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Yu-Gi-Oh! The Last Asylum

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Turn 75 - Memento Mori

Turn 75 – Memento Mori

 

 

Anya straffte sich. Ein Blitz fegte über den dunkelgrauen Himmel hinweg, den man durch den Glasdom des Stadions sehen konnte. Es donnerte. Und die Leute feuerten sie an. Mehr als jemals zuvor und obwohl Anya sich immer vorgestellt hatte, dass eine Duel Queen sich in einem solchen Moment unheimlich stolz fühlen musste, blieb dies aus. Eher war es ihr unangenehm, doch warum genau konnte sie nicht sagen. Lag es daran, dass es momentan einfach Wichtigeres gab?

 

Ihr gegenüber saß Othello in seinem Rollstuhl und zog schweigend auf eine dritte Handkarte auf. Von ihm aus zu seiner Linken befand sich die hellblaue Lichtsäule, in der sich der weiße [Stargazer Magician] befand, auf der anderen Seite hingegen schwebte der schwarze [Timegazer Magician] in der Luft.

 

<1> Othellos Pendelbereich <8>

 

Solange er diese beiden in den Pendelzonen kontrollierte, konnte sie keine Zauber- oder Fallenkarten – wie ihre verdeckte [Justi-Break]-Falle – aktivieren, wenn Pendelmonster angriffen.

Aber sie musste an Othello vorbei, unbedingt! Er war das letzte Hindernis! Er war alles, was noch zwischen ihr und ihrer Zukunft stand, in vielerlei Hinsicht! Allein beim Gedanken daran schlug Anyas Herz wieder schneller.

 

Du darfst jetzt nicht den Kopf verlieren!

 

Levrier, der in Form des weißen Ritters [Gem-Knight Pearl] zusammen mit seinen sieben Perlen und den beiden um ihn kreisenden Overlay Units vor ihr verharrte, drehte sich nicht zu ihr um, als er das sagte. Trotzdem wusste er wohl, dass Anya darauf mit einem Nicken reagieren würde, denn er erwiderte darauf:
 

So ist es richtig.

 

Gem-Knight Pearl [ATK/2600 DEF/1900 {4} OLU: 2]

 

Anya umklammerte ihre beiden Handkarten fester. Zwar kontrollierte der Jugendliche mit dem schulterlangen, strohblonden Haar gerade keine Monster, doch das würde sich bald ändern …

Ein Blick auf den Lebenspunkte-Stand auf ihrem roten D-Pad verriet ihr jedoch, dass sie sich keine Sorgen machen brauchte. Noch nicht zumindest …

 

[Anya: 3900LP / Othello: 3900LP]

 

„Wie wird Othello Nikoloudis jetzt wohl vorgehen? Sein 'Odd-Eyes' allein wird es nicht schaffen, [Gem-Knight Pearl] zu besiegen, liebe Zuschauer!“, erklang in diesem Moment Mr. Cs Stimme von dem kleinen Turm innerhalb des Stadions, welcher sich rechts von Anya befand.

Othello seinerseits betrachtete die gezogene Karte und zeigte sie dann mit entschlossenem Gesichtsausdruck vor. „[Pendulum Call]. Auf Kosten einer Handkarte erhalte ich zwei Pendelmagier von meinem Deck.“

Er legte eine seiner beiden verbliebenen Karten auf den Ablagestapel seiner Duel Disk und zog das Deck aus deren Schacht. „Ich wähle [Dharma-Eye Magician] und [Dreamgazer Magician]!“

Seiner Gegnerin schwante dabei Böses.

„Schwinge bis in alle Ewigkeit, Pendulum“, rief der blonde, junge Mann kurz danach aus und hob dabei die Hand in die Höhe.

Über den zwei Magiern in den hellblauen Lichtsäulen öffnete sich ein Loch, umschlossen von unzähligen Lichtellipsen. „Aus meinem Extradeck der gefährlichste aller Drachen: [Odd-Eyes Pendulum Dragon]! Dazu von meiner Hand der Magier, der die Welt überwacht, [Dharma-Eye Magician] und die Magierin, die die Träume deutet: [Dreamgazer Magician]! Pendulum Summon!“

Gleich drei rote Lichter schossen aus dem Portal über Othello und schlugen vor diesem ein. In der Mitte der flügellose Drache, aus dessen weißem Brustpanzer metallische Auswüchse nach oben ragten. Zu seiner Linken erschien ein in dunkelblauer Kleidung steckender Magier, der eine massive Goldkeule mit beiden Händen führte. Auf der anderen Seite dagegen befand sich eine Hexerin in himmelblauer Robe, die zwischen ihren Händen eine Kristallkugel schweben ließ.

 

Odd-Eyes Pendulum Dragon [ATK/2500 DEF/2000 (7) PSC: <4/4>]

Dharma-Eye Magician [ATK/2000 DEF/2500 (7) PSC: <2/2>]

Dreamgazer Magician [ATK/1200 DEF/1500 (4) PSC: <4/4>]

 

„Na toll, jetzt legt er richtig los“, murmelte Anya vor sich hin. Zumindest sollte es für Außenstehende so wirken, tatsächlich aber waren ihre Worte an Levrier vor ihr gerichtet.

Welcher prompt erwiderte:

 

Richtig? Anya Bauer, ich fürchte, das ist noch die Aufwärmrunde.

 

Wenigstens war keines seiner Monster stärker als –

„'Odd-Eyes', greif' [Gem-Knight Pearl] an! Spiral Strike Burst!“, befahl Othello da mit ausgestrecktem Arm.

„Huh!?“ Anya zuckte zusammen. „Sag nicht-!?“

Doch schon lud der Drache in seinem Maul rote Energie auf, die er als einen Lichtstrahl in Levriers Richtung entfesselte. Dabei schlugen schwarze Entladungen um den Angriff.

 

Zu Anyas Linken saßen Logan, Zanthe, Valerie, Kakyo nebeneinander in der ersten und hinter Valerie Matt in der zweiten Reihe der Zuschauerplätze.

„[Dreamgazer Magician]“, murmelte die Schwarzhaarige vor sich hin, beobachtete, wie Pearl seine sieben Perlen per Handgestik zum Gegenangriff ausschwärmen ließ.

Der Dämonenjäger erwiderte: „Hm?“

„Exakt“, gab der brünette Kakyo mit einem Nicken von sich, „er kann sie verbannen, um ein Pendelmonster zeitweilig zu stärken.“

 

„… macht ihn das um 500 Punkte stärker“, war derweil auch Othello an diesem Punkt angelangt, „los, [Dreamgazer Magician]! Future Warning!“

Einen entschlossenen Laut von sich gebend, löste die hellblaue Magierin sich auf. Auf der blauen, kleinen Kugel in der Stirn des Drachen tauchte ein quer liegendes Auge aus rotem Licht auf, von dem sich insgesamt acht Schlangenlinien abzweigten.

 

Odd-Eyes Pendulum Dragon [ATK/2500 → 3000 DEF/2000 (7) PSC: <4/4>]

 

Ein durchsichtiger Schleier legte sich um den Flammenstrahl, welcher Pearl fast erreicht hatte. Die letzten beiden Perlen, die sich ihm entgegen gestellt hatten, lösten sich bei Kontakt auf, sodass es nichts mehr gab, was Levrier vor dem Angriff hätte schützen können.
 

Wieso immer ich …

 

Seiner trägen Jammerei wurde jäh ein Ende gesetzt, als die Attacke in seiner Brust einschlug und eine heftige Explosion verursachte. Othello streckte die Hand nach vorne: „Jetzt wirkt der Effekt von 'Odd-Eyes', der jeden Schaden aus einem Kampf mit einem anderen Monster verdoppelt! Reaction Force!“

Der Strahl bahnte sich seinen Weg zu Anya, die sich mit erhobenem D-Pad-Arm abwandte und getroffen wurde. „Shit, das auch noch!“

 

[Anya: 3900LP → 3100LP / Othello: 3900LP]

 

Dass das aber nur der Anfang war, wusste das Mädchen. Denn kaum war 'Odd-Eyes' Angriff verklungen, da befahl Othello bereits mit ausgestrecktem Arm: „Direkter Angriff, [Dharma-Eye Magician]! Burden Carrier!“

Anya blinzelte nur einmal, da hatte sich der Hexer in Dunkelblau schon direkt vor sie teleportiert und schwang seine gewaltige, goldene Waffe. Reflexartig hob sie wieder schützend den Arm mit dem roten D-Pad daran, auch wenn der Angriff letztlich durch sie hindurch glitt.

 

[Anya: 3100LP → 1100LP / Othello: 3900LP]

 

„Jetzt legt Othello Nikoloudis richtig los, liebe Zuschauer!“, tönte Mr. C aus dem Häuschen. „Ob Anya Bauer Angriffen wie diesen lange standhalten kann? Immerhin können Pendelmonster jede Runde zurückgerufen werden!“

Das Publikum feierte Othellos gelungenen Angriff, auch wenn Anyas 'Block' dem so lautstark wie möglich zuvor zu kommen versuchte.

