Wie eine Kirschblüte im Wind von Kayley (Eine Fantasy Geschichte in einer asiatisch angehauchten Welt...) ================================================================================ Prolog: ~Wenn der Wind flüstert~ -------------------------------- Sehr langsam und bedächtig schritt die alte Priesterin die breiten Stufen zum Tempel empor. Der Weg hierher hatte sie sichtlich angestrengt. Sie hatte, wie so oft den kleinen, halb zerfallenen Schrein besucht, um Antworten zu erhalten. Als sie die letzte Stufe erklommen hatte, musste eine der Tempelwächterinnen sie stützen, damit ihr, von den vielen Jahren ihres Lebens geschwächter Körper nicht in sich zusammensackte. Die junge Wächterin musterte sie besorgt, als sie sie zu ihren Räumen führte: „Hakari-sama, ihr solltet euch ausruhen. Ich werde nach einer Heilerin schicken lassen.“ Doch die alte Priesterin schüttelte nur den Kopf: „Ich bin wohlauf. Bitte lasst mich für eine Weile in Ruhe.“ Die jüngere Frau nickte widerwillig, da sie den Anweisungen der Hohepriesterin Folge zu leisten hatte. Hakari betrat ein schlichtes, kaum möbliertes Zimmer und schob die Tür hinter sich zu, nachdem sie ihre Strohsandalen abgelegt hatte. Erschöpft ließ sie sich auf eines der Sitzkissen fallen. Nun war also die Zeit gekommen. Der Wind hatte in letzter Zeit seltsame Dinge geflüstert und Hakari hatte geahnt, dass es bald soweit sein würde. Sie seufzte. Obwohl sie schon seit vielen Jahren die nötigsten Vorbereitungen getroffen hatte und obwohl sie genau gewusst hatte, dass es irgendwann geschehen würde, traf es sie nun aus heiterem Himmel und es erstaunte sie, dass es sie so mitnahm. Sie hatte in ihren langen Jahren so vieles gesehen und erlebt, dennoch erschien es ihr, als legte sich eine bleierne Kette um ihr Herz. Hakari erhob sich schwerfällig und schleppte sich mühsam zur Tür. Die junge Wächterin hatte dort auf sie gewartet und half ihr in die Sandalen zu schlüpfen. „Es ist soweit Minaro-san. Die Zeit des Aufbruchs hat sich angekündigt.“ Die junge Frau musterte die Hohepriesterin mit einer Mischung aus Neugier und Ernst, nickte dann schweigend und führte die alte Frau zum Schrein des Tempels. Der Schrein befand sich am Ende des langen Parks und der sorgfältig gepflasterte Weg, der sich gradlinig durch die natürliche Idylle zog, führte zu ihm. Er war gesäumt von etlichen Kirschbäumen, welche sich zurzeit in ihrer herrlichsten Blüte befanden. Immer wenn der angenehme, kühle Wind durch die Äste streifte, segelten ein paar rosafarbene Blüten sanft zu Boden. Der Schrein befand sich inmitten einer klaren Quelle, die den Bergen rings um den Tempel entsprang und war nur durch eine kleine, zerbrechlich wirkende Brücke mit dem Rest der Gartenanlage verbunden. Hakari kniete sich an den Rand der Quelle und sah ihrem Spiegelbild entgegen. Minaro blieb hinter ihr stehen und wartete geduldig auf die Hohepriesterin, als diese jedoch keine Anstalten machte sich zu regen, konnte die junge Tempelwächterin nicht länger an sich halten: „Hakari-sama, können wir denn nichts tun?“ Die ältere Frau drehte sich nicht um als sie ihrem Schützling antwortete: „Hör mir gut zu Minaro-san. Es gibt eine Zeit im Leben, in der wir lernen müssen auf uns selbst zu vertrauen und unserem eigenen Weg zu folgen, ganz gleich wie andere darauf reagieren. Wir müssen lernen Entscheidungen aus uns heraus zu treffen, damit wir letztlich zu uns selber finden.“ Ein unergründliches Lächeln zierte das Gesicht der Hohepriesterin. Sie ließ etwas in die Quelle fallen, sodass ihr Spiegelbild sich abrupt in ein Gemisch aus Farben verwandelte und das Wasser kreisförmige Wellen warf, die von innen nach außen immer größer wurden. Die Zeit des Aufbruchs hatte sich angekündigt. Kapitel 1: ~Ein Aufbruch~ ------------------------- Sie ließ Haus für Haus und Feld für Feld hinter sich. Schritt für Schritt bewegte sie sich in Richtung Ungewissheit. Der Wind wehte ihr entgegen, als wollte er sie zurückhalten. Doch sie hatte sich entschieden und zwar endgültig, es würde kein Zurück geben, keine Möglichkeit umzukehren. Es gab nur den Weg