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In Nottingham

von  -Moonshine-

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Kapitel 6: Thunder and lightning

"Kate? Kate!" Aus den Tiefen der Wohnung drang Claire's laute, helle Stimme glasklar zu ihr ins Zimmer. Katie saß im Schneidersitz auf ihrem Bett und balancierte auf ihrem rechten Knie ein Buch, in das sie vertieft war.
"Kate!"
"Ja, was denn?", antwortete sie seufzend, die Augen nicht von den gedruckten, kleinen Buchstaben abwendend, die sie so in ihrem Bann hielten.
"Weißt du schon, was du anziehst?", rief Claire von irgendwoher - Katie vermutete, aus dem Badezimmer - und klang ziemlich verzweifelt.
Kate nickte dem Buch zu. "Ich bin schon angezogen", rief sie zurück.
In weniger als dem Bruchteil einer Sekunde stand Claire auch schon in Kate's Zimmer. Kate blickte auf.
Ihre Freundin hatte die Hände in die Hüften gestemmt und musterte Kate prüfend.
"So zugeknöpft kannst du unmöglich zu dieser Party gehen, Kate", maßregelte Claire sie und schüttelte empört den Kopf, als sei es eine Beleidigung für ihre Augen, Kate so zu sehen.
Kate hatte eine normale Jeans an, ein dunkelrotes Top, das sie nur bei besonderen Gelegenheiten anzog und einen Pulli drüber, sodass man das Oberteil gar nicht sehen konnte. Wahrscheinlich war es der Pullover, an dem Claire Anstoß nahm.
"Keine Sorge, der Pulli kommt an die Garderobe, Claire." Kate rollte mit den Augen ob der Begriffsstutzigkeit ihrer Freundin und musste sich dann doch ein Grinsen verkneifen, als sie Claire noch einmal anblickte. "Aber du kannst unmöglich so freizügig gehen."
Sie deutete mit einer Handbewegung auf Claire, die lediglich in Unterwäsche und geringelten Socken bekleidet in der Tür stand.
Claire verzog das Gesicht. "Sehr witzig, Kate. Ich kann mich einfach nicht entscheiden!", jammerte sie. "Soll ich einen Rock anziehen oder die Jeans, aber welche Schuhe ziehe ich dann an? Und dann kommt noch die Farbe des Shirts hinzu..."
Sie überlegte eine Weile und starrte angestrengt in die Luft, als sei die Antwort dort irgendwo zu finden. Kate wandte sich wieder ihrem Buch zu.
"Hast du mal auf das Thermometer geguckt? Ich glaube, deine Fragen würden sich dann erübrigen. Es ist so kalt da draußen, dass du kaum bis zur Straßenbahn kommst, ohne dir deine Zehen abzufrieren. Und vergiss nicht, dass wir nachher zu Fuß nach Hause gehen müssen, weil so spät keine Busse mehr fahren", erinnerte sie Claire sachlich, während ihre Augen regelmäßig über die Zeilen dahinglitten und das geschriebene in sich aufnahmen. “Außerdem“, fügte sie geistesabwesend murmelnd hinzu, “haben die im Wetterbericht behauptet, dass es schneien soll...“
Claire sah jetzt noch verunsicherter aus. "Du hast vielleicht recht, aber..." Sie fixierte Kate, die das jedoch nicht zu merken schien und runzelte verärgert die Stirn.
Mit drei großen Schritten war sie bei ihr und fischte ihr das Buch aus der Hand. "Was zum Teufel liest du da schon wieder?"
Claire warf einen abschätzigen Blick auf den stark mitgenommenen Einband - das Buch hatte schon eindeutig mehrere Jährchen auf dem Kasten. "Stolz und Vorurteil? Schon wieder?"
Das Mädchen schwenkte das zerlesene Buch verächtlich in der Luft umher, was Kate entsetzt beobachtete. Sie streckte die Hand nach dem Buch aus, das Claire abfällig in ihren Händen hielt und eroberte es sich pikiert zurück, strich liebevoll über den Einband und legte es neben sich auf das Bett.
"Lass das. Stolz und Vorurteil ist eine sehr schöne Geschichte, man kann sie nicht oft genug lesen", versuchte sie sich zu rechtfertigen und fragte sich im selben Augenblick, wieso sie das überhaupt nötig hatte.
Claire seufzte resigniert. "Das weiß ich - ich hab es schließlich auch gelesen. Aber Kate, mal ehrlich... findest du nicht, auch DU sollest mal langsam im 21. Jahrhundert ankommen?"
Sie blickte Kate erwartungsvoll an, doch diese warf Claire nur einen langen, geduldigen Blick zu, ehe sie zur Antwort ansetzte. "Und findest DU nicht, dass du dich langsam anziehen solltest? Wir müssen in einer Viertelstunde los."
Ruckartig richtete Claire sich auf und warf einen besorgten Blick auf die Wanduhr, die laut und vorwurfsvoll tickte. Ihr Gesichtsausdruck wurde leicht panisch, als sie der Wahrheit ins Gesicht blicken musste und blitzschnell wieder aus dem Zimmer rauschte.
"Diese Unterhaltung ist noch nicht beendet!", donnerte es dann drohend aus dem Badezimmer. Kate seufzte, war das doch der Standardsatz ihrer Eltern gewesen, den sie in mehrmals am Tag anbrachten, wenn eines ihrer vier Kinder mal wieder verrückt spielte, und erhob sich träge vom Bett, um zu Claire herüberzugehen und sie bei der Wahl ihrer Kleidung zu beraten - und darauf zu achten, dass sie nicht ein Outfit wählte, das aus luftigem Sommerkleidchen und Highheels bestand.


"Zum Glück haben wir im Vorverkauf Karten erstanden, sonst müssten wir jetzt noch in der Kälte anstehen."
Claire kicherte und zeigte schadenfroh auf die ziemlich lange Menschenschlange, die sich vor dem Eingang des Universitätsfestsaals versammelt hatte, während die beiden Mädchen sich durch die Menge zum Gebäude durchkämpften.
Claire hatte irgendwann Vernunft eingenommen und sich von Kate die etwas solidere Jeans anschwatzen lassen, doch anstatt einen Pulli mitzunehmen und in an der Garderobe abzugeben, hatte sie fest darauf bestanden, außer ihrer Jacke und Handtasche kein weiteres Gepäck mit sich herumzuschleppen.
"Je mehr gestohlen wird, desto schlimmer wird es nachher", waren Claire's selbstgefällige Worte gewesen und Kate hatte, nach einem Blick auf die Uhr, aufgehört zu protestieren.
Vierzig Minuten später hatten sie endlich das Haus verlassen, auf dem Weg zur Straßenbahnhaltestelle. Zum Glück waren sie nur mit Jake verabredet, und dass der zu spät kommen würde, war so sicher wie das Amen in der Kirche.
An der zweiten Kasse, die für jene, die die Karten schon vorher gekauft hatten, zeigten sie ihre Ausweise und Karten vor und wurden endlich in das warme Innere des Gebäudes gelassen. Sofort riss Claire sich ihre Jacke vom Leib und steuerte die Garderobe an, Kate folgte ihr etwas langsamer. Sie hatte es nicht so eilig und war eigentlich nur hier, weil Jake und Claire sie synchron angefleht haben - was sie überhaupt nicht leiden konnte. Leider konnte sie unter solchen Umständen auch nicht nein sagen...
"Wir müssen das Ende unseres ersten Semesters doch ausgiebig feiern, Kate!", hatte Claire es versucht, als wäre das ein äußerst überzeugendes Argument. Und nun stand sie hier - auf der "End of term"-Party im Festsaal der Universität von Nottingham.
