit einem roten Lämpchen ab, was mich gewissermaßen sehr faszinierte, doch genaueres konnte ich nicht erkennen, da mir drei breite Männerrücken die Sicht versperrten - Trockenpflaume erforderte auch noch meine Aufmerksamkeit.
"Ähm also... ich weiß nichts über den Tathergang..." Was wollte er eigentlich von mir? Ich stand noch immer neben mir und war bei dem "Tathergang" wohl kaum dabei gewesen, soviel stand jedenfalls fest.
"Ich meine", erklärte er geduldig, mit der gelangweiltesten Stimme der Welt, "schildern Sie einfach, was passiert ist."
Sag das doch gleich, du Dörrobst.
"Äh also..." Ich kramte in meinem Kopf. Was war passiert, was war passiert? "Ich bin nach Hause gekommen." Ich machte eine Pause. Er nickte.
"Und weiter?"
"Und dann... die Tür!" Da fiel es mir wieder ein. Natürlich, die Tür war offen gewesen. Ich schnappte nach Luft bei dieser Erkenntnis. Ich bin bestohlen worden!
"Ich wurde bestohlen!", teilte ich dem schreibenden Trockenobst verwundert mit.
"Was war mit der Tür?" Der Mann ließ sich davon ganz und gar nicht beeindrucken. Verstand er denn nicht, dass hier einer gewaltsam mein Türschloss aufgebrochen hatte, um mich wehrloses Wesen meiner kostbarsten Besitztümer – im Form eines veralteten DVD-Players im Sonderangebot und der ältesten Leselampe der Welt - zu berauben? Und wenn ich früher nach Hause gekommen wäre? Was hätten die mit mir gemacht? Hätten die mir mit einem meiner Edelstahltöpfe eins übergebraten oder hatten die gar... Pistolen dabeigehabt? Ich hätte tot sein können! Und der verflixte Beamte interessierte sich nur für seinen dämlichen Notizblock.

Ich erstarrte, als ich mir vorstellte, wie mir eine Knarre an den Kopf gehalten wurde. Ich und meine ausschweifende Fantasie!
"Vielleicht sollten Sie sich erst mal beruhigen", sagte eine freundliche, bisher noch unbekannte Stimme. Ich starrte den Besitzer dieses wundervollen Wohlklangs an und ich glaube, für einen Augenblick stand mir sogar der Mund offen.
Vor mir stand ein junger, gutaussehender Mann mit kurzen, dunkelblonden Haaren und dunklen, grünen Augen. In seiner Polizeiuniform sah er - im Gegensatz zu Pfläumchen - richtig autoritär und erhaben aus, zugleich hatte er aber etwas Lässiges an sich, wie er da stand, an die Wand gelehnt, und mir aufmunternd zulächelte. Und erst dieser muskulöse Körperbau! Nicht übertrieben, aber gerade richtig, um mich in Verzückung zu bringen. Kein Zweifel: da stand ein echter Mann vor mir.
Wie ein gefrorener Eisblock stierte ihn an, was mir aber gar nicht richtig bewusst war. Die Pistole an meiner Schläfe hatte ich schon längst vergessen, genauso wie den wirklichen Grund für die Anwesenheit dieses Gottes in meiner Wohnung. In meiner Fantasie spielten sich schon wieder ganz andere Dinge ab... wirklich ganz andere Dinge...
"Sie sind nach Hause gekommen", half mir Trockenpflaume, der von meinem Ausflug in unkeusche Gefilde wohl genug hatte, wieder auf die Sprünge und klang dabei tatsächlich etwas ungeduldig. "Was ist dann passiert?"
Zurück in der Realität war ich nun noch verwirrter als ohnehin schon. Irritiert schaute ich von Dickinson zu seinem Kollegen - wie hieß er doch gleich? In meinem Gehirn war nicht so viel Platz für so viele Informationen auf einmal -, und blinzelte.
"Ja, richtig, also äh, ich...", stotterte ich, nervös, da mich Mr Perfect immer noch anschaute, und versuchte, mich zu konzentrieren, was alles noch schlimmer machte. Sich unangenehm seiner Anwesenheit bewusst, versuchte ich, die Erinnerungsreste in meinem Gehirn zusammenzukratzen. "Die Tür war offen und äh..."
