Himitsu no Mahou von AimaiLeafy ================================================================================ Kapitel 16: Merry Christmas Teil 1 ---------------------------------- „An Weihnachten arbeiten! Ist denn das zu fassen!?“ Eigentlich war diese Aussage aus zweierlei Gründen nicht korrekt. Zum einen hatten sie die von Green genannte „Arbeit“ bereits fünf Minuten vor zwölf und somit noch am 23. Dezember beendet und Gary würde das Bekämpfen von Dämonen auch nicht als „Arbeit“ bezeichnen, wie er nachdenklich feststellte. Immerhin erhielten sie dafür keine Entlohnung, weshalb man es vielleicht viel eher eine ehrenamtliche Tätigkeit nennen konnte. Weder Siberu noch Green hatten ihm geantwortet, während sie auf dem Weg zurück nach Hause waren und für diesen Zweck durch die festlich geschmückten Straßen Tokios gingen und von unzähligen bunten Lichtern umgeben waren. Green schüttelte ratlos den Kopf. Er war ja so ein Schlaumeier! Und ein solcher Schlaumeier hatte ein Weihnachtsgeschenk Greens eigentlich gar nicht verdient. Doch wenn man es genau nahm, hatte sie gar keines für ihn. Als sie mit Siberu unterwegs gewesen war, um Geschenke für das Weihnachtsfest zu besorgen, hatte sie keines gefunden, denn sie hatte ihm nicht einfach irgendetwas schenken wollen: Es musste etwas Besonderes sein, immerhin hatte er ihr in den vergangenen Monaten so sehr geholfen mit Mathe und den Dämonen. Aber was bloß? Und vor allen Dingen: Wie sollte sie noch etwas besorgen? Wie Gary schon so passend festgestellt hatte, war es fast der 24. Dezember und sobald Green sich nach dieser erneuten Dämonenjagd ein paar Stunden Schlaf gegönnt hatte, musste sie auch schon so früh wie möglich bei Sho auf der Matte stehen, immerhin war sie für das Essen verantwortlich und obendrein auch für recht viele Personen, denn Green hatte auch Tinami und Ilang eingeladen. Kaira hatte sie im Prinzip pro forma auch eingeladen, doch jene hatte mit dem Kommentar, dass ihre Zeit zu kostbar sei, um sie mit menschlichen Traditionen zu verschwenden, abgelehnt; auch Tinamis Einwände, dass es sicherlich spaßig werden würde, wies Kaira gekonnt von sich. Auch Grey hatte dankend abgelehnt, als Green ihn gefragt hatte, ob er mitkommen wolle. Er war obendrein verwundert über die Frage; ihm war nämlich nicht klar gewesen, dass ein Weihnachtsfest vor der Tür stand, und hatte sich neugierig Greens Schilderungen des christlichen Festes angehört; aber damit identifizieren konnte er sich nicht, was Green jedoch nicht daran gehindert hatte, ihm ebenfalls ein Geschenk zu kaufen. Die mangelnde Identifizierung war allerdings nicht der Grund gewesen, weshalb er nicht hatte mitkommen wollen, denn das hatte er dennoch der Gemütlichkeit wegen gerne getan  - und natürlich um Zeit mit seiner Schwester zu verbringen. Sein Problem war die Anwesenheit der „Halblinge“, wie er Siberu und Gary nannte. Statt Kaira und Grey würde Ilang allerdings ihren kleinen Bruder mitnehmen – sie hatte so lieb und freundlich gefragt, dass Green gar nicht anders konnte, als ihr zu versichern, dass Sho gewiss nichts dagegen hatte. Diese hatte auch nichts dagegen gehabt, auch wenn sie ziemlich verblüfft dreingeschaut hatte, als Green von den plötzlichen Besuchern erzählt hatte. Mit Siberu und Gary hatte sie ja bereits gerechnet, aber die Frage, woher Green denn plötzlich so viele Freunde hatte, war berechtigt; immerhin hatte Green, wenn man es genau nahm, nie jemand anderes ihre Freundin genannt außer Sho und auch nie den Wunsch geäußert, mehrere. Green war keine Ausrede eingefallen, weshalb sie schlicht geantwortet hatte, dass es die Freunde von Siberu und Gary seien und sie sie eigentlich gar nicht so genau kannte. Deutlich hatte Green gesehen, dass Sho die Ausrede durchschaut hatte, aber sie hatte nachgegeben, ohne weiter auf die Lüge einzugehen. Gott, wie würde sie und im Allgemeinen die ganze Familie Minazaii reagieren, wenn sie erfuhren, dass Green nicht nur ihren Bruder, sondern auch gleich eine adelige Familie wiedergefunden hatte? Green hatte es ihr verschwiegen, denn sie wusste nicht, wie sie es Sho erklären sollte, ohne über die ganze Sache mit den Wächtern zu reden – und dass dies vor jedem Menschen geheim bleiben musste, hatte Kaira ihr noch einmal deutlich gemacht, als sie nicht nur Green, sondern auch Ilang und Tinami darauf hinwies, dass das Ganze mit Menschen in der Nähe viel zu riskant war. Man wusste ja nie, hatte sie warnend gesagt, Dämonen würden das Fest der Liebe sicherlich nicht feiern. Das würde eine Nacht werden! Green hoffte inständig, dass die Dämonen heute mal Ruhe geben würden, denn sie wollte wirklich ein ganz normales, einfaches Weihnachtsfest, ohne irgendwelche ungeplanten Zwischenfälle.     Bevor Green sich bei Sho allerdings in die Küche begeben konnte, musste sie noch etwas anderes erledigen, was sie auch zusammen mit Pink tat – und der Hilfe von Tinami. Denn das Weihnachtsgeschenk musste irgendwie zu ihrem Bruder kommen, was sie nur mit der Hilfe von Tinami und ihrer Teleportationsfähigkeit bewerkstelligen konnte. Es war das erste Mal, dass sie Pink ebenfalls mit in den Tempel nahm, weshalb sie eigentlich gedacht hatte, dass diese genauso erstaunt und überrascht reagieren würde, wie Green es getan hatte. Doch da hatte sie sich geirrt: Pink reagierte so gar nicht auf den Tempel und die Tatsache, dass dieser im Himmel schwebte. Während sie die Korridore durchquerten, schnatterte sie munter mit Tinami ohne sich sonderlich umzugucken, was Green trotz ihres mehrfachen Besuches immer noch tat und sie glaubte auch, dass es ihr schwerfallen würde, sich jemals sattzusehen: Dieser Ort war einfach unglaublich. Und das war auch der Grund, weshalb Green es nicht einfach bei einem verwunderten Gesichtsausdruck ihrerseits belassen konnte. Doch als sie Pink fragte, warum der Tempel sie denn überhaupt nicht beeindruckte, antwortete sie simpel: „Aber, Green-chan, der Tempel ist doch unser Zuhause!