Der Sinn des Lebens von Valenfield (Sommerwichteln 2016) ================================================================================ Kapitel 1: Entscheidungen ------------------------- Teil 1 – Entscheidungen   „Seid Ihr bereit, zu sterben, wenn es euch befohlen wird?“ Das war der erste Satz gewesen, den Kommandant Erwin Smith an die neuen Mitlieder der Aufklärungslegion gerichtet hatte. Er wirkte auf eine erschreckend monotone, höfliche Art und Weise wie der mit Abstand skrupelloseste, angsteinflößendste Mensch, den sie alle wahrscheinlich je treffen würden. Niemand wagte es, darauf etwas zu antworten. Einige wimmerten, schienen ihre Entscheidung zu bereuen, andere wirkten entschlossen. Entschlossen, etwas zu ändern, überzeugt, dazu in der Lage zu sein. Inmitten der ausgesprochen wenigen Absolventen, die sich dazu entschieden hatten, der Aufklärungslegion beizutreten, fand sich Petra Ral wieder. Sie war klein, schmal und ging neben ihren Kameraden beinahe unter. Sie erinnerte sich an die verstörten Blicke ihrer Freunde, als sie angekündigt hatte, nicht zur Militärpolizei zu gehen, selbst wenn sie es unter die besten Zehn schaffte, und dass die Stadtwache für sie auch nicht in Frage kam. Doch sie bereute es nicht. __________________________________ Es gab zu viele Dinge, die man in der Theorie nicht mit einbeziehen konnte. Zu viele instabile Faktoren, die allesamt fallabhängig waren und nur instinktiv genau dann behandelt werden konnten, wenn sie eintraten. Das war einer der Gründe, warum die neuen Mitglieder der Aufklärungslegion trotz jahrelanger theoretischer und auch praktischer Erfahrung absolut nicht darauf vorbereitet gewesen waren, was sie auf ihrer ersten Expedition außerhalb der Mauern erwarten würde. Die Titanen waren genau so, wie man sie sich aufgrund der Aufzeichnungen und Erzählungen vorstellte, und gleichzeitig vollkommen anders. Sie waren gewaltiger, gefährlicher und angriffslustiger, als Bilder und Worte es jemals beschreiben könnten. Das war ein weiterer Grund, warum die wenigen neuen Mitglieder, die ihre erste Expedition überlebt hatten, am späten Abend, nachdem sie Schmutz und Blut grob von ihren Körpern entfernt hatten, schweigend am Lagerfeuer saßen. Manche von ihnen weinten, andere wiederum starrten ziellos in die Flammen, als würde das die Fragen beantworten, die ich keiner zu stellen traute: „Wann bin ich es, der es nicht zurückschafft?“ „Wann werden es meine Knochen sein, die hier brennen?“ „Wie konnte ich glauben, wir würden etwas ändern?“ All die Jahre des Trainings schienen sich mit dem Qualm, der die Überreste der Körper ihrer Kameraden mit sich hinfort trug, ungreifbar und unwiderruflich in Luft aufzulösen. So gemeinschaftlich dieses Zusammensitzen auch wirkte, barg es doch keinerlei Hoffnung auf eine Zukunft. Urplötzlich schien der Wunsch, die Titanen zu vernichten und der eigenen Familie ein sicheres Leben zu gewähren, wie eine alberne Bilderbuchgeschichte. So, als grübe man nicht nur sein eigenes Grab, sondern spuckte zusätzlich noch einmal darauf. „Geht es dir besser, Petra?“ Die Angesprochene, eine kleine, junge Frau, die es gerade erst geschafft hatte, ihre rasenden Gedanken halbwegs zu beruhigen, musste sich aufgrund der Worte stark zusammenreißen, nicht gleich wieder in Tränen auszubrechen. Zwar war sie nicht wirklich verletzt – zumindest empfand sie die Schrammen an ihren Armen und Beinen nicht als erwähnungswürdig – und doch schien es ihr, als habe sie nie zuvor größere Schmerzen empfunden. Nur mühevoll schaffte sie es, zu nicken. „Ich bewundere deine Fähigkeit, so ruhig zu bleiben, Eld“, sagte sie mit kratziger, doch fester Stimme. Auch wenn ihre schiere Panik im Kampf gegen die Titanen nicht mehr so präsent war wie während der Mission, verstand sie auch jetzt noch nicht, wie Eld so ruhig sein konnte, als hätte er sein gesamtes Leben nie etwas anderes getan, als Titanen gegenüberzustehen. „Wer nicht ruhig bleibt, kann nicht zeitig agieren. Wer nicht zeitig agiert, stirbt.