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In Nottingham

von  -Moonshine-

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Kapitel 5: About giving you up

"War doch ein nettes Wochenende." Claire lehnte am Türrahmen in der Küche und sah Kate dabei zu, wie diese den Tisch von den Taschentüchern und der restlichen Medizin befreite. Dann nahm sie einen Lappen und wischte ihn sorgfältig ab.
"Wenn du das sagst...", antwortete sie skeptisch nach einer Weile. Für sie war das Wochenende gar nicht so "nett" gewesen, denn sie hatte kaum etwas geschafft, weder für die Uni, noch im Haushalt. Das eigentlich Problem war nicht, dass sie dazu nicht in der Lage gewesen wäre - nein. Jake hatte sich bei den beiden für zwei Tage einquartiert - natürlich ebenfalls mit einer Grippe - und ihre beiden Freunde haben sie dazu genötigt, das ganze Wochenende mit ihnen auf der Couch vor dem Fernseher herumzulümmeln, sich nervtötende, sinnlose Sendungen anzuschauen und sich von ungesundem Zeug zu ernähren.
Claire war sehr begierig auf Schokolade gewesen, während Jake eher eine Pizza bevorzugte. Kate hingegen war ständig übel geworden von dem Geruch und sie fragte sich, warum es den anderen beiden nicht ebenfalls so erging.

Als Jake am nächsten Morgen aufwachte, war er topfit. Er verbrachte den Tag ganz sittsam in der Universität, doch als er am nächsten Tag, ein Samstag, mit einem gequälten Ausdruck im Gesicht vor Claire's und Kate's Haustür stand, war klar, dass es ihn im Nachhinein genauso schlimm erwischt hatte.
Mit Fieber quälte er sich auf die Couch, wo Claire, eindeckt in Papiertaschentücher, seelenruhig ein Buch las, und genau das war der Moment, in dem er anfing, zu jammern. Männer, die krank waren, waren doch wirklich unausstehlich!

Kate, mit einem Schal um den Hals und tränenden Augen, musste sich nun auch seiner annehmen, während Claire, die ja sowieso der Meinung war, krank sein machte zusammen "mehr Spaß", begann, das Wochenende zu planen.
Ihre Planung sah so aus, dass sie erstmal sämtliche Decken ins Wohnzimmer schleppte, die Couch ausklappte und ihnen ein weiches, gemütliches Lager herrichtete, während sie verkündete, dass im Hause Winston-Greene eine exklusive Pyjamaparty für "Aussätzige", wie sie es nannte, stattfinden würde. Sie war auch die Erste, die sich in die Kissen fallen ließ und gar nicht mehr aufstehen wollte.
Jake, der, seiner Aussage nach, überall Schmerzen hatte, wurde von Claire erbarmungslos mit Medikamenten zugedröhnt - sie konnte sehr herrisch und überzeugend sein, obwohl Kate eher vermutete, dass die Meisten einfach nur Angst vor ihr hatten - und schon kurze Zeit später fiel er in einen tiefen Schlaf, ähnlich wie Claire und Kate zwei Tage zuvor, während sich die Mädchen leise das Nachmittagsprogramm - Dokumentationen, Talkshows und sogar einen mittelmäßigen Spielfilm - anschauten.
Der Nachmittag zog sich lange hin, Kate schaffte es sogar noch, ein wenig in ihrem Roman zu lesen, einer von Vieren, den sie bis zum Semesterende gelesen haben muss, um die Prüfung erfolgreich zu bestehen.