“ So schön und atemberaubend dieser Ort war, Green fühlte sich hier gewiss nicht zu Hause – und sie zweifelte auch daran, dass sie es jemals tun würde. Es kam ihr vor wie ein Sprung in ein Märchenbuch, aber genau wie ein Märchenbuch schien auch dieser Ort zu unreal zu sein, um sich jemals wie ein Zuhause anfühlen zu können. „Frohe Weinachten, Onii-chan!“ Zusammen mit diesem Ausruf überreichte Green das für ihren zutiefst gerührten Bruder gekaufte Geschenk, doch alleine weil sie ihn abermals mit „Onii-chan“ angesprochen hatte, freute er sich und seine Augen wurden glasig, noch ehe er das Geschenk auspackte. Die Wahl des Geschenkes war Green nicht schwergefallen: Es war ein Buch über die historische Entwicklung der Schneiderkunst auf globaler Basis. „Vielen, vielen Dank, Green! Ich … ich bin ganz …“ „Ach was, nichts zu danken. Kannst du es überhaupt gebrauchen? Ich meine, du weißt sicherlich …“ Offensichtlich war es ihm vollkommen egal, ob er das Buch gebrauchen konnte oder nicht, was Green deutlich wurde, als er das Buch beiseitelegte und seine überraschte Schwester plötzlich in die Arme schloss. Einen kurzen Augenblick war Green wie bei deren erster Begegnung zu überrascht, um die Umarmung zu erwidern, doch sie riss sich schnell zusammen und erwiderte seine erfreute Umarmung, indem sie ihre Hände auf seinem Rücken platzierte. Bei dieser Handlung bemerkte sie, wie Itzumi, welche gerade dabei war, den Tisch zum Frühstück zu decken, ihr einen giftigen Blick zuwarf – doch nur für einen winzigen Moment und schon wandte sie sich ab von dem Bild der umarmenden Geschwister, als würde es sie anwidern.  „Ähm, Grey, du kannst mich jetzt wieder loslassen“, sagte Green, nachdem der Versuch misslungen war, sich einfach stillschweigend von ihm zu lösen und mit rotem Kopf tat er es dann auch, hüstelnd, als würde er sich für seine heftige Reaktion schämen. „Oh und ich muss dir Pink vorstellen!“, beeilte sich Green zu sagen, damit es für Grey nicht noch peinlicher wurde, und zog deren Cousine zu sich, obwohl diese sich eigentlich gerade an der Schokoladencreme des Frühstückstisches gütig tun wollte. „Aber, Green-chan, was redest du denn da? Ich kenne Grey-chan doch!“ Und schon befreite sie sich aus Greens Griff, steckte den mit Schokoladencreme überzogenen Zeigefinger in den Mund und setzte sich ungeduldig an den halbwegs gedeckten Tisch, was Itzumi nicht zu gefallen schien, denn sie war noch nicht fertig gewesen. „Wie, ihr beiden kennt euch schon?“, fragte Green und konnte ihre Verwunderung darüber nicht zurückhalten, weshalb ihr nicht auffiel, dass Grey das Thema nicht zu behagen schien: „Aber ja, ich habe unsere Cousine kennengelernt, ehe sie zu dir kam.“ Jetzt bemerkte auch Green es - sein Drang, das Thema wechseln zu wollen, war einfach zu deutlich, doch Green tat so, als würde sie es nicht bemerken: „Wenn du Pink schon vorher getroffen hast, warum dann nicht mich? Dann wusstest du ja, wo ich war.“ Natürlich bemerkte auch Grey Greens schneidenden Unterton und ihre Skepsis war auch überaus wohlbegründet, weshalb er sich beeilte, ihr zu antworten: „Ich benötigte eine Genehmigung und die hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.“ „Eine Genehmigung? Von wem?“ „Von unserer Familie.“ „Von unserer Familie brauchst du eine Genehmigung, um mich zu sehen? Brauchst du auch eine, um mein Geschenk anzunehmen, oder wie?!“ „Aber nein, Green“, erwiderte Grey in einem schlichtenden Tonfall: „Dein Element war doch zu diesem Zeitpunkt noch versiegelt und hätte ich mich dir offenbart, hätte es die Gefahr gegeben, dass deine Identität als Hikari aufgeflogen wäre.“ Beruhigt hatte er sie, aber es war deutlich, dass sie immer noch nicht gänzlich überzeugt war: „Und danach?“ „Green-chan!“ Green fuhr zusammen, als Pinks Stimme auf einmal direkt neben ihr ertönte und sie sie auf und ab hopsend neben sich sah: „Grey-chan hat auch ein Geschenk für dich! Guck, guck, es liegt auf deinem Stuhl! Komm, du musst es aufmachen; wir wollen doch sehen, was drin ist! Wann bekomme ich eigentlich mein Geschenk?“ „Eh … heute Abend natürlich erst“, antwortete Green, während Pink ihre Hände nahm und sie zum Tisch zerrte, wo tatsächlich ein längliches Paket auf ihrem Platz lag. Schnell waren alle ihre skeptischen Gedanken verstummt, denn andere Befürchtungen beschlichen sich ihrer – und bewahrheiteten sich, als Green nach dem Frühstück neu eingekleidet vor dem strahlenden Grey stand, denn er hatte ihr ein Kleid geschneidert. Im ersten Moment erkannte sie sich gar nicht wieder, als sie sich selbst im Spiegel sah, so befremdlich wirkte dieser Anblick, sich selbst in Weiß gekleidet zu sehen, einer Farbe, welche sie normalerweise mied, die ihr aber Greys Aussage zufolge fabelhaft stand. „Hach, ich wusste, dass es dich kleiden würde! Und es ist ein wahres Geschenk, dich in Weiß zu sehen. Es steht dir ganz ausgezeichnet!