“ Es klang weder vorwurfsvoll noch herablassend, war lediglich eine objektive Feststellung. Und selbstverständlich wusste Petra das bereits, denn gerade deswegen bewunderte sie es so sehr. Seine Emotionen derart zu kontrollieren – und sie wusste, dass auch Eld nicht anders fühlte als sie alle – war alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Sie selbst hatte es nicht gekonnt, und begann mehr und mehr zu glauben, dass es genau das war, was die meisten derer, die es zurückschafften, überhaupt am Leben hielt. Sie alle hatten diesen Weg gewählt, um etwas zu verändern. Um die Welt, in der sie lebten, wieder zu einem Ort zu machen, der es wert wäre, ihn zu lieben. Stattdessen ließ das Kraftverhältnis zwischen Menschen und Titanen diesen Gedanken schier lächerlich erscheinen. „Bereust du deine Entscheidung?“ Eld ließ sich neben Petra auf dem Boden nieder, den Blick jedoch in die Flammen statt auf sie gerichtet. Sie war ehrlich dankbar darüber, denn sie wusste, dass ihr Anblick sie ihrer Worte strafte. „Nein. Meine Meinung bleibt bestehen: Wenn ich nicht den Schritt tue, etwas zu ändern, wer dann?“ Sie atmete tief durch, um sich zu beruhigen, denn so ernst sie diese Worte auch meinte, änderten sie nichts an ihrer Angst davor, in naher Zukunft wieder Titanen sehen zu müssen. „Du bist vielleicht unsicherer als ich. Mehr von deinen Emotionen kontrolliert. Aber das ändert nichts daran, dass du eine starke junge Frau bist. Vergiss das nicht.“ Sie nickte zögerlich und murrte ihre Zustimmung. Aufzugeben kam für sie absolut nicht in Frage. Ihre Familie würde stolz darauf sein können, dass sie sich dafür einsetzte, irgendwann etwas an dieser schier aussichtslosen Situation zu verändern. Irgendwann.  Kapitel 2: Erkenntnisse ----------------------- Teil 2 - Erkenntnisse Es dauerte nur etwa zwei Wochen, bis sich zeigte, wie verschieden die neuen Mitglieder der Aufklärungslegion eigentlich waren. Während auf der einen Seite die fleißigen, von erhofftem Erfolg getriebenen Menschen standen, gab es auch diejenigen, die zwar ihre erste Expedition aus dem einen oder anderen Grund überlebt hatten, nun aber offensichtlich bereuten, je hierher gekommen zu sein. Petra, die gerade die Wäsche der Mitglieder ihrer Einheit aufhing, empfand Mitleid mit ihnen. Sie erinnerte sich, wie Oluo sich aufgeplustert und gesagt hatte, sie seien es schließlich selbst Schuld, hätten sich auch anderweitig entscheiden können, aber sie wusste es besser. Der Wille, ihre Familien zu beschützen, auch wenn es den eigenen Tod bedeutete, hatte sie alle vorangetrieben, sich selbst dem Kampf hinzugeben. Jedoch zu sehen, wie schnell es tatsächlich vorbei sein konnte, war ein harter Schlag seitens der Realität und Petra verstand, dass dies vielen Mitgliedern den Mut nahm. „Petra.“ Sie wandte sich zu der ruhigen Stimme um und setzte ein freundliches Lächeln auf. Es war Rüdiger, der sie angesprochen hatte, ebenfalls ein Neuzugang aus ihrer Trainingseinheit. Er war groß, blond und hatte eine schmale Statur für einen Soldaten, war aber trotz seiner Erscheinung und seiner unauffälligen Verhaltensweise nicht zu unterschätzen. Jemand wie er definierte wohl die Redewendung 'Stille Wasser sind tief'. „Entschuldige die Störung, aber hast du Eld gesehen?“ Sie runzelte die Stirn und überlegte. Heute morgen hatte sie ihn mit ihrem Einheitsanführer gesehen, aber seitdem nicht mehr. Zaghaft schüttelte sie also den Kopf. „Tut mir leid. Ist etwas vorgefallen?