Der Bursche selbst hustete mehrmals, wieder klebte Blut an seinen Händen. Mit kratziger Stimme verkündete er: „Mein Zug ist beendet.“
 

Odd-Eyes Pendulum Dragon [ATK/3000 → 2500 DEF/2000 (7) PSC: <4/4>]

 

„Hm, zwei Monster der Stufe 7“, überlegte indes Matt hinter seinen Freunden, „warum hat er nicht versucht, ein Xyz-Monster zu beschwören?“

Kakyo wusste die Antwort und drehte sich zu ihm um. „Das ist ganz einfach. Pendelmonster werden nur durch das Portal gelassen, wenn sie das Spielfeld verlassen. Regeltechnisch sind Overlay Units aber nicht auf dem Feld.“

„Das heißt, er würde sie verlieren und damit seinen größten Vorteil“, fügte Valerie noch hinzu.

„Nur, weil er dieses Mal darauf verzichtet hat, bedeutet das nicht, dass er nicht noch etwas in der Hinterhand hält.“ Zanthe seufzte. „Nie im Leben wird Anya mit so etwas rechnen und ehe sie sich versieht, heißt es Good Game.“

Logan ganz außen betrachtete den Schwarzhaarigen mit dem blauen Kopftuch, schwieg aber dazu.

„Hoffen wir, dass sie es nicht so weit kommen lässt“, murmelte Valerie zweifelnd.

Matt lachte unbekümmert. „Selbst wenn, hat sie selbst noch ein Ass im Ärmel.“

Worüber sich Valerie natürlich im Klaren war. Und sie war sich sicher, dass Othello ebenso gut Bescheid über [Angel Wing Dragon] wusste.

 

„Dann bin ich jetzt dran! Draw!“, bellte das gemeinsame Lästerobjekt und riss schwungvoll eine Karte von ihrem Deck. Als sie diese betrachtete, weitete sie freudestrahlend ihre Augen. „Hell yeah, das ist es!“

Ehrgeizig fügte sie den Zauber ihrem Blatt hinzu, um dann die Karte daneben herauszuziehen und auf das D-Pad zu legen. „Normalbeschwörung! [Gem-Armadillo]! Wenn er auf diese Weise gerufen wird, erhalte ich einen Gem-Knight von meinem Deck!“

Ein geisterhaftes, hellbraunes Gürteltier materialisierte sich vor Anya. An seinem Rücken befanden sich zwei Düsen sowie braune, kreisrunde Edelsteine. Ebenjene begannen in alle Richtungen licht auszustrahlen.

 

Gem-Armadillo [ATK/1700 DEF/500 (7)]

 

„Ich entscheide mich für [Gem-Knight Lazuli]“, rief Anya, wodurch besagte Karte aus ihrem Deck geschoben wurde. Das Mädchen nahm sowohl sie auf, als auch den eben ausgespielten [Gem-Armadillo] und hielt beide zusammen mit der gezogenen Zauberkarte in die Höhe.

„Pass jetzt gut auf und stirb mir nicht mittendrin weg, klar!? Ich aktiviere [Gem-Knight Fusion] und verschmelze [Gem-Knight Lazuli] und [Gem-Armadillo]! [Gem-Armadillo], du bist das Element, Lazuli, du der Ursprung! Vereinigt eure Kräfte!“

Über dem Mädchen öffnete sich ein Riss, in den aus dem Nichts entstehende Edelsteine gezogen wurden, zusammen mit dem Gürteltier und einer zierlichen, beigefarbenen Ritterin.

„Fusion Summon!“, schrie Anya ehrgeizig. „Erscheine, [Gem-Knight Zirconia]!“

Ein Lichtblitz schoss aus dem Sog und mit ihm ein Hüne von Krieger, welcher vor Anya landete. Dunkelblau war das Cape, das über der silbernen Rüstung lag, und massiv wie Pfeiler waren die beiden Arme Zirconias, an deren Enden sich die namensgebenden Edelsteine befanden, groß wie Pizzateller.

In dem Moment riss Matt von den Zuschauerrängen sein Plakat mit Anyas Namen in die Höhe und rief ihren Namen. Etwas, das die anderen nicht taten.

 

Gem-Knight Zirconia [ATK/2900 DEF/2500 (8)]

 

„Effekt von Lazuli! Wenn sie durch einen Karteneffekt auf den Friedhof gelegt wird, beispielsweise durch eine Fusion, gibt sie mir ein normales Monster von dort zurück.“ Anya zeigte die gewählte Karte vor. „[Gem-Knight Amber]. Eigentlich ist er ein Effektmonster, wird aber dank seines Status als Zwillingsmonster als normales Monster behandelt, solange er auf dem Friedhof liegt.“

Plötzlich schob sie hinter seiner Karte eine weitere hervor: Ihre [Gem-Knight Fusion]. „Und da ich noch nicht fertig bin, lasse ich meine [Gem-Knight Fusion] einen Gem-Knight von meinem Friedhof verbannen, damit ich sie von dort zurückerhalte!“

Dafür landete der [Gem-Knight Alexandrite] aus Anyas erstem Zug in deren Hosentasche und das, obwohl die neuen D-Pads mit einer Verbannungszone ausgestattet waren.

„Sieht so aus, als wolle nun auch Anya Bauer voll aufdrehen!“, hörte man Mr. C rufen.

„Ganz genau, Opa! Ich aktiviere [Gem-Knight Fusion] und verschmelze [Gem-Knight Amber] und [Gem-Knight Sapphire]!“ Wieder hielt sie die drei Karten in die Höhe, der Edelsteinwirbel öffnete sich über ihr. „Amber, du bist das Element, Sapphire, du der Ursprung! Vereinigt eure Kräfte! Fusion Summon! [Gem-Knight Prismaura]!“

Diesmal schossen Blitzschläge aus dem Sog, welche einen weißen Ritter begleiteten, der elegant zum Spielfeld herunter schwebte. Bewaffnet mit einer Schwert-ähnlichen Lanze und einem Schild, knisterten elektrische Ladungen um die blauen Kristalle an den Schulterplatten des Kriegers.

 

Gem-Knight Prismaura [ATK/2450 DEF/1400 (7)]

 

Anya, die damit ihre komplette Hand ausgespielt hatte, streckte diese nach vorne. „Jetzt ist's Zeit für den Gegenschlag! Prismaura, greif' [Dharma-Eye Magician] mit Divine Lance Strike an! Zirconia, du nimmst dir den Drachen vor, Zirconia Smasher!“

Während Letzterer auf den etwa gleichgroßen Drachen zuzurennen begann, streckte Primsaura seine Waffe nach vorne. Jene, deren Klinge ebenfalls aus dem dunkelblauen Kristall bestand, lud sich elektrisch auf und schleuderte einen Blitzstrahl auf den Magier, welcher beim Einschlag der Entladung in tausend Teile zersprang. Gleichzeitig hatte Zirconia seinen Feind erreicht und schmetterte ihn mit nur einer Faust nieder.

 

[Anya: 1100LP / Othello: 3900LP → 3450LP → 3050LP]
 

Unter einem Blitz am Himmel und dem darauf folgendem Gedonner verschränkte Anya stirnrunzelnd die Arme. „Hmpf.“

Grund dafür war das Pendelportal, das sich über Othello öffnete und die Überreste seiner beiden Monster als rote Lichtstrahlen absorbierte. Nächste Runde würden sie wiederkommen. Das hieß, wenn sie ihn ließ!

„Main Phase 2!“, verkündete Anya und griff nach ihrem Friedhof. „Ich verbanne [Gem-Knight Lazuli], um [Gem-Knight Fusion] zurück zu erhalten!“

Jene landete bei ihrem Kameraden in Anyas Hosentasche. Kaum hatte diese ihren Zauber aufgenommen, schob sie ihn gleich wieder in den Friedhofsschacht. „Jetzt Prismauras Effekt!“

Wieder begannen elektrische Ladungen um dessen Schwertspeer zu schlagen. Seine Besitzerin hob den Zeigefinger und deutete auf den schwarzen Magier in der rechten Lichtsäule neben Othello.

„Einmal pro Zug lässt er mich eine offene Karte zerstören, indem ich eine Gem-Karte abwerfe! Dein Odd-Eyes kehrt immer wieder zu dir zurück? Pah, das wollen wir erstmal sehen! Los!“

Jetzt war der beste Zeitpunkt dafür, dachte Anya zufrieden. Othello besaß nur eine Handkarte und bei der handelte es sich nicht um ein Monster, denn dann wäre das Duell schon vorbei! Wenn alles gut lief, musste er sich gleich eine neue Strategie ausdenken!

Dem Befehl Folge leistend, schoss [Gem-Knight Prismaura] einen grellen, elektrisierten Lichtstrahl schräg nach oben, welcher ein Loch in [Timegazer Magicians] Brust bohrte. Jener explodierte stöhnend, wodurch sich das Pendelportal erneut öffnete und ihn absorbierte. Die Lichtsäule, in der er sich befunden hatte, verblasste, bis sie gänzlich verschwunden war.

 

<1 → 4> Othellos Pendelbereich <X>

 

„Zug beendet“, murrte Anya und zog eine grimmige Fratze. Warum hatte sich der Pendelwert des weißen [Stargazer Magicians] plötzlich verändert?

Wobei, das konnte man ja nachschauen, was sie auch anhand des Bildschirms über ihrem Spielplan tat.
 

Solange kein Magician- oder Odd-Eyes-Pendelmonster in der anderen Zone liegt, ändert sich der Wert auf 4. Interessant.

 

„Hm“, gab Anya nachdenklich von sich. Ihr Gegner war gewiss klug genug, nur solche Monster im Deck zu spielen. Andernfalls könnte er sich seine Pendelbeschwörungen damit versauen. Sie sollte gar nicht darauf hoffen, das irgendwie für sich nutzen zu können. Besser gesagt hoffte sie darauf, dass Othello gar kein Pendelmonster mehr ausspielte.