“ Green fiel es schwer, beurteilen zu können, ob es ihr stand, denn sie fühlte sich nicht wohl in dieser Bekleidung. Sie fühlte sich, als würde sie sich im falschen Zeitalter befinden und der lange Unterrock mit seinen vielen Unterlagen störte sie; sie mochte es nicht, Kleider zu tragen, wo der Rock bis zum Boden reichte, da sie Beinfreiheit bevorzugte. Sie fühlte sich eingeschränkt und behindert – und das Kleid war schwer. „Ich bin nicht sooo der Fan von Weiß“, versuchte Green es nett auszudrücken, um Greys Gefühle nicht zu verletzen, denn sie bemerkte schon, dass er ganz außer sich war vor Freude – und deshalb hörte er sie auch gar nicht: „Ist das Korsett auch nicht zu eng? Du bekommst gut Luft, oder? Ich finde, es ist sehr wichtig, dass man sich in seiner Bekleidung wohlfühlt, immerhin ist es das, was du zum Familientreffen tragen sollst – mit deiner Zustimmung natürlich.“ „Diesen Fummel soll ich zur Prüfung tragen?!“ Einen kurzen Augenblick lang wirkte es, als hätte sie Grey mit diesen Worten verletzt, doch er schien sich zusammenzureißen und anstatt sie darauf hinzuweisen, dass das von ihm geschneiderte Kleid wohl alles andere als ein „Fummel“ sei, nahm er eine tadelnde Pose ein, welche seine vorwurfsvollen Worte untermauerte: „Es ist immer noch keine Prüfung. Green! Wie oft soll ich dir denn noch sagen, dass es sich nur um ein normales Familientreffen handelt?“ Nur ein normales Familientreffen? Wenn Grey die Wahrheit sprach und es tatsächlich ein ganz normales Beisammensein der Familie war, warum war Grey dann so erpicht darauf, dass Green alle möglichen Daten über die Hikari auswendig lernen sollte? Beharrlich behauptete ihr Bruder, dass es nur deshalb notwendig war, die Daten und die Hintergründe der wichtigsten Hikari zu kennen, damit sie wisse, mit wem sie sprach, aber so ganz überzeugte Green dieses Argument nicht, denn dafür war ihr Bruder viel zu verbissen bei der Sache. Es genügte ihm nämlich nicht, dass sie die Namen dieser Hikari kannte, nein, sie musste auch noch die Geburts- und Sterbedaten wissen und am besten auswendig sagen können, wie sie zu Tode gekommen waren – und das, obwohl der Name alleine schon schwer genug zu behalten war. Ihren eigenen konnte sie sich knapp noch merken. Obendrein versuchte Grey verzweifelt, Greens Allgemeinwissen über die Gesellschaft der Wächter gedeihen zu lassen, welches natürlich momentan noch sehr begrenzt war. Vor kurzem hatte er sie über das Rangsystem der Wächter aufgeklärt, in welches die Wächter nach deren Können, Talent und Taten eingestuft wurden. Der beste Rang war der erste, dann der zweite und zu guter Letzt folgte der dritte Rang, auf welchem sich die wenigsten befanden, da alle Wächter danach streben würden, den ersten Rang zu erreichen, was er mit einem strengen Blick erklärt hatte, was ihr wohl sagen sollte, dass sie ebenfalls danach streben sollte, schnellstens aufzusteigen, denn es war wohl überaus unnormal, wenn eine Hikari wie sie mit 16 Jahren noch den dritten Rang besaß. Ihre Mutter, wie Grey mit einem Strahlen in den Augen gesagt hatte, hatte bereits mit nur vier Jahren den ersten Rang erhalten und hielt damit auch den Rekord. Grey hatte natürlich damit gerechnet, dass diese Worte seine Schwester anspornen würden, schnell besser zu werden, doch stattdessen hatte sie frech gegrinst und gemeint, dass sie dann ja ebenfalls einen Rekord hielt. Nicht gerade die Reaktion, welche Grey gehofft hatte, weshalb er auch keine Antwort gefunden hatte, doch sein Blick hatte mehr als tausend Worte gesagt. Er hatte sich deswegen vorgenommen, sie so schnell wie möglich auf den zweiten Rang zu bekommen. „Gut, gut, dann ist es eben nur ein normales Familientreffen, bei dem ich mit einem Haufen Geistern Tee trinken werde. Soll ich mir das eigentlich so vorstellen wie in den Filmen? Kann ich durch sie hindurch fassen?“   „Green!?“, entfuhr es Grey entsetzt alleine bei dem Gedanken, Green könnte auf so eine Idee kommen, weshalb er sich auch beeilte, den Mund zu öffnen, um sie schnellstens darüber aufzuklären, dass sie durch niemanden im Jenseits hindurchgreifen könne und dass sie es doch bitte auch nicht versuchen solle, doch Green kam ihm zu vor: „Ich werde mich dann auch mal wieder umziehen, denn, du weißt, die Christmas-Party.“ Sofort schlug der Gesichtsausdruck des Angesprochenen um, als er verbissen nickte und sich nun doch dazu entschied, nichts zu sagen. „Und du bist dir sicher, dass du wirklich nicht mitkommen willst? Dann könntest du Sibi und Gary endlich mal kennenlernen … Sie sind wirklich nicht so, wie du sie dir vorstellst!“ „Nein, danke. Ich lege keinen Wert darauf, mit Wesen wie ihnen zu … kommunizieren“, sagte er mit finsterer Miene. Es würde sicherlich sowieso irgendwann dazu kommen und diesen Moment wollte er so lange wie möglich hinauszögern. „Ich kann Green-chan nur zustimmen!“, schrie Pink plötzlich dazwischen, welche sich bis jetzt ruhig verhalten hatte, da sie wohl weiterhin zu beschäftigt mit dem Essen gewesen war. „Ich habe auch zuerst gedacht, dass sie ganz böse sind, aber sie sind eigentlich ganz lieb!“  Verwundert wandte Grey sich zu Pink herum und auch Green musste sagen, dass sie einen Augenblick lang verwundert war; zwar hatte Pink sich seit deren gemeinsamem Kampf nicht mehr negativ über die beiden oder deren Zusammensein geäußert, aber sie die beiden direkt verteidigen zu hören war doch irgendwie überraschend. „Bei unserem letzten großen Kampf hat Sibi sein Leben sogar für uns aufs Spiel gesetzt“, fügte Green hinzu, nun da sie Unterstützung von Pink erhielt. „Ich habe nie behauptet, dass sie keine guten Schauspieler wären.“ „Wie willst du das behaupten können, wenn du sie noch nie gesehen hast?“ „Sie sind Dämonen …“ „Du kannst doch nicht alle über den gleichen Kamm scheren!“ „Ich denke, die Erfahrungen durch die Geschichte sprechen für sich.“ „Du bist ein ganz schöner Rassist.