“ Unsicher wandte er den Blick ab und kratzte sich am Hinterkopf. Es schien ihm peinlich zu sein, denn seine Wangen liefen roséfarben an, bevor er antwortete. „Nicht wirklich, nein. Er ist nur immer so hilfreich, wenn man in einer Gewissenskrise ist. Ich werde ihn suchen gehen.“ Sie legte verwirrt den Kopf schief und blickte ihm hinterher, als er wieder verschwand. Eine Gewissenskrise? Dass Eld gut darin war, aufmunternde Worte zu sprechen, war ihr in jedem Falle kein Rätsel, aber so hatte sie das Ganze noch nie betrachtet. Wahrscheinlich wäre er sehr geeignet, irgendwann einmal eine eigene Einheit anzuführen. Er besaß das Durchsetzungsvermögen, aber auch die Güte, Menschen dazu zu bringen, mit ihm zusammenzuarbeiten. Ein schmales Lächeln legte sich auf Petras Gesicht, als sie sich wieder der Wäsche zuwandte. Während ihrer Zeit in der Ausbildung war ihr das nie aufgefallen, doch nun begann sie zu verstehen, warum sie Eld eigentlich so sehr respektierte. __________________________________ Der blutrot verfärbte Matsch glitt gnadenlos zwischen Petras Fingern durch, als sie verzweifelt versuchte, ihren zitternden Körper in eine zumindest kniende Position zu zwingen. Ihr Blickfeld verschwamm wegen der explodierenden Kopfschmerzen, die ihr das Denken schwer machten, aber sie wusste, dass wenn sie sich dem nun hingab, sie es nicht mehr zurückschaffen würde. Ein lautes, dumpfes Stampfen in einiger Entfernung machte das nur noch deutlicher. Es war ein Titan, der sich ihr näherte, und obwohl der Regen unbarmherzig auf sie niederprasselte, war jeder Schritt des riesigen Feindes wie Glockenschläge während der eigenen Beerdigungszeremonie. Ich muss etwas tun, rasten ihre Gedanken. Wenn ich nicht aufstehe und wenigstens versuche, zu fliehen, dann- Aber es ging nicht. Ihre Muskeln weigerten sich, ihre Befehle auszuführen. Statt Adrenalin strömte Angst durch ihre Venen. Panik, dass nun alles vorbei sein würde, Unsicherheit, ob ihr Tod etwas wert gewesen sein würde. „Petra!“ Es war über den lauten Regen hinweg kaum zu hören, doch sie war sich sicher, dass jemand ihren Namen gerufen hatte. Bevor sie es auch nur schaffte, den Kopf zu heben, sah sie jemanden neben sich landen. „Petra! Geht's dir gut?“ Es war Oluo, der ihr nun auf die Beine half. Dass es ihr nicht gut ging, war ihm sicherlich bewusst, schließlich lag man nicht grundlos außerhalb der Mauern einfach mal so auf dem Boden. „Wo ist dein Pferd? Die Rüstung ist auch hinüber.“ Sie nickte und schüttelte den Kopf, um ihn freizubekommen. Dass ihr Pferd noch lebte, war anzuzweifeln, denn ein Abnormaler hatte sie unerwartet beinahe erwischt und die Druckwelle Petra und das Pferd in verschiedene Richtungen geschleudert. Die Schritte wurden nun lauter, aber der Wald, in dem sie sich befanden, war Freund wie Feind. Man konnte die Titanen trotz ihrer Größe meist erst dann sehen, wenn es fast zu spät war. „Die Mission wurde abgebrochen. Wir sollen wieder zu den anderen Einheiten zurückfinden.“ Sie tat wortlos wie geheißen und war ernsthaft verwundert. Oluo war oftmals ein furchtbarer Mensch, dem das Leid anderer egal zu sein schien und der sich anhand der Schwächen anderer aufzuplustern schien. Jetzt aber war er todernst, weil die Lage es von ihm verlangte. Keine dummen Kommentare, keine herablassende Attitüde. Er versuchte nicht einmal, sich mit dem Titanen anzulegen, der in diesem Moment in ihre Richtung stürmte, sondern brachte sie beide mithilfe seiner Rüstung in eine erhöhte, sichere Position auf einen der Äste. Sie schafften es unerwartet schnell und sicher, zu den anderen Einheiten zurückzukommen. Es war schieres Glück, dass die Zahl der Titanen in diesem kleinen Wald so überschaubar war, dass sie eine geringere Gefahr darstellten als üblicherweise, jedoch änderte das nichts an den unzähligen Verlusten, die sie gemacht hatten. Das Poltern der Pferde über die unebenen Grasflächen übertönte gerade so die unerträglichen Kopfschmerzen, die Petra nun, da sie halbwegs in Sicherheit war, noch viel bewusster wurden. Da sie nicht mehr die Kraft hatte, eigenständig zu reiten, saß sie auf einem der Versorgungswagen, zusammen mit Oluo und Gunther. „Viel zu viele haben ihre Positionen verlassen. Sogar du, Petra. Sieht dir gar nicht ähnlich.