Als es Abend wurde und Jake wieder wach war - auch bei ihm war das Fieber nach dem Schlafen sofort abgesunken - schaffte Claire sämtliche Cola und Schokolade aus der Küche ins Wohnzimmer. Jake formulierte den unfassbaren Wunsch nach einer Pizza, also wurde ihm kurzerhand das Telefon in die Hand gedrückt.
"Eigentlich ist es nicht förderlich, bei einer Grippe Cola zu trinken. Wegen dem Koffein und so", erklärte er selbstgefällig und nahm einen Schluck der dunklen, süßen Flüssigkeit aus seinem Glas.
Claire hob skeptisch die Augenbrauen. "Bringen sie euch so was in der Universität bei? Wie beeindruckend", spottete sie und wandte sich dann an Kate.
"Ich glaube, ich würde mich auch für ein Medizinstudium eignen. Allzu anspruchsvoll scheint es ja nicht zu sein." Sie holte Luft und setzte einen blasierten Gesichtsausdruck auf. "'Wegen dem Koffein und so'", ahmte sie Jacob nach.
Kate lachte, doch Jake rollte nur leicht genervt mit den Augen.
"Haha."

Nach einer Weile streckte sich Jake zufrieden auf der Couch aus und gähnte.
"Mit euch beiden lohnt es sich fast schon, krank zu sein."
Claire strahlte - genau ihre Meinung! Aber Kate sah das ganz anders. Sie hätte liebend gerne ihre Ruhe gehabt, aber andererseits - wann hatte sie die jemals? Zu Hause, in Dyke's End, war es auch nie wirklich still im Haus gewesen. Wie konnte sie nur glauben, dass sich nach ihrem Auszug so einiges verändern würde? Bei solchen Freunden - niemals!
Claire und Jake hatten schon eine Weile lang nichts mehr gesagt und so war sie ganz schläfrig geworden und hatte die schweren Lider geschlossen.
Irgendwann döste sie vor sich hin, die Geräusche des Fernsehers nahm sie nur noch irgendwo im Hintergrund ihres Kopfes wahr.

"Sag mal, Jake", sagte Claire mit gedämpfter Stimme - sie klang nachdenklich. "Wie laufen deine Bemühungen?"
"Mhm", machte Jake und das war das Letzte, woran Kate sich noch im Wachzustand erinnern konnte.

Morgen, ein Montag, würde das Leben wieder seinen ganz normalen Lauf nehmen und Kate war schon beinahe froh darüber. Es war anstrengend, den anderen beiden nicht aus dem Weg gehen zu können, vor allem Jake's Anwesenheit irritierte sie immer wieder. Es war seltsam, aber sie konnte ihn nicht über einen längeren Zeitraum hinweg ertragen. Jedenfalls nicht mehr...
Claire stieß sich vom Türrahmen ab, zog einen Stuhl zu sich heran und setzte sich an den Tisch. Auch ihr ging es wieder besser - eigentlich fast ein Wunder nach diesem ungesunden Wochenende. Ungesund im wahrsten Sinne des Wortes!
Kate setzte Wasser zum Kochen auf und holte Erkältungstee und Zucker aus dem Schränkchen, stellte beides neben den Tassen auf dem Tisch ab.
Claire schweig eine Weile.