nach vorn, ihren Weg, den Weg, den sie und nur sie allein gewählt hatte. Häuser und Menschen zogen an ihr vorüber, als sie stetig voranschritt. Niemand schenkte ihr besondere Beachtung, denn sie verließ das Dorf wie sie es jeden Morgen getan hatte, um kurze Zeit später mit frischem Wasser aus dem Fluss zurückzukehren. Doch dieses Mal würde sie nicht zurückkehren. Leia drückte das Bündel, in dem sie ihre wenigen Gegenstände mit sich führte fester an sich. Durch das dünne Tuch spürte sie das kalte Metall ihres wertvollsten Gegenstandes an den Händen. Sie hatte den alten Kompass schon immer besessen, soweit sie sich erinnern konnte, sie hütete ihn wie einen Schatz, denn er war das einzige was ihr aus ihrem früheren Leben geblieben war. Der letzte nebelhafte Hinweis aus einer Zeit, die sich ihrer Erinnerung vollständig entzog. Man hatte sie bewusstlos in einem Fluss nahe dem Dorf aufgelesen und sich ihrer angenommen. Als sie aufgewacht war, hatte sie sich an nichts mehr erinnern können und die wenigen Dinge die sie bei sich getragen hatte konnten weder ihr noch den Dorfbewohnern Aufschluss über ihre Herkunft geben. Die Menschen waren immer gut zu ihr gewesen, obwohl sie selbst nicht viel besaßen und in eher ärmeren Verhältnissen leben mussten. Leia hatte sie sogar sehr lieb gewonnen und es schmerzte sie, ohne ein Wort des Abschieds gehen zu müssen, aber sie wusste, dass die Dorfbewohner niemals verstehen würden, warum sie keine Wahl hatte. Nun war es soweit, das junge Mädchen hatte das Dorftor erreicht. Nur noch Augenblicke trennten sie von ihrer ungewissen Zukunft, Augenblicke voller Neugier und Vorfreude aber auch voll von Angst und Zweifeln. Was würde sie erwarten? War ihre Entscheidung richtig? Gab es dort draußen, fern der Heimat eine Zukunft für sie? Leia streifte sich die Strohsandalen von den Füßen. Ein letztes Mal noch wollte sie den vertrauten Boden unter ihren Fußsohlen spüren. Als der Wind die trockene, staubige Erde aufwirbelte verließ sie das Dorf und sie hatte sich entschieden. Sie würde gehen, damit sie finden konnte, was sie suchte, eine Vergangenheit und eine Zukunft, beides zugleich geheimnisvoll und unbekannt. Nur noch ein Blick zurück, ein letzter Blick. Leia drehte sich noch einmal um und da stand sie, genau gegenüber in der Mitte des Dorfes. Shiro. Ihre beste Freundin, ihre Schwester, die einzige, die sie jemals verstanden hatte. „Shiro…“, Leia flüsterte den Namen so leise und gequält, als könnte sie ihn nicht aussprechen. Nicht einmal ihr hatte sie davon erzählt und es bereitete ihr nun furchtbare Schuldgefühle. Sie kam sich wie eine Verräterin vor, als Shiros reglose Augen sie beinahe zu durchbohren schienen. Sie wollte etwas sagen, obwohl sie genau wusste, dass die Freundin sie über die Entfernung nicht verstehen konnte, aber sie fand nicht die richtigen Worte. Leia schloss die Augen und lauschte dem Wind, wie er sanft in ihren Ohren rauschte. Er schien sie beruhigen zu wollen und es wirkte, als sie plötzlich eine ihr bekannte Stimme zu vernehmen glaubte: „Viel Glück und möge eine höhere Macht über dich wachen.“ Schlagartig öffnete sie die Augen. Shiro stand noch immer an derselben Stelle wie zuvor, doch ein verständnisvolles Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. Sie nickte Leia zu und unterdrückte dabei ihre Tränen. Sie wollte der Freundin die Entscheidung nicht schwieriger als nötig machen, denn sie wusste, wahrscheinlich besser als jeder Andere, dass Leia nur finden konnte, wonach sie suchte, wenn sie ihr und dem Dorf den Rücken zukehren würde. Sie hatte gewusst, dass dieser Tag kommen würde und in Gedanken hatte sie sich schon etliche Male von ihrer Freundin verabschiedet und sie ziehen lassen. Doch in Wirklichkeit, und das sah Shiro nun ein, war es etwas völlig anderes einen geliebten Menschen in eine ungewisse Zukunft ziehen zu lassen. Sie seufzte, setzte dann jedoch ein Lächeln auf. Ihre Freundin sollte sie so in Erinnerung behalten. Leia wusste genau, was in Shiro vorging. Sie konnte ihren Schmerz fühlen, teilte ihn sogar, doch sie wusste auch, dass es für