 

~-~-~

 

Anderenorts, im VIP-Turm, der zu Anyas Rechten stand, saß Mr. C, seines Zeichens optisch ein Elvis-Imitat mit Bart, vor seiner Konsole und schrie ins Standmikrofon: „Anya Bauer zielt ganz offensichtlich darauf ab, die Pendelbeschwörungen ihres Gegners zu versiegeln! Ob ihr das wohl langfristig gelingen mag?“

Hinter ihm befand sich eine bequeme, weiße Couch, zu deren beiden Seiten kleine Tische mit Getränken und Snacks standen. Auf ihr saß Melinda, die die Beine in ihrem gelb-weiß gepunkteten Kleid überschlagen hielt und eine der beiden Strähnen um den Finger drehte, welche ihr von ihrer Turmfrisur im Gesicht hingen.

Doch sie war nicht allein. In der Mitte saß Claire Rosenburg, deren Hände ruhig auf ihrem Schoß lagen. Melinda hatte ihr geraten, sich umzuziehen, doch die Blonde mit dem kurzen, bis zum Ende der Ohren reichendem Haar und den zwei grünen Strähnen hatte sich entschieden geweigert, ihren hellblau-weißen Motorradanzug auszuziehen.

„Und, wie findest du das Duell?“, fragte Melinda mit breitem Grinsen an die Weltmeisterin gewandt. Welches merklich zuckte, als die tonlos erwiderte: „Interessant.“

 

Melinda runzelte ärgerlich die Stirn und murmelte leise vor sich hin: „Hab schon bessere Lügen gehört …“

Tatsächlich war Claire eine unangenehme Person. Ein Eisklotz, der nur sprach, wenn er dazu aufgefordert wurde. Die ganze Zeit verfolgte sie das Duell nun schon ohne die geringste emotionale Regung. Und der rothaarige, bärtige Kerl neben ihr, ihr Manager namens Nigel McPherson, war genauso schlimm. Eigentlich noch schlimmer, denn immer wieder flüsterte er Claire etwas ins Ohr, woraufhin diese, wenn überhaupt, mit einem knappen Nicken reagierte.

„Stimmt etwas nicht?“, fragte er höflich, als er den Blick Melindas bemerkte.

Die hob abwehrend die Hände. „Nein, nein. Mir ist nur aufgefallen, dass unsere Claire heute besonders wortkarg ist.“

„Claire teilt ihre Gedanken ungern anderen mit“, sprach der Manager für sie und fuhr sich über das nackte Kinn, über das der fein geschnittene Bart nicht wuchs.

 

Dabei fiel Melinda wieder einmal die Narbe auf, die seine rechte Augenbraue zerteilte. Woher er sie wohl hatte? Darüber sprach dieser Nigel nicht. Denn er wusste, dass seine Erscheinung dadurch Respekt einflößender war, irgendwie unheimlich und das nutzte er seither zu seinen Gunsten. Er war die Mauer, die Claire von der Welt abschirmte.

Wenn Anya Pech hatte, musste sie, bevor sie an Claire überhaupt heran kam, erstmal mit dem fertig werden …

 

„Tja, eine kleine Geheimniskrämerin eben“, plapperte Melinda und winkte mit der Hand mehrmals ab. Die waren beide unheimlich, vermutlich funktionierte ihre Zusammenarbeit deshalb so gut!

Leise vor sich hin seufzend, erhob sich der Rotschopf und schritt herüber zu Mr. Cs Kommentatorenplatz, um mit ihm zu reden.

Doch sie fror mitten auf dem Weg dorthin ein, als sie ein paar Wortfetzen vernahm, die Nigel McPherson seinem Schützling ins Ohr flüsterte: „… müssen die Bedrohung eliminieren … deine Karriere …“

 

~-~-~

 

„Draw“, verkündete Othello und zog auf eine zweite Handkarte auf. Eine Weile sah er beide nachdenklich an, dann seufzte er bitter. „Leider habe ich keine andere Wahl. Ich aktiviere [Pot Of Riches]!“

Anya zog erstaunt eine Augenbraue hoch, als Othello besagten Zauber auf den Spielplan vor sich legte und damit einen Kürbis-großen Topf aus purem Gold vor sich erscheinen ließ. Besetzt mit Edelsteinen, grinste er Anya mit seinem breiten, teils zahnlosem Gesicht an.

„Mit dieser Karte mische ich drei Pendelmonster von meinem Friedhof oder Extradeck ins Deck zurück und ziehe anschließend zwei Karten. Da sich keine auf meinem Friedhof befinden, muss ich die drei aus meinem Extradeck nehmen“, erklärte Othello und zeigte [Odd-Eyes Pendulum Dragon], [Dharma-Eye Magician] und [Timegazer Magician] vor.

Mr. C konnte das nicht unkommentiert lassen. „Was ist das, liebe Zuschauer!? Othello Nikoloudis gibt seine Pendelmonster auf, um mehr Karten zu ziehen? Das kann nur eins bedeuten!“

Er konnte keinen neuen Pendelbereich aufbauen, dachte Anya mit grimmiger Zufriedenheit. Perfekt, das hätte gar nicht besser laufen können! Selbst wenn er jetzt ein Pendelmonster nachzog, waren die bisherigen verloren! Sie hatte seinen Vormarsch gestoppt!

Othello indes legte die drei Monster mit nachdenklichem Gesichtsausdruck auf sein Deck, welches automatisch durchgemischt wurde. Nachdem er zweimal aufgezogen hatte, sah er die neuen Karten kurz an, ehe er beide ausspielte. „Ich beschwöre [Doomstar Magician] und aktiviere [Sky Arc], einen Spielfeldzauber!“

Während sich über dem gesamten Spielfeld eine viel größere Version des Pendelportals auftat, umgeben von einem bunten Lichtschleier, tauchte vor Othello ein Hexer in schwarzer Lederkleidung auf. Der Magier mit dem spitz zulaufenden Hut streckte den Zauberstab, welcher in einem blauen Kristall endete, hoch in die Luft.

 

Doomstar Magician [ATK/1800 DEF/300 (4)]

 

An den erinnerte Anya sich noch, denn er wurde schon im Duell gegen Marc von Othello ausgespielt. [Doomstar Magician] war kein Pendelmonster. Eher noch eine Anti-Pendel-Karte, denn indem sein Besitzer eine Handkarte abwarf, konnte er eine Karte in einer beliebigen Pendelzone zerstören und dann eine neue Karte ziehen. War er so verzweifelt, dass er jetzt auch noch seinen [Stargazer Magcian] opfern würde?

„Ich benutze [Sky Arcs] Effekt“, sprach Othello und widerlegte damit Anyas Vermutung, „damit zerstöre ich eine andere meiner Karten auf dem Feld, um einen 'Odd-Eyes' von meinem Deck zu erhalten!“

„Huh!?“ Anya weitete die Augen.

Der schwarze Hexer stieg mit voran gestrecktem Zauberstab in die Luft auf und wurde dabei von einem roten Blitz getroffen, der aus dem Pendelportal geschossen kam. Othello nahm sein Deck aus dem Schacht und fächerte es vor sich auf. „Welcher ist die bessere Wahl? Hmm …“

„Nanu?“, wunderte sich Mr. C und auch das Publikum wurde zunehmend leiser, je länger Othello überlegte. „Scheinbar hat der Gute Schwierigkeiten, sich zu entscheiden.“

In dem Moment aber zog der Jugendliche mit dem strohblonden, schulterlangen Haar eine Karte aus dem Deck, welches er wieder in den dazugehörigen Schacht schob. Er drehte die Karte zwischen seinen Fingern um: [Odd-Eyes Pendulum Dragon].

„Er wird immer an meiner Seite bleiben.“

 

Eigentlich hätte sie wütend sein müssen, dass es ihm wieder gelungen war, an sein Assmonster zu kommen, aber Anya lächelte kaum merklich. Denn in diesem Moment konnte sie sich nur zu gut in seine Gefühlslage versetze, gab es auch bei ihr ein bestimmtes 'Monster', auf das sie immer zählen konnte.

 

Anya fuhr aus ihren Gedanken hoch, als plötzlich eine hellblaue Lichtsäule rechts neben Othello aus dem Boden schoss und damit den Platz der alten eingenommen hatte.

„Ich aktiviere den Magier, der die Karten liest: [Cardgazer Magician]!“

In der Säule stieg ein Magier von langem, weißem Haar auf, dessen rote Robe so lang war, dass sie weit über seine Beine hinausragte. Dabei war sie ab Hüfthöhe zweigeteilt, sodass sie in ihrer Form wie herab hängende Flügel aussah. Besonders aber waren die zwölf Duel Monsters-Karten, die er mit ausgestreckten Händen vor sich in einem Kreis rotieren ließ.

„[Cardgazer Magicians] Pendelbereich liegt normalerweise bei 4, verändert sich aber in Abhängigkeit zur Höhe des Verteidigungswertes des Magiers in der anderen Pendelzone. Liegt dieser über 1200, wird sein Pendelbereich zu 8. Liegt er darunter, wird er zu 1. [Stargazers Magicians] Defensive liegt bei 2400, von daher …“

Anya sah es selbst anhand der verzerrten Ziffern, die unter beiden Magiern aufleuchteten.