"Wie lange soll das eigentlich noch weitergehen?", fragte sie dann ganz unvermittelt und blickte Kate prüfend an.
"Was meinst du denn?", fragte diese ahnungslos. Ihre Freundin hatte öfter Gedankensprünge, die keiner nachvollziehen konnte, aber Kate war schon daran gewöhnt.
Claire rollte genervt mit den Augen.
"Du weißt genau, was ich meine. Zwing mich also nicht, es laut auszusprechen", warnte die sie und es klang fast wie eine Drohung.
Kate zog die etwas ahnend Augenbrauen zusammen.
"Claire, was soll das?", fragte sie leicht gereizt, doch diese schüttelte nur verständnislos den Kopf.
"Weißt du, Jake ist ein Idiot", sagte sie dann und Kate starrte sie perplex an - das war nicht das Thema, wovon sie ausgegangen war.
"Ich versteh nicht...", murmelte sie verwirrt und versuchte in ihrem Kopf, Claire's Gedankengang zu folgen - vergebens.
"Dieser - wie hieß sie gleich?" Sie überlegte kurz. "Rachel! Dieser Rachel nachzutrauern. Oh man, ich hab sie einmal gesehen und das hat mir schon gereicht."
Claire redete sich regelrecht in Rage und verzog ihr Gesicht zu einer angewiderten Grimasse, als sie Rachel's Namen laut aussprach.
"Rache Clarke", spottete sie. "Die Dorfschlampe!"
Kate sog hörbar die Luft ein. "Claire!", rief sie empört, als es im selben Augenblick begann, im Wasserkocher verdächtig zu blubbern.
Claire ließ sich davon gar nicht beeindrucken und zuckte nur die Achseln.
"Ist doch wahr, Kate. Du weißt es, ich weiß es - alle Welt weiß es, nur Jake stellt sich mal wieder taub und blind. Und wer trägt den meisten Schaden davon?"
Sie sah Kate herausfordernd in die Augen.
"Du!" Der Wasserkocher klickte laut.
Kate wandte sich von Claire ab, um ihrem Blick auszuweichen.
"Das ist nicht wahr", protestierte sie lahm und ging dazu über, heißes Wasser in die beiden Tassen zu füllen. Es war doch das Thema, wovon sie ausgegangen war - Claire's Umweg war eine kluge Taktik gewesen, um sie in Sicherheit zu wiegen.
"Na klar." Sie glaubte ihr natürlich kein Wort.
"Mir macht das nichts aus, wirklich", versuchte sie ihre Freundin zu beschwichtigen, aber sie schnaubte nur verächtlich.
"Das sehe ich, wie sehr es dir nichts ausmacht." Sie machte eine vage Handbewegung und griff nach dem Löffel, um eine gehörige Portion Zucker in ihren Tee zu geben. Claire trank alles mit unglaublich viel Zucker - je süßer, desto besser, fand sie.
"Können wir...", fing Kate an, doch Claire unterbrach sie.
"Du bist viel zu weichherzig. Ich an deiner Stelle hätte ihm schon längst gezeigt, wo der Hammer hängt."
Kate biss die Zähne zusammen. Es war unfair - während sie sich an das Tabuthema "Gabe" hielt, konnte Claire einfach so, wie es ihr beliebte, alles ansprechen, was sie wollte - auch, wenn sie genau wusste, dass Kate nicht darüber reden wollte.
"So wie du es bei Gabriel gemacht hast, in etwa?", schoss sie bissig zurück und biss sich sofort auf die Unterlippe. Das ging zu weit, das merkte sie nun selber.
Claire's Miene wurde hart wie Stein, aber nur für den Bruchteil einer Sekunde.
"Ja", sagte sie dann, erst etwas nachdenklich, doch dann veränderte sich ihre Mimik und ihr Gesicht nahm einen entschlossenen Ausdruck an. Viel zu entschlossen für Kate's Geschmack...
"Ja, genau so!", ereiferte sie sich. "Und ich bin glücklich damit!"
Nun war es an Kate, argwöhnisch die Augenbrauen zu heben, doch sie traute sich nicht mehr, etwas darauf zu erwidern. Wenn Claire diese absolute Ignoranz "glücklich" machte, dann stimmte entweder etwas nicht mit ihr selbst oder ihrer Definition von "glücklich".

Beide schwiegen, während Claire leidenschaftlich in ihrem Tee herumrührte. Dabei stieß der Löffel permanent an die Wände der Tasse und verursachte klirrende Geräusche.
"Du hast zwar schon seit langem nichts mehr gesagt", sagte Claire, ihre Stimme glasklar und schneidend. "Aber ich weiß, dass du immer noch etwas für Jake empfindest."
Kate erstarrte und musste erstmal schlucken. Das war der Gegenschlag gewesen - und sie hatte ihn verdient. Sie machte sich nicht die Mühe, zu widersprechen.

