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In Nottingham

von  -Moonshine-

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Kapitel 7: Hurting me, hurting you

Kate wusste nicht, warum sie so früh morgens schon aufgewacht war, nach nur sechs Stunden Schlaf, und sie ärgerte sich darüber - Sonntage waren doch zum Ausschlafen da. Und was sollte man an einem Sonntag Morgen anfangen, wenn man vier Stunden zu früh auf den Beinen war?
Mürrisch kroch sie aus ihrem Bett und warf einen Blick nach draußen.
Alles zugeschneit! Die Bäume, Häuser und die Straße waren mit einer dicken, weißen Schneeschicht bedeckt.
Gegenüber schaufelte ein älterer Mann den Schnee aus der Auffahrt. Er war dick vermummt und trug eine Kapuze über dem Kopf. Seine zwei kleinen Kinder tummelten sich fröhlich im Vorgarten und hatten angefangen, einen Schneemann zu bauen.
Ganz im Gegensatz zu ihrem Vater, der ein genervtes Gesicht machte - wahrscheinlich überlegte er sich, wie er am nächsten Morgen auf den vereisten Straßen zur Arbeit kommen sollte - machten die Kinder einen gelösten und glücklichen Eindruck.
Kate hingegen konnte das kalte, nasse Wetter auch nicht leiden. Es war nicht so, als würde sie den heißen Sommer vorziehen, in dem sich die Mücken an ihren Blut labten und die Straßenbahnen und Busse nach Schweiß stanken, aber sie bevorzugte doch lieber den Frühling und den Herbst - mit dem milden Wetter, weder heiß noch kalt. Die goldene, angenehme Mitte eben.
Zum Glück musste sie morgen nicht früh raus, denn wenn sie sich vorstellte, durch den, vielleicht schon geschmolzenen, dreckigen Schneematsch staksen zu müssen, verspürte sie nur Unlust.
Und selbst wenn der Schnee sich bis morgen hielt - die Straßen würden vereist sein und sie war einer dieser Menschen, die inmitten aller plötzlich ausrutschten und - im besten Falle - peinlich hin und her wankten, um sich doch noch auf den Beinen halten zu können. Im schlimmsten Falle landete sie unsanft auf dem Hintern. Unnötig zu sagen, warum sie den Winter nicht leiden konnte.
Zumindest, solange sie draußen war. Im Haus machte er ihr nicht so viel aus.

Sie wandte sich von dem Fenster ab und beschloss, in die Küche zu gehen und sich Frühstück zu machen. Die Hoffnung, die Welle der Müdigkeit würde noch einmal plötzlich über sie schwappen, hatte sich mittlerweile ganz verflüchtigt und Kate trat seufzend und in ihrem hellblauen Pyjama mit den weißen Sternen drauf den Weg in die Küche an.
Geistesabwesend, mit den Gedanken schon beim Essen, stieß sie die Tür auf und blieb dann wie angewurzelt stehen.
Das Fensterglas glänzte, das Geschirr vom gestrigen Abendessen, das sie und Claire nicht mehr geschafft haben, zu spülen - weil Claire ein riesiges Theater aus ihrem Outfit gemacht hatte - war aus der Spüle verschwunden, die Küche war tiptop aufgeräumt, kein Staub mehr auf dem Fensterbrett und auf dem Radio, die Pflanzen waren gegossen, der Tisch abgeräumt und alle sonstigen Flächen und auch die Herdplatten blitzen wie neu gebohnert.
Doch dann bemerkte Kate noch etwas anderes an ihren nackten Füßen. Sie waren kalt und feucht.
Jemand hatte den Boden geschrubbt und er war noch nicht ganz trocken!
Schläfrig und verwirrt durchquerte sie langsam die Oase der Sauberkeit.
Ein Einbrecher würde wohl kaum die Wohnung putzen, schoss es ihr vorwitzig durch den Kopf. War sie vielleicht selbst schlafgewandelt und hatte alles aufgeräumt? Aber Unsinn - sie war noch nie schlafgewandelt! Es konnte eigentlich nur eine Erklärung geben...

...und die sortierte gerade, als Kate das Wohnzimmer betrat, die Bücher in die Regale neu ein. Und zwar nach Größe.