 

<4 → 1> Othellos Pendelbereich <4 → 8>

 

„Zurück auf Anfang, huh?“ Anya fasste sich an die Stirn. Genau das hatte sie erwartet.

„Ganz genau! Pendulum Scale set!“ Ihr Gegner hob den Arm mit seiner letzten Handkarte in die Höhe. „Schwinge bis in alle Ewigkeit, Pendulum! Aus meiner Hand: [Odd-Eyes Pendulum Dragon]! Pendulum Summon!“

Aus dem riesigen Portal schoss ein roter Lichtstrahl, welcher vor Othello die Gestalt des roten Drachen annahm, von dessen Brustpanzer metallische Auswüchse, Flügeln nicht unähnlich, nach oben ragten.

 

Odd-Eyes Pendulum Dragon [ATK/2500 DEF/2000 (7) PSC: <4/4>]

 

„Greife [Gem-Knight Prismaura] an! Spiral Strike Burst!“ Sofort öffnete Odd-Eyes sein Maul und schoss daraus einen roten Lichtstrahl ab, um den schwarze Entladungen schlugen. „Dank seines Effekts wird der Kampfschaden verdoppelt! Reaction Force!“

Der Ritter erhob seinen Schild, welcher dem Angriff jedoch nicht standhalten konnte. Sowohl er, als auch Anya verschwanden in einem roten Flammenmeer.

 

[Anya: 1100LP → 1000LP / Othello: 3050LP]

 

Othello hustete mehrmals. Indes tauchte Anya wieder aus den Flammen auf, welche nun lediglich [Gem-Knight Zirconia] kontrollierte. Nachdem der junge Mann sich gefasst hatte, verkündete er leise: „Du bist dran.“
 

„Na endlich! Draw!“ Voller Schwung riss Anya die Karte von ihrem Deck und identifizierte sie anhand des purpurnen Rands als Falle. Also nichts, was sie sofort nutzen konnte, um Othello zu schaden. Verdammter Kackmist!“

Ehrgeizig blickte die Blonde auf, nachdem sie sich die Karte angesehen hatte. „Du sagst, er wird dich nie verlassen, ja? Fein, ich sage, er kriegt jede Runde aufs Maul von mir! [Gem-Knight Zirconia], greif' ihn an! Zirconia Smasher!“

Mit wehendem, blauem Umhang stampfte der Hüne auf den roten Drachen zu und schmetterte ihn mit seiner massiven Faust in den Boden, sodass ein roter Lichtstrahl in die Luft aufstieg und vom nun permanent geöffneten Pendelportal absorbiert wurde.

 

[Anya: 1000LP / Othello: 3050LP → 2650LP]

 

Einige Zuschauer klatschten begeistert oder riefen Anyas Namen.

„Er kommt wieder“, versprach Othello und es klang beinahe so, als würde er das eher zu sich selbst sagen, als zu seiner Gegnerin.

Die zuckte mit den Schultern. „Soll er doch. Zirconia wartet. Eine Karte verdeckt, Zug beendet!“

Zischend materialisierte sich die Falle zu ihren Füßen, gleich neben ihrer [Justi-Break]-Karte.
 

Er verlässt sich anscheinend mehr auf diesen Drachen, als auf jedes andere Monster in seinem Deck. Er hätte vorhin noch andere Optionen gehabt, doch er entschied sich für ihn …

 

Anya nickte aufgrund von Levriers Einwurf. Vielleicht war er genauso abhängig von Odd-Eyes, wie sie es von Angel Wing war. Mit dem Unterschied, dass -sie- sich nicht mehr nur auf dessen Kraft verlassen würde! Sie musste Redfield beweisen, dass sie sich in ihr irrte, unbedingt!

Die Artefakte waren nichts weiter als Waffen für sie, um Undying und anderem Gesocks in den Arsch zu treten. Was Erinnerungen an ein Ereignis vor wenigen Tagen weckte …

 

So“, sagte Matt und verschränkte die Arme voreinander. Er lehnte an einer Mauer, die den Park von der dahinter liegenden Straße abschirmte. Direkt dahinter befanden sich jedoch keine Gebäude, sondern lediglich eine pinkfarbene Barriere. „Dann bin ich mal gespannt.“

Der schwarzhaarige Dämonenjäger hatte auf etwa 100 Quadratmetern einen Bannkreis errichtet und das einzig auf Anyas Wunsch hin, ihre zurückerlangten Hüterartefakte auszuprobieren.

Ich will nur sehen, ob das Teil wirklich so funktioniert, wie ich es mir vorstelle“, erwiderte Anya passend dazu angespannt und fixierte sich auf den Baum, der etwa fünf Meter von ihr entfernt stand.

Sie brauchten vermutlich Platz, den es in der Innenstadt nicht gab, weshalb sie Matt dazu überredet hatte, den Park als Trainingsstätte zu nutzen. Hier hatten sie und Valerie das Fest besucht, hier hatte Othello Marc besiegt. Außer besagtem Baum, einem Kiesweg direkt vor Matt und einer Bank nicht weit davon entfernt gab es hier nichts außer Gras.

 

Anya kniff die Augen bitterböse funkelnd zusammen und fixierte sich einzig auf den Baum. Der Krüppel mit seinen Pendelmonstern. Vielleicht würde er es sein, gegen den sie im Finale antreten musste. Der Knirps war verdammt gut, das ließ sich nicht abstreiten. Es war geradezu verlockend, sich sein Gesicht auf der Rinde vorzustellen, um in Fahrt zu kommen.

„Hmpf!“

Anya schwang schnaufend den Speer aus, in der Hoffnung, er würde sich – wie in ihrem Elysion – in mehrere Segmente teilen, sodass sie ihn wie eine Mischung aus Peitsche und Nunchaku schwingen konnte. Aber Fehlanzeige: Gar nichts geschah.

Matt, der sich abseits des Geschehens auf die Bank gesetzt hatte und alles von der Seite beobachtete, rief ihr zu: „Erwarte nicht, dass es beim ersten Mal klappt. Du warst so lange von den Artefakten getrennt, dass du dich erstmal wieder akklimatisieren musst.“

Seine Freundin warf ihm einen skeptischen Blick aus den Augenwinkeln zu. Sie wusste ja nicht mal, was dieses komische Wort bedeutete, das er eben benutzt hatte! Warum mussten immer alle mit ihrer Pseudointelligenz angeben, indem sie chinesisch redeten!? Nervig!

Unter einem wütenden Aufschrei schwang sie den Speer noch einmal im Halbkreis vor sich aus. Und nochmal. Wieder und wieder, aber die Waffe weigerte sich beharrlich, ihrem Willen Folge zu leisten.

 

Ach fuck, dann eben die Teleportationsnummer!“, schrie Anya, warf den Speer so in die Luft, dass sie ihn mit der Spitze voraus am Heft packen konnte und warf ihn volle Kanne Richtung des Baums.

Jetzt! Gleich würde sie ihn in der Hand halten und vor dem Baum erscheinen! Jeden Moment, jeden-! Stahl krachte auf Holz, Holz barst, Speer prallte ab und fiel ins Gras. Anya sah die weiße Waffe wie ein begossener Pudel an, wie sie da im Gras lag.

„Der hat ja nicht mal beim Aufprall einen Schuss abgegeben und sich abgefedert“, stellte sie aufrichtig enttäuscht fest.

Matt musste kichern. „Das hast du dir vorgestellt, als du im Elysion gegen Zanthe und Levrier gekämpft hast? Was kommt als Nächstes, dass du ihn zur Schrotflinte umfunktionieren kannst?“

Seine Worte blieben ihm im Halse stecken, als Anya ihn in einer gefährlichen Mischung aus Frustration und Wut anfunkelte.

 

Anya runzelte ärgerlich die Stirn. Entgegen ihrem Vorhaben, hatte sie Angel Wings wahre Kräfte nicht entfesseln können – wenn es die überhaupt gab! All ihre tollen Ideen hatten sich als Hirngespinste erwiesen. Am liebsten würde sie Zanthe in die Nieren treten, weil er ihr so einen Floh ins Ohr gesetzt hatte! Andererseits würde sie dieser Rückschlag nicht davon abhalten, die Kräfte der Artefakte zu erforschen.

„Ich werde immer darum kämpfen zu überleben“, schwor sich Anya leise.

Etwas, das Othello zu hören schien, denn er fragte: „Überleben?“

„Für mich ist dieses Duell wie ein Kampf. Verliere ich, nun“, erklärte seine Gegnerin und zog sich mit herausgestreckter Zunge über die Kehle.

„Oh. Aber es ist nur ein Duell. Wenn es vorbei ist, wirst du trotzdem noch da sein.“

Anya sah zur Seite. „Yeah. Weiß nicht.“

„Doch, du wirst noch da sein. Und du hast Zeit, kannst es ein zweites Mal versuchen.“ Othello senkte selbst betrübt das Haupt. „Ich nicht. Deswegen genieße ich dieses Turnier auch nicht, obwohl ich es gerne würde.“

„Huh?“ Anya horchte auf. „Hat das was mit deiner Gesundheit zu tun?“

„Ja. Kennst du die Geschichte, warum ich im Rollstuhl sitze? Wenn nicht, möchtest du sie hören? Dann würdest du verstehen, in welcher Lage ich mich befinde. Danach kannst du mir auch gerne von deinen Gründen und Zielen erzählen.“

Zwar wusste Anya nicht, ob sie das alles überhaupt interessierte und ob sie ihre Gedanken mit diesem Knirps da teilen wollte, aber warum ihn nicht ein wenig quasseln lassen? Vielleicht bekam sie bis dahin irgendeinen Geistesblitz, was sie gegen seinen 'Odd-Eyes' unternehmen konnte.