Es war in der vorletzten Klasse gewesen, noch in der Schule und sie und Jake waren zu diesem Zeitpunkt schon viel zu lange beste Freunde gewesen. Irgendetwas anderes war plötzlich da und sie fing an, ihn mit anderen Augen zu sehen.
Seine Fröhlichkeit, wie er andere immer unwillkürlich zum Lachen bringen konnte und seine Unfähigkeit, etwas Schlechtes in anderen Menschen zu sehen - so naiv und freundlich. Zuvor hatte sie ihn für einen Träumer gehalten, für den Klassenclown, aber für eine gute Seele und plötzlich wurde alles ins andere Licht gerückt.
Sie hatte ihn nie ernst genommen - und sie bemühte sich nach Kräften, es noch immer nicht zu tun.
Sie spielte ein Spiel, jeden einzelnen Tag ihres Lebens. Und es wurde von Tag zu Tag schlimmer.

Natürlich hatte sie es Claire erzählt - sie erzählte Claire alles. Aber sie hatte in dieser Hinsicht nie etwas unternommen und damit den Groll ihrer Freundin auf sich gezogen. Jake war ihr bester Freund seit der Grundschule. Sie konnte das nicht so einfach außen vor lassen und das Risiko eingehen, ihn zu verlieren.
"Sehr viel sogar", setzte Claire hinzu - etwas sanfter nun, während sie die Regungen in Kate's Gesicht beobachtete.
"Und wenn schon." Kate machte eine wegwerfende Handbewegung und lachte nervös. "Das spielt überhaupt keine Rolle."

Irgendwann hatte sie aufgehört, mit Claire darüber zu reden. Es war anstrengend und es machte sie nur traurig. Sie hatte gehofft, Claire ließe sich auf eine falsche Fährte locken, aber da hatte sie die gute Claire falsch eingeschätzt - sie hatte schon immer wachsame Augen gehabt, diese grünen, aufmerksamen Augen, mit denen sie die Welt etwas eigensinniger betrachtete, als andere Menschen es taten.
"Kate", sagte sie, fast schon flehend. "So kann es aber nicht weitergehen."
Jetzt war es wieder an Kate, wütend zu werden.
"Es muss aber, Claire!", sagte sie aufgebracht. "Wir sind Freunde! Es geht nicht ohne... ich meine..." Sie verhaspelte sich etwas und suchte nach den richtigen Worten. "So ist es mir lieber..."
Claire schüttelte langsam den Kopf und nippte an ihrem Tee.
"Wieso gehst du nur davon aus, dass dann alles kaputtgeht? Es könnte... gut werden! Bestimmt sogar!" Sie klang ziemlich zuversichtlich, aber Kate wehrte ab.
"Bestimmt sogar NICHT", protestierte sie. "Du hast doch Rachel gesehen - und in der Schule, Audrey! Fällt dir irgendetwas auf? Perfekt und schön und..."
"Unerreichbar", unterbrach Claire bestimmt.
"Macht auch keinen Unterschied."
"Natürlich tut es das", regte sich Claire auf. "Irgendwann muss er doch mal auf dem Boden der Realität ankommen. Luftschlösser bauen zahlt sich am Ende nicht aus."
Kate wand sich unter Claire's Worten. "Was soll das bedeuten?"
"Das bedeutet, du bist der Boden der Realität, Kate", erklärte sie entschieden.
Kate runzelte die Stirn und wiegte Claire‘s Worte gegeneinander ab - schön, perfekt und unerreichbar auf der einen Seite und auf der anderen Seite der „Boden der Realität“ .
"Du sagst das so, als wäre ich ein Abstieg auf eine niedrigere Stufe..."
Aber Claire lachte nur ihr helles Lachen. "Nein, Kate. Jeder, der sich mit dir abgibt, KANN nur eine Stufe höher steigen. Was glaubst du, wieso Dave so offen sein Interesse bekundet?"
Sie zwinkerte Kate zu und war sichtlich zufrieden, ihre Freundin zum Schmunzeln gebracht zu haben.
Doch Kate wurde ganz schnell wieder ernst. "Du weißt, dass das nichts ändert."
Claire seufzte. "Ich weiß. Leider! Mensch, Kate, du bist der einzige Mensch auf der Welt, den ich kenne, der überhaupt nichts für sein Liebesglück unternimmt!", tadelte sie resigniert.
Diese starrte geistesabwesend an Claire vorbei zum Fenster hinaus.
"Es gibt immer ein erstes Mal...", murmelte sie.

