Aurae von Flordelis (Löwenherz Chroniken II) ================================================================================ Kapitel 17: Der Beginn des Plans -------------------------------- Als Raymond am nächsten Morgen vor dem Haus auf Joel und Christine wartete, war er immer noch entschlossen, den Rat von Adam umzusetzen. Er würde dafür sorgen, dass alle anderen wussten, dass sie sich auf ihn verlassen könnten und dass er ihnen eine Stütze sein würde. Nicht nur seine beiden bisherigen Freunde würden das erkennen, sondern auch Alona, auch wenn das niemand außer ihm je verstehen würde. Und dieser Entschluss wurde nur noch fester, als er Joel und Christine sah, die an diesem Morgen wirklich einander an der Hand hielten, als sie sich auf sein Haus zubewegten. Vor kurzem hätte ihn das noch über alle Maßen gefreut, aber inzwischen bereitete ihm das auch einige Sorgen, wenn man den Zustand der beiden bedachte. Dennoch ließ er sich das nicht anmerken und lächelte herzlich, als sie vor ihm stehenblieben. „Guten Morgen.“ „Guten Morgen“, sagten beide im Einklang. „Oh, du siehst heute so gut gelaunt aus“, meinte Christine dann noch lächelnd. „Das kann ich auch über euch sagen.“ Das Paar tauschte einen Blick miteinander und lächelte sich dabei derart strahlend an, dass Raymond fast schon bereute, diesen Plan wirklich befolgen zu wollen. Er war sich nicht ganz sicher, ob er vielleicht einfach nur eifersüchtig war, aber im Moment wollte er diesen Gedanken auch nicht weiterverfolgen. Also konzentrierte er sich weiterhin auf seine gute Laune: „Wollen wir dann los?“ Gemeinsam machte die Gruppe sich auf den Weg zur Schule, wobei sie sich, wie schon am Abend zuvor, nur über vollkommen gewöhnliche Dinge sprachen, fast schon als wäre nie etwas vorgefallen. Joel beklagte sich wieder einmal über die Hausaufgaben, Christine gab lächelnd Kommentare dazu ab und Raymond lauschte dem allen lediglich und schätzte sich dabei glücklich, diese friedliche Zeit verbringen zu dürfen. In der Schule angekommen, suchten sie das Klassenzimmer auf und unterhielten sich immer noch, aber Raymond konnte dem nur noch mit halben Ohr lauschen. Er war gerade wesentlich interessierter daran, ob Alona wirklich zur Schule kommen würde und vor allem, wie sie sich dann benehmen würde. Er glaubte immer noch nicht so recht, dass sie ihr gestriges Bild aufrechterhalten könnte, aber vielleicht war das ja keine Fassade gewesen. Möglicherweise war das ihr wirkliches Ich und die Kämpferin war nur ihre Maske. Er hoffte, dass dem wirklich so war. Während er noch in Gedanken versunken war, öffnete sich plötzlich die Tür und augenblicklich verfinsterte sich Joels Gesicht. „Ich fasse es einfach nicht.“ Es war tatsächlich Alona, die hereinkam, dabei ihr Haar zurückwarf und der gesamten Klasse ein charmantes Lächeln schenkte, das Raymond an diesem Tag sogar erwidern konnte. Offenbar hatte sie sich wirklich entschieden, diese ganze Sache so anzugehen, wie sie von ihr begonnen worden war. Sie beachtete ihn nicht weiter und widmete sich stattdessen lieber einigen anderen Schülern und Schülerinnen, die am Tag zuvor bereits Interesse an ihr gezeigt hatten. Joel nutzte diese Gelegenheit, um abfällig zu schnauben. „Muss die echt hier auftauchen?“ „Ich nehme an, Joy hat von ihr verlangt, dass sie wirklich kommt“, meinte Christine. „Sie kann sehr durchsetzungsfähig sein, wenn sie will.“ „Das kann ich bestätigen“, sagte Raymond. Er wusste durchaus, wie sie sein konnte, wenn man sich gegen ihren Willen stellte oder das zumindest versuchte. Selbst Seline, die eigentlich über einen durchaus starken, eigenen Kopf verfügte, musste einknicken, sobald sie sich gegen Joy zu stellen versuchte. Oder wie Ryu sagte, es war wohl der einzige Weg, Seline dazu zu bringen, zu arbeiten. „Muss sie sich dann aber so aufführen, als wäre alles okay?