Der Eingansbereich war mit ein paar Plakaten und Lichterketten geschmückt und überall lagen Flyer herum, die für irgendwelche anderen Partys oder Konzerte warben. Einige Plakate trugen das Wappen der Universität, andere wiederum verhießen das Ende des Semesters und auf ein paar wenigen prangten irgendwelche politischen Sprüche.
Kate erinnerte sich, dass bei der Einführung vor einem halben Jahr, als sie neu an die Universität gekommen waren, ähnliche Plakate gehangen haben und sogar von einigen älteren Semestern hochgehalten wurden, während der Rektor eine von diesen langweiligen Ansprachen hielt, die jedes Jahr dieselbe war.
Anscheinend verlangten sie den Abtritt des Direktors, jedoch hatte Kate sich nie wirklich mit den politischen Gegebenheiten der Uni beschäftigt. Sie war einfach froh, hier studieren zu können, wer irgendwo in den Tiefen des Hauptgebäude an seinem Schreibtisch saß und welche wichtigen Telefonate derjenige führte, war ihr ziemlich gleich.
Kate entledigte sich ihrer Sachen und gab diese an der Garderobe ab. Claire stand schon ganz aufgeregt und mit einem erwartungsvollen Grinsen im Gesicht an der Eingangstür zu dem Hauptsaal, aus dem schon laute Musik zu ihnen herüber dröhnte, vermischt mit Gemurmel und Gelächter.
Kate trat näher und Claire öffnete schwungvoll die Tür. Beide tauchten ein in eine dunkle Welt, die scheinbar nur aus Musik, Menschen und flackernden Lichtern bestand.
Kate schaute sich fasziniert um.
Der Saal hatte die Form eines in der Mitte abgeschnittenen Kreises und im Halbkreis verliefen die Tribünen nach oben. Auf der gerade Seite befanden sich lediglich drei Türen: Zwei Toiletten, jeweils rechts und links, und der Haupteingang, durch den Kate und Claire nun die Halle betraten.
Wie erwartet, waren die Tribünen durch einen Bauzaun abgesperrt, der, um nicht in aller seiner Hässlichkeit zu erscheinen, wiederum mit bunten Plakaten und teilweise mit einer Abdeckplane kaschiert worden war.
Die Tanzfläche befand sich in der Mitte des Raumes, jeweils rechts und links waren Theken aufgebaut, wo Getränke verkauft wurden. Ansonsten waren überall im Raum ein paar Stehtische verteilt.
Kate blickte nach oben, um die funkelnden Lichter an der hohen Decke zu bewundern und stellte überrascht fest, dass sich auch im zweiten Stockwerk Leute befanden. Hinter der Brüstung waren ein paar Tische und Stühle aufgebaut und es saßen bereits wenige Stundenten gemütlich da und unterhielten sich, während sie den ein oder anderen neugierigen Blick durch die gläserne Brüstung nach unten, auf das fröhliche Treiben, warfen.
Kate wusste, dass sich dort eine Cafeteria befand, also haben sich die Veranstalter wohl dazu entschieden, die Cafétische und Stühle zu behalten und so einen "ruhigen Bereich" zu schaffen.
Sofort besserte sich Kate's Laune. Sie hatte schon vermutet, den ganzen Abend auf den Beinen verbringen zu müssen, aber da es nun anscheinend doch nicht so aussah, freute sie sich schon fast. Vielleicht konnte sie sich einfahl zurückziehen, wenn es ihr zuviel wurde, und sich mit jemandem unterhalten? Immerhin mussten sich hier irgendwo ihre Kommilitonen und Kommilitoninnen herumwuseln.

Mit einem Ruck wurde sie jäh aus ihren Gedanken gerissen, denn Claire hatte sie am Arm gepackt und zog sie nun an ihrem Ärmel mit sich mit.
"Schau, da sind welche aus meinem Kurs", rief sie über die laute Musik hinweg und bewegte sich auf einen Jungen und ein Mädchen zu, die in etwa in ihrem Alter zu sein schienen. Als sie bemerkten, dass Claire auf sie zusteuerte, lächelten beide ihr zu.
"Hallo", begrüßte Kate's Freundin die beiden mit einem breiten Grinsen. "Colin, Lucy, das ist Kate, Kate, Colin, Lucy", stellte sie alle einander hastig vor uns Colin und Lucy nickten Katen freundlich zu.
"Hallo Kate", sagte Colin. Kate konnte in dem Schummerlicht nicht viel erkennen, aber anscheinend musste Colin helle Haare haben. Außerdem machte er einen ziemlich ausgeglichenen Eindruck, denn auf seinem Gesicht lag eine Art gleichmütiges, entspanntes Lächeln. Neugierig betrachtete er Kate, aber nur so lange, wie es angemessen war und wandte sich dann wieder Claire zu.
Lucy hingegen war sogar kleiner als Kate und hatte eine zierliche Figur. Sie hatte dunkle Haare, schien aber ebenso wenig abgehetzt zu wirken wie Colin. Beide machten einen sehr gelassenen, zufriedenen Eindruck.
"Claire hat dich schon oft erwähnt", sagte sie höflich zu Kate. "Du studierst Literaturwissenschaft, nicht wahr?" Ehrliche Neugier schwankte in ihrem Tonfall mit und sie schaute erwartungsvoll zu Kate auf. Diese nickte.
"Das ist bewunderwert", schwärmte Lucy mit leuchtenden Augen. "Ich bin leider viel zu lesefaul für so was." Sie lachte und Kate lächelte ihr freundlich zu. Sie mochte Lucy jetzt schon. Sie war erstaunlich direkt, aber nicht so, dass es einem unangenehm wäre, und sie sprach absolut frei von Ironie oder sonstigen Hintergedanken.
"Man muss wirklich eine Menge lesen", stimmte sie Lucy zu, als diese gerade von Claire wegen irgendeiner Sache "letzte Woche" angesprochen wurde. Überrascht drehte sich Lucy zu Colin und Claire um und schien eine Weile nachzudenken. Kate hatte wieder Zeit, sich im Raum umzuschauen.
Es waren noch nicht viele erschienen, zumindest war der Raum nicht brechend voll, was auch kein Wunder war, denn erfahrungsgemäß tauchten die meisten erst zwischen 22 und 23 Uhr auf. Sie warf einen kurzen Blick auf ihre Armbanduhr, die sie vor zwei Jahren zum Geburtstag bekommen hatte. Halb 10.

Als sie ihren Blick weiter schweifen ließ, bemerkte sie zwei ihr sehr bekannte Gestalten, die gerade durch die Tür traten. Kate schaute genauer hin, in dem flackernden Licht war es schwierig, etwas genaues auszumachen.
Doch dann stockte ihr der Atem. Einer von beiden war eindeutig Jake, doch das war nicht der Grund für ihren Schrecken - nein, der zweite der beiden Jungs war niemand anderer als Gabe!
Panisch blickte Kate wieder zu Claire herüber, dich nun in eine Diskussion mit Lucy vertieft war - und schnell schaute sie wieder zu Jake und Gabe, um die zwei ja nicht aus den Augen zu lassen.
Gabe und Claire in einem Raum! Das würde so etwas wie eine mittlere Katastrophe geben!
In diesem Moment verfluchte sie beide Jungs. Jake, weil er Gabe zu dieser Party geschleppt hatte und Gabe, weil er doch genau wusste, dass er so ein unglaublich trampelhaftes Verhalten an den Tag legte! Claire einfach so über den Weg zu laufen, während sie nichtsahnend einfach nur Spaß haben wollte - was für ein Idiot!