 

„Vor zwei Jahren, an meinem fünfzehnten Geburtstag, bin ich mit ein paar Freunden in die Stadt gefahren. Wir waren mit dem Fahrrad unterwegs. Ich war nur einen Moment abgelenkt, da wurde die Welt plötzlich schwarz“, erklärte Othello leise, aber gefasst. Das Publikum wurde still, auch wenn die Geschichte um den Unfall für die meisten Zuschauer nicht neu war. „Ein LKW hatte mich erfasst. Durch den Sturz wurden meine Beine mehrfach gebrochen. Aber das war nicht das Schlimmste. Ich bin gegen eine Mauer gerammt worden, wobei sich der Lenker meines Fahrrads durch meine Brust bohrte. Es war ein Wunder, dass ich überlebt hatte, aber mein Herz wurde dabei so schwer beschädigt, dass ich ein neues benötigte.“

Anya sah ihn streng an und schwieg.

„Zwei Monate lang hing ich nur an Maschinen, bis endlich ein Spenderherz für mich freigegeben wurde. Für mich bedeutete das in erster Linie, dass ich nur weiterleben konnte, weil ein anderer gestorben war.“ Othello legte den Kopf in den Nacken. Draußen schüttete es nach wie vor wie aus Gießkannen, der Regen prasselte auf den gläsernen Dom. „Aber das sollte sich als falsch erweisen. Mein Körper hat das Herz abgestoßen, daran konnten selbst die Medikamente nichts ändern.“

„Aber du bist jetzt hier. Hast du ein neues bekommen?“, fragte Anya plump.

„Herzen wachsen nicht auf Bäumen“, belehrte Othello sie und senkte sein Haupt, „nein, die letzte Alternative war ein komplett künstliches Herz. Solche tragen viele Risiken mit sich. Bei der Transplantation kam es zu einer Infektion, welche meine Lunge geschädigt hat. Gegen die Folgen kann man nichts unternehmen und da ich schon das Herz abgestoßen habe, komme ich für weitere Organspenden nicht mehr infrage.“

 

Die Blonde zuckte mit den Schultern. Sie wusste nicht so recht, was sie sagen sollte. Beileid zu bekunden erschien ihr heuchlerisch, wo sie doch keines empfand. Die Welt war eben nicht gerecht, was änderte Mitleid daran? Sie hasste Mitleid …

 

„Deswegen muss ich aus der Zeit, die mir noch bleibt, das Beste machen. Und das geht nur, indem ich der Beste werde.“ Othello sah ihr milde lächelnd in die Augen. „Die Welt ist nicht gerecht. Sie möchte, dass ich von ihrem Antlitz verschwinde. Aber wenn das schon so ist, dann zu meinen Bedingungen.“
 

In dem Moment fuhr Anya förmlich zusammen. Dieser Typ, der … dachte wie sie. Sie hatte sich so oft nachts Gedanken darüber gemacht, was geschehen sollte, wenn sie ihre Aufgabe nicht rechtzeitig erfüllte. Sich vor dem Sammler gesehen, wie sie ihn noch einmal herausforderte, auch wenn die Hoffnung ihn zu besiegen gleich null war.

Nein, er dachte nicht wie sie, korrigierte Anya sich und umfasste dabei mit einer Hand ihr T-Shirt auf Brusthöhe. Othello hatte akzeptiert, dass sein Ende unausweichlich war, kämpfte aber trotzdem weiter. Er sah nicht das Ende, sondern das, was davor kam.

Anya schluckte. Bilder schossen in ihr hoch, Erinnerungen an die Illusionen von Zed. Was würden ihre Freunde tun, fühlen, über sie sagen, wenn sie weg war? Dass sie nicht genug Zeit mit ihnen verbracht hatte, ihnen zu oft auf die Nerven gegangen und einfach zu selbstsüchtig gewesen war?

Für sie gab es nur den Kampf gegen das Schicksal, alles andere musste hinten anstehen, alles außer ihr Traum. Aber sie, sie hatte eine Chance, es noch zu drehen. Othello nicht. Wenn sie Claire heute nicht stellen würde, dann an einem anderen Tag. Sie hatte Matt und Zanthe. Die dämliche Kuh würde erst bemerken, dass sie entführt wurde, wenn sie schon längst auf dem Verhörstuhl saß!

Sie konnte Othellos Weg verkürzen, auch wenn ihrer dadurch länger wurde. Aber in einer Welt, die nicht fair war, konnte -sie- dem Schicksal trotzdem. Dem eines anderen. In diesem Moment konnte nur sie das tun, niemand sonst.

 

Anyas Hand bewegte sich von der Brust zu ihrem D-Pad. Wenn sie jetzt aufgab, musste sie sich noch mehr ins Zeug legen. Aber sie konnte das Blatt wenden, sie musste! Allein schon, um nicht vergessen zu werden, um dafür zu sorgen, dass die Bilder aus Zeds Illusion nicht irgendwann zur Realität wurden.

„Nicht!“, mahnte Othello sie, als die Hand schon fast auf dem Deck lag. „Das möchte ich nicht!“

„Wieso?“, fragte Anya verwirrt. „Wenn ich jetzt aufgebe-“

„Du gibst aber nicht auf. Ich will keinen geschenkten Sieg!“ Trotz stand in seinen Augen. „Wer hätte ahnen können, dass ausgerechnet jemand wie du Mitleid empfindest? War wohl eine dumme Idee, dir davon zu erzählen. Gerade wo ich dachte, dass du mich verstehen würdest …“

Tatsächlich verstand Anya die Welt nicht mehr. Er war seinem Ziel zum Greifen nahe. Wieso wollte er nicht dort ankommen? Eine zweite Chance würde er womöglich nie bekommen!

„Bist du vollkommen bescheuert, du dämliche Kackbratze!?“, fuhr sie ihn daher in einem spontanen Wutausbruch an. „Ich gebe dir das, was du haben willst und du sagst 'nein'!?“

Der Jugendliche im Rollstuhl funkelte Anya böse an. „Ein geschenkter Sieg ist das Letzte, was ich mir wünsche. Würdest du das denn wollen?“

Anya stampfte mit dem Fuß auf. „Und wie! Wenn ich bald sterben würde und keine zweite Chance hätte, keine Möglichkeit, das zu verhindern, dann fuck ja!“

Im Grunde genommen war ihr dies schon widerfahren. Sie hatte sich nie offiziell dafür eingesetzt, dass das Halbfinalduell zwischen ihr und Valerie wiederholt wurde. Davon geredet, ja, aber wenn Anya ehrlich zu sich selbst war, kam dieser unverdiente Sieg ganz gelegen. Er hatte ihren Stolz verletzt, aber nicht den Drang zu überleben unterdrückt. Bei der Erkenntnis biss Anya sich verbittert auf die Lippe.

„Mein Ziel ist es, der stärkste Duellant zu werden. Dazu muss ich dich besiegen. -Ich- muss dich besiegen, nicht du selbst“, erklärte ihr Gegner streng.

Und Anya nickte mit Tränen in den Augen. „Okay … aber denk nicht, dass du das schaffst.“

 

„Danke, Anya. Ich bin am Zug. Draw“, flüsterte Othello schon beinahe. Er betrachtete seine neue Karte und legte sie dann vor sich auf den Plan. „Diese hier setze ich verdeckt. Und nun schwinge bis in alle Ewigkeit, Pendulum! Vom meinem Extradeck: [Odd-Eyes Pendulum Dragon]! Pendulum Summon!“

Aus dem Spielfeld umfassenden Pendelportal, um welches ein bunter Schleier lag, schlug ein einzelner roter Lichtstrahl vor Othello auf der Duellplattform ein. Welcher zum roten Drachen wurde, der Anya zur Abwechslung seine Rückansicht zeigte, einen stacheligen, roten Schweif.

 

Odd-Eyes Pendulum Dragon [ATK/2500 DEF/2000 (7) PSC: <4/4>]

 

Inzwischen hatte auch die verdeckte Karte vor Othellos Rollstuhl Gestalt angenommen. „Du bist wieder dran.“

Mr. C wunderte sich: „Geht Othello nach diesem tiefgründigen Gespräch nun in die Defensive!?“

 

Inzwischen hatte Anya wieder zu ihrer alten, kratzbürstigen Form zurückgefunden und rief energisch: „Mehr hast du nicht zu bieten und das bei all dem Gequatsche von eben? Wie langweilig, ich dachte schon, mich erwartet sonstwas! Draw!“

Nachdem sie die Karte aufgezogen hatte und als Falle identifizierte, streckte sie den Zeigefinger zielsicher aus. „Zirconia, gehe deiner neuen Lieblingsbeschäftigung nach: Drachen einstampfen! Zirconia Smasher!“

Es war die dritte Runde, in der der massive Ritter mit wehendem Umhang auf seinen Gegner zustürmte und mit seiner Faust in den Boden rammte. Schreiend löste sich 'Odd-Eyes' ein weiteres Mal auf und wurde vom Pendelportal absorbiert.

„Anya Bauer kämpft mit aller Kraft, aber es scheint, als käme sie seither keinen Schritt weiter!“, wusste Mr. C dazu zu berichten.