Der alte Mann machte sich Notizen. So viel, wie er schrieb, sagte ich genau genommen gar nicht, es sei denn, er schrieb jedes einzelne "äh" mit auf.
"War das Schloss schon vorher kaputt gewesen?", wollte er desinteressiert wissen.
Machte er Witze? So, wie es nun an der Tür hing, hätte ich doch weder rein noch raus gekonnt.
"Natürlich nicht", sagte ich, etwas empört, und bemerkte aus den Augenwinkeln, wie der tollste Polizist der Welt vergnügt grinste. Jedenfalls war ich wieder drin im Geschehen, dank Trockenpflaume, und versuchte, so gut es ging, den umwerfenden Dunkelblonden zu ignorieren, weil er, ähnlich wie Alkohol, nur meine Gehirnzellen vernebelte.
"Ich kam in die Wohnung rein und habe das hier-", ich machte eine ausschweifende Handbewegung, in die ich das Chaos in meinem Zuhause implizierte, "gesehen."
Er notierte sich wieder etwas und blickte nun zu mir auf. Wahrscheinlich das erste Mal, dass er mich direkt ansah. Oder vielmehr: er sah durch mich hindurch.
"Haben Sie Grund zur Annahme, dass irgendjemand irgendetwas in ihrer Wohnung gesucht haben könnte?"
Hortete ich hier Diamanten oder geraubte Dollarnoten, oder was? Schön wär’s!
"Nein."
"Sie haben nichts an dem Zustand der Wohnung verändert, nachdem Sie uns angerufen haben?" Wieso klang der Gute eigentlich dauernd so gelangweilt?
Auf sein Stichwort hin drehten wir drei ums um und beäugten alle das Durcheinander um uns herum.
Trockenpflaume's Blick fiel auf die geschundenen Bücher, Mr Godlike's Blick fiel auf meine - verdammt noch mal! - herumliegende Unterwäsche, da die perversen Säue von Tätern auch meine Schubladen durchwühlt haben - und mein Blick fiel auf Mr Perfect, der eben jene interessiert musterte und auf dessen Lippen ein angedeutetes, amüsiertes Lächeln lag.
Alles Blut in meinem Körper schoss hoch in mein Gesicht - ich glaube sogar, dass meine Zehen ganz taub wurden - und meine Wangen und Ohren glühten plötzlich um die Wette.
"Ich äh... am Telefon hat man mir gesagt, ich soll nichts anfassen", stammelte ich, in einem Versuch, mich vor ihm zu rechtfertigen, obwohl er es doch war, der hier meine Unterwäsche so offensichtlich unverschämt in Augenschein nahm.
Oh Gott, das Ganze war mir so peinlich, dass ich sofort beschloss - nur für den Fall eines zweiten Einbruchs und eines Polizisten, der so attraktiv war -, meine Unterwäsche demnächst irgendwo an einem versteckten Ort aufzubewahren, an den Einbrecher nicht mal im Traum dachten... Vielleicht irgendwo außerhalb der Wohnung also.
Er unterdrückte ein Grinsen, während er mich belustigt musterte und schwieg - wenigstens klebte sein Blick nicht mehr an der Unterwäsche -, und ich versuchte, im Boden ein sich auftuendes Loch ausfindig zu machen, was mir aber leider nicht vergönnt blieb. Immer ich!
Trockenpflaume war auch keine große Hilfe. In seinen kleinen Notizblock vertieft ergriff er wieder das Wort: "Haben Sie vielleicht eine Vermutung über die Identität der Täter?"
Ganz hibbelig durchforstete ich meinen Kopf nach Vermutungen, während Mr Dickinson geduldig wartete und Mr Incredible mich immer noch sehr gutaussehend und leicht grinsend beobachtete, was natürlich nicht gerade zur Besserung der Situation und meiner Zurechnungsfähigkeit beitrug.
"Nein", krächzte ich dann schließlich verzweifelt. "Keine Vermutungen."