“ Das verschlug Grey für einen kurzen Augenblick die Sprache und es war nur allzu deutlich, dass er mit dieser Bezeichnung nicht gerechnet hatte; er taumelte sogar ein paar Schritte rückwärts, als könnte er nicht glauben, dass sie ihn eben als einen Rassisten beschimpft hatte. Pink schien keine Ahnung zu haben, was dieses Wort bedeutete, doch den Klang der Bezeichnung fand sie wohl witzig, denn sie hatte begonnen, es im Singsang zu singen, bis Grey sie sanft zurechtwies und sich dann um einiges ruhiger wieder Green zuwandte: „Würdest du mich so nennen, wenn ich mich negativ über Ratten äußern würde?“ Green verschränkte die Arme über der Brust und beugte sich mit skeptischen Augen leicht vor: „Jetzt vergleichst du sie mit Ratten?“ „Sie vermehren sich auf jeden Fall wie solche.“ Einen kurzen Moment schwiegen sich die beiden Geschwister an; beide nicht gewillt, von ihrem Standpunkt zu weichen, bis Green tief seufzte und ihre Schultertasche packte: „Ich glaube, ich gehe dann mal. Pink, kommst du?“ Und schon war mal wieder ein Treffen der beiden Geschwister nicht gut verlaufen, weshalb Grey noch eine ganze Weile missvergnügt dort stehen blieb, wo Green ihn stehen gelassen hatte, bis zu dem Moment, in welchem sich Ryô an ihn wandte, während er und seine Schwester den Tisch abräumten: „Grey-sama, ich mag mich irren, doch … so sehr ich Ihnen auch zustimme, ich glaube, das ist nicht der rechte Weg, um die Sympathie ihrer kleinen Schwester zu erlangen.“       Gleich nach dem weniger erfolgreichen Treffen und nachdem das neue Kleid achtlos auf dem Bett Greens landete, machte diese sich mit Pink sofort auf zu Sho, wo Green bereits fieberhaft erwartet und sofort in die Küche geschleppt wurde – es gäbe immerhin einiges zu tun. Und das schien keine Untertreibung gewesen zu sein, denn als die beiden Dämonenbrüder pünktlich um 16 Uhr ankamen, war Green immer noch in der Küche tätig. Es war daher Sho, die den Brüdern die Tür öffnete, nachdem Siberu sein Spiegelbild in seinem Handspiegel überprüft hatte – er hatte immerhin heute Abend eine Mission. „Hast du Zuhause nicht schon genug Zeit vor dem Spiegel verbracht?“, fragte Gary mit erhobenen Augenbrauen, als er die Klingel betätigt hatte. „Wenn es um die Eroberung einer Frau geht, kann man sein Aussehen gar nicht oft genug überprüfen, weißt du das denn nicht?“ Gary himmelte mit den Augen, während Siberu es noch gelang, ein wenig an seinem Pony herumzuzupfen, ehe die Tür sich öffnete – und Gary komplett ignoriert wurde, denn Sho hatte nur Augen für Siberu, welcher galant und ohne dass sie es mitbekam seinen Spiegel hatte verschwinden lassen. „Siberu-kun! Wie gut du heute Abend aussiehst! Komm rein, komm rein!“ Und schon nahm sie den sehr von sich selbst überzeugten Siberu an den Arm und führte ihn hinein. Gary hatte sie nicht beachtet, weshalb er sich selbst erlaubte, hineinzugehen. Doch kaum dass die Haustür hinter ihnen zugefallen war, wurden Shos Pläne auch schon durchkreuzt, denn Greens Stimme war aus der Küche zu hören: „Sho! Du wirst mir jetzt gefälligst mal helfen!“ Obwohl Greens Stimme recht wütend war und Gary und Siberu sich bereits unsichere Blicke zuwarfen, lachte Sho nur darüber, nahm es aber anscheinend trotzdem ernst, denn sie löste sich von Siberu mit den Worten, dass sie sicherlich selbst den Weg in die Stube finden würden. „Bin ja schon da, bin ja schon da!“, trällerte sie daraufhin und verschwand in der Küche, womit sie die beiden Brüder alleine zurückließ, welche sich erst einmal umsahen in dem beinahe nach Geld riechenden Haus. Es war ein modernes Haus, eindeutig aus der Feder eines kreativen, doch minimalistischen Architekten; Siberu und Gary befanden sich momentan in einem geräumigen Gang ausgelegt mit Parkettboden, welcher in einen runden Raum mündete, wo eine große Treppe hinaufführte in das erste Stockwerk; wahrscheinlich zu den privaten Zimmern, wie Gary vermutete. Hinter der Treppe befand sich eine Glastür, die hinausführte in einen Wintergarten und zu ihrer rechten lag das Wohnzimmer, nicht durch eine Tür verbunden mit dem Gang, sondern mit einem Torbogen. „Mach hier bloß nichts kaputt, Silver“, raunte Gary seinem Bruder mit einem Seitenwink zu einer hohen schlanken Blumenvase zu, bestückt mit einer einzelnen rosafarbenen Rose. „Ich werde mich hüten!“, erwiderte der kleine Bruder und machte sich auf in die Stube. Anscheinend waren sie die ersten Besucher des heutigen Abends, denn sie waren allein in dem gemütlichen Wohnzimmer, in dem bereits ein langer Esstisch gedeckt war; und gleich daneben stand ein großer, aufwendig dekorierter Tannenbaum, über welchen Gary sich wunderte: einen Tannenbaum aufzustellen war nun doch eine extremste westliche Tradition und nicht asiatische? Sie gingen ganz schön weit… Siberu interessierte sich anscheinend herzlich wenig dafür, ob der Baum nun angebracht war oder nicht: ganz offensichtlich war er begeistert von dem leuchtenden Baum, denn in zwei Schritten stand er vor ihm, was Gary für einen Augenblick verblüfft aussehen ließ, bis er sich mit einem leichten Lächeln neben den strahlenden Siberu gesellte. Unter all dem Gespielten war er einfach nur ein normales Kind, welches sich über einen geschmückten Baum freute – und irgendwie erleichterte dieser Anblick Gary.      Tinami, Ilang und Daichi kamen gleichzeitig eine Stunde später an und das war auch das erste Mal, dass Green die Küche verließ; nun eindeutig gelassener, da der Großteil der Arbeit bereits getan war. Es ging ihr jedoch weniger darum, die anderen drei Gäste persönlich zu begrüßen, als mit eigenen Augen sehen zu wollen, wie sie sich Siberu und Gary als Halbdämonen gegenüber verhielten. Die Feindseligkeit, die Grey den beiden gegenüber empfand, teilten sie offensichtlich nicht; oder sie waren alle drei gut darin, es zu verbergen, denn es war nichts von Feindschaft zu spüren, als sie sich gegenseitig begrüßten, was Green unheimlich freute. Als Gary und Ilang sich die Hände reichten, musste Tinami lachen: „Ich bin mir sicher, wenn andere das hier wüssten, dann würden wir in die Geschichte eingehen!