“, fragte Joel brummend, aber immerhin mit gesenkter Stimme, damit es nicht jeder mitbekam. „Sie hat immerhin versucht, dich umzubringen.“ Es würde nichts bringen, ihm zu erklären, dass sie nicht so mörderisch war, wie sie sich gab, deswegen verzichtete er darauf und zuckte nur mit den Schultern. „Solange sie es nicht noch einmal versucht, stört mich das erst mal nicht weiter.“ Joel musterte ihn einen kurzen Moment mit zusammengezogenen Brauen. „Du bist wirklich viel zu nachsichtig.“ „Ja, wahrscheinlich.“ Genau dasselbe, was Rufus bereits gesagt hatte. Es musste wirklich etwas daran sein – aber eigentlich störte er sich nicht weiter daran. Er war lieber ein wenig nachsichtig, als sich ständig nur darauf zu konzentrieren, was andere Menschen ihm Schlechtes taten. „Ich finde das nicht schlimm“, sagte Christine plötzlich. „Ray ist ein guter Kerl, also ist es doch nur verständlich, dass er auch an das Gute im Menschen glaubt. Und das ist auch okay, immerhin bist du ja schon derjenige, der total nachtragend ist.“ Sie erwiderte seinen irritierten Blick angriffslustig, worauf er einfach nur mit den Schultern zuckte und sich dann lieber einem anderem Thema widmete: „Wisst ihr, die letzten Tage waren ziemlich dämlich, wir sollten nicht weiter über dieses Thema reden und uns lieber um fröhliche Dinge kümmern.“ Dabei vollführte er mit seinen Händen einen Bogen, als wolle er einen Regenbogen zeichnen und Raymond war sogar der Überzeugung, dass seine Aura in diesem Moment wie ein solcher aussah. Das war auf jeden Fall eine Sache, die Raymond sehr an seinem Freund mochte – also nicht die Tatsache, dass seine Aura sich so oft wandelte, sondern dass er es tatsächlich schaffte, nun einfach so auf etwas ganz anderes umzuschalten. Das hatte er eindeutig mit Christine gemeinsam, deswegen waren sie wohl ein so gutes Paar. „Was für fröhliche Dinge?“, fragte Raymond, dem einfach nichts einfallen wollte. „Wir waren schon ewig nicht mehr im Kino“, fuhr Joel fort. „Und inzwischen gibt es einige neue Filme, die wir uns ansehen könnten.“ In einem ersten Impuls freute Raymond sich über diesen Vorschlag, in einem zweiten war er allerdings besorgt. „Heißt das nicht, wir müssen nachts draußen herumlaufen?“ Es gab zu dieser Jahreszeit kaum die Möglichkeit, sich eine Vorstellung anzusehen, ohne dass es nach deren Ende nicht bereits Nacht war. Christine runzelte sofort die Stirn, als sie das nun ebenfalls dachte, während Joel lediglich verwirrt den Kopf neigen konnte. „Und?“, fragte er. „Das hat euch doch bisher auch nie etwas ausgemacht.“ Wieder einmal wurde Raymond bewusst, dass Joel sich an nichts erinnerte, was in jener Neumondnacht geschehen war und er war noch immer dankbar dafür. Er hatte seinem Freund zwar erzählt, was in der Nacht geschehen war, in der er Alona begegnet war, aber das war wohl nicht so eindrucksvoll wie eine Demonstration am eigenen Leib. In seiner Hilflosigkeit sah Raymond zu Christine hinüber und sie blickte gerade rechtzeitig auch zu ihm hinüber, als ob sie genauso ratlos war wie er. Für einen kurzen Moment hielten sie ein stummes Zwiegespräch darüber, was sie nun tun sollten und kamen – für ihn überraschenderweise – tatsächlich zu einer Einigung. Also nickten sie beide und sahen Joel wieder an. „Das mit dem Kino ist eine gute Idee“, sagte Christine. „Aber danach sollten wir alle bei Ray übernachten.“ Das überraschte diesen nicht, immerhin wohnte er von allen am nächsten am Kino, also war der Weg zu seinem Apartment vermutlich am sichersten. Joel sah zwischen den beiden hin und her. „Muss ich mir jetzt Sorgen machen, weil ihr das ganz ohne Worte besprechen konntet?“ „Natürlich nicht“, sagte Christine und winkte ab. „Du weißt doch, dass ich nur Augen für dich habe.