"Das muss aufhören", sagte ihre Freundin bestimmt. Kate schüttelte widerwillig den Kopf. Nie im Leben.
"Das muss aufhören, Kate", setzte Claire noch einmal an, nachdrücklicher, und beugte sich über den Tisch näher zu Kate herüber, "bevor Jake Verdacht schöpft. Als du geschlafen hast, fragte er, was mit dir los ist."
Es lag eine neue, besorgte Dringlichkeit in Claire's Stimme, die Kate sofort in Panik versetzte.
Bevor diese den Mund aufmachen konnte, hob Claire auch schon beruhigend die Hände. "Bevor du doch jetzt aufregst: er macht sich nur Sorgen. Weil du traurig bist."
Kate hielt inne und sah ihre Freundin zweifelnd an. "Was...?"
"Er sagte, du seiest traurig", wiederholte diese geduldig und zuckte dann mit den Schultern.
"Ich finde, er hat schon recht."
Katie war extrem überrascht und brauchte einige Sekunden, um sich darüber klar zu werden, was das bedeutete. Ihr war gar nicht bewusst gewesen, dass der innere Kampf, der in ihr tobte, auch nach Außen hin Spuren hinterließ.
Natürlich war sie nicht glücklich gewesen, kein einziges Mal, als Jake ihr von Rachel vorschwärmte, als er ihr beteuerte, dass er es irgendwie hinkriegen musste, sich mit ihr zu verabreden und überhaupt, jedes Mal, wenn er ihren Namen erwähnte...
Dass sie traurig war, das wusste sie selbst nicht. Sie war - frustriert und genervt und unausgeglichen, wütend und reizbar, aber... traurig. Sie ließ sich das Wort auf der Zunge zergehen.
Es konnte sich nur um eine von zwei Möglichkeiten handeln: entweder sie hatte sich nicht so gut im Griff, wie sie dachte, oder Jake war viel aufmerksamer, als sie ihm zugetraut hatte.
Claire wartete und trank einen Schluck aus der Tasse. Ihre war bereits fast leer, während Katie noch kein einziges Mal getrunken hatte.
Ruckartig riss sie sich aus ihren Gedanken. "Wieso?", wollte sie verständnislos wissen.
Claire lachte. "Wieso er das merkt?" Als hätte sie ihre Gedanken gelesen!
"Du bist unglaublich reizbar und, wahrscheinlich merkst du es selbst nicht, aber du gehst ihm permanent aus dem Weg. Du setzt dich auf den entferntesten Platz, du willst nicht in seiner Nähe sein und du - und ich finde, das ist das Schlimmste - kannst ihn nicht mal lange genug ansehen, ohne seinem Blick auszuweichen!", ereiferte Claire sich. "Und du bist so unfreundlich! Manchmal tut er sogar mir schon leid. Mir!", setzte sie bedeutungsvoll hinzu und deutet auf sich selbst, mit weit aufgerissenen Augen.
Kate musste leicht lächeln. Claire hatte wirklich einen Hang zur Dramatik.

Schweigend saßen sich die beiden Mädchen gegenüber, bis Kate's Blick zufällig auf ihre Lesebrille fiel, die, einsam und verlassen, an der Tischkante lag, die an die Wand angrenzte.
Sie hatte sie schon lange nicht mehr benutzt…