“ Bei dieser Gelegenheit stellte sich auch der kleine Bruder Ilangs vor; ein kleiner, schüchtern wirkender Junge, der seiner Schwester nicht nur in puncto Aussehen sehr ähnlich war, sondern scheinbar auch dasselbe ruhige Gemüt wie sie hatte. Genau wie es schon die anderen Wächter vor ihm getan hatten, verbeugte er sich ebenfalls vor Green; allerdings sehr hastig und seine Stimme war auch nicht sonderlich gefestigt, als er sich vorstellte: „Mein Name ist Daichi Shizen Ling, ich… bin Offizier der Natur und habe den zweiten Rang. E-Erfreut, Euch kennenzulernen, Hikari-sama!“ Hastig winkte Green mit der Hand ab und beteuerte ihm, dass er sie doch bei ihrem Vornamen nennen durfte. Überrascht sahen Daichis hellgrüne Augen sie an, ehe er sich verwirrt an seine große Schwester richtete: „Darf ich denn das, Onee-sama?“ Es war jedoch nicht Ilang, die ihm antwortete, sondern Tinami, die scherzend den Arm um Greens Schulter legte und Daichi aufklärte: „Ee-chan hat Halbdämonen als Freunde und will, dass wir sie bei ihrem Vornahmen nennen. Du siehst also, Ichi-kun, unsere Ee-chan ist eine ganz außergewöhnliche Hikari!“ Green konnte nicht genau sagen, was es war, aber irgendwie spürte sie eine unheimliche Freude in sich – und es war gewiss nicht, weil Tinami sie so ohne weiteres umarmt hatte. Es waren ihre Worte; es war das Verständnis dafür, dass sie anders war und dass sie nicht versuchen würde, an ihr herumzufeilen so wie Grey es versuchte. Warum konnte er es nicht genauso akzeptieren wie Tinami und nun auch die beiden Geschwister? Sie nannte nun einmal zwei Dämonen ihre Freunde… warum konnte er das nicht genauso verstehen? „Sie sind fertig!“, ertönte auf einmal Pinks hohe Stimme aus der Küche und schon kam sie mit einem dampfenden, nicht gerade wohlriechenden Tablett angerannt und stellte sich strahlend mit ihrem von Kakaopulver gesprenkelten Gesichtchen dazu. „Ich habe Plätzchen gebacken! Ihr müsst sie unbedingt probieren!“ Alle Anwesenden hatten wohl den gleichen Gedanken, als sie die sehr dunklen Plätzchen auf Pinks Blech ansahen: war das essbar? „Oh! Ich habe ganz vergessen, mich vorzustellen! Ich bin Pink und das…“ Sie machte ein eifriges Kopfnicken zu dem HelloKitty-Plüschtier in ihrem Rucksack und stellte auch dieses vor: „…. Ist HelloKitty-chan! Wir freuen uns sehr, euch alle kennenzulernen! Probiert doch!“ Siberu und Gary warfen Green unsichere Blicke zu, so als würden sie ihr sagen wollen, dass Green Pink doch bitte darüber aufklären solle, dass man diese Plätzchen unmöglich essen könne, doch Green wusste nicht recht, wie sie es Pink beibringen sollte. Während der gesamten Zeit, in der sie das Weihnachtsessen vorbereitet und Pink ihr in der Küche Gesellschaft geleistet hatte, hatte sie an diesem Gebäck gearbeitet und es hatte eigentlich auch ganz gut ausgesehen… bis Green die Küche verlassen hatte. Wie hatte ihre Cousine die Plätzchen in so kurzer Zeit so verhauen können? „Ich… nehme einen. W-Wenn ich denn darf?“ Alle sahen verblüfft zu Daichi, als könnten sie nicht glauben, was er da gerade tat – und Siberu war der erste, der breit grinsend verstand, warum der kleine Wächter der Natur so todesmutig war. Daichi starrte Pink so verblüfft an, als wäre sie ein leibhaftiger Weihnachtsengel und als diese sich ihm strahlend zuwandte, kontrastierte sein rotes Gesicht plötzlich mit seinen grünen Haaren. „Aber natürlich darfst du! Willst du gleich zwei…uhm…?“ „D-Daichi. Daichi Shizen Ling“, antwortete er und es war nur allzu deutlich, wie sehr er sich zusammenreißen musste, um seine Schüchternheit herunterzuschlucken. „Daichi-kun also! Hier, du kannst gleich drei haben! Oder willst du mehr? Aber du musst Hellokitty-chan was abgeben – das habe ich ihm versprochen.“ „Ich habe immer angenommen, Hellokitty wäre… weiblich?“ „Nein nein! Seine Stimme ist doch eindeutig männlich!“ Und dann packte sie den hochroten Daichi an der Hand und führte ihn in die Stube, gefolgt von der lachenden Tinami und der besorgten, aber auch verwirrten Ilang. Kaum dass sie in der Stube verschwunden waren, konnte nicht einmal Gary einen Kommentar unterdrücken: „Wo die Liebe hinfällt…“ Grinsend wandte Siberu sich an seinen großen Bruder und pikste ihm mit seinem Ellbogen in die Seite: „Na, Aniki, eifersüchtig?“ Weder den Satz noch den hochgezogenen Schielblick Garys bemerkte Green, die genau wie die anderen beiden Pink und Daichi erstaunt hinterher geblickt hatte, als könnte sie nicht glauben, was sie gerade gesehen hatte. Doch Siberu weckte sie aus ihren Gedanken: „Apropos Liebe!“ Und schon hatte er den Arm um Greens Schulter gelegt und fuhr fort, ohne auf den skeptischen Blick der Hikari zu achten: „Green-chan, zuerst einmal muss ich sagen, dass du unheimlich hübsch aussiehst heute Abend; dieses weihnachtliche Outfit hat dir Sho geliehen, nicht wahr? Du siehst fabelhaft aus! Ich muss allerdings beichten, dass ich meine Aufmerksamkeit heute nicht nur gänzlich dir widmen kann, denn heute gilt es, das Herz Firey-sans zu erobern! Aber keine Sorge, Green-chan, du wirst immer an erster Stelle stehen; immer, das verspreche ich dir und ich hoffe du verzeihst mir, dass ich mich heute Abend einem anderen Mädchen widmen werde.“ Halb belustigt, halb mit himmelnden Augen grinste Green den Rotschopf an und erwiderte: „Sibi, das ist wirklich eine unheimlich traurige Nachricht, aaaber ich glaube, ich überlebe es.