"Claire?", platze es ungläubig aus Kate heraus. Anscheinend hatte ihre Freundin auch das Wohnzimmer auf Vordermann gebracht, es war gelüftet und frisch und von Staub war weit und breit auch nirgends etwas zu sehen.
Besagte drehte sich erschrocken zu Kate um und musste erst mal tief Luft holen.
"Man, hast du mich erschreckt", beschwerte sie sich leichthin bei Kate, als wäre nichts gewesen und als stände sie nicht am frühen Sonntagmorgen angezogen in Jeans und Pulli hier und räumte fröhlich alles um und ein.
Kate starrte sie entgeistert an und überging diese Bemerkung. "Was machst du denn da?"
"Na aufräumen", erklärte Claire überflüssigerweise, als sei es das Normalste auf der Welt. Sie hatte ihre Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, damit sie sie beim Arbeiten nicht störten.
"Das sehe ich auch", bemerkte Kate trocken, aber immer noch etwas verwirrt. "Warst du etwa die ganze Nacht auf?"
Ohne sich zu ihr umzudrehen, stopfte Claire die letzten zwei Bücher in das Regal und klatschte sich fröhlich in die Hände.
"So, fertig!", rief sie gutgelaunt und wandte sich nun endlich zu Kate um.
"Ich konnte nicht schlafen, weißt du", winkte sie unschuldig ab und grinste, aber das Lächeln erreichte ihre Augen nicht, die seltsam trüb und freudlos aussahen.
"Claire, hör mal...", setzte Kate besorgt an, doch sie wurde von Claire's herzhaftem Gähnen unterbrochen.
"Ich glaube, ich verschwinde ins Bett. Bin ganz schön müde."
Sie huschte an Kate vorbei und war gerade im Begriff, in ihr Zimmer zu verschwinden, als Kate einen Entschluss fasste. Wenn man wusste, dass Claire sonst alles andere dem Putzen vorzog und sich bis zum Letzten weigerte, so schien ihr Verhalten noch sonderbarer.
Und Kate ahnte schon, woran das liegen könnte...
"Wenn du wieder wach bist", sagte sie entschieden und versuchte so zu klingen, als duldete sie keine Widerworte, "müssen wir reden!"
Claire blieb ganz kurz in der Tür zum Flur stehen, drehte sich jedoch nicht um.
Dann drückte sie die Klinke herunter und hob die Hand.
"Nacht", murmelte sie und verschwand.
"Von wegen 'Nacht'", schnaubte Kate leise mit einem Blick zum Fenster hinaus, immer noch beunruhigt, und trottete zum Kühlschrank, um einen Blick hineinzuwerfen.
Aufbackbrötchen, Toast, Käse, Wurst, Butter, Marmelade, Milch, Eier und diverse andere, noch nicht geöffnete, Verpackungen türmten sich aufeinander...
Ihr kam der leise Verdacht, dass Claire heute Morgen auch schon beim 24-Stunden-Supermarkt um die Ecke gewesen war...

Kate goss sich heißes Wasser in ihre Tasse, das vom Teebeutel sofort rot gefärbt wurde, und brachte ihr Frühstück, bestehend aus Tee, einem Käsetoast und einem Marmeladentoast, ins Wohnzimmer.
Sie stellt den Teller und die Tasse auf dem Couchtisch ab. Da ihr heute ein sehr langer und langweiliger Vormittag bevorstand - Claire würde bestimmt nicht vor dem Nachmittag aufwachen - hatte sie sich dazu entschlossen, sich vor den Fernseher zu lümmeln und sich einfach berieseln zu lassen. Lesen war ihr jetzt zu anstrengend und sie brauchte irgendetwas, das sie ablenkte.
Die Bilder von Rachel und dem ihr hinterherlaufenden Jake geisterten immer noch durch Katie's Kopf herum und ließen ihr kaum Ruhe.
Sie lehnte sich zurück und griff nach der Fernbedienung. Sofort sprang der bis dato schwarze Bildschirm an. Ein Nachrichtensprecher erschien auf der Bildfläche, der die Sportergebnisse vom Vortag herunterratterte und Kate darüber hinaus nicht im geringsten interessierte. Sie biss ein Stück von ihrem Käsetoast ab und schaltete um. Zeichentrickfilme.
Nach diversen Anläufen hielt sie dann bei einem nicht allzu alten Film an, der vor ein paar Jahren im Kino aufgestrahlt wurde. Der würde sich sicher sehen lassen.