sie nur den einen Weg gab. Sie hatte sich entschieden und deshalb winkte sie leicht und wischte sich die Zweifel vom Gesicht wie Tränen. Sie zog ihre Sandalen wieder an und knotete ihr Bündel an die Gürtelschärpe ihres Kimonos. Sie ließ das Dorf hinter sich und es schien als hätte der Wind sich gedreht, denn er wehte die Haarsträhnen, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte, in die Richtung, in die sie sich bewegte. Dorthin wo sie zu finden hoffte, was sie so sehr suchte… Unterwegs begegnete sie hin und wieder Bauern, die mit ihren Karren auf dem Weg in die nächsten Dörfer waren, sowie einer Gruppe Wanderprediger und zahlreichen Kindern, die das herrliche Wetter nutzten um Verwandte in benachbarten Ortschaften zu besuchen. Es war ein wirklich herrlicher Frühlingstag. Die Sonne lachte am klaren, blauen Himmel und nur hin und wieder zog eine Wolke, wie aus Watte über den Himmel und sorgte für eine angenehme, frische Brise, welche vereinzelt ein paar Kirschblütenblätter zu Boden segeln ließ. Leia konnte kaum den Blick von der wunderschönen Landschaft wenden, so viele Kirschbäume hatte sie noch nie zuvor gesehen. In dem Dorf, in dem sie viele Jahre gelebt hatte, hatte bloß ein einziger gestanden und jedes Jahr um diese Zeit wurde er bewundert, wie ein Geschenk des Himmels. Wer sich unter einem Kirschbaum küsst wird auf ewig glücklich sein, hatte Shiro ihr damals erzählt, als sie noch Kinder waren und sie hatten sich beide vorzustellen versucht, wie das ewige Glück wohl aussehen mochte. Leia musste lächeln, als sie genau dieser Gedanke nun heimsuchte. Ewiges Glück. Das hörte sich jetzt, da sie älter war so kindisch an, doch insgeheim hoffte sie trotzdem, die Antwort eines Tages finden zu können. Die Straße, der sie folgte war nicht besonders eben und das junge Mädchen musste ständig darauf achten wo es hintrat. Sie führte vorbei an vereinzelten Häusern, Obstplantagen und zahlreichen Reisfeldern, auch die Umrisse eines Tempels konnte Leia in der Ferne ausmachen und mit jedem Schritt, den sie voranschritt stieg die Neugier in ihr. Alles war ihr so fremd, obwohl die Gegend sehr ländlich geprägt war, war ihr kleines Dorf nichts im Gegensatz hierzu. Die Reisfelder waren riesig und wurden von vielen jungen und alten Frauen und Männern bearbeitet. Ein wunderschön klingendes Lied erfüllte die Luft und wehte mit dem Wind über die weiten Ebenen. Leia lauschte dem Gesang der Feldarbeiter fasziniert und das Lied, welches sie sangen, machte ihr das Herz schwer wie einen Stein, doch zugleich so leicht wie eine Feder. Es klang so verspielt und fröhlich, doch die Worte waren voller Trauer und Schmerz. Eine ganze Weile noch begleitete sie der entfernte Gesang der Frauen und Männer und selbst als es nicht mehr zu hören war, klang es Leia weiter in den Ohren und brachte sie zum Nachdenken. Sie hatte es sich so oft vorgestellt, das Dorf zu verlassen, um herauszufinden wer sie eigentlich ist und nun war sie hier, weiter entfernt von dem Ort, den sie Heimat genannt hatte, als jemals zuvor. Sie wusste weder ob sie dem richtigen Weg folgte, noch wo er eigentlich hinführte. Eigentlich hatte sie wie immer keinen Plan, anders als Shiro, die immer genau zu wissen schien, was sie tat. Ein seltsames Geräusch war es, welches sie urplötzlich aus ihren Gedanken riss. Ein Klirren, dann ein Schrei… Leia beschleunigte ihre Schritte und hastete die staubige Straße entlang. Nur wenige Augenblicke später hatte sie die Quelle der Unruhe gefunden: zwei Männer in lumpiger, dunkler Kleidung standen an einem Baum, ihre Blicke und Kunais waren auf einen weiteren Mann gerichtet, welcher mit dem Rücken an den Stamm eben dieses Baumes gelehnt stand und offensichtlich keine Möglichkeit hatte, den anderen beiden irgendetwas entgegenzusetzen. Sein Katana steckte einen guten Meter entfernt im Gras. ‚Diebe!’, fuhr es Leia direkt durch den Kopf und ohne noch einmal darüber nachzudenken schlich sie zum nächsten Baum und kletterte geschickt an den verschnörkelten Ästen hoch… Hosted by Animexx e.V. 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