Wodurch er ungewollt den Mittelfinger erntete, den Anya zum Turm hochstreckte. „Schnauze da oben, das hier ist gleich sowas von vorbei!“

Sie wandte sich an Othello. „Sorry für eben. Keine Ahnung, warum ich solchen geistigen Dünnschiss gelabert habe.“

 

Wir verzeihen dir, liegt es doch in deiner Natur.

 

Sofort pochte auf Levriers Spitze hin eine Ader auf Anyas Stirn, welche sich jedoch beherrschte. Was war nur in sie gefahren, aufgeben zu wollen!? Wer wusste schon, ob es für sie noch eine Chance gab, an Claire heranzukommen, wenn sie jetzt versagte? Sie hatte noch Hoffnung, wollte aber nur einen kurzen Augenblick darauf für jemanden verzichten, der keine besaß. Warum …?

Sie seufzte schwer und schüttelte den Kopf. „Was für ein Scheiß. Egal! Ich aktiviere meine Falle [Fragment Fusion]! Sie verbannt Fusionsmaterialien eines Gem-Knights von meinem Friedhof, um ihn für einen Zug zu beschwören!“

Anya nahm die Karten von [Gem-Knight Emerald], [Gem-Knight Sapphire] und [Gem-Knight Pearl] aus ihrem Friedhof und hielt sie in die Luft.
 

Oh, ich bin auch Teil der Gleichung? Wie aufregend!

 

Othellos Hände umfassten die Lehnen seines Rollstuhls fester, als er mit ansah, wie verschiedenfarbige Edelsteine rund um Anya auftauchten. Zwischen ihnen zogen sich weiße Energielinien, die ein netzartiges Gewebe bildeten, in welchem sich ein schwarzer Sog öffnete.

Anyas Karten landeten in der Hosentasche, ehe sie ausrief: „Drei Lichter kreuzen den Weg des Lichts! Körper, Seele und Herz verschmelzen und werden zu der Macht, die in ihrer Reinheit einem Diamanten gleicht!“

Ein riesiges Breitschwert flog aus dem Loch, landete im Stahlboden der Plattform. Weißer, feiner Staub folgte ihm, wirbelte um die Klinge.

„Werdet eins! Fusion Summon!“, rief Anya und weitete die Augen. „Werdet zu [Gem-Knight Master Diamond]!“

Dieses Mal erschien die violette Flamme gar nicht erst an ihrer Hand und Anya konnte nur vermuten, dass es daran lag, weil sie für Othello nichts als Mitleid empfand. Mitleid …

Der Diamantenstaub indes bildete die Gestalt des mächtigsten Gem-Knights. In silberner Rüstung, zog der Zwei-Meter-Hüne das mit diversen Edelsteinen besetzte Schwert unter wehendem Umhang mit nur einer Hand aus dem Boden.

 

Gem-Knight Master Diamond [ATK/2900 DEF/2500 (9)]

 

Der Kommentator zeigte sich geschockt. „Eine Fusion aus dem Nichts!“

„Für jeden verbliebenen, gefallenen Gem-Knight erhält Master Diamond 100 Angriffspunkte.“

Über Anya tauchten die Abbilder der Karten von [Gem-Knight Crystal], [Gem-Knight Amber] und [Gem-Knight Prismaura] auf. Ihr Anführer begann in weißer Aura aufzuleuchten.

 

Gem-Knight Master Diamond [ATK/2900 → 3200 DEF/2500 (9)]

 

„Du wolltest verlieren. Also, verliere!“ Anya schwang den Arm aus. „Los, Master Diamond! Beende es mit einem direkten Angriff! Shining Wave Breaker!“

Sorgfältig umschloss ihr Ritter sein Schwert mit beiden Händen und schwang es in einem Halbkreis vor sich aus. Das Publikum verstummte, als eine glänzende Schockwelle über den Boden rauschte.

Anya schloss die Augen. Das musste das Ende sein! Sie konnte Othellos Pendelmonster nicht besiegen, aber sie konnte -ihn- besiegen. Sie musste!

Erbarmungslos zischte der tosende Diamantenstaub näher.

„Wird Othello Nikoloudis diesen Angriff abwehren können?“, rief Mr. C dazwischen.

„Falle!“, lieferte der im letzten Moment die Antwort und ließ dabei seine Hand über den Spielplan vor ihm fahren, wobei er die gesetzte Karte umdrehte. „Ich wusste, es würde so kommen. [Punch-In-The-Box]!“

Die Karte klappte fuhr vor ihm auf. Gleich darauf schoss eine violette Kiste mit Smileys darauf aus der Karte, wie sie auch auf dem Artwork abgebildet war. Der kranke Junge erklärte: „Wenn mein Gegner einen direkten Angriff deklariert und dabei mindestens zwei Monster kontrolliert, wird eines der nicht angreifenden Monster auf den Friedhof geschickt und schwächt dabei den Angriff des Angreifers um seinen eigenen Wert.“

Erschrocken riss Anya die Augen auf. Sie sah nur noch, wie aus der Box zwei riesige, rote Fäuste an Federzügen befestigt auf ihre beiden Ritter zu schnellten. Beide durchdrangen dabei die Schockwelle und lösten sie nahezu auf. Die erste Faust traf Zirconia, welcher daraufhin in tausend Teile zersprang. Die andere Master Diamond, welcher geschwächt in die Knie sank.

 

Gem-Knight Master Diamond [ATK/3200 → 300 → 400 DEF/2500 (9)]

 

Nur ein paar Querschläger seines Angriffs waren verblieben, die an Othello vorbei zischten.

 

[Anya: 1000LP / Othello: 2650LP → 2250LP]

 

Anya knirschte mit den Zähnen. „Hartnäckiger Mistkerl!“

„Heh“, grinste Othello herausfordernd.

„Tch! Main Phase 2! Ich verbanne Zirconia von meinem Friedhof, um [Gem-Knight Fusion] zurückzubekommen! Außerdem“, murmelte Anya im Anschluss und schob neben Matts einstigem Bestechungsgeschenk auch Prismauras Karte in ihre Hosentasche, „benutze ich Master Diamonds anderen Effekt! Ich kann ein Gem-Knight-Fusionsmonster verbannen, damit er bis zur End Phase dessen Effekt erhält!“

 

Gem-Knight Master Diamond [ATK/400 → 200 DEF/2500 (9)]

 

Der Ritter mit Schwertlanze und Schild tauchte kurz als Trugbild neben seinem niederknienden Kameraden auf, ehe er in diesem verschwand.

„An Prismauras Effekt erinnerst du dich bestimmt noch! Ich kann eine Gem-Knight-Karte abwerfen“, was Anya auch gleich mit ihrem Zauber tat, „um eine deiner Karten zu zerstören!“

Sie hob den Finger und zeigte auf den [Cardgazer Magician] in der blauen Lichtsäule, welcher Karten vor sich rotieren ließ.

„Ein erneuter Versuch Anya Bauers, Othellos Pendelbeschwörungen anzugreifen!“

Master Diamond streckte sein massives Breitschwert aus und feuerte einen Blitzstrahl ab.

 

„Das ist gut!“, meinte Matt derweil bei den Zuschauerrängen. „Beide haben nahezu all ihre Ressourcen verbraucht. Es wird jetzt immer schwerer für Othello, den Pendelbereich aufrecht zu erhalten.“

Kakyo neben Valerie drehte sich zu ihm um. „Die Idee ist gut, es gibt nur einen Haken …“

 

Welchen Othello sogleich verkündete. „Tut mir leid, Anya, aber das kannst du nicht! [Sky Arcs] Effekt verhindert, dass du Karten in den Pendelzonen als Ziel für Effekte auswählst!“

„Das gibt’s doch nicht!“ Anya biss sich auf die Lippe. „Dann bleibt mir nur der kack Spielfeldzauber selbst!“

Mitten auf seinem Weg zum Magier in Rot wechselte der Strahl seine Richtung, schoss quer nach oben und schlug in das riesige Pendelportal ein. Jenes schloss sich, die bunten Schleier um es herum verschwanden umgehend.

Und Anya zuckte mit den Schultern. „Was auch immer. Ich setze eine Karte. Zug beendet! Damit wird Master Diamond jetzt durch [Fragment Fusions] negativem Effekt zerstört.“

Als der Ritter in tausend Teile zersprang, verzog Anya eine grimmige Miene. Zu gerne hätte sie gesehen, dass er das Spiel für sie entscheidet. Allein um Redfield für immer das Maul zu stopfen, was deren Anschuldigung anging!

Die Falle materialisierte sich zu ihren Füßen. Sie war jetzt alles, was Othello noch daran hinderte, sein Vorhaben Wirklichkeit werden zu lassen. Hoffentlich würde er einen Fehler machen!

 

Jener, ergriffen von ähnlichem Ehrgeiz wie Anya, zog unüblich für seine sonstige Art schwungvoll auf. „Draw! Schwinge bis in alle Ewigkeit, Pendulum!“

Sofort streckte er den Arm in die Höhe. Zwischen seinem weißen und seinem blauen Magier öffnete sich das Pendelportal, um welche sich unzählige Lichtellipsen bildeten.

„Kehre zu mir zurück, [Odd-Eyes Pendulum Dragon]!“

In Form des typischen roten Blitzes schlug der gleichfarbige Drache vor Othello ein, nur um sich stolz brüllend aufzubäumen und dabei wild mit dem dornigen Schweif um sich zu schlagen.