“ Es war fast schon ein wenig zu kitschig, wie Raymond fand, aber da es dem nun lächelnden Joel zu gefallen schien, störte er sich natürlich auch nicht daran. „Dann ist es also abgemacht“, schloss Christine schließlich, als wäre es eigentlich ihre Idee gewesen. „Wir gehen am Wochenende alle zusammen ins Kino.“ Die beiden Jungen nickten und sahen gemeinsam mit Christine nach vorne, als sich die Tür öffnete und Professor Liam hereintrat. Dabei erhaschte Raymond einen Blick auf Alona, die gerade erst das Gesicht abwandte, aber bis dahin deutlich in seine Richtung gesehen hatte. Er fragte sich, ob sie wohl mitbekommen hatte, worum es in diesem Gespräch gegangen war, konnte den Gedanken aber nicht lange weiterverfolgen, da der Unterrichtsbeginn schon bald seine ganze Aufmerksamkeit erforderte. Die Zeit bis zur Mittagspause verging für Raymond viel zu lange. Nachdem sein Rhythmus durch all die Ereignisse der letzten Zeit gestört war, erschienen ihm die Schultage plötzlich öde und leer und er konnte keinerlei Elan mehr in diese stecken. Aber er hoffte, dass sich das wieder ändern würde, immerhin war seine Ausbildung wichtig, also funktionierte der rationale Teil seines Denkens noch. Alles andere funktionierte aber nach wie vor nicht so richtig. Nichts, was in der Mensa angeboten wurde, weckte an diesem Tag seinen Appetit, so dass er ohne jedes Essen am Tisch saß, während Joel und Christine, die ihm gegenübersaßen, sich derweil über ihre Mahlzeiten hermachten. Dabei warfen sie ihm immer wieder Blicke zu, die er aber stets nur mit zuversichtlichem Lächeln beantwortete, damit sie sich keine Sorgen machten. Seine Appetitlosigkeit erklärte er ihnen mit einem üppigen Frühstück, das aber natürlich niemals stattgefunden hatte, immerhin war er noch nicht einmal dazu gekommen, wieder neue Lebensmittel zu kaufen. Normalerweise saßen sie nicht in der Mensa, da es ein viel zu großer Raum, mit viel zu vielen Tischen und noch viel mehr Menschen war. Selbst mit seiner Brille bekam er stets Kopfschmerzen, wenn er sich zu lange darin aufhielt, weil er stets irgendeine Aura aus den Augenwinkeln wahrnehmen konnte und all diese Stimmen immerzu durcheinander redeten. Vermutlich war auch das ein Grund, weswegen er keinen Appetit hatte. Seine eigentliche Ausrede musste aber schon bald weichen, als er plötzlich bemerkte, dass Alona neben ihm stand. „He, Raymond.“ Sie klang immer noch fröhlich und ganz und gar nicht wie die Hexe, die sie eigentlich war. Aber da sie quasi von ihren Mitschülern umgeben waren, konnte sie es sich auch nicht leisten, irgendetwas anderes zu tun. Joel funkelte sie wütend an, während Christine erwartungsvoll schaute und Raymond sich wieder an seinen Vorsatz erinnerte und sie deswegen fragte, was sie von ihm wollte. Erst als sie eine entsprechende Kopfbewegung vollführte, bemerkte er, dass sie eine kleine Box in der Hand hielt, die sie ihm sofort lächelnd reichte. „Weil du gestern so nett zu mir gewesen bist, habe ich dir ein Sandwich gemacht.“ Die anderen, die in der Nähe waren und das Gespräch mitbekamen, sahen fragend zu ihnen hinüber. Vermutlich fragten sie sich, was im Materiallager geschehen war, dass keiner der beiden im Anschluss wiedergekehrt war und sie hofften so, Antworten zu finden. Joel fuchtelte sofort mit einer freien Hand, in der er keine Gabel hielt, herum, um sie zu verscheuchen. „Ray braucht dein Sandwich nicht, er hat keinen Hunger, ja?“ „Ich nehme es.