Zornig verfolgte sie jeden ihrer Schritte, als sich ihre Blicke plötzlich kreuzten.
Gabe schien von ihrer wütenden Miene etwas eingeschüchtert zu sein, denn er lächelte entschuldigend, als wüsste er bereits, worum es sich handelte. Dass Jake neben ihm sie in diesem Moment auch erblickt hatte, nahm sie kaum wahr, denn sie versuchte, Gabe telepathisch klar zu machen, sich Claire auf keine 10 Meter zu nähern.
Aber Telepathie funktionierte anscheinend nicht, denn Jake deutete eindeutig in ihre Richtung und sagte etwas zu Gabriel, woraufhin sich beide den Weg zu Kate und Claire durchbahnten
Panisch drehte sich Kate zu Claire, Colin und Lucy um und machte den Mund auf, doch noch bevor sie einen einzigen Ton herausbringen konnte, wurde sie unterbrochen.
"Wir gehen uns mal umgucken. Man sieht sich vielleicht noch mal, Kate", sagte Lucy gerade fröhlich und Colin hob zum Abschiedsgruß die Hand, bevor er sich umdrehte und beide sich auf die Suche nach weiteren bekannten Gesichtern machten.
Kate nickte nur abwesend und kaum hatten sie ihnen den Rücken zugewandt, wandte sie sich an Claire.
Viel Zeit, um etwas zu erklären, lieb ihr nicht. Claire runzelte die Stirn, als sie Kate's ernsten Gesichtsausdruck wahrnahm.
"Es tut mir so leid, Claire, ich wusste das nicht, sonst..."
Weiter kam sie nicht, denn Claire's Verwirrung gefror augenblicklich und sie starrte eisig über Kate’s Schulter hinweg.
Zu spät.
Reumütig, als hätte sie etwas mit der Situation zu tun, drehte sich Kate unwillig zu den beiden Jungs um, die ganz offensichtlich nun angekommen waren.
"Hi, ihr zwei", strahle Jake. Er schien ebenso aufgeregt, wie Claire noch vor wenigen Minuten, doch mittlerweile konnte nicht einmal diese seine Freude erwidern.
Claire sagte nichts.
"Hallo...", kam es kläglich von Kate, die sich immer unwohler zu fühlen schien und versuchte, Claire so gut es ging hinter ihrem Rücken zu verdecken. Leider war ihr Rücken für so etwas nicht breit genug.
Fasziniert haftete Gabe's Blick an Claire, die ihn eiskalt und völlig reglos erwiderte. Ihr Gesichtsausdruck war verschlossen, ihre Haltung steif, aber würdevoll. Sie wollte sich von ihm nicht in die Knie zwingen lassen, das spürte Kate sofort. Claire würde so lange stehen, wie es nötig wäre, auch, wenn sie ihm am liebsten sofort den Rücken gekehrt hätte, um zu flüchten. Doch das würde sie erst tun, wenn es die Situation erlaubte.
"Kate." Gabe nickte ihr kurz zu, ohne sie richtig zu beachten. Immer noch ruhten seine funkelnden Augen voller Überraschung auf Claire. "Hallo, Claire", sagte er dann und in seinem Tonfall klang so viel Wärme und Hoffnung mit, dass er Kate beinahe schon leid tat - für das, was als nächstes passieren würde.
Claire schwieg eisern und es hätte sich bestimmt eine peinliche Stille zwischen die kleine Gruppe gelegt, wenn nicht Jake wäre, der von der angespannten, ja fast tödlichen, Atmosphäre nichts mitzubekommen schien.
"Ganz schön cool hier", bemerkte er beeindruckt. “So groß und voll und... habt ihr die Getränkeliste gesehen? Sie haben hier echt ALLES!“
Seine Augen funkelten und er schaute sich verstohlen um, sicher, dass sein suchender Blick niemanden auffallen würde. Kate wurde sofort klar, nach wem er Ausschau hielt und sie fühlte sich plötzlich zunehmend deplazierter in diesem großen, lärmenden, unwirtlichen Ort mit all den unbekannten Menschen.
"Oh!", rief er dann erfreut aus und Kate folgte seinem Blick. Er hatte Rachel, die gerade zur Tür hereinkam, entdeckt und starrte sie beeindruckt an. Dann zwang er sich, sich von ihr abzuwenden und drehte sich wieder zu Kate um.
"Ich versuch mein Glück", informierte er sie gut gelaunt und zwinkerte ihr im Weggehen schelmisch zu, als teilten die zwei ein Geheimnis, was nur sie kannten. Kate rang sich ein halbherziges Lächeln ab, während sie ihm hinterblickte, als er sich den Weg frei zu Rachel bahnte. Rechtzeitig, noch bevor er bei ihr ankam, zwang sie sich, den Zweien den Rücken zu kehren und sich auf Gabe und Claire, oder, wie sie es in Gedanken nannte, "das Problem", zu konzentrieren, doch da kam sie nur vom Regen in die Traufe.
Claire, beharrlich schweigend, schaute mit unbeweglichem, fast gelangweilter Miene und vor der Brust verschränkten Armen in der Gegend herum, während Gabe, auf Sicherheitsabstand, Kate einen hilflosen Blick zuwarf.
Anscheinend fühlte er sich mittlerweile genauso unwohl wie Kate, mit dem einzigen Unterschied, dass er der Urheber dieser eigenartigen Situation war.
"Ähm... Wie geht's voran mit deinen Plänen?", fragte sie ihn, nur um diese unangenehme Stille zu durchbrechen. Der schuldbewusste Ausdruck schwand aus seinem Gesicht.
"Oh, ganz gut... ich bin zu einer ersten Aufnahmeprüfung eingeladen worden. Eher so ein Sporttest", erklärte er dankbar.
"Gabe will nämlich zu Polizei", fügte Kate für Claire erklärend hinzu, aber diese warf Kate nur einen unbeeindruckten Blick zu, bevor sie sich schnell wieder abwandte. Gabe strafte sie mit purer Ignoranz.
"Tatsächlich", sagte sie ausdruckslos, sich noch immer in der Menge umschauend. Kate und Gabe wechselten ratlose Blicke, doch bevor Kate einen weiteren Gesprächsansatz probierte, trat Claire einen Schritt vor und löste ihre Arme voneinander.
"Ich stürz mich dann mal ins Vergnügen", sagte sie zu keinem Bestimmten und stolzierte hoch erhobenen Hauptes langsam von dannen, nachdem sie Kate noch ein "Bis später" zugemurmelt hatte.
Diese atmete erleichtert aus und drehte sich nun abrupt zu Gabriel um, der Claire immer noch gebannt nachstarrte, obwohl sie in der Menge nicht mehr ausfindig zu machen war.
Er seufzte. "Ich schätze, das hab ich verdient...", murmelte er abwesend, noch immer auf die Tanzfläche stierend.
"Darf ich fragen, was du hier machst?", platze es vorwurfsvoll aus Kate heraus, ohne, dass sie auf seine merkwürdige Bemerkung einging und Gabe zuckte zusammen, als sei er aus den Gedanken gerissen worden.
"Das ist nicht gerade die richtige Art, Claire zu besänftigen, falls du das vorhast!"
Mit einem entschuldigenden Lächeln sah er Kate an. "Tut mir leid, euch so zu überfallen..."
"Allerdings!", unterbrach sie ihn empört. Jetzt, wo Claire weg war und sie in Ruhe mit Gabe reden konnte, steigerte sie sich richtiggehend in ihre Empörung über Gabe’s Auftauchen hinein. Wenn er dachte, er konnte damit irgendwen beeindrucken, lag er falsch gewickelt und Claire, die sich so sehr auf den Abend gefreut hatte, so hinterrücks zu überfallen, war einfach nicht fair. Der Abend war für sie eindeutig gelaufen. Wenn sie nicht einmal mit Kate über Gabe sprechen wollte, dann war das Allerletzte, was sie wollte, Gabe in Natura zu begegnen - ohne jegliche Vorwarnung!