“ Sie nickte den Vorwurf seitens Gunther ab, wissend, dass er gewissermaßen berechtigt war. „Ich wollte den anderen helfen. Sie wurden verfolgt und waren völlig überfordert.“ Dass sie sich selbst damit derart gefährden würde, war ihr in dem Moment nicht durch den Kopf gegangen. Sie hatte nur ihre Kameraden unterstützen wollen und dieser Wille hatte ihre Rationalität absolut überschattet. „Verständlich. Aber es hätte nichts geändert, wenn ihr alle gestorben wärt.“ Sie nickte erneut; wusste, dass diejenigen, denen sie hatte helfen wollen, unter den Gefallenen waren und es trotz ihrer Anstrengung und ihrem Opfer keiner geschafft hatte, zu fliehen. Ihr Tod wäre umsonst gewesen. Als ihr das bewusst wurde, begann sie, die Dinge anders zu sehen. Es war ihr wichtig, für andere da zu sein – ein Team zu bilden, gemeinsam etwas zu verändern, sich gegenseitig zu beschützen. Aber all das stand in keinem Verhältnis dazu, sich grundlos in eine Gefahr zu stürzen und zu riskieren, niemals etwas zurückzulassen, woran sich jemand erinnern würde. Sie wollte nicht einer von vielen sein, die einen Traum hatten, der ihnen über den Kopf wachsen würde. Sie wollte zu denen gehören, die in kleinen Schritten zusammen zu einer besseren Zukunft beitrugen. Sie wollte leben. __________________________________ Je mehr sich die Dinge veränderten, desto mehr blieben sie gleich. Das traf auf das Leben bei der Aufklärungslegion definitiv zu, denn obwohl die Expeditionen jedes Mal andere genaue Ziele verfolgten, andere Strategien testeten und andere Routen abliefen, blieb eines ausnahmslos immer gleich: Die Anzahl derer, die es nicht oder nicht lebendig zurück hinter die Mauern schafften, war zu hoch. Jedes einzelne Mal, selbst wenn es schien, als sei schon kaum noch jemand da, der sterben könne, als gäbe es nur noch eine unsterbliche Elite, die etliche Missionen zusammen überstanden hatte, war die Menge der Opfer erschreckend hoch. „Du denkst zu viel nach, Petra.“ „Eld!“ Sie stieß ihm ihren Ellenbogen in die Seite, als Rache dafür, dass er sie erschreckt hatte, schaffte es aber, ein Lächeln aufzusetzen. „Wenigstens denke ich überhaupt nach, im Gegensatz zu manch Anderen“, antwortete sie als offensichtlichen Seitenhieb an Oluo, der mit desinteressierter Miene sein Pferd striegelte und nur abschätzig herübersah. „Du musst auch über die richtigen Dinge nachdenken, um eine gute Hausfrau zu werden, Petra.“ Sie runzelte die Stirn, unsicher, woher das nun kam, und wandte sich ab. Eine gute Hausfrau? Sie wusste nicht einmal, ob sie jemals eine simple Hausfrau sein können würde, ganz zu schweigen davon, etwas davon zu verstehen. Es erinnerte sie daran, wie ihre Mutter sie davon hatte abhalten wollen, dem Militär beizutreten. Sie hatte ihr Dinge gezeigt, die ein geregeltes, einfaches Leben hinter den Mauern ausmachten. Für viele war das vielleicht ein Traum – ein simples, sorgloses Leben, solange es eben ging, die Tatsache ignorierend, dass dort draußen etwas lauerte, was jeden Tag drohte, alles zu verschlingen, was einem etwas bedeutete. Aber Petra konnte das nicht. Niemand, der sich freiwillig für das Militär meldete, konnte das. Die Angst, alles urplötzlich und unerwartet zu verlieren, wäre unerträglich. Indem sie sich der Aufklärungslegion eingeschlossen hatte, wusste sie wenigstens um