Kate hatte sich bereits Sorgen gemacht, doch als die Tür zum Klassenzimmer geöffnet wurde, wusste sie automatisch, ohne aufzuschauen, dass es Jake war. Er war mal wieder zu spät - schon zum dritten Mal in diesem Monat!
"Jacob Parker", ertönte eine strenge Frauenstimme von vorn. "Du bist zu spät."
Kate konnte das Grinsen in seinem Gesicht regelrecht hören, als er sich heiter entschuldigte.
"Tut mir leid, Miss."
Nicht ganz so lautlos, wie er eigentlich sollte, schlüpfte er zwischen den Bänken zu seinem Platz, eine Reihe hinter Kate, und setzte sich hin. Er begann, geräuschvoll seine Sachen auszupacken und neben Kate kicherte Claire verhalten vor sich hin.
Doch Kate war ganz und gar nicht zum Lachen zumute... vor kurzem war sie beim Augenarzt gewesen, da sie andauernd über Kopfschmerzen geklagt hatte und nun hatte sie eine Brille verschrieben bekommen! Eine Brille!
Katie hatte nichts gegen Leute, die Brillen trugen - aber sie stand ihr einfach nicht. Sie fühlte sich seltsam ausgeliefert damit und hatte das Gefühl, jeder starrte sie an - es war einfach unangenehm und sie hörte schon die Sprüche, die bestimmt nur auf sie warteten: "Vierauge" oder "Klappgestell auf der Nase" und was es da nicht alles gab. Kate seufzte.
Sie hatte ihre neue Brille - eigentlich ein ziemlich unauffälliges, rechteckiges Ding mit abgerundeten Ecken, eher schlicht - erst aufgesetzt, nachdem sie bereits auf ihrem Platz saß, um so wenige Schüler wie möglich auf sich aufmerksam zu machen.
Zum Glück musste sie sie nur im Unterricht tragen und beim Lesen - so blind war sie dann doch nicht. Noch nicht.

"Danke, Will", sagte Miss Baker gerade zu einem schwarzhaarigen Jungen, der vor der Klasse stand und eben seinen Aufsatz zum Thema "englische Heldenfiguren" vorgetragen hatte, als Jake hereingepoltert kam.
"Du kannst dich nun setzen. Der nächste auf der Liste wäre dann..." Sie kramte nach der Klassenliste, Will machte sich auf den Weg zu seinem Stuhl in der letzten Reihe und Katie versuchte sich ganz klein zu machen.
"Kate. Kate, kommst du bitte zur Tafel?"
Sie stöhnte innerlich auf. Natürlich musste das passieren!
Widerwillig griff sie nach ihrem Heft und erhob sich. Mit gesenktem Kopf trottete sie nach vorne - sie hatte es nicht weit, denn sie und Claire saßen in der zweiten von vier Reihen - und drehte sich mit einem lautlosen Seufzer der Klasse zu, mit dem festen Vorsatz, niemanden anzuschauen, um den mitleidigen Blicken zu entgehen und ihren Aufsatz so schnell wie möglich hinter sich zu bringen.
Doch sie hatte nicht mit Jake gerechnet - und im Nachhinein wunderte sie sich, warum, denn mit Jake musste man IMMER rechnen.