"...aber Claire hätte sich doch nie auf ein Treffen eingelassen, wenn sie vorher bescheid gewusst hätte!", verteidigte Gabe sich, in seinem Tonfall schwang etwas Verzweifeltes, Dringliches mit.
Kate dachte einen Augenblick darüber nach. "Auch wieder wahr...", murmelte sie dann resigniert.
So stur, wie Claire war, würde sie ihr ganzes weiteres Leben alle Events und Veranstaltungen meiden, denen Gabe sich auch nur auf zwei Kilometer nähern konnte.
Gabe schaute sich um. "Sollen wir?", fragte er Kate und deutete auf einen der Stehtische in ihrer Nähe, von denen man einen wunderbaren Überblick über die Tanzfläche hatte.
"Ich hole uns was zu trinken", bot er an und war in wenigen Schritten schon bei der nahe gelegenen Theke, bevor Kate überhaupt protestieren konnte.

Schnell kam er wieder zurück und stellte zwei Cola auf den Tisch, eine davon schob er Kate zu.
"Ich hoffe, Cola geht in Ordnung?", wollte er wissen und nahm einen Schluck, als Kate nickte.
"Danke. Und jetzt erzähl, was es Neues gibt", forderte sie ihn auf und zwang sich, so gut gelaunt wie möglich zu sein. Sie war hier schließlich auf einer Party und konnte nicht mit einem Gesicht wie drei Tage Regenwetter herumlaufen! Außerdem freute sie sich, Gabe wiederzusehen, wenn die Umstände auch etwas... nun ja, schwierig, waren.
Gabe lächelte bei Kate's Versuch, sich unbeschwert zu geben.
"Meine Bewerbung kam durch und das Gespräch lief auch ganz gut. Die nächste Hürde wird, wie gesagt, der Sporttest sein. Schwimmen, Laufen und so weiter... Ich werde die nächste Zeit wohl viel im Schwimmbad und auf dem Sportplatz verbringen." Er lachte leise.
"Zum Glück ist der erst in zweieinhalb Monaten, da hab ich noch genug Zeit."
"Mhm", machte Kate, die während Gabe's Ausführungen abwesend auf die Tanzfläche gestarrt hatte. "Wann genau?"
Gabe zuckte die Schultern und trank wieder etwas aus seinem Glas. "Anfang April, den genauen Termin kriege noch ich per Post zugeschickt. Es sind wohl mehrere Tage, an denen das stattfindet."
"Ach so." Kate hielt ihr Glas unbewusst mit beiden Händen umklammert, während ihre Augen auf zwei bestimmten Personen ruhten. "Du hast noch gar nicht gesagt, wo genau das stattfindet."
Einige Meter von ihnen entfernt hatte sich Jake gerade durch die Menge gewuselt und überreichte mit einem seligen Grinsen Rachel, die ihn kaum eines Blickes würdigte, das Bier, das er für sie geholt zu haben schien. Sie griff danach, ohne ihr Gespräch mit einem anderen Mädchen zu unterbrechen.
So unhöflich und unfreundlich und Jake umschwärmte sie trotzdem, wie die Motto das Licht!
"Wer ist das?", hörte sie Gabe's Stimme neben sich. "Du guckst so komisch..."
Sie wandte sich ertappt zu ihm um. Gabe hatte den Kopf in die Hände gestützt und beobachtete mit einer neugierig-interessierten Miene Jake und Rachel, genau, wie sie es noch vor zwei Sekunden getan hatte.
Kate suchte nach den richtigen Worten, doch Gabe kam ihr zuvor. "Ist das diese Rachel?"
Als er ihren überraschten Blick bemerkte, fügte er erklärend hinzu: "Jake hat mir von ihr erzählt."
Also hatte Jake noch eine Kummerkastentante gefunden, die er von Rachel zuschwärmen konnte. Und Gabe war eindeutig ein besserer Ratschlaggeber als sie, denn er war, und das ließ sich nun mal nicht leugnen, männlich und kannte sich besser mit Mädchen aus, als sie. Und bestimmt konnte er ihm auch einen besseren Rat geben, wie er sich in solch einer Situation, in der er sich gerade befand, verhalten sollte - Kate seufzte. Gut für Jake - sie musste sich für ihn freuen.
"Übel, oder?" Kate blickte Gabe fragend an, nicht verstehend, was er meinte und er nickte mit dem Kopf in Richtung Rachel und Jake. "Meine Abwesenheit hat Jake wirklich nicht gut getan", witzelte er dann grinsend, wurde aber schnell wieder ernst.
"Er ist immer noch ein Idiot."
Kate runzelte verwirrt die Stirn. Warum sagte Gabe so etwas über seinen besten Freund?
Gabriel bemerkte ihre Verwirrung und lächelte schwach.
"Und, was hältst du so von ihr?", fragte er möglichst beiläufig, aber Kate konnte ihm anhören, dass er Hintergedanken hatte.
"Na ja...", wich sie aus und lächelte nervös, entschloss sich dann, es mit einem Witz zu versuchen. "Sie ist nicht so mein Typ."
Gabe grinste. "Meiner auch nicht", gab er zu. "Aber Kate?"
"Hm?"
"Du lenkst ab." Er sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen amüsiert an, als sie versuchte, ganz unschuldig zu tun und ihn fragte, was er damit meinte.
Er lehnte sich über den Tisch zu ihr herüber und grinste sie nun offen an. "Ich weiß es von Claire."
Damit hatte er sie eindeutig festgenagelt. Kate's Herz machte einen unkontrollierten Sprung vor lauter Schreck, doch sie zwang sich, weiter ein- und auszuatmen.
"Was... ich dachte, ihr redet nicht miteinander?", hakte sie dann äußerst irritiert nach, doch Gabe winkte ab.
"Ich meine, noch bevor ich weggegangen bin", erklärte er und bewegte sich wieder in seine Ausgangsposition.
"Ich habe nur nicht erwartet, dass das so lange anhält. Aber deine Blicke sind eindeutig."
In einem ganzen Zug trank er den Rest Cola aus und stellte das leere Glas wieder auf dem Tisch ab, deutete dann auf das von Kate.
"Trink doch was. Oder möchtest du lieber etwas anderes?"
Kate versuchte gerade, ihre Gedanken zu ordnen und den Schreck zu verdauen und brauchte deshalb eine Weile, um zu verstehen, was er meinte. Dann schüttelte sie verwirrt den Kopf. Sie hatte ihr Getränk tatsächlich ganz vergessen und es diente ihr lediglich dazu, sich daran zu festzuhalten, während sie Jake und Rachel voller Groll beobachtet hatte.
"Nein, nein." Der Höflichkeit halber trank sie etwas, auch, wenn ihr gar nicht danach war.
"Sie hat es dir gesagt?", wollte sie dann wissen, ihre Stimme zitterte leicht panisch. Aus Erfahrung wusste sie, dass Jungs keinen Wert darauf legten, Geheimnisse so sicher zu bewahren, wie beispielsweise beste Freundinnen. Kate versuchte, den Kloß im Hals herunterzuschlucken.
"Ich hab nichts gesagt", bemerkte Gabe mit einem kritischen Blick auf ihr Gesicht. "Keine Sorge."
Bei diesen Worten fiel Kate ein ganzer Steinbruch vom Herzen und sie atmete hörbar erleichtert aus und warf Gabe einen dankbaren Blick zu.