“ „Morgen, Green-chan, sind alle meine fünf Sinne wieder einzig und alleine auf dich gerichtet.“ „Gut, das freut mich“, antwortete Green ironisch und befreite sich aus dem Griff Siberus mit den Worten, dass sie zurück in die Küche müsse; sie müsse immerhin acht Leute versorgen. Sie hatte sich bereits herumgedreht und daher bemerkte sie nicht, wie Siberu plötzlich sämtliche Farbe verlor. „Es scheinen neun Personen zu werden“, sagte Gary plötzlich und verwirrte somit Green, welche jedoch noch verwirrter wurde, als sie sich wieder herumwandte.  „Silver-samaaaaaaaaaaaaaaa!“ Aus dem heiteren Himmel war ein Mädchen aufgetaucht und auf den ersten Blick erkannte Green bereits, dass dieses Mädchen hier in dieser Welt nicht hingehörte. Ihre knallgrünen Zöpfe wirbelten um sie herum und sie schien nichts anderes zu sehen als Siberu, auf den sie zustürmte und wenn sich Green nicht täuschte, waren ihre großen, pinken, unmenschlich aussehenden Augen mit Wasser gefüllt. Sie trug für die Jahreszeit sehr unpassende Kleidung, über deren Freizügigkeit Green sich sehr wunderte – doch sobald das Mädchen den Mund öffnete, wunderte die Hikari sich nicht mehr über ihr Aussehen, da ihre schrille Stimme und ihre Worte ihr eigenartiges Aussehen in den Schatten stellten:   „Silver-sama! Wie sehr habe ich Euch vermisst! Endlich, endlich sehen wir uns wieder! Ihr seid so plötzlich abgereist und niemand wollte mir sagen, wo Ihr wart! Ich habe so auf Euch gewartet! Wie konntet Ihr mich nur so lange alleine lassen?!“ Mit diesen Worten hatte das eigenartige Mädchen sich um den Hals des völlig schockierten Siberus geworfen und diesen in innerhalb von drei Sekunden zu Fall gebracht – was sie nicht davon abhielt, sich an ihn zu schmiegen und zu knuddeln, ehe sie kurz innehielt, als ob ihr ein Licht aufgegangen war: „Jetzt verstehe ich! Das ganze war eine Prüfung für mich: Eine Prüfung, um mein Verlangen für Euch auf die Probe zu stellen! OH SILVER-SAMA! Seid Euch versichert, ich, Rui, Eure treue immer da seiende Untergebene gelobe Euch, dass mein Verlangen für Euch stets innig war, also zweifelt nicht an mir und meinen Gefühlen!“ Es war Siberu unmöglich, etwas auf diese berauschte Liebeserklärung zu antworten, denn sie hatte sich wieder auf ihn gestürzt und ihre um seinen Hals geschlungenen Arme raubten ihm die Luft; ein Spektakel, welches Green mit ungläubigen Augen anstarrte: was zur Hölle war hier eigentlich los? Wer war das und was redete sie für einen Schwachsinn?! „Oh und Ihr seht heute wieder absolut atemberaubend aus…“ „Das ist Rui“, erklärte Gary, als hätte er Greens Gedanken gelesen und erklärte weiterhin: „Sie nennt sich selbst Silvers „Untergebene“ und sollte eigentlich nicht hier sein…“  „… und wie ich sehe und fühle benutzt Ihr ein neues Shampoo für Eure Haare! Oh es riecht so gut!“   „Sie ist wohl eher sein Fangirl.“ Gary überlegte kurz, dann antwortete er: „Nein, ich würde sagen, dass sie etwas weitaus Schlimmeres ist.“ „Rui! Los…-lassen!“, keuchte der zu Boden genagelte Siberu, doch Rui schien nicht zu hören; stattdessen beteuerte sie ihm weiterhin, wie sehr sie ihn vermisst hatte und wie lange sie sich nicht gesehen hatten, während sie ihn unter die Lupe nahm und ihn mit Komplimenten überhäufte – es war daher Gary, der eingriff, um seinen Bruder vor der Erstickung zu retten. „Ich denke, es reicht jetzt, Rui. Ansonsten bringst du ihn noch um.“ Da er davon ausging, dass Worte keinen Sinn haben würden, hatte er bereits die Hand ausgestreckt, um Rui von seinem Bruder wegzuzerren, doch als hätte sie Garys Vorhaben erspürt, richtete Rui sich von selbst auf und blickte Gary feindselig entgegen, obwohl er ihr definitiv nichts getan hatte. Siberu war dieser Blick und eigentlich alles andere egal; das einzige, was für ihn wichtig war, war, dass er diese Gelegenheit nutzen konnte, um sich von Rui zu lösen. Komplimente waren zwar immer schön zu hören, aber Rui schlug eindeutig über die Stränge.   Anstatt Gary allerdings irgendetwas zu sagen, bemerkte sie nun ganz offensichtlich Green, die sie plötzlich ziemlich interessant zu finden schien. Skeptisch verengten sich ihre Augen, als sie einen prüfenden Blick über Greens Körper fahren ließ und nachdenklich legte sie den Kopf schief, offensichtlich missvergnügt über das, was sie sah, warf dann einen Blick zu Siberu und dann wieder zurück zu Green – dann schien irgendetwas „Klick“ zu machen, denn von einem Moment auf den anderen stand sie plötzlich genau vor Green, als hätte sie noch nie etwas von Privatsphäre gehört. „Bild dir bloß nichts auf deinen Körper ein“, begann sie mit schneidender Stimme, als wäre dies eine Morddrohung: „Silver-sama musste, während ich nicht bei ihm sein konnte, einen Ersatz für mich finden – und das verzeihe ich Euch natürlich! – und da hattest du großes Glück, dass seine Wahl auf dich fiel. Du solltest dich geehrt fühlen, aber jetzt ist hier kein Platz mehr für dich!“ Green war sprachlos; sie konnte Ruis Gedankengänge absolut nicht nachvollziehen und so war sie nicht in der Lage, auf eine schlagfertige Antwort zu kommen – doch scheinbar interessierte sich Rui auch gar nicht für eine Antwort, denn schon hatte sie sich umgewandt und richtete ihr Wort wieder an Siberu, welcher sich unauffällig neben den genervten Gary gestellt hatte, parat, sich hinter ihm zu verstecken: „Silver-sama, Ihr habt mein Mitleid! Aber nun hat Euer Leid ein Ende gefunden!“ „Welches Leid denn?