Kate legte die Fernbedienung weg und in diesem Moment klingelte das Telefon, das ebenfalls auf dem Couchtisch lag. Nach einem kurzen Blick auf das Display stellte sie fest, dass der Anruf aus North Collingham kam - genauer gesagt, war es die Hausnummer ihrer Eltern.
"Hallo?", fragte sie abwesend, den Blick auf den Bildschirm gerichtet, um den Anfang auch nicht zu verpassen. Wenn man bei einem Film den Anfang verpasste, konnte man auch getrost den Rest weglassen!
"Schätzchen, bist du das?", flötete es aus dem Hörer an ihr Ohr und Kate nickte automatisch.
"Ja, Mum. Was gibt's?"
"Geht es dir gut, Katie?", wollte ihre Mutter besorgt wissen. Das war ihr wöchentlicher Anruf und er lief immer gleich ab. "Brauchst du vielleicht irgendetwas?"
"Nein, mir fehlt nichts, ehrlich." Kate nahm einen Schluck von dem heißen Tee und verbrannte sich die Zunge. Typisch, dachte sie, während sie sich über sich selbst ärgerte. Das passierte ihr jedes Mal! Man könnte meinen, sie würde langsam dazulernen, aber nein! An der obligatorischen Zungenverbrennung beim Frühstückstee führte kein Weg dran vorbei.
"Und wie geht es euch?", stellte sie die übliche Frage, um von sich selbst abzulenken. Es gab nicht wirklich viel zu erzählen, es sei denn, ihre Mutter interessierte sich brennend für Claire's und Jake's nicht-vorhandenes Liebesleben, was sie getrost ausschließen konnte.
"Ach, es ist alles beim Alten", seufzte Mrs Winston und für einen kurzen Moment herrschte Schweigen zwischen ihnen. Kate wusste, dass das die Ruhe vor dem Sturm war. Ihre Mutter überlegte nämlich in dieser Zeit, ob und wie viel sie ausplaudern durfte.
Wie zur Bestätigung hörte sie auch sogleich die gedämpfte Stimme Bethany's am Ohr.
"Lizzie überlegt sich, ihren Job bei der Zeitung zu kündigen!", sprudelte es sensationslustig aus ihr heraus. Aber nun war auch Kate ganz Ohr. Das war ja mal was ganz Neues! Liz liebte ihre Arbeit als Journalistin in London!
"Warum denn das?" Kate klemmte sich den Telefonhörer zwischen Schulter und Kopf und fischte nach der Fernbedienung, um den Ton etwas leiser zu stellen. Das hier war viel spannender als jeder Hollywoodstreifen.
"Ach", sagte Bethany und man konnte die wegwerfende Handbewegung, die sie wahrscheinlich dazu machte, fast hören. "Sie behauptet, sie hätte die Schwachköpfe satt und will es bei der Times versuchen, wegen der größeren Aufstiegschancen, aber..."
Wieder legte sie eine Art Kunstpause auf, um die Spannung zu steigern. Es funktionierte. Kate presste sich den Hörer noch fester ans Ohr.
"Dein Vater und ich vermuten eher, dass sie die Nase voll von ihrem Freund hat!", schloss sie triumphierend.
Kate stutzte. Warum sollte Liz ihren Job bei einer Zeitung kündigen und zu einer anderen wechseln, wenn sie doch eigentlich nur ihren Freund loswerden wollte? Aber andererseits... Lizzie's Wege waren schon immer unergründlich gewesen!
"Aaach sooo...", machte sie vorsichtig, da sie von der Theorie ihrer Mutter nicht ganz überzeugt war. "Interessant..."
"Ehrlich, dieses Kind bringt mich noch um den Verstand!", klagte Mrs Winston. "Immer denkt sie sich so einen Schwachsinn aus. Ich hab gesagt, nein Liz, mach bloß keinen Unsinn, wer weiß, ob du überhaupt noch einen Job findest, aber sie hat mich nur ausgelacht. 'Mum', hat sie gesagt. 'Du machst dir zu viele Sorgen.' Aber ehrlich, Katie, die rosigen Zeiten, in denen der Arbeitsmarkt blühte, sind endgültig vorbei, also haltet euch an das, was ihr habt! Und das hab ich ihr auch gesagt und weißt du, was sie dann geantwortet hat?"