"Ich finde", setzte er fort, "du solltest ihm das selbst sagen. Ich bin nicht so gut in Liebeserklärungen." Er lachte über seinen eigenen Witz, doch Kate's schmerzerfüllte Miene entging ihm nicht.
"Ich meine", beeilte er sich schnell zu sagen, "wäre das nicht besser?"
Kate senkte den Kopf. "Nein", murmelte sie leise in den lauten Lärm hinein, doch auch ohne es zu hören, wusste Gabe, was sie gesagt hatte.
Er runzelte ein bisschen verärgert die Stirn. "Aber Jake wird nie darauf kommen, wenn man es ihm nicht unter die Nase reibt", argumentierte er, Kate aber nickte nur bestätigend.
"Das soll er ja auch nicht." Überhaupt behagte es ihr nicht, mit Gabe über Jake zu reden. Bei aller Freundschaft, aber so nah standen sie sich ja nun auch wieder nicht - vor allem nach der langen Abwesenheit und dem eher dürftigen Kontakt. Sie blickte ihm fest in die Augen.
"Anderes Thema", verlangte sie und er seufzte tief angesichts Kate's Hartnäckigkeit, kam ihrer Bitte aber trotzdem nach.
"Schau mal."
Beiläufig nickte er mit dem Kopf Richtung Tanzfläche und Kate folgte automatisch seinem Blick. Sie musste nicht lange suchen, denn die tanzende Claire fiel jedem Beobachter sofort ins Auge. Ihre Bewegungen waren anmutig, aber nicht hektisch und ihr welliges Haar wirbelte betörend um sie herum. Sie hatte das Haar extra offen gelassen, nur ein paar längere Ponysträhnchen hatte sie mit einer Spange an der linken Seite festgeklemmt.
Ein bisschen Neid keimt in Kate auf, vermischt mit einem freundschaftlichem Stolz. Nicht jedem war es vergönnt, auf dem Tanzparkett so gut auszusehen wie Claire. Sie war hier eindeutig in ihrem Element.
Vor lauter Bewunderung fiel Kate der junge Mann, mit dem Claire tanzte, erst einiges Sekunden später auf. Sie konnte ihn nicht richtig erkennen, woran eindeutig die blitzenden Lichter und die Tatsache, dass Claire ihn halb verdeckte, schuld waren.
In diesem Moment klang das aktuelle Lied ab und ein Langsameres wurde eingeblendet. Die bunten Blitze verwandelten sich in warmes, orangefarbenes Licht und ein paar gelbe Scheinwerfer fuhren langsam über die tanzende Menge und wieder zurück.
Genauso gespannt wie Gabe beobachtete Kate, was als nächstes geschehen würde. Ohne zu Zögern näherte sich Claire's Tanzpartner ihr und legte seine Arme um ihre Hüften, zog sie ganz nah zu sich heran. Claire ließ es geschehen. Ihr Kopf ruhte auf seiner Brust und langsam bewegten sie sich zu der Kuschelmusik.
Kate runzelte die Stirn. Normalerweise vermied Claire es so gut es ging, mit fremden Männern zu langsamer Musik zu tanzen - sie behauptete, die wollten eh nur grabschen - aber heute schien sie ihre Prinzipien wohl über Bord geworfen haben. Irgendetwas stimmte nicht, und Kate ahnte schon, was es war. Sie warf einen verstohlenen Blick zu Gabe herüber, der resigniert dastand und Claire ebenfalls beobachtete.
Ein bitteres Lächeln umspielte seine Lippen. "Geschieht mir recht", seufzte er, wandte sich ab und schüttelte den Kopf über sich selbst.
Schon wieder sagte er so etwas, schoss es Kate durch den Kopf. Sie verstand nicht ganz, wieso er sich selbst die Schuld an Claire's sturem Verhalten gab.
"Du kannst doch nichts dafür", versuchte sie ihn zu beruhigen. "Glaub mir, an deiner Stelle wäre jeder gegangen, das war eine tolle Chance." Sie lächelte ihm aufmunternd zu, als er sie, etwas verblüfft, anschaute. Gerade wollte er etwas darauf sagen, als Kate etwas anderes ins Auge stach - eine Person, die sich unaufhaltsam auf die zwei zugbewegte. Für den Bruchteil einer Sekunde erstarrte sie und vergaß, zu atmen, als sie Dave über Gabe's Schulter hinweg auf sie zukommen sah.
"Oh nein...", stöhnte sie dann. Hier ging es ja zu wie in einem Taubenschlag! Mit David hatte sie überhaupt nicht gerechnet, dabei war es doch so klar gewesen, dass er auch anwesend sein würde! Warum hatte sie nicht vorher dran gedacht? "Nicht der auch noch..."
Irritiert drehte sich Gabe um, um zu gucken, von wem Kate da redete und stand Dave nun von Angesicht zu Angesicht gegenüber.
Kate lächelte gezwungen. "Hallo Dave. Das ist Gabe", stellte sie ihn schnell vor. Wenn sie Gabe mit einbezog, würde das Zusammentreffen mit Dave vielleicht um einiges verkürzt werden.
Dave begrüßte sie und Gabe - sie freundlich, Gabe eher misstrauisch beäugend.
"Jake ist bei Rachel, wenn du ihn suchst", sagte Kate hastig, in der Hoffnung, er würde den dezenten Winkt mit dem Zaunpfahl verstehen und wieder seiner Wege gehen, doch weit gefehlt. Dave schüttelte den Kopf.
"Nein, ganz und gar nicht. Ich war eigentlich auf der Suche nach dir." Er grinste sein charmantes Schlafzimmerlächeln, in der Annahme, mit diesem Spruch hätte er soeben 100 Punkte gelandet. Kate drehte sich der Magen um, aber sie lächelte freundlich.
Gabe stand schweigend daneben und betrachtete die Szenerie zwischen den beiden.
David fuhr sich mit der Hand durch seine lockigen, braunen Haare und warf einen überdeutlichen Blick zu der Tanzfläche und dann wieder zu Kate, die schon schlimmes ahnte.
"Was hältst du..." Weiter kam er nicht, denn Gabe war näher an Kate herangetreten und legte ihr besitzergreifend einen Arm um die Schultern, zog sie an sich heran und warf Dave eine herausfordernden Blick zu, den dieser zunächst stark verwirrt erwiderte. Auch Kate war verblüfft, doch aufgrund des Blickduells bekam Dave es zum Glück nicht mit.
Schnell verstand sie, dass Gabe Dave für sie loswerden wollte und sie empfand plötzlich tiefe Dankbarkeit für Gabriel. Während Jake es nach Wochen immer noch nicht kapiert hatte, dass das einzige, was sie für Dave empfand, Abneigung war, hatte Gabe die Situation mit einem einzigen Blick erfasst und ging sofort zum Handeln über.
Der Lockenschopf hingegen blinzelte noch immer irritiert von Kate zu Gabe und kratzte sich dann ratlos, aber auch leicht verärgert, am Hinterkopf.
"Ach so", presste er dann hervor und bedachte Kate mit einem angesäuerten Blick. "Ich geh dann mal zu Jake rüber."
Kate wusste nicht mehr, zum wievielten Mal am heutigen Abend das Gefühl der Erleichterung sie durchströmte.
"Das war knapp", seufzte sie und beide drehten sich wieder zu ihrem kleinen Tisch um.
Automatisch schweifte ihr Blick wieder zu ihrem letzten Gesprächsthema - Claire.
Diese stand inmitten der Tanzfläche und schaute ausdruckslos zu Kate und Gabe herüber, der sich, völlig ahnungslos, wieder auf den Weg zur Theke gemacht hatte.