 

Odd-Eyes Pendulum Dragon [ATK/2500 DEF/2000 (7) PSC: <4/4>]

 

Der strohblonde Jugendliche streckte den Arm nach Anya aus. „'Odd-Eyes', direkter Angriff auf ihre Lebenspunkte! Bitte, hol' mir den Sieg! Spiral Strike Burst!“

Gehorsam öffnete der Drache sein Maul und lud darin rote Energie auf. Mr. C flötete: „Wird dieser Angriff durchgehen oder müssen wir weiterhin mit unseren Favoriten bangen!? Alles ist noch drin!“

Gleichzeitig feuerte Odd-Eyes seinen roten Lichtstrahl ab, um den schwarze Entladungen schlugen.

Anya sah ihm kämpferisch entgegen und betätigte den Auslöser ihrer linken Falle. „Sei wiedergeboren, [Gem-Knight Crystal]! Die Falle [Birthright] reanimiert ein normales Monster von meinem Friedhof, solange es mit ihr verbunden ist!“

Ein dunkler Anker schoss weit über Anya aus dem Nichts in den Stahlboden und verschwand in einem Dimensionsriss. Es dauerte nur einen Moment, da zog er den weißen Ritter mit den Kristallschulterplatten am Kragen so weit hervor, dass dieser in der Luft hing und hinuntergelassen werden konnte.

 

Gem-Knight Crystal [ATK/2450 DEF/1950 (7)]

 

Der rote Lichtstrahl peilte Crystal geradewegs an. Und Anyas Finger lag bereits auf dem Auslöser ihrer zweiten Falle.

„Stopp!“, befahl Othello alarmiert. „Die Replay-Regel greift, da sich deine Monsterzahl verändert hat! Angriff abbrechen!“

Kurz bevor Crystal getroffen wurde, verpuffte der Lichtstrahl. Anya knirschte förmlich mit den Zähnen.

„Was ist da passiert? Othello bricht den Angriff ab, obwohl Anyas Monster schwächer ist!“ Mr. C verstand die Welt nicht mehr, wie es schien.

Die Blonde hingegen schon. Grimmig verschränkte sie die Arme. „Du wusstest es, huh?“

Othello nickte. „Ich war vorgewarnt.“

 

[Odd-Eyes Pendulum Dragon] schrie stolz auf, ehe er einen roten Lichtstrahl ausstieß, umgeben von schwarzen Entladungen. Sein Ziel war [Gem-Knight Crystal]. Dessen Besitzerin schnaubte wütend, ehe sie per Knopfdruck ihre verdeckte Fallenkarte aufspringen ließ. „Falle, [Justi-Break]! Sie-“

[Timegazer Magician], Inverse Gears!“

Bevor überhaupt etwas geschah, klappte Anyas Karte nach Othellos Ausruf auf halbem Wege nach oben wieder zu. Gleichzeitig tauchte der in Schwarz gekleidete Magier über Odd-Eyes auf. Die goldene Klinge an seinem Arm fuhr aus und bildete um ihn einen Kreis, das Ticken einer Uhr war im Hintergrund zu vernehmen.

„[Timegazer Magician] beschützt Pendelmonster vor Fallenkarten während sie angreifen“, erklärte Othello dazu. „Er dreht die Zeit zurück und verhindert die Aktivierung. Deshalb geht der Angriff auch durch!“

 

„[Justi-Break] liegt seither verdeckt auf deiner Spielfeldseite“, erklärte Othello mit dem Anflug eines überlegenen Grinsens, „Ohne [Timegazer Magician] kann ich die Aktivierung nicht verhindern. 'Odd-Eyes' jetzt zu verlieren kann ich mir nicht leisten, verstehst du?“

 

Die Idee war gut, Anya Bauer! Da Othello Nikoloudis schon eine Pendelbeschwörung durchgeführt hatte und du durch [Justi-Breaks] Effekt alle Nicht-normalen-Monster vernichtet hättest, wäre er danach schutzlos gewesen, ohne Chance, seinen Drachen noch einmal im selben Zug zu rufen.

 

Anya ballte eine Faust hinter ihrem Arm. Alles, was sie danach noch hätte tun müssen, wäre mit Crystal anzugreifen. Sie war so nah dran!

„Ich werde kämpfen, selbst wenn ich auf dem Zahnfleisch krieche!“, machte Othello Anya unmissverständlich klar.

Doch die grinste. „Eins kannst du wissen: Ich auch! Und bei mir hat das bisher immer sehr gut funktioniert.“

„Ich erwarte nichts anderes“, strahlte ihr Gegner genauso ehrgeizig wie sie.

Und doch fühlte Anya sich unwohl, denn auch wenn dieses Duell diesen gewissen Nervenkitzel aufleben ließ, nach dem sie sich sehnte: Es konnte nur einer von ihnen gewinnen. Einer von ihnen würde leer ausgehen, vor den Scherben seiner Träume stehen …

 

~-~-~

 

Etwa eine Stunde vor Anyas Duell mit Othello …

 

Das Klacken von Alexandras Stiefeln hallte durch das Foyer, wie sie in Begleitung von Nick den Hauptsitz von Micron Electronics verließ. Letzterer erwiderte gar nicht den Gruß von der Dame an der Rezeption. Sein Augenmerk lag bereits vollständig auf den brünetten CEO der Firma, der gerade das Gebäude betrat und seinen Regenschirm zusammenzog. Draußen schüttete es wie aus Gießkannen.

„Oh, willst du dich mal wieder vor der Arbeit drücken?“, fragte Aiden seinen wie üblich zerzaust aussehenden Angestellten im quietschgelben Hemd belustigt.

„Ich habe sie schon bezahlt, also muss ich das jetzt durchziehen“, scherzte Nick träge zurück, ganz zum Ärgernis der blonden Alex, welche gekünsteltes Gelächter von sich gab und sich an seinen Arm schmiegte. Mit den leisen Worten: „Arschloch!“

„Dein Outfit -ist- nuttig“, flüsterte Nick zurück, anspielend auf ihren Trenchcoat und die hohen, schwarzen Stiefel.

 

Aiden betrachtete sie neugierig. „Darf man denn fragen, wer deine hübsche Begleitung ist?“

„Sascha Irving, eine alte Freundin von Nick“, log die Schatzjägerin und reichte ihm die Hand.

„Sehr erfreut, Aiden Reid“, stellte sich jener charmant vor.

„Ich bin nicht erfreut. Du vertrödelst gerade meine Zeit. Und wenn du willst, dass ich heute noch zu irgendetwas komme, dann husch, aus dem Weg“, machte Nick ihm angespannt und mit einer passenden Handbewegung klar, wie sehr ihm der Sinn nach etwas Smalltalk stand. Nicht, dass er je etwas davon gehalten hatte, seit er für seinen Ex-Freund arbeitete.

Alexandra lächelte schelmisch, als Aiden demonstrativ zur Seite trat und die beiden ihren Weg fortsetzten. „So war er schon immer.“

„Ja“, erwiderte der CEO von Micron Electronics und reichte ihr seinen Regenschirm. „Kein Benehmen, der Gute. Nehmen Sie den.“

Dankend nahm die Blonde ihn an und schenkte Aiden ein verführerisches Lächeln, ehe sie den Schirm aufspannte und zusammen mit Nick die Firma verließ.

 

Von diesem Lächeln war etwa eine Stunde später nichts mehr zu sehen, als sie und Nick sich auf dem Livingtoner Friedhof mit ihrem Kontakt trafen. Inzwischen war der Hochgewachsene Gentleman genug, den Regenschirm selbst über sie beide zu halten. Tony Malroy hingegen musste mit seinem blauen Regencape Vorlieb nehmen, dessen Kapuze er so tief ins Gesicht gezogen hatte, dass man dieses Abseits eines dunklen Spitzbarts kaum erkannte.

„Was soll das heißen, du hast ihn nicht erreichen können?“, fragte Alexandra verständnislos.

 

Nick indes sah sich abwesend um. Wie viele amerikanische Friedhöfe, war auch dieser einheitlich gehalten. In dutzenden Reihen standen weiße Steinkreuze auf grünem Rasen voreinander. Ab und zu lockerte ein Baum die ebene Landschaft auf, weiter Richtung Wald befand sich das Mausoleum des Stadtgründers Irvine Hammond. Es war eine kleine, weiße Baute mit zwei Steinsäulen am Eingang und kunstvollen Fenstern zu den Seiten.

Und irgendwo hier hatte Aiden vor fünf Jahren die Knochen des echten Nicks in einer Nacht- und Nebelaktion vergraben.
 

Wir werden uns vermutlich nie wieder sehen, wenn du das wirklich tun willst.

 

Das waren die letzten Worte seiner leiblichen Mutter Irene Stevens, gesprochen an seinem Bett im Krankenhaus, kurz nachdem er wegen des Feuers im alten Haus der Harpers dort eingeliefert worden war.

Was sie ihm in nüchterner Art und Weise gesagt hatte, erwies sich letztlich als wahr. Denn seit seinen unzähligen Anpassungs-OPs war der Kontakt abgebrochen. Nicht, weil sie ihn verachtete, sondern weil sie es verstand. Er war jetzt Nick Harper, nicht mehr Eli Bauer. Und als solcher durfte er sich nicht mit ihr sehen lassen. Wie es ihr wohl ging? Nicht, dass es ihn wirklich interessierte …

 

„Hörst du überhaupt zu?“, fuhr Alexandra ihn in diesem Moment genervt an, sodass Nick aus seinen Gedanken schreckte.