Bethany hatte sich so in Rage geredet, dass sie nach Luft schnappen musste. Der anklagende Tonfall in ihrer Stimme ließ Kate fast ein bisschen schmunzeln.
"Nein, was?"
"Sie sagte", regte sich Kate's Mutter auf, "dass das vielleicht 'früher so war'", zitierte sie. "Und dass wir nicht mehr 'im Mittelalter leben', wo man 'eine Arbeit sein ganzes Leben lang ausübt und nicht in den Genuss kommt, richtig zu leben.'" Sie klang ungläubig und zugleich vorwurfsvoll, als sie Liz’s Worte durch die Leitung schmetterte.
Kate bemühte sich, nicht in lautes Gelächter auszubrechen. Das war mal wieder typisch Liz. Diese Sprüche brachte sie andauernd, sie gehörten praktisch schon zu ihrem Repertoire. Ein Wunder eigentlich, dass Mrs Winston sich noch nicht daran gewöhnt hatte, als "mittelalterlich" bezeichnet zu werden.
"Ach, Mum", beschwichtigte Kate ihre Mutter mit einem unterdrückten Lachen. "Du kennst doch Liz. Sie sagt so viel, wenn der Tag lang ist."
Am anderen Ende der Leitung seufzte es schwer. "Ja, du hast Recht, Schätzchen... Und dir fehlt wirklich nichts?"
"Nein, nein. Keine Sorge." Wie konnte ihr hier etwas fehlen, wenn Claire auf nächtliche Streifzüge in Supermärkte ging, um den Inhalt des Kühlschrankes aufzustocken?
"Ich komm euch bald wieder besuchen. Grüß Dad und Danny von mir, ja?"
"Mach ich, Liebes. Und du pass gut auf Claire und vor allem Jake auf."
Kate rollte die Augen. Wenn das so weiterging, müsste jemand auf SIE aufpassen. Und zwar, damit sie nicht den Verstand verlöre!
"Na klar", murmelte sie ins Telefon und legte zeitgleich mit ihrer Mutter auf, platzierte das Telefon neben sich auf der Couch und wandte sich wieder dem Film zu.
Mist, sie hatte wirklich den ganzen Anfang verpasst... vielleicht sollte sie in der Fernsehzeitung nachgucken, worum es überhaupt ging?
Es klingelte schon wieder. Wahrscheinlich hatte ihre Mutter etwas vergessen.
Achtlos nahm sie den Hörer wieder in die Hand und drückte auf die Taste mit dem grünen Telefonsymbol drauf, um den Anruf entgegenzunehmen.
"Mum?", meldete sie sich, während ihre Augen den Raum nach der Zeitung absuchten.
"Höh?", grunze eine männliche Stimme aus dem Telefon.
Kate setzte sich sofort erschrocken auf und lief etwas rosa an. Wie peinlich!
"Oh, Entschuldigung. Wer ist denn da?", fragte sie verlegen.
"Ich bin's doch, Katie, schläfst du etwa noch?", wollte Jake amüsiert wissen, ließ sie aber gar nicht zu Wort kommen. "Ihr wart gestern so schnell weg, ohne überhaupt noch Tschüss zu sagen", sagte er vorwurfsvoll.
Kate schluckte. Jake war wirklich allgegenwärtig. Immer, wenn sie sich einen Tag ohne ihn erhoffte, um ein bisschen Abstand zu gewinnen, tauchte er in irgendeiner Form immer auf - SMS, Email, Telefon oder er stand gar vor ihrer Haustür - es gab anscheinend kein Leben ohne Jake und genau das war es, was Katie Angst einjagte. Was, wenn es wirklich kein Leben ohne Jake gab?
"Ja, wir... waren ziemlich müde und so...", wich sie lahm aus, doch dann fiel ihr wieder ein, dass es ja Jake's und Gabe's Schuld war, weshalb sie so früh gegangen sind und sich nicht einmal verabschiedet haben.
"Na ja, egal. Ich wollte eigentlich nur sagen..." Er zögerte und hielt inne. "Können wir Kino heute verschieben?"
"Kino?", hakte Kate verwirrt nach. Wovon redete er da bloß?
"Es ist der erste Sonntag", half er abwesend nach, wahrscheinlich nebenbei noch mit etwas anderem beschäftigt. Sie hörte ein Klicken im Hintergrund und noch eine andere Stimme. Gabe's.