Kate's und Claire's Blicke begegneten sich - Schuldbewusstsein gegen Eiseskälte - und Claire wandte sich abrupt ab, um wieder im Inneren der Menge zu verschwinden.

Als Gabe wiederkam, mit zwei neuen Getränken in den Händen und sie auf dem Tisch abstellte, wo noch immer Kate's halbvolle Cola stand, schüttelte sie amüsiert den Kopf.
"Nächstes Mal hole ich die Getränke", schlug sie vor. Es war sehr nett von Gabe, ihr die Sachen auszugeben, doch trotzdem fühlte sie sich, als bliebe sie ihm etwas schuldig.
Er wirkte überrascht. "Das ist nicht nötig, Kate", wehrte er ab und schob ihr das Bier zu.
"Ich dachte, vielleicht magst du das lieber?", fragte er, etwas hoffnungsvoll und sah sie voller Erwartung an, bis sie lachen musste.
Bier mochte sie keineswegs, aber das eine konnte sie bestimmt herunterkippen, um Gabe's Gefühle nicht zu verletzen.
"Danke", sagte sie deshalb nur, statt ihn darüber aufzuklären, dass Bier überhaupt nicht ihr Fall war. Schnell stürzte sie ihre Cola herunter, um nicht unnötig viele halbvolle Gläser herumstehen zu haben und nahm einen Schluck von dem Bier. Es war eklig.
Gabe nippte an Seinem und schaute abwesend in die Menge. Kate folgte seinem Blick und blieb wieder dort hängen, wo sie angefangen hatte - wo sie immer hängen blieb und wahrscheinlich immer hängen bleiben würde: bei Jake. Und in diesem Fall: Rachel und Dave.
Dieser sagte gerade irgendetwas und deutete überraschenderweise in ihre Richtung. Als Rachel und Jake herüberblickten, verschluckte sich Kate fast an ihrem Bier.
Es war jedoch nicht sie, die von Rachel mit ihren Blicken fast ausgezogen wurde. Nein, es war Gabe, den diese von oben bis unten begutachtete und der, ohne das mitzukriegen, dazu übergegangen war, sich weiter im Raum nach Leuten - Claire - umzusehen.
Erschrocken beobachtete Kate, wie Rachel kurz etwas zu Jake und Dave sagte und sich dann, in Begleitung von dem dümmlich grinsendem Jacob, der etwas gehetzt aussah, auf den direkten Weg zu ihr und Gabriel machte. Erst jetzt fiel Kate ihr gewagtes Outfit auf - der kurze Minirock und die Stöckelschuhe mit ziemlich hohem Absatz, ganz zu schweigen von dem Ausschnitt ihres hautengen Tops mit silbrig-glitzernder Aufschrift. Obwohl Kate sich nie im Leben so aufreizend anziehen würde, wusste sie jetzt schon, dass sie sich in Rachel's Gegenwart wie ein graues Mäuschen fühlen würde.
Hüfteschwingend stolzierte diese auf sie zu und mittlerweile hatte ihre Ankunft auch Gabe's Aufmerksamkeit erregt.
Abrupt blieb sie stehen und lächelte ihr engelsgleiches, falsches Lächeln, wobei sie sorgsam darauf bedacht war, Kate nicht einmal eines Blickes zu würdigen.
"Willst du uns nicht vorstellen, Jay-coub?", flötete sie, ohne ihre Augen von Gabriel abzuwenden und verunstaltete Jake’s Namen in diesem einen Atemzug direkt mit. Kate atmete kontrolliert ein. Warum ließ sich ihr bester Freund nur behandeln wie ein ausrangierter Putzlappen? Hatte er denn gar keinen Stolz?
Besagter folgte sofort den Anweisungen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.
"Gabe." Er deutete auf Gabriel, der Rachel mit höflicher Neugier musterte und dann auf Rachel. "Rachel."
Sie warf Gabe ein atemberaubendes Lächeln zu und Kate wurde ganz schlecht. Was war es für eine Person, die so offensichtlich mit jemand anderem flirtete, obwohl derjenige, der - noch offensichtlicher - was von ihr wollte, die ganze Zeit um sie herumschwirrte?! Und Rachel konnte nicht einmal mit ihrem unschuldigsten Augenaufschlag beteuern, dass sie nichts von Jake’s Intentionen ahnte - so dumm konnte noch nicht einmal sie sein.
Kate ballte die Hand zur Faust. Zu gerne hätte sie ihr die Meinung gesagt, aber ihr Blick blieb auf dem Boden haften und sie haderte mit sich selbst über ihre eigene Feigheit.
Anscheinend schien sich nicht nur Jake in Rachel's Gegenwart in einen Vollidioten allererster Güte zu verwandeln.
"Holst du uns noch etwas zu trinken?", säuselte sie in einem lieblichen Tonfall, ohne Jake anzusehen und dieser leistete sofort nickend Folge und wuselte in Richtung Theke davon.
"Sooo..." Rachel fixierte Gabe mit einem verführerischen Blick und kam ihm dann ganz nahe. "Du bist also dieser Gabe", hauchte sie in sein Gesicht und er lächelte, als er sagte: "Und du bist also diese Rachel. Ich hab schon viel von dir gehört."
Gespannt beobachtete Kate die Szene, die sich hier vor ihren Augen abspielte. Gabe hatte ja schon zum Ausdruck gebracht, dass er nicht sehr viel von Rachel hielt, aber andererseits ließen sich Männer ja sehr leicht beeinflussen... Und Rachel wusste ganz eindeutig, was sie tat, das konnte man ihr auf den ersten Blick ansehen.
"Ach wirklich?" Sie entfernte ihr Gesicht wieder aus seiner unmittelbaren Nähe und lächelte geheimnisvoll, wissend. "Ich hoffe, nur Gutes." Sie klimperte mit den Wimpern.
Wenn Kate dachte, ihr wäre vorher schlecht gewesen, dann war das eindeutig untertrieben. JETZT war ihr richtig übel. Unfassbar, was sich dieses Mädchen da leistete! Gabe war immerhin Jake’s bester Freund! Gab es da nicht so etwas wie ein Tabu?
Gabriel warf ihr ein charmantes Lächeln zu. "Eigentlich nicht", sagte er beiläufig, ohne auch nur das kleinste bisschen von seinem gutmütigem Gesichtsausdruck zu verlieren.
Kate riss überrascht die Augen auf und genau das war die Reaktion, die auch von Rachel kam.
In der kurzen Pause - Gabe sah immer noch sehr freundlich aus - kicherte jemand leise neben Katie's linkem Ohr. Sie drehte sich um und war noch überraschter, Claire anzutreffen, die ganz nahe hinter ihr stand und anscheinend die ganze Szenerie mitbekommen hatte.
In diesem Moment war Jake wieder da - flink wie der Wind - und hielt einen Cocktail in der Hand.
Kate schnaubte leise. Jetzt, da Claire da war, fühlte sie sich schon bedeutend selbstsicherer.
Als ob es nicht reichte, dass Rachel Jake wie ihren persönlichen Diener herumkommandierte und ihn bloßstellte, nein, sie ließ sich auch noch die teuersten Getränke von ihm ausgeben!
Claire schien so etwas ähnliches gedacht zu haben, denn mit einer einzigen fließenden Bewegung stand sie plötzlich neben Jake und nahm ihm das Getränk aus der Hand, noch bevor er es Rachel überreichen konnte.