"Kate!", rief er verblüfft aus und starrte sie an. Genauso überrascht, aber viel mehr als das geschockt sah sie auf und erwiderte seinen verdutzten Blick.
Gleichzeitig machte sie sich auf das Schlimmste gefasst, was kommen konnte: er würde sie bloßstellen. Vor der ganzen Klasse!
"Du hast ja eine Brille", stellte er fast schon bewundernd fest und überging dabei das überdeutliche "Shhhh, Jacob" der Lehrerin, die ihn bereits unzufrieden anfunkelte und etwas in das Klassenbuch notierte.
Etliche Blicke hafteten nun auf Kate, sogar die von Leuten, die vor Jake's Ausbruch noch im Halbschlaf auf ihren Tischen hingen - was Kate wirklich lieber gewesen war - und schauten sie neugierig an. Kate fühlte sich wie ein Ausstellungsstück und warf einen verzweifelten Blick zu Claire herüber, die breit grinste. Claire fand Jake's Art immer unglaublich lustig, selbst, wenn er unnötig übertrieb.
"Die steht dir gut." Der fünfzehnjährige Jake lächelte von seinem Platz in der vorletzten Reihe Kate aufmunternd zu und nickte zur Bekräftigung seiner Worte, als Kate ihn ungläubig anstarrte.
Ein paar Mädchen weiter hinten kicherten und Kate fühlte, wie ihre Wangen und Ohren heiß wurden - eine Eigenschaft, die sie schon oft verraten hatte, wenn ihr eine Situation peinlich oder unangenehm war.
Sie zwang sich, sich aus ihrer Starre zu lösen und wandte sich dem Heft zu, das sie noch immer schützend vor der Brust in den Händen hielt. Etwas kopflos suchte sie die richtige Seite und die Sekunden schienen sich in Minuten zu verwandeln, bis sie endlich zu der Stelle mit dem Aufsatz kam.
Sie räusperte sich, um sicherzustellen, dass ihre Stimme nicht direkt beim ersten Satz versagen würde und heftete ihren Blick nun entschieden auf das mit blauer Tinte beschriebene Papier.
"Mein Aufsatz..." Ihre Stimme klang wackelig und unsicher und sie versuchte, sich zusammenzureißen. "Mein Aufsatz handelt von der Legende des Schwertes im Stein... König Arthur."

"Kate! Katiiiee, warte!"
Er holte sie ein und lief nun leichfüßig neben ihr her. "Was machst du am Wochenende?", fragte er und wartete nicht einmal die Antwort ab. "Du weißt ja, es ist der erste Sonntag im Monat, unser Kinotag!"
Jake hatte recht - der erste Sonntag im Monat war der Tag, an dem sie immer zusammen ins Kino gingen. Irgendwann ist beiden aufgefallen, wie langweilig die Sonntage waren und anstatt in den Vorgärten ihrer Elternhäuser herumzulungern, hatten sie sich entschlossen, ins Kino zu gehen. Da sie das aber nicht jeden Sonntag tun konnten, einigten sie sich nach einiger Zeit auf den Monatsersten. Mittlerweile war es beinahe schon Tradition geworden.
In North Collingham gab es zum Glück eins, auch wenn es klein, stickig und schlecht besucht war.
Aber diesmal war Kate wütend auf Jake.
"Geh alleine hin", erwiderte sie bissig und er warf ihr einen überraschten Seitenblick zu.
"Hab ich was gemacht?", fragte Jake instinktiv - Kate war selten wütend und wenn, dann meistens auf ihn.
Sie blieb nicht stehen, als sie ihn weiter ankeifte. "Nein, überhaupt nichts!", höhnte sie sarkastisch. "Du hast mich
ganz und gar nicht vor der ganzen Klasse bloßgestellt mit so einem dämlichen Spruch."
Das Mädchen hielt kurz inne und schluckte. "Das hätte echt nicht sein müssen…"
Jake verstand nicht und schüttelte verständnislos den Kopf.
"Was für ein Spruch und wieso bloßgestellt?", wollte er perplex wissen und dachte angestrengt nach, fest in der Annahme, er hätte etwas Entscheidendes verpasst.
"'Die steht dir gut'", äffte sie ihn erbost nach, um ihm auf die Sprünge zu helfen. "Sollte das vielleicht
witzig sein?"
"Häh? Wieso witzig?" Verwirrt schüttelte er wieder den Kopf. "Das habe ich ernst gemeint, warum regst du dich so auf?"
Voller Unschuld sah er sie an und ihre Wut fing langsam an, zu schwinden. Erschöpft seufzte sie. Wie konnte sie ihm böse sein, wenn er sich seiner Schuld noch nicht einmal bewusst war? Seine Naivität war wirklich zu beneiden...
"Warum hast du sie abgesetzt?", wollte er wissen, als sie schwieg.
"Ich hasse sie", war die schlichte, grimmige Antwort. Katie senkte den Kopf und beobachtete den Boden, mit ihrem Schicksal hadernd.
"Warum?", hakte Jake nach, noch immer sehr durcheinander, doch Kate zuckte bloß die Schultern und dachte selbst eine Weile darüber nach.
Warum?
"Oooh...", machte Jake und bekam große Augen, als wäre ihm soeben ein Licht aufgegangen.
"Jemand hat dich beleidigt, oder?" Er war so eingenommen von seiner Theorie, dass er sie gar nicht erst zu Wort kommen ließ.
"Sag mir, wer es war und was er gesagt hat, Kate", verlangte er entschlossen von ihr. "Das wird ihm Leid tun!"
"Nein, nein", wehrte Kate schnell ab. "So ist es nicht..."
Jake war nicht überzeugt. "Wie dann?", fragte er skeptisch und musterte sie prüfend.
Kate seufzte. Sie kam wohl nicht drum herum, ihm die Wahrheit zu erzählen, auch, wenn sie jetzt merkte, wie peinlich es war.
"Ich hatte nur befürchtet, dass..." Sie schluckte. "...dass jemand es tun würde, weißt du..."
Jake war nun wieder leicht durcheinander. "Wieso sollte jemand das tun?"
Kate lächelte entschuldigend. "Brillen sind nicht so hübsch..."
Jacob runzelte die Stirn und fing im selben Augenblick an zu lachen, sodass Katie ihre Angst plötzlich fürchterlich dumm und lächerlich vorkam.
"An den richtigen Leuten schon", sagte er dann und lächelte ihr bedeutsam zu.
Als Kate ihn kritisch ansah und widersprechen wollte, setzte er sich wieder in Gang und zog sie am Ärmel hinter sich her, noch immer grinsend über ihre Sorge bezüglich der Brille.
"Du bist dran mit Film aussuchen, Katie", erinnerte er sie noch, bevor er die Tür zur Cafeteria aufstieß, wo Claire schon, zusammen mit Gabe, an einem der Tische saß und den beiden zwei Plätze freihielt.