"Ach ja, stimmt..." Das hatte sie ganz vergessen. Aber der Letzte, den sie heute sehen wollte, war Jake. Der Jake, der gestern Abend wie ein treudoofes Hündchen einer Frau nachgelaufen ist, die ihn mit Füßen getreten hatte. Die Erinnerung daran widerte Kate regelrecht an. Sie mochte Jake in Rachel's Gegenwart überhaupt nicht!
"Bist du böse?", kam es schuldbewusst aus dem Telefonhörer, nachdem Kate nichts mehr sagte.
Anfangs war sie ein wenig irritiert, da sie dachte, er hätte ihre Gedanken gelesen, aber dann wurde ihr bewusst, dass er von dem geplatzten Kinobesuch redete.
"Nein, schon gut. Kein Problem." Sie hätte Jake zu gern die Hölle wegen Claire heiß gemacht, aber heute hatte sie so was von keine Nerven für den Jungen. Alles, was sie wollte, war ein entspannter, jakefreier Sonntag.
"Wir holen das nach, okay?"
"Wie du willst", erwiderte sie lustlos. Im Moment war das Einzige, das sie für ihn übrig hatte, Abneigung. Wie konnte er sich so erniedrigen lassen? Sie konnte nur inständig hoffen, dass Gabe ihm gehörig den Kopf waschen würde.
Jake klang beleidigt. "Du scheinst ja sehr begeistert zu sein!"
Kate seufzte. "Bis bald, Jake", sagte sie entschieden ins Telefon und legte schnell auf, bevor er darauf noch irgendetwas erwidern konnte.
Es tat ihr ein bisschen leid, so gemein zu ihm zu sein, aber sie brachte es nicht über sich, so zu tun, als sei alles in Ordnung. Er sollte ruhig ein bisschen leiden, immerhin tat sie das auch schon seit einer ganzen Weile.

Kurz vor ein Uhr mittags betrat Claire, frisch geduscht und angezogen, das Wohnzimmer, in dem Kate gerade auf der Couch lungerte und ein paar Bücher durchguckte, während im Fernsehen der Musiksender lief.
Schweigend trat Claire näher und setzte sich leise an den Rand des Sofa, woraufhin Kate aufblickte.
"Schon wach?", fragte sie nach einem schnellen Blick auf die Uhr. "Du hast nur fünf Stunden geschlafen."
Claire zuckte die Schultern. Sie sah jetzt noch erschöpfter aus, als am Morgen oder gestern Nacht.
"Sonst kann ich heute Abend nicht mehr einschlafen", meinte sie gleichgültig und schaute eine Weile lang wortlos auf den Fernseher. Ihre Haare waren zusammengebunden und glänzen noch feucht von der Haarwäsche.
Dann wandte sie sich wieder Kate zu, platzierte ihre Beine ebenfalls auf der Couch und rutschte etwas näher, um es sich bequemer zu machen.
Jeglicher Glanz in ihren Augen war erloschen und ihre in sich zusammengesunkene Haltung verriet, wie schlecht sie sich fühlte.
"Alles in Ordnung?", fragte Kate besorgt, klappte die Bücher wieder zu und stapelte sie ordentlich aufeinander.
"Geht schon." Claire zuckte wieder die Achseln und gab sich betont gleichmütig, aber diesmal konnte sie Kate nicht täuschen.
"Ich verfluche Jake", platze es dann plötzlich aus ihr heraus. Kate nickte und rollte mit den Augen.
"Wem sagst du das?", schnaubte sie solidarisch, im Begriff, sich mit Claire gegen den gemeinsamen Feind zu verbünden.
Claire schwieg wieder, also musste sie wohl die Initiative ergreifen.
"Ähm, also um mal auf das Thema Gabe zu kommen..." Sie schluckte. Es war schwierig, ein Thema anzusprechen, von dem sie genau wusste, dass Claire es nicht höre wollte.
Besagte horchte sofort auf und schaute Kate aufmerksam an, was sie aus dem Konzept brachte.
"Es war echt hinterhältig von ihm, einfach dort aufzutauchen, aber..." Sie sprach schnell und hastig. "Meinst du nicht, du könntest ihm IRGENDWANNMAL verzeihen, dass er... na ja, weggefahren ist?" Als sie Claire's prüfenden Blick bemerkte, beeilte sie sich schnell, weiterzusprechen. "Ich meine, du wärst sicherlich auch ins Ausland gegangen, wenn sich die Gelegenheit ergeben hätte, oder? Das ist irgendwie nicht fair, deswegen wütend auf ihn zu sein..."