“ Für ihn war das keine Frage, aus verschiedenen Aspekten. Zum einen wollte er Alona zeigen, dass er ein Freund war und ihr vertraute und zum anderen hatte er durchaus Hunger, nur keinen Appetit und ein hausgemachtes Sandwich war da mit Sicherheit wesentlich leckerer als das Mensaessen. Er ignorierte Joels ungläubigen Blick, als er Alona die Box abnahm und sie dann öffnete. Das Sandwich sah, soweit er es beurteilen konnte, wirklich ungefährlich aus und auch vom Geruch her konnte er nichts vorstellen, das auf irgendein, wie auch immer geartetes, Gift hinwies. Während er es begutachtete, setzte Alona sich wie selbstverständlich neben ihn und wartete. Joel beugte sich über den Tisch, damit er leiser sprechen konnte: „He! Ray, iss das nicht! Es ist garantiert vergiftet! Lass dich nicht von ihr verhexen.“ „Du verstehst das nicht“, erwiderte Raymond nur und begann zu essen. Christine lächelte zuversichtlich, während Alona ihn erwartungsvoll ansah. Joel seufzte leise. „Oh, Ray. Es war schön, dich kennen gelernt zu haben. Du wirst mir wirklich fehlen.“ Raymond schnitt ihm eine Grimasse, während er weiteraß. Immerhin schmeckte das Sandwich gut und nicht im Mindesten nach irgendeiner Substanz, die nicht vorhanden sein sollte. Schließlich hatte er den letzten Bissen vertilgt. „Ich lebe noch.“ „Fühlst du dich auch gut?“, fragte Joel. „Vielleicht ist es ein langsam wirkendes Gift.“ Die Gruppe blickte Alona an. Ihr Lächeln war inzwischen erloschen, dafür sah sie Raymond mit einer Mischung aus Faszination und Interesse an. „Du hast es wirklich gegessen.“ „War etwas daran, dass ich es besser nicht gegessen hätte?“ „Nein“, erwiderte sie kopfschüttelnd. „Ich bin nur ziemlich erstaunt, immerhin hätte ich erwartet, dass du misstrauisch sein wirst. Aber ...“ Sie zuckte nur mit den Schultern, aber Joel hatte sofort etwas zu erwidern: „Bestimmt will sie dich nur in Sicherheit wiegen und dir dann irgendwann etwas wirklich Vergiftetes unterschieben.“ Alona bedachte ihn dafür mit einem wütenden Blick. „Du bist echt ein Idiot.“ „Beruhigt euch doch“, mischte Raymond sich rasch ein, bevor sie sich zu streiten beginnen würden. „Alona, du musst zugeben, dass seine Reaktion gar nicht so abwegig ist, wenn man bedenkt, was du gestern erst getan hast.“ Sie erwiderte darauf nichts, aber Joel tat das durchaus: „Ernsthaft, Ray? Du klingst, als würdest du einem Kind gerade sagen, dass es aufhören soll, Süßigkeiten zu naschen.“ „Immerhin würde er also einen guten Vater abgeben“, sagte Christine, in einem schwachen Versuch, die ganze Situation ein wenig zu entschärfen.“ „Was auch immer“, meinte Alona plötzlich desinteressiert und erhob sich wieder. Ohne jede Verabschiedung ging sie davon und schloss sich einer anderen Gruppe von Schülern an, wobei sie wieder genauso fröhlich wirkte wie zuvor. Raymond konnte nicht anders, als sie noch zu beobachten, nachdem sie bereits einige Sekunden dort gesessen hatte und sich lachend an den Gesprächen beteiligte. Er fragte sich, ob diese Fröhlichkeit echt war oder ob man derart viel vortäuschen konnte. Wenn Alona das nämlich konnte, war es für Christine sicher ebenfalls ein Leichtes ... und dieser Gedanke bereitete ihm Sorge. Joel stand extra auf, um über den Tisch zu reichen und ihn grob anzustoßen. „He! Ray, warum beobachtest du sie so intensiv? Willst du deinen Feind kennen lernen?“ „So was Ähnliches“, sagte er und wandte sich wieder seinen Freunden zu. „Aber darüber sollten wir nicht reden. Konzentrieren wir uns lieber wieder auf unseren bevorstehenden Kinobesuch.“ Im Moment war es wichtig, Joels Gedanken davon abzulenken, dass es einen Feind gab und zu seinem Glück funktionierte es, denn das Gesicht seines Freundes hellte sich sofort auf. Joel zog sein Handy heraus, um nachzusehen, welche Filme gerade liefen und so kehrte das Gespräch wieder zu dem wesentlich friedlicherem Thema zurück. Auch wenn Raymonds Gedanken immer wieder zu Christine und Alona wanderten, so versuchte er doch, sich an der Unterhaltung zu beteiligen und hoffte, dass sein Plan, der bislang vielversprechend begann, auch wirklich aufgehen würde. Hosted by Animexx e.V. (http://www.animexx.de)