“ Diesen Einwurf Siberus überhörte sie offensichtlich, denn sie hatte sich ein weiteres Mal Green zugedreht und dieses Mal machte sich Gary bereits dazu bereit, einzugreifen; er hatte schon oft genug bewiesen bekommen, dass Rui vor keinerlei Methoden zurückschreckte – besonders dann nicht, wenn sie sich in etwas hineingesteigert hatte und das tat sie, wenn es sich um Siberu handelte, unheimlich oft. Doch obwohl Ruis erster, prüfender Blick recht ausführlich gewesen war, sah sie erst jetzt etwas, das sie erbleichen ließ: das Glöckchen auf Greens Brust. „Du… bist doch nicht etwa… die Hikari?“ Argwöhnisch verschränkte Green die Arme vor ihrer Brust und beugte sich herausfordernd vor, wodurch Rui dazu gezwungen war, zurückzuweichen. „Und wenn es so wäre?“ Dann herrschte Schweigen. Ein langes Schweigen, durch welches Ruis Augen mit jeder verstrichener Sekunde größer zu werden schien – bis sie sich plötzlich ein weiteres Mal auf Siberu stürzte, einem so plötzlichen Angriff gleich, dass auch Gary ihn nicht hätte abwehren können: „Silver-sama! Geht es Euch gut!? Habt Ihr Schmerzen?! Ist es etwa Lichtintus!? Hat sie Euch etwas getan!? Ich werde Euch retten und Euch von Ihrem schrecklichen Einfluss befrei-“ Ruis Ausschweifung wurde jäh unterbrochen und zwar von Siberu selbst, der das aufdringliche Mädchen hastig von sich wegschob, denn in diesem Moment hatte sich die Haustür geöffnet und da alle Gäste bereits gekommen waren, konnte es sich nur um Sho handeln, die ihre Schwester abgeholt hatte – und Siberu hatte sich definitiv zu lange auf diesen Abend vorbereitet, um sich seine Eroberungspläne von Rui vermiesen zu lassen. Und tatsächlich; es war Sho und in ihrem Schlepptau hatte sie den letzten Gast dieser Weihnachtsparty. Genau wie von Siberu erwartet und erhofft hatte sie die gleichen roten Haare wie ihre große Schwester: Sie waren jedoch um einiges länger und zusammengebunden in einem geübten Zopf, welcher ihr fast bis zu den Knien reichte. Doch dann erstarrte Siberu plötzlich und sämtliche Lobeshymnen in seinem Kopf verstummten, denn… die Haarfarbe war das einzige, was das Mädchen mit ihrer wahrlich gutaussehenden Schwester gemein hatte. Sie war von geringer Größe; sicherlich einen halben Kopf kleiner als Green und… nein, das weigerte sich Siberu zu glauben, nicht nach all den Hoffnungen, die er sich gemacht hatte, aber an ihrem Körper war nichts, absolut nichts, was irgendwie „feurig“ war. Die Tatsache, dass sie und Rui den gleichen flachen Oberkörper hatten, ließ Siberu zu einer enttäuschten Salzstatue erstarren. „Firey!“ „Green!“ Und der Unterschied wurde nur noch deutlicher, als die beiden glücklichen Mädchen sich stürmisch umarmten. Wie hatte sich Siberu nur so von einem Namen irreführen lassen? An diesem Mädchen war überhaupt nichts attraktiv; geschweige denn „heiß“ wie ihr Name vermuten ließ! Hätte sie nicht diesen langen Zopf und er nicht vorher gewusst, dass es sich bei ihr um ein Mädchen handelte, dann wäre sie auch noch als Junge durchgegangen – Rui kleidete sich ja wenigstens noch weiblich, auch wenn ihr Körper dafür nicht ausgelegt war. Firey allerdings – Siberu wollte nicht einmal diesen absolut trügerischen Namen in seinen Gedanken benutzen – kleidete sich wie ein nicht auf sein Aussehen achtender Junge: Ihre braune Hose betonte nichts - wahrscheinlich war auch nichts da, was betont werden könnte - und ihr gestreifter Kapuzenpullover machte das Gesamtbild auch nicht gerade besser. Siberu kam daher zum Schluss, dass sie ein „Tomboy“ sein musste – und… war das ein Köcher da auf ihrem Rücken? „Womit habe ich das nur verdient…“, jammerte Siberu und sah von dem fröhlich mit Green redenden… Möchtegern-Mädchen zu dem anderem, welches Abstand von ihm genommen hatte, ihn aber noch von Weitem mit den Augen aufzusaugen schien und überhaupt nicht darauf achtete, dass Sho sie skeptisch beäugte. Siberu entschied sich dafür, dass er das ganze einfach als unschöne Episode abschließen würde und die für sie geplante Aufmerksamkeit wieder ganz Green zukommen lassen würde. Aber erst einmal musste er Rui wieder loswerden. „Green, du hast dich ja wirklich total verändert“, begann Firey, als die beiden Mädchen sich wieder voneinander trennten und sich erst einmal genauer ansahen: „Und das in nur so kurzer Zeit! Wir haben uns doch letzten Sommer beim Familientreffen gesehen, aber…“ Firey legte den Kopf ein wenig schief, ganz als könne sie nicht genau festlegen, was es war, das sich bei Green so verändert hatte. „… irgendwie strahlst du jetzt richtig.“ Zuerst war Green ein wenig über diese Aussage überrascht, denn es war richtig, dass es nur ein paar Monate her war, dass sie sich gesehen hatten, doch dann konnte sie nicht anders, als breit zu lächeln, da sie ganz offensichtlich von den Worten Fireys geschmeichelt war. Es war natürlich auch ziemlich viel passiert in eben diesen Monaten, aber dass sie auf andere direkt strahlend wirkte? Einen verstohlenen Blick warf sie zu Gary und Siberu und fragte sich für einen kleinen Moment, ob es wohl… „Ich muss dir unbedingt jemanden vorstellen“, meinte Green dann plötzlich und wandte sich samt Firey nun zu den beiden Brüdern herum, dabei ein wenig über Siberus missgelaunten Blick grinsend, denn ihr war natürlich klar gewesen, dass er sich mit seinen Vorstellungen in eine Sackgasse verrannt hatte. „Das hier ist Gary Ookido.“ „Ookido?“, fragte Firey überrascht, nachdem Gary sie höflich begrüßt hatte: „Bist du dann nicht der Klassenstreber? Ich dachte, ihr beiden mochtet euch nicht?