die Gefahr, dass jeder Tag der Letzte sein könnte. Ebenso sehr wie es angsteinflößend war, hatte es auch etwas Beruhigendes. Es war eine Konstante, etwas, worauf man sich einstellen konnte. Aus dem Nichts vom Tode überrannt zu werden war weitaus grauenvoller als ihm ins Gesicht zu blicken und es zu akzeptieren. „Vielleicht möchte ich niemals eine Hausfrau werden“, hörte sie sich selbst murmeln und nickte. Nein, dieses Leben wäre nichts für sie. Sie wandte sich wieder ihrem Pferd zu, dass freudig wieherte, und konnte ein schmales Lächeln nicht unterdrücken. Ihr Leben mochte grausam wirken, doch hatte sie es sich ausgesucht. „Wie du wohl in einem hübschen Hochzeitsgewand aussähst, Petra?“ „Sehr witzig, Eld!“ __________________________________ Das knisternde Feuer am Abend war zu einer gemütlichen Routine geworden. Der verkohlt riechende Rauch, die angenehme Wärme auf dem Gesicht und das Wissen, einen weiteren Tag überlebt zu haben, waren beinahe so wichtig wie die Luft zum Atmen geworden. Doch heute war etwas anders. Die Worte des Kommandanten vor einigen Minuten hatten die Stimmung verändert. „Morgen kommen die neuen Rekruten zu uns. Empfangt sie den Umständen entsprechend.“ Es war eine unglaubliche Erkenntnis für Petra, dass sie bereits ein Jahr der Aufklärungslegion angehörte. Obwohl die Zeit ob der fehlenden Erfolge nicht zu vergehen schien, verflog sie zeitgleich. Sie blickte in das kleine Lagerfeuer, an dem sie mit einigen der anderen Mitglieder saß, und ihr wurde bewusst, dass die Zahl derjenigen aus ihrer Trainingseinheit, die noch übrig waren, verschwindend gering war. Wie viele Namen hatte sie schon vergessen, von Soldaten, die vielleicht nicht mal ihre zweite oder gar erste Expedition außerhalb der Mauern überlebt hatten? Wie viele Namen würde sie noch vergessen, bis dieser Wahnsinn auf die eine oder andere Art ein Ende nahm? Wann würde es ihr eigener Name sein, der vergessen wurde? All das waren Fragen, auf die sie sich keine Antwort erhoffen durfte. Sie wusste, dass es keinen Erfolg brachte, so zu denken, und sie im Gegenteil sogar nur runterzog. Aber es war schwierig, in Anbetracht der vielen jungen Menschen, die bald zu ihnen stoßen würden – mit der gleichen sinnlosen Hoffnung, die vielleicht jeder von ihnen zu Beginn zu hegen gewagt hatte – positiv nach vorn zu sehen. Ihr Blick flog über die Gesichter der Soldaten, die teilweise schweigsam, teilweise in ruhigen Gesprächen vertieft um die Flammen herumsaßen. Sie wirkten entspannt. Vielleicht nicht glücklich oder restlos zufrieden, aber auch nicht ängstlich oder verzweifelt. Es hatten sich Freundschaften entwickelt, die Stimmung war beinahe familiär und das stärkte auch den Zusammenhalt aller Mitglieder. Vielleicht war das auch einer der Gründe dafür, warum laut dem Kommandanten die Wahrscheinlichkeit, lebend zurückzukehren, mit jeder erfolgreich abgeschlossenen Expedition stieg. Denn neben persönlicher Kampferfahrung und sich verbessernder Intuition war Teamarbeit ein essenzieller Faktor im Kampf gegen die Titanen. Ganz alleine wären sie alle dem Tode geweiht, sogar außergewöhnliche Soldaten wie Levi, die es alleine mit mehreren Titanen gleichzeitig aufnehmen konnten. Sie alle waren eins, solange sie zusammenhielten. Ein Team, ein Herz, ein Wille. Von dem einschläfernden Licht der Flammen eingehüllt stellte Petra fest, dass all dies zwar kein Bilderbuchleben war, aber es sogar im Krieg gegen einen Feind, gegen den man schier nichts ausrichten konnte, Dinge gab, die man gegen nichts in der Welt eintauschen wollen würde. __________________________________ Kapitel 3: Einsichten --------------------- Teil 3 - Einsichten „Und das war der Zwanzigste. Ich schätze, ich bleibe noch eine Weile die Nummer eins.