Kate wagte einen vorsichtigen Blick zu Claire, die sie mit unbeweglicher Miene anstarrte. So etwas wie Verwunderung machte sich in ihrem Gesicht breit.
"Kate...", sagte sie langsam. "Du hast wirklich keine Ahnung, oder?"
Kate war verwirrt. Wovon sollte sie Ahnung haben? Von Claire's Gefühlen? Nun, sie konnte sich gut vorstellen, wie verlassen sie sich gefühlt haben musste... Aber warum konnte sie sich denn nicht für ihn freuen?
"Äh, na ja...", stammelte sie, unwissend, was sie darauf erwidern sollte, doch Claire's schnitt ihr Gestotter ab.
"Ich bin nicht wütend, dass er gegangen ist", erklärte sie verständnislos und schüttelte den Kopf, als würde es vollkommen kindisch und albern sein, wenn dem tatsächlich so wäre.
"Warum dann?" Kate konnte sich einfach keinen anderen Grund denken und Claire hatte ja auch nie etwas erwähnt.
Diese senkte den Kopf und starrte eine Weile lang schweigend den Teppichboden an.
"Weißt du, wie ich davon erfahren habe?", fragte sie dann und Katie schüttelte ahnungslos den Kopf. Sie traute sich schon gar nicht mehr, etwas zu sagen, denn anscheinend lag sie ja wirklich mit allem daneben.
"Von dir." Claire blickte auf und sah Kate fest in die Augen, die verständnislos blinzelte.
"Bitte?"
"Ja, von dir. Er hatte es nicht einmal für nötig empfunden, es mir zu sagen. Stattdessen war er so seltsam in der letzten Zeit und dann..." Sie schluckte und Kate schluckte solidarisch mit. In ihrem Hals hatte sich ein Kloß gebildet. Wie konnte es sein, dass Claire die Neuigkeit über Gabe's Abgang von ihr erfahren hatte? Wieso hatte sie es nicht bemerkt?
Kate hatte es zumindest von Gabe selber, aber erst eine Woche vorher, erzählt bekommen. Er sagte, es wäre alles sehr kurzfristig und es war mitten in den Sommerferien. Sie hatte Claire damals nicht so oft zu Gesicht bekommen...
"Zwei Tage vorher. Ich hatte mich mit dir getroffen und du hast gesagt..." Sie räusperte sich. "'Ist es nicht toll, dass Gabe die Gelegenheit bekommt, nach Australien zu reisen?' Und dann hast du gestrahlt und dich so sehr für ihn gefreut."
"Oh Gott..." Kate erinnerte sich nur noch dunkel daran. Wie konnte sie nur so unsensibel gewesen sein? Auch, wenn sie nicht wusste, dass Claire keine Ahnung hatte, wie konnte sie sich in ihrer Gegenwart nur so offenkundig freuen? Ihr wurde bewusst, wie grausam sie auf Claire gewirkt haben musste und fühlte sich plötzlich ganz schön elend.
"Oh Gott, Claire, das tut mir so, so leid!" Schuldbewusst schaute sie ihre Freundin an, doch diese schüttelte nur den Kopf und winkte ab.
"Du kannst nichts dafür. Du wusstest es nicht. Und jeder normale Mensch würde jawohl erst seiner Freundin bescheid sagen... Kein Wunder, dass du davon ausgegangen bist, dass ich es weiß."
Sie sprach voller Verachtung und verletzter Gefühle und schnaubte leise. In dem Sonnenlicht, dass durch das Fenster ins Zimmer fiel, funkelten ihre grünen Augen anklagend.
Jähes Mitleid ergriff Kate. Es musste doch eine Erklärung dafür geben, dass Gabe so ein Mistkerl gewesen war... Kate kannte zwar seine Beweggründe nicht, aber sie wusste, dass er Claire wirklich gern gehabt hatte - und es noch immer tat - und dass er sie bestimmt nicht absichtlich verletzen hatte wollen.
"Hast du... ihn darauf angesprochen...?", fragte sie vorsichtig nach einer Minute Stille, in denen jede der Zwei ihren eigenen Gedanken nachgehangen hatte.