Sich ihr und Tony zuwendend, erwiderte er unterkühlt: „Heißt das, wir sind umsonst hierher gekommen?“

„Ganz offensichtlich.“ Alexandra verschränkte die Arme und betrachtete ihren Kontaktmann.

Tony gestikulierte wild mit den Händen. „Ich verstehe das nicht, sonst hat Drazen immer auf meine Anrufe reagiert.“

Nick wurde hellhörig. Drazen!? Der Drazen, den Anya unfreiwillig ins Grab gebracht hatte?

„Warum hast du uns nicht Bescheid gesagt?“

„Du weißt, wie Drazen ist“, verteidigte sich Tony gegenüber seiner Bekannten, „er kommt und geht wie er will. Ich dachte, er würde vielleicht schon hier auf uns warten!“

Die Blonde schnalzte augenrollend mit der Zunge und sah Nick aus den Augenwinkeln düster an. „Wenn uns jemand bezüglich der Artefakte weiterhelfen kann, dann Drazen. Er war es, durch den ich von ihnen erfahren habe.“

 

Nick fasste sich ans Kinn. Wieso sollte ein Hüter einer völlig Fremden von so etwas erzählen? Ihn beschlich der leise Verdacht, dass Alex diese Infos höchstens unter vollem Körpereinsatz und mit viel Alkohol erhalten haben konnte.

Ironisch, dachte er sich, denn sie hatte nicht geahnt, dass eine der von Anya gestohlenen Karten einst in Drazens Besitz gewesen war.

 

Nick tat es seiner Begleiterin gleich und verschränkte die Arme. „Drazen wird nicht kommen, denn er ist bereits seit gut einem Monat tot.“

„Was!?“, fiel die Blonde aus allen Wolken.

„Tot?“, wiederholte Tony ungläubig. „Das alte Unkraut? Wie-“

„Unwichtig“, schmetterte Nick seine Frage ab, „gibt es noch jemand anderes, der über die Artefakte Bescheid weiß? Und damit meine ich weder den Collector, noch Xiphos oder einen anderen Dämon dieser Größenordnung.“

Der Kerl im blauen Regencape zuckte regelrecht bei der Nennung dieser Namen zusammen, sprach Nick aber nicht darauf an. Er zuckte nur ahnungslos mit den Schultern.

Alexandra fasste sich kopfschüttelnd an die Stirn. „Nicht soweit ich weiß. Der alte Drazen war der Einzige, aus dem man solche Infos herauskitzeln konnte.“

Also schien sich seine Vermutung zu bestätigen, dachte Nick grimmig. Da fuhr die Schatzjägerin ihn schon an: „Woher weißt du, dass er tot ist? Hast du etwas damit zu tun?“

 

„Joel“, warf Tony plötzlich einen Namen ein. „Joel könnte etwas darüber wissen.“

„Wer ist Joel?“, wollte Nick an Alexandra gewandt wissen, doch die schüttelte den Kopf.

„Kein Mensch.“ Tony drehte sich von den beiden weg. „Ein alter Dämon, der einst vom Collector versiegelt wurde. Er ist ungefährlich. Ich kann euch sagen, wo ihr ihn findet.“

Alexandra sah Nick skeptisch an. „Ob das so eine gute Idee ist?“

„Wieso hat der Sammler ihn versiegelt?“, fragte der.

Tony zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht.“

„Und wo ist er versteckt?“
 

Nick hörte die Einwürfe Alexandras gar nicht mehr. Die Sache mit Xiphos war riskant gewesen, aber wenn dieser Dämon versiegelt war, gab es keinen Grund zur Sorge. Sicherlich würde dieser Joel seine Infos nicht ohne Gegenleistung mit ihm teilen, aber wie hieß es so schön? Eine Hand wusch die andere.

Der großgewachsene junge Mann fuhr sich mit den Fingern über die Stelle neben dem rechten Auge, wo sich für alle verborgen die Krähentattoos befanden. Bevor er jedoch etwas Gefährliches unternahm, sollte er die beiden vorschicken …

 

~-~-~

 

Als sich die automatische Tür des dunklen Raums öffnete und Licht hineinströmte, wirbelte Zed, die bei Ricthers leerem 'Thron' stand, sofort um.

„Stoltz!“

Tatsächlich stand der riesige, dürre Undying dort und schlenderte dann auf sie zu. Die Schwarzhaarige in der weißen Robe musterte ihren Kameraden, oder vielmehr, taxierte sie ihn. Denn Stoltz war nicht in einem Stück zurückgekehrt.

„Du hast ihn gefunden“, stellte sie ernüchtert fest.

Der bandagierte Undying streckte demonstrativ die Reste seines fehlenden Arms nach vorne. Dort, knapp unterhalb des Gelenks, war nichts mehr. Bläulicher Schimmer ging von dem Stumpf aus.

„Fürwahr, der Undying konnte den 'Körper' aufspüren. Doch wie die Undying sehen kann, ist er mir entkommen.“ Stoltz kicherte bitterböse. „Selbst in diesem Zustand ist er uns gewachsen.“

 

Zed wirbelte zischend herum. Wenn selbst Stoltz dieses Stück Fleisch nicht in den Griff bekam, dann war die Sache noch viel schlimmer als erwartet!

„Geh dich regenerieren, Stoltz“, sagte sie vor sich hin.

„Wie die Undying wünscht“, erwiderte dieser im Türrahmen, verneigte sich und verschwand dann wieder durch die Tür aus der er gekommen war, ließ Zed in nahezu vollkommener Dunkelheit zurück. Nur die Lichter der Bildschirme an den Wänden des kreisrunden Raumes gaben etwas Licht von sich.

Zed war froh, dass Stoltz keine weiteren Fragen gestellt hatte. Und dass er für eine Weile außer Gefecht gesetzt war, denn Wunden dieser Art waren selbst für Undying nicht so leicht wegzustecken.
 

Ähnlich schlimm war schon Ricther zugerichtet worden, nachdem er unverhofft auf den 'Körper' getroffen war. Es war Anya Bauers Schuld, sie hatte das Duell initiiert, ahnungslos, wie gefährlich dieses … Ding überhaupt war.

Zed ballte eine Faust. Wie war es dem 'Körper' vor einigen Wochen gelungen, von hier zu entkommen? Er sollte keinen eigenen Willen haben, er war eine Hülle, mehr nicht!
 

Nachdenklich schritt Zed an Ricthers Thron vorbei, welcher mit diversen Schläuchen von der Decke verbunden war. An seiner Rückseite befand sich eine längliche Einkerbung, gesichert mit massivem Glas. In ihr befand sich ein gewöhnlich aussehendes Katana. Es war dem 'Körper' nicht gelungen, es mit sich zu nehmen, bevor die Undying sein Erwachen bemerkt hatten. Dennoch war es ihm in so kurzer Zeit gelungen, eine annähernd mächtige Kopie zu erschaffen, die selbst Stoltz in seine Schranken verwies.

Was auch immer mit dem 'Körper' vor sich ging, sie mussten ihn finden und hierher zurückbringen, bevor jemand davon Notiz nahm.
 

Zed dachte auch über Stoltz' Hinweis nach, als sie darüber diskutiert hatten, wer hinter Anya Bauer die Fäden zog. Dass die 'Seele' womöglich im Verborgenen agierte, während sie die anderen glauben ließ, der Sammler, die Weiße Hexe oder einer der anderen beiden würde Krieg gegen die ewige Ordnung führen. Aber Zed hatte sie sich angesehen. Nichts deutete darauf hin, dass die 'Seele' erwacht war. Und wieso sollte sie auch, entsprach es doch ihrem Wunsch, für immer zu ruhen?
 

Die Undying strich mit ihrer Hand über das Glas, welches das Schwert abschirmte. Sie mussten den 'Körper' finden, unbedingt! Er durfte auf keinen Fall in die falschen Hände geraten! Den 'Körper', oder der 'maskierte Dämon', als den er sich ausgab. Ein seelenloses Stück Fleisch mit einem eigenen Willen … wie war das möglich?

 

 

Turn 76 – The Difference

Mit aller Kraft treffen Anyas und Othellos Entschlossenheit aufeinander. Beide ziehen noch einmal alle Register, bis Othello einen ungewöhnlichen Gedanken ausspricht …



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Kommentare zu diesem Kapitel (1)

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Von:  fubukiuchiha
2017-11-05T10:44:45+00:00 05.11.2017 11:44
Hey
Super Kapitel, also man muss mit Othello einfach Mitleid haben, denn der Kerl hat ja richtig die Arschkarte gezogen, der arme Kerl... Anya wollte Aufgeben, ich glaube nachher Ohrfeigt sie sich selbst noch für den Gedanken.
Nick muss sich schon wieder an einen Dämon wenden? Das wird für ihn ja langsam zur Gewohnheit, aber dieser Joel kann ihm helfen, vor allem da er ja gegen den Sammler vorgeht. Wie heißt es so schön: Der Feind meines Feindes ist mein Freund.
Mit dem 'Körper' ist dieser komische Samurai gemeint, oder? Bin ja mal gespannt wann der wieder aufkreuzt ,aber dann geht wieder irgendwas schief.
Freu mich schon auf das nächste Kapitel.
Lg fubukiuchiha


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