“ Das Schlimmste an Oluos unerreichter Arroganz war die ernüchternde Tatsache, dass er damit tatsächlich den Respekt der neuen Mitgliedern für sich erhielt. Ehrfürchtig lauschten sie seinen völlig überzogenen Erzählungen über seine Heldentaten als Titanenvernichter, und auch wenn Petra nicht leugnen konnte, dass er ein wertvoller Soldat war, änderte das nichts daran, dass diese übermäßige Selbstüberzeugung gerne auch mal ein Problem darstellte. „Vergiss nicht die Details über den einundzwanzigsten Titanen, der dich beinahe gefressen hätte, weil du so versessen darauf warst, ihn allein zu töten.“ Es mochte nicht nett sein, aber das war Oluo selbst auch nicht und aufgrund seiner Angeberei verdiente er es nicht anders. Denn genau das war es, was ihn öfters in Schwierigkeiten brachte und ein Problem darstellte. „Ich weiß, das könntest du nicht ertragen, aber es ist noch nicht so weit für dich, meine Frau zu werden, meinst du nicht auch?“ Doch bevor Petra sich wehren und einen größeren Streit auslösen konnte, ging Gunther dazwischen. „Könntet ihr bitte beide erwachsen werden? Ihr seid ein Team.“ Petra nickte entschuldigend, während Oluo nicht reagierte. Warum war er nur so versessen darauf, sie in eine Hausfrauenrolle zu stecken? Weil sie eine der eher wenigen Frauen unter den Soldaten war? Das schien ihr selbst für Oluo zu altmodisch. „Ich verstehe nicht, wieso er so unerträglich sein muss!“, beschwerte sie sich, als er sich – die jungen Mitglieder im Schlepptau – von ihnen entfernte. Gunther seufzte und schwieg dann, allerdings nur, bis Eld, der neben ihm im weichen Gras saß und die aufgehende Sonne zu genießen schien, zu glucksen begann. „Das ist wohl seine ganz eigene Art von Zuneigung.“ Sie verstand nicht, was das heißen sollte, ließ sich neben Eld auf dem Boden nieder und blickte fragend zu Gunther, der nicht wirkte, als wolle er es erklären, schließlich aber nachgab. „Du solltest das alles nicht als einen Vorwurf oder ein Vorurteil seinerseits sehen.“ „Sondern?“ „Sieh es eher als ein Wunschdenken. Vielleicht bildet er sich ein, er könne dich damit irgendwie dazu bringen, dein Leben zu überdenken.“ Zuerst glaubte sie, das nicht zu verstehen, bis die Einsicht sie rot anliefen lässt. Gunther war intelligent. Wenn er sagte, dass das Oluos wahre Intention war, dann stimmte das höchstwahrscheinlich auch. „Weil er zu stolz ist, zuzugeben, sich um jemanden zu sorgen?“, hakte sie noch einmal nach, obwohl sie bereits wusste, dass das damit gemeint war. So hatte sie das Ganze bisher noch nie betrachtet und fühlte sich urplötzlich schlecht ob ihrer Vorwürfe und bissigen Kommentare. Es war nicht so, dass sie Oluo nicht mochte – es war lediglich dieses unausstehliche Verhalten, dass sie nicht ertrug. Jedoch einzusehen, warum er so handelte, ließ sie bemerken, dass sie selbst sich auch nicht besser verhalten hatte. Auch sie hatte es nicht übers Herz gebracht, einfach auszusprechen, warum es sie störte, und warum sie sich wünschte, Oluo würde sich nicht benehmen, als sei er etwas Besseres als sie alle. Sie sollte versuchen, das zu ändern. Jeder von ihnen hatte seine ganz persönlichen Macken und Eigenheiten, und eigentlich war es genau das, was ihr Leben zu dem machte, was es war. __________________________________ „Wisst ihr, worum es hier geht?“ Sie alle – Oluo, Gunther, Eld und Petra – waren für eine Sonderbesprechung zusammengerufen worden. Das war insofern außergewöhnlich, dass sie nicht der gleichen Einheit angehörten. Keiner schien wirklich zu wissen, was genau vor sich ging, aber unerwarteterweise war es schlussendlich Gunther, der es wagte, eine Theorie aufzustellen. „Irgendetwas sagt mir, dass es mit diesem Eren Jaeger zusammenhängt.