"Natürlich." Claire nickte bestimmt und lachte dann hart. "Er war ziemlich geschockt und zerknirscht und es tat ihm leid. Hat er zumindest behauptet."
Aus ihrem Tonfall konnte man nicht genau heraushören, ob sie ihm Glauben schenkte.
"Und wieso hat er es dir nicht vorher gesagt?", wollte Kate wissen.
Claire verzog das Gesicht. "Er hätte Angst gehabt vor meiner Reaktion und dass ich dann... Schluss mache oder was weiß ich. Deshalb hat er gezögert und dann... tja, den Rest kennst du ja." Sie machte eine wegwerfende Handbewegung, aus ihrer Miene wurde Kate einfach nicht schlau.
Es war wie immer... Claire versuchte so gut es ging, ihre Gefühle unter Verschluss zu halten, doch innerlich brodelten sie vor sich hin. Sie war nicht in allen Dingen so, aber in dieser Sache gab es niemanden, der das besser konnte als Claire.
Kate wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie konnte verstehen, dass Gabe es hinausgezögert hatte und sie konnte seine Gründe nachvollziehen, aber trotzdem war es falsch gewesen und letztendlich hatte er damit alles kaputtgemacht... Es tat ihm bestimmt furchtbar leid.
"Was ist dann passiert?", hakte sie interessiert nach. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Gabe so schnell die Flinte ins Korn warf.
"Er hat ständig angerufen, auch aus Australien noch, aber ich bin nicht rangegangen. Danach hat er sich auf Emails verlagert, aber ich hab keine einzige davon beantwortet..." Sie seufzte und ein trauriger Ausdruck legte sich auf ihr Gesicht.
Unwillkürlich drängte sich Kate eine Frage auf. "Hast du... sie gelesen?", fragte sie vorsichtig, darauf bedacht, bloß in kein Minenfeld zu treten und meinte fast schon zu sehen, wie Claire's Wangen sich etwas rot färbten.
Diese senkte schnell wieder den Blick und schien sich innerlich zu winden.
"...ja... Und ich bin nicht stolz drauf, das kann du mir glauben, aber..." Ihre Stimme versagte und sie seufzte noch einmal tief. Dann riss sie sich wieder zusammen.
"Irgendwann hat er dann aufgegeben und es ebbte ab."
Kate bedachte Claire mit einem mitfühlenden Blick.
"Und jetzt... ist er wieder da", sagte sie nachdenklich. "Wie geht's denn jetzt weiter?"
Sie blickte Claire ratlos an und diese erwiderte ihren Blick. In ihrem Antlitz spiegelte sich dieselbe Ahnungslosigkeit.
"Ihn so gut es geht zu meiden?", schlug sie unschlüssig vor und Kate verkniff sich ein Lächeln.
"Das wird hart", warf sie ein. "Ich glaube, er hat nicht vor, so schnell aufzugeben."
Ob Claire auch bemerkt hatte, wie fasziniert Gabe sie angestarrt hatte in der Nacht zuvor? Ob Claire auch noch... Gefühle für ihn hatte? Aber das zu fragen, nachdem Claire schon über ihren eigenen Schatten gesprungen ist und ihr alles erzählt hatte, wäre fast schon zu viel gewesen. Die Zeit würde es zeigen. Fest stand jedenfalls, dass Gabe's Verhalten Claire tief gekränkt hatte. Wer hatte eigentlich behauptet, die Zeit heilte alle Wunden? Viel mehr riss sie alte Wunden wieder auf...
Claire lächelte zum ersten Mal an diesem Morgen. "Ich doch auch nicht, vergiss das nicht", zwinkerte sie Kate zu, die ihre Freundin überrascht anschaute.
Das Kräftemessen hatte also begonnen.
"Ach übrigens." Claire griff nach der Fernbedienung und schaltete um. "Was war denn mit Jake los? Ist er zu einem Pantoffelhelden mutiert oder was?"
Kate rollte die Augen. "Du sagst es. Unmöglich!"
"Der braucht mal ein richtiges männliches Vorbild. Aber ein Gutes hat das Ganze", fügte sie hinzu. Kate schaute sie fragend an.
"Und das wäre?"
Claire lehnte sich entspannt zurück und grinste übers ganze Gesicht.
"So wird Miss Dorfschlampe ihn bestimmt nicht ernst nehmen."


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