"Danke, Jake, das ist so aufmerksam. Als könntest du Gedanken lesen." Sie schenkte ihm ein dankbares Lächeln und zwinkerte ihm zu, als er sie sprachlos anstarrte. Sie und Kate wussten beide, dass er Gentlemen genug war, es ihr nicht wieder zu entwenden und ihr zu erklären, dass es nicht für sie war.
Genussvoll sog Claire die süße Flüssigkeit durch den Trinkhalm hinauf und warf Rachel, die Claire boshaft anstarrte, einen zuckersüßen Blick zu. Ihre grünen Augen blitzen angriffslustig in dem flackernden Licht, doch schnell wandte sie sich wieder von der Schwarzhaarigen ab, die Claire - und mittlerweile auch Kate, als hätte sie irgendetwas mit der ganzen Situation zu tun - vernichtende Blicke zuwarf.
Sich im Klaren darüber, dass sie hier in eine Anti-Rachel-Front geraten war und nicht mehr gewinnen konnte, reckte sie das Kinn und brachte damit ihre Nase ziemlich weit in die Höhe. Also so wie immer.
"Jay-coub, lass uns..."
Gabe unterbrach, indem er Jake auf die Schulter klopfte. "Was hältst du von einem Bier nur unter uns Männern?", wollte er wissen und noch bevor dieser darauf etwas erwidern konnte, war es wieder an Rachel, das Wort zu ergreifen.
"Schön! Wir sehen uns dann!", schnappte sie äußert erbost und rauschte wie eine beleidigte Diva davon.
Claire schlürfte ungerührt ihren Cocktail. "Hoffentlich nicht", sagte sie trocken, dann drehte sie sich mit einem strahlenden Lächeln zu Kate um, das diese etwa stutzig machte. Die Frage, wie viel Claire schon intus hatte, drängte sich ihr automatisch auf, doch diese schien zum Glück noch einigermaßen bei Sinnen zu sein. Augenscheinlich hatte ihre seltsame Stimmung mehr mit der Tatsache zu tun, dass Gabe anwesend war und sie versuchte, ihn so gut wie möglich zu ignorieren - und dabei noch zu zeigen, wie gut es ihr ging - als mit dem Alkoholpegel in ihrem Blut.
Kate warf einen verstohlenen Blick zu Gabe und Jake, die um den Tisch herum standen und dazu übergegangen waren, sich zu unterhalten. Jake sah noch etwas mitgenommen aus, weil er von Gabe gewaltsam von Rachel getrennt wurde, und Gabe versuchte gar nicht erst, an Claire heranzukommen. Sie zog ihre Freundin am Arm ein Stück von den beiden weg.
"Claire, wegen vorhin..." Ihr ging der eisige Blick nicht mehr aus dem Sinn, aber sie musste Claire erklären, wie es wirklich gewesen war, bevor diese auf falsche Gedanken kam. "Es war nur, weil Dave wieder genervt hat und..."
Claire sah sie verständnislos an. "Na und?", wollte sie wissen, vollkommen unschuldig. Kate runzelte die Stirn.
"Was 'und'?", hakte sie misstrauisch nach.
"Mir ist das egal, schon vergessen?", erinnerte Claire sie eindringlich und warf ihr einen strengen Blick zu, der bedeuten sollte: 'Sei jetzt still oder du wirst es bereuen, das Thema Gabe wieder angeschnitten zu haben.'
Kate war still.
"Macht es dir etwas aus, wenn ich wieder...?" Sie ließ den Satz in der Luft hängen und deutete bittend auf die Tanzfläche, woraufhin Kate verneinend den Kopf schüttelte.
"Nur zu", ermutigte sie sie, freundlich, aber verwirrt. Höchste Zeit, dass auch sie sich langsam absetzte, denn es wurde ihr mittlerweile wirklich zu bunt hier...

Kate bahnte sich den Weg frei durch das Gewusel und trat erleichtert durch die Tür in den Eingansbereich, wo sich auch die Garderobe befand. Kühle Luft schlug ihr entgegen und brachte sie beinahe zum Frösteln. Erst jetzt merkte sie, wie heiß es im Saal gewesen war.
In der Vorhalle standen ein paar Stundenten herum und unterhielten sich, einige ruhten sich auf ein paar Stühlen aus. Vor der Tür standen weitere Leute in Grüppchen und rauchten.
Suchend blickte sich Kate um und steuerte dann zielstrebig auf die Treppe zu, die sie in den Cafeteriabereich führen würde.
Oben angekommen staunte sie nicht schlecht: auf jedem der kleinen, runden Tische befand sich ein Teelicht in einem ovalen Glasbehälter und die Pflanzen - es waren lauter kleine, eingetopfte Bäume, nicht größer als sie selbst - die regelmäßig verteilt zwischen den Tischen standen, waren mit leuchtenden Lichterketten dekoriert, von denen einige auch in einem großen Netz gespannt an der Decke hingen und diese wie einen klaren Sternenhimmel erscheinen ließen.
Überwältigt trat Kate an die gläserne Brüstung und blickte auf die tosende Menge herunter. Sie befand sich hier viel höher, als sie erwartet hatte. Die bunten Lichter tanzten auf den Köpfen der Menge herum, aber die Musik kam hier oben viel gedämpfter an. Alles in einem eine große Erleichterung.
"Kate, hierher!" Da rief doch jemand nach ihr?
Sie schaute sich um und entdeckte nicht weit von ihr entfernt eine Gruppe von ein paar Mädchen aus ihrem Studium. Stimmt ja, sie hatte fast vergessen, dass sie auch kommen würden.
Erfreut über diese nette Abwechslung ging Kate zu ihnen herüber und setzte sich auf einen der bequemen Stühle, die Sophie, ein fröhliches, blondgelocktes Mädchen, ihr hinschob. Was für eine Wohltat, endlich zu sitzen!
"Ich hab mich schon gefragt, wo du bleibst", lächelte Sophie ihr zu, nachdem sie alle begrüßt hatte. Sophie hatte schulterlange Locken, die sie für gewöhnlich als kurzen Pferdeschwanz trug. Doch heute ließ sie die Haare offen, wie auch Claire es getan hatte.
Sophie war meist zurückhaltend, freundlich und sehr sympathisch, weil sie stets um andere besorgt war und versuchte zu helfen, wo sie konnte.
"Du siehst etwas abgehetzt aus", fügte sie mitfühlend hinzu, als sie Kate näher betrachtete.
Die anderen Mädchen hatte ihre hitzige Diskussion fortgesetzt.
"Jaah..." Kate seufzte. "Wenn du wüsstest, was da unten los ist..."
Sophie warf einen interessierten Blick durch die Glasabsperrung nach unten.
"Was denn?", fragte sie dann neugierig, als ihr nach dem Offensichtlichen – der wuselnden Menge - immer noch nicht aufging, was Kate genau meinte.
Kate blickte auch auf die bunt-flackernden und glitzernde Köpfe des Getümmels, aber aus dieser Entfernung und auch noch von so weit oben konnte sie niemanden genau ausmachen. Dann wandte sie sich wieder Sophie zu, die geduldig wartete.
Plötzlich sprudelte es nur so aus ihr heraus.
"Mein bester Freund hechelt mit heraushängender Zunge einem Mädchen nach, das ihn kaum beachtet und wie Dreck behandelt, meine beste Freundin ist vor ihrem Ex-Freund auf der Flucht, den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hat und der hier plötzlich ohne Vorwarnung aufgetaucht ist, um sie anscheinend auf sich aufmerksam zu machen, und ich versuche, bei all dem Chaos nicht in Panik zu geraten, wenn David – übrigens der hartnäckigste Typ auf Erden - in meine Nähe kommt..."