“ Und wie auf Kommando sahen sowohl Gary als auch Green verstohlen in eine andere Richtung, was Siberu mit hochgezogenen Augenbrauen kommentierte, während Sho breit grinste und Rui offensichtlich glaubte, sie wäre im falschen Film. „Naja, einige Dinge haben sich dann irgendwie… geändert“, sagte Green und musste dabei daran denken, wie oft sie sich tatsächlich bei Firey über Gary beschwert hatte: kein Wunder, dass Firey sich wunderte, denn diese Äußerungen standen fast schon im krassen Gegensatz zu der Art, wie sie jetzt mit Gary umging. „Dem kann ich nur zustimmen“, ergänzte Gary als Versuch, seine gewohnte Sachlichkeit zurückzuerlangen, allerdings aus einem anderen Grund als der, den Green annahm: er dachte vordergründig an die Dinge, die deren Beziehung verändert hatten. Mit anderen Worten: eben die Dinge, die ein Mensch wie Firey nicht erfahren sollte. „Und das ist Garys kleiner Bruder, Siberu.“ Kaum dass Firey Siberu auch nur gesehen hatte, wurden ihre Wangen rot und genau wie Green und Gary es vor einem Moment noch getan hatten, flohen auch ihre Augen vor Siberus Blick und bemerkten dabei nicht, wie abschätzend dieser geworden war. Er hatte nicht einmal den Mund aufgemacht und sie wurde schon rot?  „Für dich Nakayama.“ Der überaus kalte Tonfall mit dem diese Worte gesagt wurden, brachte sofort Schweigen in die Runde: Es war zwar deutlich, dass Siberu enttäuscht darüber war, dass Firey seinen Vorstellungen nicht gerecht wurde, aber dass er ihr direkt feindselig gegenüber war, überraschte sowohl Green als auch Gary, welcher Siberu sofort einen ermahnenden Blick zusandte, als wollte er mehr Höflichkeit von ihm verlangen. Der Rotschopf verstand den Blick seines Bruders natürlich und erwiderte bitter: „Glaubst du, ich habe Lust auf noch ein flaches Fangirl? Nein, danke. Also nehme ich ihr die Luft aus den Segeln, bevor es für mich zu spät ist.“ Dann wandte er sich umgehend wieder Firey zu: „Du bist also Shos Schwester? Ihr seht euch nämlich nicht besonders ähnlich. Besonders so oben herum nicht.“ Er unterbrach sich selbst, um eine abwertende Bewegung in Richtung von Fireys Oberkörper zu machen, welche ihn allerdings nur entgeistert anstarrte, genau wie Green, die ganz vergessen hatte, wie gemein Siberu hinter der ganzen Süßholzraspelei sein konnte. Rui dagegen schmachtete weiter. „Warum ist dein Spitzname eigentlich „Firey“? Besonders heiß siehst du ja nicht gerade aus und du hast dir Hoffnungen gemacht? Oder woher stammte diese verräterische Röte da gerade?  Herzklopfen, was? Vergiss es, Flachbrett. Ich spiele in einer ganz anderen Liga.“ Sowohl Green als auch Gary wollten Siberu gerade empört aufhalten und ihn wahrscheinlich zu einer Entschuldigung bringen, doch dann erklärte sich Fireys Spitzname plötzlich, weshalb Sho auch nichts getan hatte, um ihrer Schwester beizustehen. Denn sie wusste, weshalb Firey ihren Spitznamen trug: nicht wegen Äußerlichkeiten, sondern wegen ihres Temperaments – was sie sah, verschlug allerdings auch ihr die Sprache.  Angestachelt von Siberus beleidigenden Worten hatte Firey wütend mit der Hand ausgeholt, die Finger auseinander gespreizt, um ihm eine gehörige Ohrfeige zu verpassen, doch Siberu war zu schnell, um sich von der Ohrfeige eines menschlichen Mädchens treffen zu lassen… allerdings war da etwas gänzlich Unmenschliches an dieser Ohrfeige, was ihn doch für einen Augenblick überaus ängstlich aussehen ließ. Ihre Hand brannte. Nicht im übertragenen Sinne, sondern im absolut buchstäblichen Sinne stand Fireys Hand in Flammen, weshalb alle Anwesenden Firey fassungslos anstarrten, ebenso wie Siberu, welcher hastig überprüfte, ob seine Haare nicht bei dieser überraschenden Attacke beschädigt worden waren. Firey schien den im Raum schwebenden Schock nicht zu spüren, dessen Ursache sie war; sie sah nur den vor sich stehenden Rotschopf – und damit waren es zwei Rotschöpfe, welche sich feindselig anfunkelten wie zwei rivalisierende Tiere. „Mit welchem Recht beleidigst du mich, obwohl wir uns gar nicht kennen?!“ „Und mit welchem Recht steckst du mich in Brand?!“ „In Brand? Was zur Hölle redest du da?“, erwiderte Firey sichtlich verwirrt, welche jedoch beiseite geschoben wurde, als eine besorgte Rui sich ruppig zwischen sie drängte und als wäre Siberu tödlich verletzt, tastete sie erst einmal seinen Oberkörper ab –doch sobald sie sicher gegangen war, dass es ihrem Angebeteten gut ging, galt ihre schrille Stimme einzig und allein Firey: „Du brutales Weibsstück! Wie konntest du es wagen, Silver-sama zu schlagen?! Ist dir nicht klar, dass du seine Haare hättest verbrennen können?! Oder noch schlimmer! Mit einer Brandwunde sein Gesicht entstellt hättest! Was dann? Was dann?!“ Doch keiner hörte Ruis aufgebrachte Worte, am allerwenigsten Firey. Zuerst hatte sie Siberus Worten nicht geglaubt, doch als sie bemerkte, dass er nicht der einzige war, der sie anstarrte, als hätte sie gerade ein Wunder vollbracht, bemerkte auch sie plötzlich, dass die Hand, mit der sie Siberu hatte schlagen wollen, tatsächlich um einiges wärmer war als die andere Hand. Doch es gelang niemandem, irgendwelche Fragen zu stellen oder Rui davon abzubringen, Siberu zu erwürgen, denn plötzlich ging Sho bewusstlos zu Boden und hinter ihr tauchte eine neckisch salutierende Tinami auf: „Ich entschuldige mich für mein non-verbales Eingreifen, doch ich dachte mir, es wäre besser, sie schlafen zu legen.“ Und schon schritt sie unverfroren auf Firey zu und ergriff die warme Hand, welche die Besitzerin eben noch angestarrt hatte und schüttelte diese kräftig: „Ich bin wirklich überaus erfreut, unsere Elementarwächterin des Feuers kennenzulernen – und die Hikari werden noch viel erfreuter sein, wenn ich ihnen von dir berichte!“        Fertiggestellt: 30.12.12                 Hosted by Animexx e.V. (http://www.animexx.de)