Kate schüttelte die Erinnerung ab und straffte die Schultern.
Nein, das konnte sie nicht so einfach aufgeben. Jake war immer an ihrer Seite gewesen und wenn sie traurig war, hatte er sie aufgeheitert und sie hatte ihm im Gegenzug bei seinen schwächeren Fächern geholfen. Sie hatten sich an den Sonntagen zusammen gelangweilt und noch viel mehr Spaß gehabt. So sorglos er immer sein mochte, man konnte sich im Notfall auf ihn verlassen.
Sie hatte um ihre Gefühle nicht gebeten, die sich, leise und klammheimlich, einfach hereingeschlichen hatten. Schon lange bevor sie verstanden hatte, warum sie so merkwürdig reagierte, wenn er nett zu anderen Mädchen war, wenn er von anderen redete und warum sie ihn daraufhin so patzig behandelte. Im Nachhinein fragte sie sich, wann das angefangen hatte. Warum hatte sie nichts bemerkt? Seit wann war er ihr so wichtig und seit wann so unverzichtbar für sie?
Ihre Eifersucht war sogar nicht einmal ihr als erstes aufgefallen - nein, es war natürlich Claire, die ihr eines Tages riet, sich mal zusammenzureißen und das Mädchen, dem Jake nur eine Schulaufgabe erklärte - und sich dabei viel zu weit zu ihr herüberlehnte und sie viel zu nett anlächelte, wie Kate fand - nicht mit ihren tödlichen Blicken zu vernichten.
Erst da fing sie an, sich über Claire's Worte Gedanken zu machen - und je länger sie nachdachte, desto mehr drängte sich ihr die undenkbare Wahrheit auf, die sie, je klarer sie wurde, immer weiter in den Hintergrund zu verdrängen versuchte. Und sie tat es immer noch!
Eine andere Wahrheit, so einfach und deutlich vor ihr, als wäre sie greifbar, war Folgende:
Für Jake war sie eine gute Freundin. Die Kummerkastentante, die manchmal etwas sonderlich reagierte. Mehr nicht und nicht mehr.
Er wollte sie nicht.


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