Dickinson nickte. Das umwerfende männliche Wesen neben ihm brachte mich hingegen fast aus der Fassung.
"Nun, Miss Jones. Sie sollten sich schnell ein neues Schloss besorgen", riet der geduldige alte Mann. "Wir melden uns bei Ihnen. Mein Kollege wird Ihre Personalien aufnehmen."
Er wandte sich ab, steckte seinen Kugelschreiber wieder in die Brusttasche und gesellte sich zu seinen Spurensicherungskollegen, die anscheinend schon alle Spuren gesichert und das ein oder andere Kabel in so eine von diesen polizeimäßigen Frischhaltefolien gesteckt hatten. Langsam aber sicher wurde ich meinen Besitz Stück für Stück los.
Zögernd wandte ich mich zu seinem Kollegen um und bedachte ihn mit einem unsicheren, misstrauischen Blick. Er lächelte.
"Ihren Ausweis müsste ich sehen", sagte er freundlich. Ich beeilte mich schnell, ihn mit zitternden Fingern aus meinem Portemonnaie zu ziehen und ihn ihm auszuhändigen.
Er schrieb irgendetwas ab und gab ihn mir wieder.
Für einen kurzen Moment schaute er mich einfach nur schweigend an, in seinem Blick lag etwas Abschätzendes. Ich kam mir plötzlich schrecklich unattraktiv vor. Ich hatte nicht einmal die Zeit oder die Idee gehabt, in den Spiegel zu schauen, weil ich so durcheinander gewesen war, meine Haare hingen lose an mir herunter, da es draußen geregnet und ich keinen Regenschirm dabei gehabt hatte, und wer weiß, was in der Zwischenzeit in meinem Gesicht alles für Furunkel aufgetaucht waren? Alles war möglich, zumindest hier und heute und vor allem: bei mir.
Ich senkte schnell meinen Blick und war sehr damit beschäftigt, meinen Pass wieder in das dafür vorgesehene Fach der Geldbörse reinzufriemeln. Wieso ging er nicht einfach und ließ mich mit meinem Elend alleine? Das hier war wahrlich kein Ort für gutaussehende Götter, das hier war eine verwüstete Wohnung eines Pechvogels. Ich musste mich dringend unter meiner Bettdecke verkriechen. Man sollte eine kräftige Portion Selbstmitleid kombiniert mit Schokolade, einem Pyjama und sinnlosen Soaps im Fernsehen niemals unterschätzen.
"Darf ich Ihre Telefonnummer haben?", fragte er wieder mit seiner atemberaubenden Stimme - oder kam es mir nur so vor? - und klang dabei so liebenswürdig, dass ich unwillkürlich wieder aufblicken musste. Telefonnummer?
"Damit wir uns mit Ihnen in Verbindung setzen können", erklärte er hastig, als er meinen fragenden Blick registrierte.
Natürlich. Wofür auch sonst. Unfassbar, dass da eben tatsächlich auch nur das kleine Korn einer Hoffnung in mir aufgekeimt war.
Ich diktierte sie ihm, ziemlich mutlos und demotiviert, in Gedanken schon allein in der Wohnung mit den Artefakten eines Diebstahls. Wenigstens war der Fernseher noch da, wenn ich auch erst mal die Kabel überprüfen musste, denn die wurden ja gewaltsam rausgerissen, als der DVD-Player gekidnappt wurde und den Rest hatten wahrscheinlich die netten Spurensicherer mitgenommen. Na Dankeschön!
"Danke." Er lächelte mir noch einmal aufmunternd zu und schaute mich einen Moment länger an, als nötig gewesen wäre. Sein Blick wirkte auf mich hypnotisch, doch bevor ich vergaß, zu atmen und zurückstarrte, wich ich ihm lieber aus. Ich fühlte mich so elend wie nie zuvor.

Dann ging er aus der Wohnung und ich wollte gerade die Tür hinter ihm schließen, als er sich noch einmal umdrehte, grinste und sagte: "Sie dürfen jetzt übrigens Ihre Wäsche wegräumen."


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