“ Das klang einleuchtend. Sie wussten noch nicht allzu viel über den Jungen – lediglich, dass er sich in einen Titanen verwandeln konnte, was schon skurril genug war und Petra nicht behagte, und dass er, was noch viel skurriler wirkte, der Aufklärungslegion beitreten wollte. Welchen Grund es nun aber geben sollte, ausgerechnet sie vier und niemand Weiteres diesbezüglich zu versammeln, konnte Petra nicht nachvollziehen. Nicht jedenfalls, bis sich die Tür öffnete und niemand Geringeres als der dritte Kommandant und Hauptmann Levi höchstpersönlich den Raum betrat und die Situation begann, einen Sinn zu ergeben. Sie waren als Mitglieder für eine Spezialeinheit für schwierige oder geheime Missionen ausgewählt worden. Keiner von ihnen stellte diesen Umstand in Frage, doch war Petra nicht klar, wieso ausgerechnet sie gewählt worden waren. „Ich verstehe nicht ganz. Warum wir vier? Von wem wurden wir ausgesucht?“ „Ihr seid fähige Soldaten, die bereits viele Expeditionen überlebt und außergewöhnliches Talent bewiesen haben. Die Entscheidung lag bei mir persönlich.“ Sie spürte, wie sie rot anlief. Das war eine unbeschreibliche Ehre, und sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Natürlich freute sie sich, Teil von etwas Größerem sein zu können, doch gleichzeitig wirkte es surreal und wie ein schlechter Scherz. „Es sei denn, ihr traut euch das nicht zu?“ Es klang viel mehr wie eine Drohung als wie eine Frage, aber auch so hätte wohl keiner von ihnen widersprochen. Sie alle waren einverstanden damit, Teil dieser Spezialeinheit zu werden, und wussten um ihre Fähigkeiten im Team – sie waren schon als Rekruten gute Freunde gewesen und kannten sich lange. Erst Stunden später jedoch wurde Petra klar, was diese Entscheidung eigentlich für sie bedeutete. Das Leben als Soldatin war für sie alles geworden. Das Ziel vor Augen, die Zukunft zu einem besseren Ort zu machen, als die Gegenwart es war; die Gedanken bei den gemeinsamen Abenden am Lagerfeuer, viel mehr unter Freunden als nur unter Kämpfern; das Wissen, immer wieder aufs Neue das eigene Leben willentlich zu riskieren. All das empfand sie immer noch, vielleicht gar intensiver als zuvor, als sie begann, einen Brief an ihre Eltern zu schreiben. Mama, Papa. Es tut mir leid, dass ich mich länger nicht bei euch gemeldet habe. Für das Militär haben sich viele neue Dinge ergeben, auch wenn ich nicht viel erzählen kann. Allerdings kann ich euch sagen, dass ich heute als Mitglied einer neuen Einheit für besondere Aufgaben ausgewählt wurde. Nichts könnte mir wichtiger sein, als einen Nutzen für das Militär zu haben. Ich verspreche, ich werde sowohl die Vorgesetzten als auch euch nicht enttäuschen! Hauptmann Levi ist ein unglaublich starker, bemerkenswerter Soldat. Ich hoffe, dass ich für die Menschheit irgendwann auch einmal eine ähnliche Bedeutung haben werde, wie er sie hat. Mein Traum hat sich nicht verändert. Kapitel 4: Ergebnisse --------------------- Teil 4 – Ergebnisse Lange blickte Petra auf ihre Hand, begutachtete das etwa halbmondförmige, rötliche Muster, das nur langsam verblasste, und spürte, wie ein Lächeln auf ihre Lippen schlich. Eren Jaeger zu vertrauen war absolut verrückt, und doch war es das Einzige, was sie in diesem Moment tun konnten. Auch wenn sie nicht verstand, wie es sein konnte, dass es Menschen gab, die sich in Titanen verwandelten, hatte er offenbar den gleichen Traum wie sie alle – die Welt und die Menschheit von der Bedrohung der Riesen zu befreien und endlich wieder ein friedliches Leben genießen zu können. Er hatte bewiesen, vertrauenswürdig zu sein, und Petra wollte daran glauben, dass es sich lohnte, Dinge zu tun, die objektiv betrachtet naiv und unsicher wären. „Wir haben ihn unterschätzt, hm?