Sie dachte kurz über ihre Worte nach. Dass bei all dem noch verschiedene Gefühle im Spiel waren, wie Claire's Stolz und ihre Versuche, es Gabe heimzuzahlen, ganz zu schweigen von ihren eigenen Gefühlen für ihren besten Freund und der Groll gegen Rachel... das ließ sie besser aus. Sophie hatte bestimmt auch eigene Probleme und sie wollte sie nicht unnötig überstrapazieren. Außerdem... je weniger Leute davon wussten, desto besser war es wahrscheinlich.
Sophie machte große Augen.
"Das klingt ja hoch-explosiv!", rief sie dann begeistert aus. "Ich wünschte, mein Leben wäre auch so spannend." Für einen kurzen Augenblick schloss sie dramatisch seufzend und in gespieltem Selbstmitleid versunken die Augen, doch dann war sie wieder ganz die Alte.
Kate verzog das Gesicht zu einem schiefen Lächeln. Ihr Leben und spannend? Bestimmt nicht – es war nur der Abend, der es seltsamerweise in sich hatte. Und trotzdem – sie zog die Ruhe und Abgeschiedenheit diesem Chaos vor.
"Besser nicht", murmelte sie daher kopfschüttelt
Sophie, nicht abzubringen von ihrer Vorstellungen von einem "spannenden Leben", stellte Kate noch ein paar faszinierte Fragen zu Claire, Gabe und den anderen Problemkindern.
So erfuhr sie, dass Gabe in Australien gewesen war, wovon Claire gar nicht begeistert zu sein gewesen schien und auch in Rachel's Methoden, sich einen Mann gefügig zu machen, bekam sie einen Einblick.
Sophie war zu Kate's Begeisterung genauso entsetzt über Rachel, wie sie selbst und sagte ein paar sehr unschöner Sachen über ihr Verhalten, doch noch lange nicht so schlimm, wie Claire es ausdrücken würde. Kate war schon so gewöhnt an Claire's harsche Ausdrucksweise, dass sie bei Sophie's Zurückhaltung, was das anging, leicht schmunzeln musste.
So verging die Zeit und dort oben, abseits des Lärms und des Getümmels, vergaß Kate die Zeit und schaffte es sogar, kurz ihren Sorgen zu entkommen.

Jemand tippte ihr auf die Schulter, während sie gerade mit den anderen Mädchen einen Kinobesuch plante.
Überrascht drehte sie sich um und fand Claire vor sich - müde und ziemlich erschöpft. Ihre Haare hingen wirr herunter und die Spange hatte sich gelöst. Ob Claire sie irgendwo verloren hatte?
Instinktiv blickte Kate auf ihre Uhr und erschrak. Hatte sie tatsächlich fast drei Stunden hier oben verbracht? Unfassbar!
"Da bist du ja", sagte Claire heiser, tonlos. "Ich hab dich schon gesucht."
War es die Erschöpfung oder warum klang sie so ausgelaugt und kraftlos?
"Tut mir leid", entschuldigte Kate sich zerknirscht. "Ich habe die Zeit total vergessen. Was gibt's denn?"
Claire blickte sich um und betrachtete eine Sekunde lang schweigend, wie Kate es sich mit den anderen gemütlich gemacht hatte. Dann sah sie ihre beste Freundin wieder direkt an.
"Meinst du, wir könnten schon nach Hause?"
Sie sagte es zögerlich, fast entschuldigend, dass sie "so früh" schon wieder weg wollte. Aber Kate sprang begeistert auf.
"Na klar, gar kein Problem!"
Claire nickte und murmelte etwas von "Garderobe", als sie sich entfernte, nachdem sie den anderen Mädels am Tisch noch kurz zugewunken hatte.
"Wir gehen dann mal", verabschiedete sich Kate gutgelaunt. "Sagt mir bescheid, auf welchen Tag ihr euch geeinigt habt, okay?"
Sophie nickte. "Sicher. Ich ruf dich an." Sie winkte Kate hinterher, als diese sich, auf Claire's Fersen, zum Ausgang hinbewegte.
Die Party war doch keine so komplette Katastrophe gewesen, wie sie es sich vorgestellt hatte - zumindest die zweite Hälfte der Party nicht, berichtigte sie sich.
Dann kam ihr ein anderer Gedanke: sollte sie sich noch von Gabe und Jake verabschieden?
Sie entschied sich dazu, es nicht zu tun. Jake war ein Idiot, und Gabe... hatte eine Strafe verdient, dass er Claire so hinterrücks überfallen hatte. Es ging ihr nicht gut... und wer weiß, was das zur Folge hatte! Kate jedenfalls würde es früher oder später herausfinden.
Am Fuße der Treppe angekommen, stand Claire schon mit den Klamotten da und wartete. Schweigend reichte sie Kate Pullover, Jacke und Tasche und zog sich auch ihre Eigene an.

Den ganzen Heimweg über schwieg Claire, gab nur hin und wieder knappe Antworten auf Kate's belanglose Fragen und diese traute sich auch nicht, Gabe’s Auftauchen zu erwähnen.
Zum einen wusste sie, wie die Reaktion ausfallen würde - eisiges Schweigen und hinterher eine gehörige Retourkutsche, auf die sie gut verzichten konnte - und zum andere brauchte auch Claire etwas Zeit, um darüber nachzudenken. Der Abend war für sie bestimmt am Schlimmsten gewesen.
Doch dann revidierte Kate ihre Meinung und kicherte leise vor sich hin.
Den schlimmsten Abend hatte bestimmt Rachel verlebt, die - bestimmt zum ersten Mal in ihrem Leben - von einem gutaussehenden Typen einen Korb bekommen hatte - und dann auch noch einen so Hinterhältigen. Natürlich war es gemein von Gabe gewesen, aber Kate schaffte es einfach nicht, das Gefühl der Schadenfreude loszuwerden und echtes Mitgefühl für die herzlose Rachel zu empfinden.
Vor sich hingrinsend fiel ihr da auch Claire's Aktion mit dem Cocktail ein. Sie und Gabe, sie waren schon immer so gewesen - ein unschlagbares Team, als verstünden sie sich blind, ohne etwas sagen zu müssen.

Irgendwo zwischen Cut Through Lane und Wemyss Gardens hatte es angefangen zu schneien. Dicke Schneeflocken fielen in aller Stille auf die zwei Mädchen herab und bedeckten sie und die Straße schon nach kurzer Zeit unter einer dünnen, weißen Schicht. Die Beiden zogen sich schweigend die Kapuzen über den Kopf und vor allem Claire, die keinen Pulli unter der Jacke trug, machte die Kälte zu schaffen.
Die Straßen von Nottingham waren wie leer gefegt, keiner befand sich draußen, die Fenster waren alle dunkel und nur ein paar Straßenlaternen hier und da erhellten die Nacht.
Da Claire eher ungesprächig schien - was schon ein sehr ungewöhnlicher Zustand war - hatte Kate viel Zeit, den Abend noch einmal revue passieren zu lassen und über ihn nachzudenken, sodass sie plötzlich, vollkommen in Gedanken versunken, vor ihrer Haustür standen.
"Das ging ja schnell", murmelte sie leise, während sie nach dem Schlüsselbund in ihrer Tasche kramte, und erntete einen merkwürdigen Blick von Claire.
Oben, in der Wohnung angekommen, entledigten sich die Mädchen ihrer Schuhe und nassen Jacke. Claire wünschte Kate eine "Gute Nacht" und verschwand ziemlich schnell in ihr Zimmer.
Verwundert putzte Kate sich noch die Zähne und ließ sich ebenfalls in die weichen Kissen fallen. Nicht lange dauerte es, bis auch der Schlaf endlich kam.


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