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Every Little Thing

von  -Moonshine-

Prolog: Misfortune

Ich erinnere mich noch an den ersten Tag in dieser Stadt. Ich war gerade umgezogen, um meine Ausbildungsstelle als Erzieherin in dem hiesigen Kindergarten anzutreten, und ich war neunzehn.

Alles war plötzlich so groß und neu. Kein Wunder, ein "Landmädchen" in der Stadt, da muss einem wohl zwangsläufig alles gigantisch vorkommen. Die vielen Menschen, die riesigen Geschäfte. Ich saugte alles auf, alle Eindrücke, versuchte, mir alle Straßennamen und Häuser zu merken, alle Wege und die Standorte vom Postamt, der Bank und anderen, lebensnotwendigen Institutionen.
An meinem ersten Tag - eigentlich an meinem zweiten, denn am ersten war ich mit Auspacken und Möbelrücken beschäftigt gewesen -, bummelte ich durch die Stadt und schaute mir alles neugierig an - den Brunnen auf dem Marktplatz, das große Rathaus, den Bücherladen. Vor allem aber beobachtete ich die Menschen.

Zu Hause hatte jeder jeden gekannt und man kam kaum ungesehen von A nach B, aber hier, hier achtete niemand auf niemanden. Obwohl die Straßen voll mit Menschen waren, fühlte man sich eigenartig allein - und frei.
Ich atmete die Stadtluft ein und fühlte mich plötzlich so viel besser - so viel erwachsener. Die Sonne schien und kein Wölkchen war am klaren, blauen Himmel zu sehen, es war Frühling, draußen war es schön frisch, aber nicht kalt und die Bäume waren dabei, sich in ihrer vollen, grünen Pracht zu entfalten.
Ich schlenderte in der Mitte der Fußgängerzone und fühlte mich so erhaben wie noch nie – es war, als läge die Welt mir zu Füßen -, schaute nach links und rechts, belauschte neugierig Gesprächsfetzen der Menschen, die hastig vorbeigingen. Ich muss unvorstellbar zufrieden ausgesehen haben, weil ich mich auch genauso fühlte.

Ein Pärchen kam mir entgegen. Ein ziemlich gutaussehender, dunkelblonder Kerl, lässiger Gang, schien mit den Gedanken ganz woanders, während seine ebenfalls blonde Freundin, an seinem Arm hängend, ihm irgendetwas erzählte. - ja, regelrecht auf ihn einredete. Sie gingen an mir vorbei und für einen kurzen Moment drehte ich mich um und schaute ihnen hinterher, ein bisschen wehmütig vielleicht. Da waren sie, zwei schöne Menschen, die einander gefunden hatten. Gleich und gleich gesellt sich ja bekanntlich gern, dachte ich noch, seufzte und setzte meinen Spaziergang fort. Ich hatte die zwei genauso schnell wieder vergessen, wie ich sie gesehen hatte.

Die folgenden Monate gestalteten sich als schwierig. Ich hatte irgendwie... Pech. Ich hatte schon immer eher das Gefühl gehabt, nicht gerade vom Glück geküsst worden zu sein, aber was sich hier abspielte, war jenseits meiner Vorstellungskraft.
Ich stolperte in der Öffentlichkeit, was eigentlich nichts Neues war, verpasste ständig irgendwelche Busse oder Züge, zwei Mal ist es mir passiert, dass mir die Einkaufstüte gerissen ist und alle meine Lebensmittel - Tomaten, Äpfel und so weiter - auf die Straße kullerten. Vor allem die Eier ergaben eine riesige Sauerei. Nachdem mein "Ich-habe-eine-Andere"-jetzt-Ex-Freund mich von heute auf morgen sitzen gelassen hat, hatte ich ein paar unglückselige Dates - der Eine ging bereits nach der ersten Viertelstunde auf Tuchfühlung und das nicht gerade auf subtile Weise und der Andere war so ein Pseudo-Intellektueller, der sich einen lächerlichen Oberlippenbart wachsen ließ und mir ständig mit Zitaten von mir unbekannten Schriftstellern kam, dass ich nicht wusste, ob ich eher lachen oder einschlafen sollte.
Ich erinnere mich auch noch an den Rohrbruch - meine ganze Wohnung unter Wasser, wie könnte ich dieses Bild jemals aus meinem Gedächtnis kriegen?
Auf der Abschlussfeier meines Bruder vor nur wenigen Monaten ist mir der Schuhabsatz abgebrochen, ich stolperte, trat auf den Saum meines Kleides und zerriss es - es war ein einziges Desaster.
Erst vorletzte Woche habe ich meinen Schlüssel verloren - oder er wurde mir geklaut - und das allerschlimmste von allem ist: meine beste Freundin war vor kurzem nach Südafrika abgereist, um dort ein Praxissemester zu verbringen. Es war zum Heulen.

Das alles hätte mir eigentlich schon gereicht, doch nun stand ich vor meiner Wohnungstür - meine Wohnung befand sich im Erdgeschoss und ich musste mir nach meinem Einzug ganz schnell Jalousien anschaffen, weil man wunderbar von außen hineinsehen konnte, was die aberwitzige Jugend von heute sich ja auch nicht entgehen ließ -, und wunderte mich: ich hatte die Tür doch zugemacht. Sie war jedoch nur angelehnt und ein schrecklicher Gedanke kroch in meinen Kopf. Mein Puls beschleunigte sich, als mein Blick auf das kaputte Schloss fiel.
Langsam stieß ich die Tür auf, gewappnet für das allerschlimmste, und trat ein.
Das Erste, das ich sah, war die schreckliche Unordnung. Ich war zwar aufräumfaul, aber Sso nun auch wieder nicht... die zerbrochene Vase auf dem Boden, die Bücher, die herumlagen, die rausgerissenen Seiten, meine ganzen Klamotten - die Kleiderschranktüren standen sperrangelweit offen. Auf meinem Schreibtisch fehlte der Laptop, der Fernseher war verrückt worden, hinten hingen herausgerissene Kabel heraus.

Mit zitternder Hand, sprachlos, fassungslos, griff ich nach dem Telefon - es stand noch an seinem Platz.

"Wir schicken sofort einen Einsatzwagen bei Ihnen vorbei."


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