“, las Eld förmlich ihre Gedanken, als sie im Keller des alten Hauptquartiers saßen und die ruhigen Momente genossen, in denen sie nicht trainieren oder bei Hanjis eigenartigen Experimenten und Versuchen mitmachen mussten. „Ich wusste selbst nicht, dass ich ihm so wenig vertraute“, gab Petra kleinlaut zu. „Aber er verdient unseren Respekt. Auch wenn seine Wunden schneller heilen als unsere, tut es sicherlich nicht weniger weh. Ich stelle es mir furchtbar vor, durchzubeißen.“ Er stimmte ihr mit einem sanften Nicken zu. „Ich glaube, wir sind auf dem Weg zu etwas ganz Großem.“ Fragend legte sie den Kopf schief und zog eine Augenbraue hoch. „Ich meine, dass Eren der Schlüssel sein könnte, den wir seit Jahren vergeblich gesucht hatte. Mich lässt das Gefühl nicht los, dass die Menschheit mit ihm einen großen Schritt in Richtung Freiheit machen wird.“ Zögerlich nickte sie und merkte, dass er Recht hatte. Noch nie hatten sie derartige Informationen über Titanen bekommen, geschweige denn eine so starke Waffe gegen sie wie einen anderen Titanen, der gegen sie kämpfen konnte. Zwar lag noch ein langer Weg vor Eren, doch war Ehrgeiz ganz offensichtlich das Allerletzte, was ihm jemals fehlen könnte. „Ich hoffe, dass du Recht hast, Eld.“ Peinlich berührt senkte Petra den Blick, lächelte aber immer noch, als sie merkte, dass eine einzelne Träne ihren Weg über ihre Wange fand. „Ich wünsche mir nichts mehr, als zu etwas Großem beizutragen.“ __________________________________ Sterben ist einfach. Der Wind peitschte in Petras Gesicht, als sie voller Horror Gunthers leblosen Körper von einem der Bäume baumeln sah und sie diese Erkenntnis traf. Im Bruchteil von Sekunden war alles, was sie je für die Wahrheit hätte halten können, zu einer Lüge geworden. Einer Farce, die drohte, jeden Moment wie eine kaputte Spielkarte das Kartenhaus in sich zusammenfallen zu lassen. Nichts, was sie tun würde, könnte etwas an dem ändern, was bereits geschehen war. Keiner ihrer, Oluos und Elds Angriffe auf den weiblichen Titanen drehte die Zeit zurück und gab Gunther sein Leben zurück und keiner von ihnen würde vergessen können, was dieser Moment zu bedeuten hatte. Und doch sah sie Eld, als würde das irgendetwas ändern, auf den reglosen Körper zuschnellen, ihn angreifen und- Sterben geht schnell. Unkontrollierbare Übelkeit zog durch Petras Körper, als sie sah, wie Elds Körper in zwei geteilt zu Boden fiel, Blut in alle Richtungen spritzte und sie unter Schock feststellen musste, dass dieser Titan noch weitaus mächtiger war, als sie es sich jemals hätten ausmalen können. „Unmöglich…es hat die Heilung auf ein Auge konzentriert, um die Regeneration zu beschleunigen?“ „Petra!“ Oluos Stimme versuchte, sie aus diesen irrationalen Gedanken zu reißen, sie dazu zu zwingen, ihr eigenes Leben zu retten, zu fliehen und auf eine neue Gelegenheit zu warten. Doch alles, was sie beherrschte, war die Einsicht, dass alles, was sie bisher glaubten herausgefunden zu haben, nur ein Bruchteil dessen zu sein schien, was hinter den Titanen wirklich steckte. Ein Hauch der Wahrheit, welche sich nicht in absehbarer Zukunft entfalten würde; ein winziges Stück närrischer Hoffnung, welches drohte wie eine Blume im stürmenden Regen erschlagen zu werden. „Petra! Wir müssen uns neu formieren!“ Es ist vorbei. Sie spürte die Anspannung in ihrem Körper, als wie in Zeitlupe der riesige Fuß in ihre Richtung raste. Egal, wohin sie sich nun bewegen würde, welcher Weg und welches Ziel, es war vorbei. All ihre Träume, all ihre Wünsche, ihre Entscheidungen, Erkenntnisse und Einsichten verflogen im Nichts, als sie nur für den winzigen Bruchteil einer Sekunde den zerberstenden Schmerz spürte, als ihr Körper mit dem trockenen Holz kollidierte und alles ein Ende fand. Wird mein Tod eine Bedeutung haben? Hosted by Animexx e.V. (http://www.animexx.de)